„Wer von Tübingen kommt ohne Weib, von Wittenberg mit gesundem Leib, von Helmstedt ohne Wunden, von Jena ohne Schrunden, von Marburg ungefallen, hat nicht studiert auf allen.“
Dieser vielzitierte 1 Stammbuchvers scheint zunächst auf prägnante Weise die Zustände an den deutschen Universitäten des 17. Jahrhunderts zu formulieren, galt dieses doch gleich einer „communis opinio“ eines Großteils der Historiker, die sich mit der Kulturgeschichte des Studententums befasst haben, lange als eine „Zeit schweren Niedergangs“ 2 , in der „tiefe Demoralisation“ 3 die Studenten ergriffen habe. „Zügellosigkeit“ 4 , ja „tierische Roheit und Verkommenheit“ 5 zeichne diese „zucht- und sittenlose Jugend“ 6 aus. Angesichts der “vollständige[n] Verwilderung auf den deutschen Hochschulen“ sei die „Schmach und Hülflosigkeit Deutschlands unsäglich“ gewesen. 7
Ein recht vernichtendes Urteil, das Anlass gibt, das akademische Leben des 17. Jahrhunderts näher zu untersuchen. Ausgangspunkt dieser Arbeit ist ein Referat, das ich im Rahmen eines Hauptseminars an der Universität zu Köln, welches die Geschichte der deutschen Universitäten vom Ende des Mittelalters bis zur Gründung der Berliner Universität (1810) behandelte, erstellte. Im Rahmen meines Referats zum studentischen Alltag in dieser Zeit erregte besonders das 17. Jahrhundert meine Aufmerksamkeit. Ein Zeitraum, der oft auch als „Zeitalter des Pennalismus“ 8 bezeichnet wird.
1 Zitiert nach: Brügmann, A.: Zucht und Leben der deutschen Studenten 1648-1848 (Veröffentlichungen des Instituts für deutsche Studentengeschichte 1). Würzburg, 1941, S. 31. Ebenso bei: Bauer, Max: Sittengeschichte des deutschen Studententums. Dresden, 1926, S. 89, und Tholuck, F. August: Das akademische Leben des siebzehnten Jahrhunderts mit besonderer Beziehung auf die protestantischtheologischen Fakultäten Deutschlands nach handschriftlichen Quellen (= Vorgeschichte des Rationalismus. Erster Theil). Halle, 1853, S. 277. Variationen bei Krause, Peter: „O alte Burschenherrlichkeit.“ Die Studenten und ihr Brauchtum. Graz, Wien, Köln, 1979, S. 28, und Keil, Richard und Robert: Geschichte des Jenaischen Studentenlebens von der Gründung der Universität bis zur Gegenwart (1548-1858). Leipzig, 1858, S. 91. Tholuck gibt als undatierte Quelle die Erwähnung in einem Brief Herzog Rudolf Augusts von Braunschweig an. Die anderen Autoren schweigen zum Ursprung.
2 Bruchmüller, Wilhelm: Das deutsche Studententum von seinen Anfängen bis zu Gegenwart (Aus Natur und Geisteswelt 477). Leipzig, Berlin, 1922, S. 34.
3 Keil: Jenaisches Studentenleben, S. 89.
4 Baeker, Paul: Die Kämpfe um die akademische Freiheit einst und jetzt (Deutsches Wollen 1). Prenzlau, 1905, S. 20.
5 Kelter, Edmund: Ein Jenaer Student um 1630 (Eberhard von Todenwarth). Jena, 1908, S. 35.
6 Dolch, Oskar: Geschichte des deutschen Studententums. Graz, 1968 (Photomechanischer Nachdruck der Ausgabe von 1858), S. 149.
7 Ebenda. S. 148f.
8 Steinmetz, Max u.a.: Geschichte der Universität Jena 1548/58-1958. Festgabe zum vierhundertjährigen Universitätsjubiläum. 2 Bände. Jena, 1958, Band I: Darstellung, S.147.
