Christa Wolfs Erzählung „Kein Ort. Nirgends“ entstand 1977 in der DDR und war nach eigener Angabe eine unmittelbare Reaktion auf die Biermann-Ausbürgerung vom November 1976. Der Text muss folglich im Kontext der gesellschaftlichen Situation in der DDR Ende der Siebziger Jahre gelesen werden. In dieser Arbeit soll untersucht werden, inwieweit „Kein Ort. Nirgends“ eine Kritik an der DDR ist. Ist dieses Buch als revolutionärer Akt der sozialistischen Literaturgeschichte zu sehen? Unter zwei Aspekten nähert sich die Arbeit dieser Frage an: Zunächst wird eine inhaltliche Untersuchung vorgenommen und erarbeitet, inwiefern Inhalt und Auswahl des romantischen Stoffes sich gegen die Forderungen des sozialistischen Realismus` richten. Dabei wird auch ein Blick darauf geworfen, wie sich die kulturpolitische Situation in der DDR bis zum Zeitpunkt des Erscheinens von „Kein Ort. Nirgends“ entwickelt hat. Zwar waren zum Zeitpunkt des Entstehens (1977) Ereignisse wie die Bitterfelder Konferenz nicht mehr aktuell und auch der Einfluss von Georg Lukács ha tte zu diesem Zeitpunkt nachgelassen, doch werden auch Ende der Siebziger Jahre immer noch keine großen Abweichungen von der Kunstauffassung des sozialistischen Realismus` geduldet. Interessant ist, wie Christa mit einer solchen Begrenzung umgeht. Sie erhellt die Vergangenheit aus der Sicht der Gegenwart und kritisiert die Gegenwart durch das Medium der Vergangenheit. 1 Auf ihre persönliche Beziehung zum Schreiben und auf ihre Motivation wird in diesem Abschnitt auch eingegangen werden. Doch nicht nur auf d er inhaltlich-stofflichen Ebene findet eine Abgrenzung zur Widerspiegelungstheorie Lukács` statt. [...]
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Kein Ort. Nirgends als Antwort auf den sozialistischen Realismus
1. Die Auswahl des Stoffes
2. Indoktrination vs. Aktivierung des Lesers
III. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Christa Wolfs Erzählung „Kein Ort. Nirgends“ als literarische Antwort auf die gesellschaftliche Situation in der DDR Ende der 1970er Jahre, insbesondere im Kontext der Biermann-Ausbürgerung. Es wird analysiert, inwieweit das Werk eine Kritik am sozialistischen Realismus darstellt und welche Rolle die Wahl romantischer Stoffe sowie moderne Erzählstrukturen dabei spielen.
- Kulturpolitische Rahmenbedingungen und die Rolle des sozialistischen Realismus in der DDR
- Die literarische Auseinandersetzung mit den Figuren Heinrich von Kleist und Caroline von Günderrode
- Gegenüberstellung von Indoktrination und Leseraktivierung
- Einsatz moderner Erzähltechniken wie Multiperspektivität und Montage
- Identifikation der Autorin mit den romantischen Protagonisten als Ausdruck existenzieller Krise
Auszug aus dem Buch
Die Multiperspektive in Kein Ort. Nirgends
In diesem Abschnitt soll der Text im Hinblick auf seine besondere Erzählstruktur untersucht werden. Dabei wird ein Schwerpunkt auf der Wirkung liegen, die der ständige Wechsel des point of view beim Leser hervorruft.
Die Frage der Erzählsituation ist nicht eindeutig zu beantworten. Die Grenzen zwischen erlebter Rede, innerem Monolog und direkter Rede sind vom Leser kaum oder gar nicht erkennbar. Der Leser wird von Beginn an in Ungewissheit gelassen, wo Zitate anfangen und wo Erzählerbemerkungen aufhören, da weder Anführungszeichen noch Namensnennung oder Personalpronomen dem Leser Hinweise auf Zugehörigkeit der Redeanteile geben. Diese Verunsicherung scheint jedoch Programm zu sein: Nachdem der Erzähler die beiden Protagonisten Heinrich von Kleist und Caroline von Günderrode vorgestellt hat, wird der Leser mit der Frage konfrontiert „Wer spricht?“ (KON, S.8) Bis zu diesem Punkt wird es dem Leser schwer fallen, dies zu beantworten, doch zieht sich die Frage, wessen Stimme gerade zu hören ist, leitmotivartig durch den gesamten Text.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung stellt die Arbeit in den historischen Kontext der DDR Ende der 1970er Jahre und definiert die Forschungsfrage, ob Christa Wolfs Werk als Kritik am bestehenden System und als Abkehr vom sozialistischen Realismus zu werten ist.
