Inhaltsverzeichnis:
I. Alle Macht geht vom Volke aus
S. 3
II. Minderheiteneinfluss
S. 3
1. Minderheiten in der Gesellschaft
S. 3
1.1 Numerische und soziale Minderheiten
S. 3
1.2 Nachteile einer Minderheit
S. 4
2. Einfluss durch Minderheiten
S. 6
2.1 Konfliktauslösung als Überzeugungsstrategie 6
2.2 Verhaltensstile
S. 10
3. Reaktion der Mehrheit auf eine Minderheit
S. 13
3.1 Dissonanzreduktion
S. 13
3.2 Attribution
S. 14
3.3 Compliance und Konversion
S. 18
Konflikt als Garant für Fortschritt
III.
S. 19
2
I. Alle Macht geht vom Volke aus
In einer Demokratie wie die Bundesrepublik Deutschland soll alle Macht vom Volk ausgehen. Bei über 80 Millionen Einwohnern ist es unmöglich, dass sich jeder Einzelne entsprechend seiner Überzeugung in Entscheidungen einbringen kann. Darum existieren Parlamente, deren Abgeordnete die Interessen ihrer Wähler bündeln und in Entscheidungen einfließen lassen. Das Parlament, das das Abbild der Bevölkerung widerspiegeln soll, wird diesem Anspruch bei weitem nicht gerecht. Da sind zum einen die Nichtwähler, die sich mit keiner Partei anfreunden können und zum anderen Wähler, deren Kandidat den Einzug ins Parlament mangels Stimmen verfehlte. Das Parlament, spezieller die Regierung, ist die Stimme der Mehrheit; Minderheiten finden auf den ersten Blick keine Berücksichtigung. Würden immer nur Mehrheiten ihre Meinung durchsetzen können, würde sich unsere Gesellschaft viel langsamer fortentwickeln und weniger kreativ sein. Blickt man zurück in die Geschichte, so waren es zunächst meist Minderheiten die einen gesellschaftlichen Wandel angestoßen haben (z.B. Galileo Galilei (Erde ist rund), Studenten 1968). Es muss Minderheiten also irgendwie gelingen die Einstellungen von Mehrheiten zu beeinflussen und zwar unabhängig von ihrem Status und ihrer Macht. Sozialer Einfluss geht nicht nur von Mehrheiten aus, sondern kann seinen Ursprung auch in Minderheiten haben. Wie es einer Minorität bzw. Minderheit gelingt eine Mehrheit zu beeinflussen, welche Prozesse dabei eine Rolle spielen und wie die Mehrheit darauf reagiert soll Gegenstand dieser Seminararbeit sein.
II. Minderheiteneinfluss
1. Minderheiten in der Gesellschaft
1.1. Numerische und soziale Minderheiten
Bei Minderheiten denkt man zunächst an eine Gruppe in der Gesellschaft, deren Anzahl gering ist und die eine andere Meinung oder auch ein anderes Verhalten als die Mehrheit der Gesellschaft zeigen. In diesem Fall spricht man von „numerischen Minoritäten“ 1 , die zwar einen Minderheitsstandpunkt vertreten, jedoch der „selben sozialen Kategorie“ 2 angehören. Ein Beispiel wäre die Opposition im Deutschen Bundestag, die nicht die Mehrheit im Parlament besitzt und in mehreren Bereichen wie etwa bei der Arbeitsmarktpolitik einen anderen Standpunkt vertritt als die Mehrheitsfraktion bzw. als
1 Herkner, Werner: Sozialpsychologie. Hans Huber Verlag, Bern 5. akt. Auflage 1990. S. 466
2 Herkner, Werner: S. 466
3
die Bundesregierung. Darüber hinaus gibt es „Doppelminoritäten“ 3 , die zum einen einen anderen Standpunkt als die Mehrheit vertreten und die zum anderen nicht derselben sozialen Kategorie angehören. Diese sozialen Minderheiten besitzen Wertvorstellungen und Eigenschaften 4 , die dem Großteil der Gesellschaft fremd und ungewöhnlich erscheinen. Dadurch kommt es oft zur Diskriminierung und zum Ausschluss aus der Gruppe oder gar aus der Gesellschaft. Moskowitz behauptet ferner, dass soziale Minderheiten einen schwereren Stand in der Gesellschaft haben als numerische, da die Mehrheit ihnen schon im Voraus, also vor einer unmittelbaren Konfrontation, schlechte Eigenschaften zuerkennt 5 . Unter die Gruppe der sozialen Minderheit kann man in Deutschland z.B. Homosexuelle, Moslems, Obdachlose, aber eventuell auch Ausländer oder alleinerziehende Väter subsumieren. Letztere möglicherweise deshalb, weil sie nicht der Erwartung der Gesellschaft entsprechen und die Erziehung eines Kindes vorrangig als Aufgabe der Frau angesehen wird. Eine soziale Minderheit muss laut Moskowitz keine numerische sein 6 . Allerdings nennt er selbst kein entsprechendes Beispiel und bei längerem intensiveren Nachdenken fällt mir nur die Gruppe der Menschen mit schwarzer Hautfarbe ein, die lange Zeit in den USA diskriminiert wurden, ob deren Anzahl damals die der weißen Mitbürger überstieg kann verneint werden. Nicht desto trotz sollen im Rahmen dieser Arbeit schwerpunktmäßig numerische Minderheiten behandelt werden, die auch lediglich aus einer Person bestehen können.
