Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 2
2. Exemplarische Einzelanalysen. 3
2.1 Andrea Fischer. 3
2.2 Reinhard Merkel. 7
2.3 Gerhard Schröder. 11
3. Muster persuasiver Kommunikation in den analysierten Texten. 14
3.1 Nominationen (Exkurs) 14
3.2 Nominationen in den Analysen. 16
3.3 Symbolwörter. 17
3.4 Furchtappelle und Versprechungen. 18
4. Schlussbemerkungen. 19
5. Literaturangaben. 20
6. Anhang. 21
1
1. Einleitung
Die Debatte um die neuen Möglichkeiten der Gentechnologie wurde in Deutschland mit großer Intensität geführt. Dabei kam es auch in den Reihen der Politiker zu heftigen Meinungsverschiedenheiten, die nicht nur zwischen den Parteien ausgetragen wurden, sondern auch in den Parteien selbst stattfanden.
Im Mittelpunkt dieser Arbeit soll eine Analyse dreier exemplarisch ausgewählter Texte stehen, die im Zuge der Debatte damals entstanden. Es handelt sich dabei um den Essay eines Philosophen, ein Interview mit einem Politiker und die Bundestagsrede einer Politikerin zum Thema Biopolitik. Untersucht werden soll, inwieweit die Autoren sich sprachlichen Mitteln der persuasiven Kommunikation bedienten. Persuasion soll dabei im folgenden verstanden werden, als die Gesamtheit der sprachlichen Maßnahmen, die darauf zielen, das Verhalten und die Einstellungen der Rezipienten durch Einsatz von informierenden und beeinflussenden Botschaften zu steuern. 1 Um eine notwendige thematische Eingrenzung vorzunehmen, verwenden ich zur Analyse vor allem Modelle aus dem Forschungsbereich Politische Kommunikation/ Politische Linguistik.
Der Hauptteil der Arbeit ist der Einzelanalyse der genannten drei Texte gewidmet. Sie sollen auf (sprachliche) Belege persuasiver Kommunikation untersucht werden. Da es sich um eine primär empirische Arbeit handelt, wird auf eine separate Erläuterung zur Methodik verzichtet. Soweit dies als nötig erscheint, wird in diesem Teil aber kurz auf die verwendeten Analysemodelle eingegangen.
Anhand der Ergebnisse soll dann anschließend ausgewertet werden, inwieweit gemeinsame Muster persuasiver Kommunikation feststellbar sind und wo unter Umständen Unterschiede bestehen.
1 Vgl. Fischer Lexikon. Publizistik Massenkommunikation. Hg. von Elisabeth Noelle-Neumann, Winfried Schulz und Jürgen Wilke. Frankfurt a.M. 2002, S. 407-421.
2
2. Exemplarische Einzelanalysen
2.1 Andrea Fischer vor dem Deutschen Bundestag
Gegenstand der folgenden Analyse ist die Rede Andrea Fischers vor dem Deutschen Bundestag, die sie dort am 31.05.2001 hielt. Es folgte ein leicht gekürzter Abdruck in der F.A.Z. vom 1.6.2001 unter dem Titel „Wir sind für Gentechnik. Aber nicht auf Kosten des Embryos.“ 2 Da es sich bei dem Text ursprünglich um eine Rede handelt, die vor dem Bundestag gehalten wurde, unterscheidet ihn zunächst einmal von vielen anderen Texten der Suhrkampausgabe, die hier Verwendung finden. Als Emittent kommt bei einer Bundestagsdebatte nur ein Politiker in Frage. Politiker richten sich mit ihren sprachlichen Handlungen oft an mehrere Adressaten gleichzeitig, in einem stärkeren Maße als die zum Beispiel ein Wissenschaftler tut, der für ein Fachmagazin einen Artikel schreibt und dessen (anvisierte) Rezipienten sich wesentlich genauer einfassen lassen. Eine Rede im Bundestag ist beispielsweise gleichzeitig an die Mitglieder der eigenen Partei (bzw. der eigenen Koalition/ Fraktion etc.) gerichtet, an die Mitglieder anderen Parteien und an die Bürger „draußen im Land“. 3 Dies wird auch in der hier analysierten Rede deutlich. Das Personalpronomen „ich“ findet sich sieben mal im Text, „wir“ dagegen 36 mal. Neben der parlamentarischen Aussprache, die als Verfahrensschritt hin zum Gesetzgebungsverfahren dient, geht es darum, politische Werbung zu betreiben, also die eigene Position positiv darzustellen und die des Gegners abzuwerten. Darüber hinaus hat die Debattenrede die Funktion der innerparteilichen Profilierung. Fischers häufiger Gebrauch von „wir“ soll zeigen, dass sie nicht nur als einzelne Politikerin spricht, sondern auch ihre Fraktion vertritt. 4 Fehlende Geschlossenheit innerhalb einer Fraktion - also das Bestehen unterschiedlicher Meinungen zu einem Referenzthema - werden von den Medien
2 Aufgrund besagter Kürzung findet hier der Originaltext Eingang: Quelle: www.andrea-fischer.de (Stand: 04.01.2005). Im folgenden wird der zitierte Text durch eckige Klammern und die Satznummer kenntlich gemacht. Der entsprechend durchnummerierte Text ist der Arbeit beigefügt.