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Somit setzt sich diese Referatsausarbeitung zum Ziel, im Sinne einer informierenden Überblicksdarstellung eben diese Erscheinung, die zeitweilige (Gewalt-) Herrschaft der älteren Studenten über die Neulinge mit einhergehender Ausnutzung und Unterdrückung, zu betrachten. Dabei stößt man auf ein anderes Phänomen, das Bezüge zum Pennalismus erkennen lässt: der Deposition, dem einmaligen Aufnahmeritual für den Universitätsneuling. Diese beiden studentischen Initiationsriten sollen im Folgenden dargestellt werden. Dabei soll zunächst die Deposition, als die ältere Tradition, in ihrer Geschichte und Auftreten im 17. Jahrhundert untersucht werden. Worum handelte es sich hierbei genau? Wer waren die Träger dieses Aktes? Wie wandelte er sich und inwiefern kann er in einem Zusammenhang mit dem Pennalismus stehen?
Im Anschluss daran, und im Zentrum dieser Arbeit, steht der Pennalismus selbst. Es soll versucht werden, seine Ausprägungen darzustellen und Erklärungsmuster für seine Charakteristik zu geben. Wie und warum konnte sich diese Institution etablieren? Welche Komponenten spielten eine Rolle bei ihrem Ende? Bei diesen Fragestellungen kommt man an der Auseinandersetzung mit einer der frühesten Erscheinungen studentischen Verbindungswesens, den älteren Landsmannschaften oder Nationen, nicht vorbei. Auch sie und ihre Rolle im Pennalismus werden ein Aspekt dieser Arbeit sein. Im Abschlussteil soll schließlich versucht werden, den Bogen zu oben zitierten Wertungen zu schließen und anhand der vorangegangenen Erläuterungen zu bewerten, inwiefern diese Meinungen zutreffen und das akademische Leben des 17. Jahrhunderts so negativ zu bewerten ist, und inwiefern sie einer Relativierung oder eines Widerspruchs bedürfen. Auch ein Blick auf die Gegenwart mit Anregungen zu möglichen zukünftigen Forschungsansätzen soll dabei nicht fehlen. Relevant scheint mir eine zeitgemäße Auseinandersetzung mit dem Problemfeld Deposition und Pennalismus nicht nur aus persönlichem Interesse, sondern auch aufgrund des derzeitigen Standes der Forschungsliteratur, zu der eine Bemerkung unumgänglich ist, denn sie scheint mir nicht ganz unproblematisch. Schnell stellte sich bei der Recherche zu dieser Arbeit heraus, dass die Kulturgeschichte der Studenten kein Thema ist, dass unter Historikern der jüngeren Zeit „en vogue“ ist, besonders nicht das 17. Jahrhundert. Die meisten Arbeiten zur älteren Studentengeschichte stehen meist im Zusammenhang mit der burschenschaftlichen Bewegung des 19. Jahrhunderts. Und auch hier zumeist im Hinblick auf ihre politische Rolle, selten auf ihre Mentalität oder auf die Alltagskultur der Studenten.
3
Ein Großteil der Literatur, die ergiebiger ist, stammt aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg und bringt besondere Probleme mit sich, wie Wolfgang Hardtwig treffend formuliert: „[Sie] bleibt fast durchweg entweder in kulturgeschichtlichen Schilderungen älteren Stils oder in reinen, an Traditionsstiftung und Traditionspflege interessierten Korporationsgeschichten stecken.“ 9 Trotzdem, und nicht zuletzt in Ermangelung von Alternativen, war die Lektüre dieser Werke von entscheidender Rolle bei der Verfassung dieser Arbeit, da besonders edierte Quellen zum Thema selten sind und vieles daher der Sekundärliteratur entnommen werden musste. Dabei war es selbstverständlich, die berechtigte Kritik Hardtwigs stets zu reflektieren. 10 An dieser Stelle soll noch betont werden, dass nicht alle Aspekte des studentischen Alltags dieser Zeit betrachtet werden können. Allein die Initiationsriten Deposition und Pennalismus stehen im Blickpunkt. Andere Erscheinungen und Entgleisungen, die mit Sicherheit einen relevanten Anteil an oben zitierten Urteilen haben, können im Rahmen dieser Arbeit keine ausführliche Erwähnung finden. 11
Ein kurzer Überblick über die Bildungslandschaft der Zeit als Einführung in das Thema ist aber gerechtfertigt und sogar notwendig, um das Verständnis für die späteren Ausführungen zu erleichtern.