1.2. Nachteile einer Minderheit
Auf den ersten Blick ist es nicht nachvollziehbar, dass eine Minderheit gegenüber einer Mehrheit Einfluss ausüben u nd sich sogar durchsetzen kann, sofern beide den gleichen Status besitzen. Dass heißt, es liegen keine besonderen Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse vor. So wird sich ein Firmeninhaber gegenüber seinen Abteilungsleitern meistens durchsetzen, weil er über die Autorität und Macht verfügt, beispielsweise unliebsame Abteilungsleiter zu entlassen. Für Moscovici entstehen solche Abhängigkeitsphänome erst durch die Interaktion und Auseinandersetzung in einer
3 Herkner, Werner: S. 466
4 vgl.: Wiswede, Günter: Sozialpsychologie Lexikon. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München
2004. S. 381
5 vgl.: Moskowitz, Gordon B.: The mediational effects of attributions and information processing in
minority social influence. In: British Journal of Social Psychology. Leicester, Ausgabe 35, 1996.
S. 49
6 vgl.: Moskowitz, Gordon B.: S. 48f
4
Gruppe; Macht „kann nicht zugleich Ursache und Wirkung sein“ 7 . Insbesondere kann eine „ […] dominante Stellung […] “ bewirken, dass „ […] Beeinflussungsverfahren oft ihre Wirkung verfehlen.“ 8 .
Unabhängig von vorliegender Macht, können Mehrheiten Druck gegenüber Minderheiten ausüben, da diese normwidriges Verhalten an den Tag legen. In einer Gruppe liegen immer gewisse Normen vor, von denen durch die Gruppenmitglieder erwartet wird, dass sie befolgt werden. In einem Verein wird erwartet, dass man regelmäßig seine Mitgliedsbeiträge zahlt. In einem Freundeskreis erwartet man die Begrüßung mit Handschlag genauso wie die gegenseitige Unterstützung. Bei Verstoß gegen die Normen kann es in letzter Konsequenz zum Ausschluss aus der Gruppe kommen. Man kann davon ausgehen, dass Gruppen einen bestimmten Zweck oder ein bestimmtes Ziel verfolgen. Dies kann nur effizient erreicht werden, wenn eine einheitliche Meinung vorhanden ist und die Normen befolgt werden. Jeglicher Widerspruch und jegliches normwidrige Verhalten gefährdet zwangsläufig die innere Stabilität der Gruppe. Um dieses Phänomen zu vermeiden, übt die Gruppe soziale Kontrolle aus. Sie kontrolliert den Einzelnen, indem sie ihm gegenüber die Distanz vergrößert, ihn weniger bei gemeinsamen Aktivitäten einbindet, weniger mit ihm spricht oder ihn öffentlich kritisiert. In den meisten Fällen wird diese Strategie erfolgreich sein, weil jedes Individuum immer irgendeiner Gruppe angehört, z.B. der Gruppe der Männer, und als Individuum allein in der Gesellschaft nicht bestehen kann. In einer Gruppe erfährt man sozusagen, lerntheoretisch gesehen, positive Verstärkung für ein der Gruppennorm entsprechendes Verhalten und für ein normwidriges Verhalten negative Verstärkung. Der vorherrschende Konsens in der Gruppe reduziert die Unsicherheit des Einzelnen 9 , nach dem Motto: was alle Anderen für richtig halten, muss richtig sein. Da in einer Gruppe zunächst Konsens bezüglich der Einstellungen, Wertungen und Verhaltensstandards vorliegt, spricht man auch von Konformität. Das Streben nach Konformität ist eine bestimmende Komponente i n der Sozialpsychologie 10 . Während ein Aspekt von Konformität, der bereits geschilderte normative Einfluss ist, spielen als weiterer, Information als Beeinflussung eine tragende Rolle 11 . Um ihr Verhalten zu