3 Girnth, Heiko: Sprac he und Sprachverwendung in der Politik. Eine Einführung in die linguistische Analyse öffentlich-politischer Kommunikation. Tübingen, 2002, S. 31.
4 Girnth verwendet hierfür die Bezeichnungen EIGENGRUPPE und FREMDGRUPPE. Im politischen Diskurs ist der einzelne Politiker zugleich Repräsentant einer bestimmten Partei, mit der er im Idealfall die gleichen Einstellungsstrukturen und Bewertungsmaßstäbe teilt. Dabei lassen sich grob, je nach Standpunkt, eine positiv bewertete EIGENGRUPPE und eine negativ bewertete FREMDGRUPPE unterscheiden.
3
als Schwäche einer Partei interpretiert und so als negative Botschaft an die Wähler weitergegeben.
Die Bioethikdebatte unterscheidet sich hierin insofern, dass in ihr häufiger kontroverse Meinungen auch innerhalb der Fraktionen festzustellen waren, bzw. sich „Koalitionen“ fraktionsübergreifend bildeten.
Im folgenden Abschnitt wird versucht anhand einer Argumentationsanalyse Muster persuasiver Kommunikation in Fischers Rede aufzudecken. Die Beweismittel von Versprechungen, Furchtappellen, negativen Botschaften und Handlungsempfehlungen sind mitunter in Argumenten eingefasst. Im weiteren Kontext handelt es sich dabei um argumentativkommunikative Faktoren, die persuasive Kommunikation möglich machen. Sie sollen im folgenden anhand Grünerts Argumentationsmodells freigelegt werden. 5 Fischer INFORMIERT im ersten Teil ihrer Rede über die Entwicklungen und Trends der Gen-forschung der letzten Jahre. Auf einer weiteren Ebene dient dieser Abschnitt der KAUSATI-ON/ RETROSPEKTIVE. Sie stellt heraus, dass die Technik „schon sehr, sehr vielen Menschen“ [5] geholfen habe, drückt die Bewunderung gegenüber dieser neuen Technik aus [11] und stellt die Besonderheit [14] dieser heraus. Dass es sich um eine besondere Entwicklung in der Forschung handelt, dient Fischer zugleich als Einführung der DESTINATION, als die Notwendigkeit sich mit dem Gegenstand intensiv auseinander zu setzen, wozu sie AUF-RUFT [15]. Bisher ist die Rede weitgehend neutral gehalten, der AUFRUF sich der Gentechnik zu stellen, verrät noch nichts über die Intention der Sprecherin. Dies ändert sich in zweiten Teil ihrer Rede:
5 Grünert, Horst: Sprache und Politik. Untersuchungen zum Sprachgebrauch der „Paulskirche“. Berlin 1974, S. 31.
Im Mittelpunkt Grünerts Argumentationsmodells steht die DESTINATION, also der thematisierte Ge-genstand. Argumentiert wird auf einer vertikalen Ebene in der Kategorie KAUSATION, die als kausale Herleitung historischer Fakten, Ereignisse und Handlungen dient. Die KONSEKUTION stellt auf der gleichen Ebene die (sowohl negativen als auch positiven) Folgen von Ereignissen, Entscheidungen und Handlungen dar. Auf der horizontalen Ebene finden die Kategorien FUNDATION und MOTIVATI-ON Verwendung, wobei erstere, parteilich-programmatische Standpunkte und Begründungszusammenhänge in den Kontext der DESTINATION stellt und letztere, die Generalisierung parteilicher Haltungen mit allgemein erstrebenswerten und gesamtgesellschaftlich akzeptierten Werte anstrebt.
4
Selbstverständlich werden wir alle entstehenden Entscheidungen unter der Prämisse treffen, dass wir die Chancen auf Heilung nutzen wollen. Niemand, der sich an dieser Diskussion beteiligt, ist gegenüber den Hoffnungen auf Hilfe vonseiten der Schwerkranken unempfindlich [16,17].