9 Hardtwig, Wolfgang: Studentische Mentalität - Politische Jugendbewegung - Nationalismus. Die Anfänge der deutschen Burschenschaft. In: Historische Zeitschrift 242. 1986, S. 581-628, hier S. 582. Vergleiche die ähnliche Kritik Steinhilbers zu Beginn seiner aufschlussreichen Dissertation über studentische Stammbücher: Steinhilber, Horst: Von der Tugend zur Freiheit: studentische Mentalitäten an deutschen Universitäten 1740-1800. Hildesheim, 1995.
10 So ist es auffällig, dass Beyer (s. Anmerkung 18), Baeker, Dolch, Keil, Tholuck, Kelter und Schulze/Ssymank (s. Anmerkung 25) nicht selten Korporationsbegriffe ihrer Zeit (Leibbursch, Fuchs, Kneipe etc.) auf das 17. Jahrhundert anwenden, was mir so unzulässig erscheint. Während Tholuck und mit Einschränkung auch Schulze/Ssymank dabei aber ansonsten methodisch unproblematisch sind, bewertet besonders Beyer das 17. Jahrhundert im Hinblick auf das 19. allzu teleologisch und deutschtümelnd. Aus seiner Sympathie für das Korporationsstudententum („bedeutendes Erziehungsmittel“, S.3) macht er keinen Hehl, arbeitet darüber hinaus historisch ungenau, formuliert zu viele Vermutungen und Allgemeinplätze und rutscht dauernd ins dramatisierende Präsens (wie auch Kelter). Bei Brügmann, der in seiner Darstellung auf den ersten Blick problemlos erscheint, lassen sich gewisse nationalsozialistische Einflüsse zwischen den Zeilen nicht verneinen. So spricht er vom „völkischen Leben“ (S.45) und wehrt sich gegen „schrankenlosen Individualismus“ und den „zersetzenden Einfluss des Westens“ (ebd.). Allgemein, insbesondere aber bei Dolch und Kelter, lässt sich bei der Literatur bis zum Zweiten Weltkrieg eine gewisse moralisierende Tendenz nicht leugnen. Insgesamt muss man diesen Autoren, die sicher dem studentischen Korporationswesen ihrer Zeit naturgemäß nicht allzu fern standen, aber zugute halten, dass ohne ihr natürliches Interesse an der Geschichte studentischer Kultur wohl eine Lücke in der historischen Forschung entstanden wäre. Ähnliches gilt für spätere Auseinandersetzungen mit dem Thema, die zumeist auf Initiative korporationsgeprägter Institutionen wie dem Würzburger Institut für deutsche Studentengeschichte oder dem historischen Organ der Corps, „Einst und jetzt“, die oftmals auch Nicht-Historiker zu Wort kommen lassen, entstanden.
11 Zu nennen wäre hier vor allem das vermehrt auftretende studentische Duellwesen, das gespannte Verhältnis der Studenten zu Nichtakademikern, sowie zu Frauen, und das Aufkommen genuin studentischer Ausprägungen kultureller Ausdrucksformen wie Standessprache, Literatur und Gesang.
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1. Die akademische Welt zwischen Reformation und Aufklärung. Eine kurze Einführung.