7 Moscovici, Serge: Sozialer Wandel durch Minoritäten. Urban u. Schwarzenberg, München 1979.
S. 77
8 Moscovici, Serge (Sozialer Wandel): S. 78
9 vgl.: Erb, Hans-Peter / Bohner, Gerd: Sozialer Einfluss durch Mehrheiten und Minderheiten.
In: Frey, Dieter / Irle, Martin (Hrsg.): Theorien der Sozialpsychologie. Band II. Hans Huber Verlag,
Bern, 2. Auflage 2002. S.49
10 vgl.: Fröhlich, Werner: Wörterbuch Psychologie. Deutscher Taschenbuch Verlag, München,
24. Auflage 2002. S. 267f
11 Zimbardo, Philip / Gerrig, Richard: Psychologie. Springer Verlag, Berlin, 7. Auflage 2003. S. 412
5
legitimieren, suchen Individuen Orientierung bei anderen Menschen, indem sie Informationen sammeln, wie sich diese in Situationen verhalten haben. Ziel ist es, sich korrekt zu verhalten und die „richtige “ Meinung zu vertreten. Gemäß der Theorie der sozialen Vergleichsprozesse nimmt Festinger an, dass Menschen ein ständiges Bedürfnis haben, ihre Meinung zu überprüfen 12 . Besonders, wenn die Lösung eines Sachverhalts nicht eindeutig ist, schließt man sich oft der Mehrheitsmeinung an. Wenn „Meinungen und Urteile nicht durch logisch empirische Überprüfungen validiert werden können, suchen Menschen gerne Bestätigung für ihre Meinung durch Übereinstimmung mit ihren Mitmenschen.“ 13 . Erstaunlicherweise kommt es aber selbst bei eindeutigen Gegebenheiten zur Anpassung an die Mehrheit, selbst wenn diese objektiv falsch liegt. Asch hat 1956 Versuche dazu durchgeführt, indem er unterschiedliche Längen von Linien miteinander vergleichen ließ 14 . In Gruppen von 7 bis 9 College-Studenten befand sich lediglich eine echte Versuchsperson, der Rest waren Vertraute von Asch, die mehrmals konsistent die falsche Antwort gaben. Obwohl sich die Längen der Linien so eindeutig voneinander unterschieden und man eigentlich nicht falsch liegen konnte, schloss sich die Versuchsperson der Mehrheitsmeinung an. Sie versuchte dadurch ihre entstandene Unsicherheit, ob ihre Augen noch in Ordnung seien, durch den Anschluss an die Mehrheit zu verringern. Zumindest ging sie einem entstehenden Konflikt aus dem Wege und vermied eine anstrengende Auseinandersetzung. Generell kann man feststellen, dass Konformität der bequemere Weg für eine Minderheit darstellt. Durch Anpassung an die Mehrheitsmeinung, durch Erfüllung von Erwartungen wird sie positiv verstärkt und ihre Unsicherheit reduziert.
2. Einfluss von Minderheiten
2.1. Konfliktauslösung als Überzeugungsstrategie
Wie dargestellt wurde, ist es für eine Minderheit besonders wegen dem Druck zur Konformität nicht leicht, eine andere Meinung gegenüber der Mehrheit durchzusetzen. Oft wird ohne genaue Prüfung eine Minderheitsmeinung im Voraus für abwegig und falsch gehalten. Entgegen dem funktionalistischen Modell von Asch und Festinger, geht Moscovici in seinem genetischen Modell davon aus, dass nicht nur die Mehrheit Sender und die Minderheit Empfänger von sozialer Beeinflussung ist, sondern dass beide sowohl
12 Herkner, Werner: S. 454
13 Moscovici, Serge (Sozialer Wandel): S. 37
14 vgl.: Zimbardo, Philip: S.415f
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Arbeit zitieren:
Diplom Staatswissenschaftler (Univ.) Michael Grüner, 2004, Minderheiteneinfluss, München, GRIN Verlag GmbH
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