Ein Hauptvorwurf, den Befürworter einer Änderung des Embryonenschutzgesetzes den Verfechtern dieses machen, ist der, die Hoffnungen Kranker auf neue Heilmethoden zu vernachlässigen. Der Redeteil dient der BEHAUPTUNG, dass auch Verfechter des Embryonenschutzgesetzes dem Leid Kranker nicht unbeteiligt gegenüber stehen. Gleichzeitig betont Fischer aber, dass Heilung allein kein Maßstab für (ethische) Entscheidungen sein kann und darf [18]. Damit leitet sie argumentativ zu einer NEGATIVEN KONSEKUTION über. Sie argumentiert, dass eine Orientierung allein am Maßstab der Heilung, die Grenzen, die vor dem Lebensrecht anderer Menschen bestehen, auflösen würden.
Wenn Heilung der alleinige Maßstab wäre, dann gäbe es keine Grenzen, die wir aus Respekt vor dem Lebensrecht eines anderen Menschen ziehen müssten. Hier eine angemessene Lösung zu finden, das ist unsere Aufgabe [19] .
Die NEGATIVE KONSEKUTION dient hier also zur Entfaltung eines FURCHTAPPELLS, nämlich der Prophezeiung einer Welt, in der Menschen ohne Respekt behandelt werden und dem Lebensrecht des Einzelnen keinen Wert beigemessen wird. Dieses wird verdeutlicht, indem dem Furchtappell positiv-evaluierte NOMINATIONEN wie Respekt und Lebensrecht gegenüber gestellt werden. Der nächste Teil dient vor allem der LEGITIMATION der vertretenen Meinung. Es wird BEHAUPTET, dass es sich bei der PID um einen eher randständigen Bereich in der Biotechnik handelt, folglich nicht für den Erfolg in der Forschung maßgeblich sei [24+25]. Dies dient dazu, ein weiteres gegnerisches Argument zu entkräften, nämlich neuen Forschungsmethoden durch eine restriktive Politik den Weg abzuschneiden. Die Beteuerung sich keiner Diskussion zu entziehen SIGNALISIERT Verhandlungsbereitschaft und ist zusammen mit dem Hinweis, die Grünen seien eine weltanschaulich nicht ge-bundene Partei [31], vor allem als EIGENWERBUNG für die Partei zu verstehen. Neben der
5
Arbeit zitieren:
Jörg Walter, 2005, Muster persuasiver Kommunikation - und ihre Beweismittel, die Argumente - in den Textexemplaren zur Humangenetik, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die "retorica dell'elogio" in Texten der italienischen T...
Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit (Hauptseminar), 64 Seiten
Ansichten zweier Vernunftsehen: Die Großen Regierungserklärungen von A...
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Zur Übersetzung des französischen Gérondif in deutschen Urteilsversion...
Diplomarbeit, 209 Seiten
Schlagwörter im politischen Wahlkampf - Eine vergleichende Untersuchun...
Magisterarbeit, 107 Seiten
Der Aspekt Sprache in "Un coeur simple" im Kontext der tradi...
Romanistik - Französisch - Literatur
Seminararbeit, 23 Seiten
Rhetorik und Politik bei Aristoteles
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Magisterarbeit, 54 Seiten
Zu: Monika Marons "Flugasche" - der Sozialismus als ein Syst...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 15 Seiten
Gérard de Nerval: Aurélia als Traumbericht oder Intertextualitätsorgi...
Romanistik - Französisch - Literatur
Hausarbeit, 22 Seiten
Selbst- und Fremdinszenierung von Politikern
Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen
Hausarbeit (Hauptseminar), 37 Seiten
Le rôle de la passion et ses effets destructifs dans la "Princess...
Romanistik - Französisch - Literatur
Hausarbeit, 16 Seiten
Charles Baudelaire: Sein Leben, sein Werk und die "Blumen des Bös...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 19 Seiten
Das Wort hat der Herr Bundeskanzler / die Frau Bundeskanzlerin
Eine Analyse der Redefunktione...
Examensarbeit, 150 Seiten
Jörg Walter hat den Text Muster persuasiver Kommunikation - und ihre Beweismittel, die Argumente - in den Textexemplaren zur Humangenetik veröffentlicht
Jörg Walter hat einen neuen Text hochgeladen
History of the 78th Regiment O.V.V.I.: From Its Muster-In to Its Muste...
Thomas M. Stevenson
History of the Seventh Regiment Illinois Volunteer Infantry - From Its...
Daniel Leib Ambrose
Softly Call the Muster: The Evolution of a Texas Aggie Tradition
John A. , Jr. Adams, Richard "Buck" Weirus
Letters, Orders and Musters of Bertrand Du Guesclin, 1357-1380
Bertrand Du Guesclin, Michael Jones
The First Battalion of the 28th Marines on Iwo Jima: A Day-By-Day Hist...
Robert E. Allen, Zell Miller
The Patrick O'Brian Muster Book: Persons, Animals, Ships and Cannon in...
Anthony Gary Brown, Colin White
0 Kommentare