Die deutschen Universitäten des 16. und 17. Jahrhunderts waren geprägt durch den gewaltigen konfessionellen Riss, der seit der Reformation durch das Land ging. Während auf der einen Seite die katholischen Universitäten wie Köln, Würzburg und Ingolstadt im Zuge der Gegenreformation zunehmend unter der rigiden Führung des Jesuitenordens standen, 12 entwickelten sich die protestantischen Hochschulen wie Jena, Wittenberg, Helmstedt, Rostock oder Leipzig auch aufgrund der konfessionellen Gegensätze untereinander zu regelrechten Landeshochschulen der jeweiligen Fürsten. Der Wissenschaft allerdings, schien diese Spaltung nicht allzu sehr zu schaden. Zwar erlitt das Universitätsleben in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts durch die Reformation und ihre Folgeerscheinungen einen großen Einbruch, jedoch stiegen die Immatrikulationszahlen bis ins 17. Jahrhundert erheblich. 13
Die katholische wie protestantische Universitätswelt begriff sich noch als ein eigener Stand, in sich geschlossen und ständefrei. Studieren war keine Angelegenheit privilegierter Gesellschaftsschichten wie zu späteren Zeiten, auch wenn sich besonders unter der Studentenschaft des 17. Jahrhunderts Differenzierungen zunehmend bemerkbar machten. 14 Es galten noch viele der aus dem Mittelalter stammenden Privilegien wie Steuerbegünstigungen, militärische Freistellung und vor allem die eigene Gerichtsbarkeit für die akademische Öffentlichkeit, auch wenn das Eingreifen protestantischer Fürsten auf „ihren“ Universitäten, vor allem bei Kapitalverbrechen, durchaus vorkam. Auch die alte Einteilung der Hochschule in die vier Fakultäten Medizin, Jura, Theologie und - als verpflichtende Vorstufe zu den gerade erwähnten und somit der späteren gymnasialen Oberstufe gleichkommend - Philosophie (besser: Artes), war noch existent. Nichtsdestotrotz verstand sich Bildung immer mehr als Ausbildung in utilitaristischem Sinne zum gemeinen Nutzen der Gesellschaft, die zunehmend auf akademisch gebildete Arbeitskräfte angewiesen war.
12 Die Meinungen über die Qualität der jesuitischen Bildung gehen in der Literatur weit auseinander. Bruchmüller spricht von „schulmäßigem Lehrbetrieb“ und einem „jahrhundertelangen fast völligen Stillstand“. Siehe Bruchmüller, Wilhelm: Das deutsche Studententum von seinen Anfängen bis zur Gegenwart (=Aus Natur und Geisteswelt 477). Leipzig, Berlin, 1922. Hier S. 34. Hammerstein dagegen lobt die „moderne, wirksame, fortschrittliche (...) und auch soziale Studienordnung“, die „großen Erfolg“ bescherte. Siehe Hammerstein, Notker: Zur Geschichte und Bedeutung der Universitäten im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. In: Historische Zeitschrift 241 (1985), S. 287-328, hier S.295.
13 Studierten in den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts keine 2000 Studenten an deutschen Universitäten, waren es Anfang des folgenden Jahrhunderts bereits über 7000. Siehe Prahl, Hans-Werner: Sozialgeschichte des Hochschulwesens. München, 1978, S. 369ff. Prahl bedient sich der Zahlen Eulenburgs, die er aber übersichtlicher anordnet. Vgl. Eulenburg, Franz: Die Frequenz der deutschen Universitäten von ihrer Gründung bis zur Gegenwart. Leipzig, 1904.
14 Vgl. Müller, Rainer A.: Aristokratisierung des Studiums? Bemerkungen zur Adelsfrequenz an süddeutschen Universitäten im 17. Jahrhundert. In: Geschichte und Gesellschaft 10 (1983), S. 31-46. Zu diesem Thema später noch einige Anmerkungen.
Arbeit zitieren:
Daniel Koschera, 2001, Die WILDE LEBENSART EINIGER STUDIOSORUM BETREFFEND' - Deposition und Pennalismus im 17. Jahrhundert: Studentische Initiationsriten und ihre wechselvol-le Betrachtung im Spannungsfeld zwischen Verurteilung und Verharmlosung, München, GRIN Verlag GmbH
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Zeitlupe 1. Hauptschule. Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfa...
Menschen machen Geschichte
a. c. schulz
quali- oder quantität?.
die Arbeit ist zwar detaillreich recherchiert, aber in geplustert barockem stil geschrieben. Der Stand der Forschung ist seit 2001 besonders durch die Arbeiten von Marian Flusser vorangeschritten.
Die Bewertung 1,3 halte ich für nicht gerechtfertigt.
Mit freundlichem Gruß
Andreas C. Schulz
am Friday, September 08, 2006-