II. Kein Ort. Nirgends als Antwort auf den sozialistischen Realismus: Dieses Kapitel analysiert die inhaltliche und formale Distanzierung von den starren Vorgaben der DDR-Literatur, indem es die Stoffwahl (Romantik) und die erzähltechnischen Neuerungen (Montage, Multiperspektivität) untersucht.
1. Die Auswahl des Stoffes: Es wird erörtert, warum die Rückbesinnung auf die Romantik und das Scheitern historischer Figuren wie Kleist und Günderrode als Kritik an der zeitgenössischen DDR-Realität und als Verarbeitung persönlicher Enttäuschungen fungiert.
2. Indoktrination vs. Aktivierung des Lesers: Hier wird der Kontrast zwischen der im sozialistischen Realismus geforderten Vereinfachung und der bewussten Komplexität von Wolfs Erzählweise dargelegt, welche den Leser zur aktiven Deutung zwingt.
III. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass „Kein Ort. Nirgends“ zwar eine kritische Auseinandersetzung darstellt, aber keine revolutionäre Absicht verfolgt, sondern in erster Linie eine künstlerische Verarbeitung der persönlichen Krise und der gesellschaftlichen Erstarrung ist.
Schlüsselwörter
Christa Wolf, Kein Ort. Nirgends, DDR-Literatur, sozialistischer Realismus, Romantik, Heinrich von Kleist, Caroline von Günderrode, Montageverfahren, Multiperspektivität, Leseraktivierung, Biermann-Ausbürgerung, Identifikation, literarische Kritik, Subjektive Authentizität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht Christa Wolfs Erzählung „Kein Ort. Nirgends“ als literarische Reaktion auf die politische und kulturelle Situation in der DDR nach der Biermann-Ausbürgerung von 1976.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Kritik am sozialistischen Realismus, die Rezeption romantischer Stoffe, der Umgang mit gesellschaftlichen Zwängen und die Frage nach der Funktion von Literatur in einem restriktiven System.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Autorin geht der Frage nach, inwieweit das Buch „Kein Ort. Nirgends“ als Kritik an der DDR zu verstehen ist und ob es eine Abkehr von der damals dominierenden Widerspiegelungstheorie von Georg Lukács darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es wird eine inhaltliche Textanalyse kombiniert mit der Untersuchung moderner erzähltechnischer Mittel (Montage und Multiperspektivität) durchgeführt, ergänzt durch den Rückgriff auf zeitgenössische Literaturkritik und Interviews.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Stoffwahl, die sich gegen das Diktat des sozialistischen Realismus wendet, sowie die Analyse der Erzählstruktur, die den Leser durch eine offene Form zur aktiven Interpretation anregt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Analyse?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie „Subjektive Authentizität“, „Montage“, „Multiperspektivität“, „Repressives System“ und „Entfremdung“ geprägt.
Inwiefern spielt das Analogiemodell um 1800 eine besondere Rolle?
Das Analogiemodell ermöglicht es Christa Wolf, die aktuelle Krise der DDR-Schriftsteller indirekt über die Lebensumstände von Kleist und Günderrode zu reflektieren, da eine direkte Thematisierung aufgrund der Zensur nur verkleidet möglich war.
Wie unterscheidet sich Wolfs Schreibweise vom sozialistischen Realismus?
Während der sozialistische Realismus Eindeutigkeit, Optimismus und eine klare „Vorbildfunktion“ forderte, nutzt Wolf eine offene Form, fragmentierte Erzählperspektiven und problematische, gescheiterte Charaktere, um den Leser aktiv einzubinden.
- Citar trabajo
- Christine Beier (Autor), 2002, "Kein Ort. Nirgends". Ein Hinweis auf den Standort Christa Wolfs am Ende der Siebziger Jahre, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35785