Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Problemstellung 1
1.2. Gang der Untersuchung 2
2. Stress
2.1. Was versteht man unter dem Begriff Stress? 3
2.2. Stressauslösende Faktoren 4
2.2.1. Stressauslösende Faktoren während der Kindheit 4
2.2.2. Stressauslösende Faktoren im Jugendalter 7
3. Stresserleben
3.1. Das Stressmodell von Richard S. Lazarus 11
3.1.1. Bewältigungsformen von Stress 12
3.1.2. Die Wahl der Bewältigungsform 13
4. Stress und daraus resultierende Folgen
4.1. Stress und seine Auswirkungen auf den Körper 14
4.2. Der Einfluss von Stress auf unser Erleben und Verhalten 15
4.2.1. Formen riskanten Verhaltens 16
5. Möglichkeiten, Situationen und Probleme erleichternd zu gestalten
5.1. Die kognitive Bewältigung 18
5.2. Bewältigung durch angemessenes situations- und lösungsorientiertes Handeln 19
5.3. Bewältigung durch körperlich-seelische Entspannung 19
5.4. Aktuelle Ansätze zur Stressprävention bei Kindern 21
5.5. Hilfeinstanzen für Jugendliche 21
6. Zusammenfassung 22
7. Auswertung des Fragebogens
7.1. Der Stressbegriff bei Kindern und Jugendlichen 23
7.2. Stressauslösende Situationen bei Kindern und Jugendlichen 24
7.3. Wie Kinder und Jugendliche auf Stress reagieren 26
7.4. Bewältigungsformen bei Kindern und Jugendlichen 26
7.5. Der Konsum von Schlaf- oder Beruhigungsmitteln 27
7.6. Freizeitaktivitäten der Kinder und Jugendlichen 27
8. Schlussbetrachtung 28
9. Anhang
Fragebogen (Muster)
10. Literaturverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Problemstellung
Jeder kennt ihn, jeder "hat" ihn, jeder klagt über ihn. Äußerungen wie "War das heute wieder ein Stress!" oder "Ich bin gerade im Stress!" gehören mittlerweile schon zum alltäglichen Wortschatz unserer Gesellschaft. Nicht immer handelt es sich dabei um positiven, auch so genannten Eustress, der in einem gewissen Maß nicht nur ungefährlich, sondern durchaus angenehm und darüber hinaus auch leistungssteigernd und lebensnotwendig ist. Statt dessen spricht man in der heutigen Zeit leider immer häufiger vom negativen Disstress. Die stressauslösenden Faktoren können zu einer Dauerbelastung werden und im schlimmsten Fall zu schweren körperlichen, aber auch seelischen Krankheiten führen. Ob und wie man Stress empfindet, ist von Person zu Person unterschiedlich.
Empirischen Untersuchungen zufolge stehen nicht nur Erwachsene, sondern zunehmend auch Kinder und Jugendliche unter Belastungen, die gesundheitliche Auswirkungen nach sich ziehen. "Die Situationen, mit denen Kinder konfrontiert werden, haben sich in den letzten 15 Jahren stark verändert", so der Entwicklungspsychologe Arnold Lohaus. 1 Neben familiären Umständen, wie zum Beispiel die Trennung der Eltern oder der Tod eines geliebten Familienmitglieds, gehört unter anderem auch die Schule zu den stressauslösenden Faktoren. Fehlende Akzeptanz, der zunehmende Konkurrenz- und Leistungsdruck sowie Versagensängste bringen die Kinder und Jugendlichen schnell an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit. Die Folgen sind weitreichend.
Eine Umfrage des Kölner Psydata - Instituts unter 2.000 Familien ergab, dass jedes fünfte Kind durch Verhaltensweisen wie Aggressivität oder motorische Unruhe auffällt. Zehn Prozent der Jugendlichen im Alter zwischen 11 und 18 Jahren leiden fast chronisch unter Kopf- und Bauchschmerzen oder Allergien. Alarmierend ist auch die Feststellung, dass fünf Prozent gelegentlich über den Freitod nachdenken, vier Prozent sich bereits absichtlich verletzt oder tatsächlich einen Suizidversuch unternommen haben. 2 Viele Eltern ahnen in der Regel nichts von den Belastungen, die auf ihr Kind einwirken. Der Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort von der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf sieht in der mangelnden Zuwendung in der Familie eine wesentliche Ursache. Demnach müssten viele Kinder einfach funktionieren. Für deren Anliegen und Nöte sei kaum Platz. 3 Ärzte und Psychologen fordern, Anzeichen von möglichen Stresssymptomen ernst zu nehmen, um möglichst frühzeitig einschreiten zu können. Allerdings macht Arnold Lohaus darauf aufmerksam, dass "Kinder nicht unterscheiden können, ob sie Bauchweh haben oder ob ihnen Ärger auf den Magen drückt." 4 Daher erfordert die Ursachenforschung von den Eltern ein hohes Maß an Sensibilität, was vor allem Zeit und viel Zuwendung voraussetzt. Bei Ratlosigkeit empfiehlt es sich immer, professionelle Hilfe aufzusuchen. So bietet zum Beispiel die Techniker Krankenkasse das von Arnold Lohaus entwickelte Stresspräventionsprogramm an, um Kindern dabei behilflich zu sein, mit belastenden Anforderungen besser umgehen zu lernen. In akuten Notfällen sollte die Meinung eines Arztes oder die eines Therapeuten eingeholt werden.
1 www.taz.de (heruntergeladen am 20.02.2003)
2 vgl. www.lexsoft.de/aktuelles/1798 (heruntergeladen am 20.02.2003)
3 vgl. www.lexsoft.de/aktuelles/1798 (heruntergeladen am 20.02.2003)
4 www.taz.de (heruntergeladen am 20.02.2003)
1.2. Gang der Untersuchung
Um die theoretischen Aspekte zum Thema Stress und Stressbewältigung bei Kindern und Jugendlichen ansatzweise zu prüfen und zu stützen, habe ich mich für die häufig verwendete Forschungsmethode der Befragung entschieden. Diese Technik dient der Erfassung von Daten mit Hilfe der Beantwortung von Fragen, die einer bestimmten Zielgruppe gestellt werden. Dies kann sowohl schriftlich, in Form eines Fragebogens, als auch mündlich erfolgen. In diesem Fall spricht man von einem Interview. 5 Aus organisatorischen Gründen habe ich für mein Vorhaben die schriftliche Variante gewählt. Ein Fragebogen ist eine schriftliche Zusammenstellung von geschlossenen oder offenen Fragen, um unter anderem Informationen über die Einstellungen, Gefühle, Motive oder die Persönlichkeit von Menschen zu erhalten. Die Beantwortung von geschlossenen Fragen verlangt eine Entscheidung zwischen zwei oder mehreren Antworten. Dabei kann es sich um “Ja” oder “Nein”, um eine Skala von “Stimme völlig zu” bis “Lehne völlig ab” oder um eine Auswahl von Antwortmöglichkeiten handeln. 6 Die Versuchsperson sollte sich für die Antworten entscheiden, von denen sie denkt, dass sie ihre eigene Person am besten repräsentieren. Im Gegensatz dazu stehen die offenen Fragen, die keine Alternativen vorgeben. Sie verlangen von der Versuchsperson, ihre Antwort in eigene Worte zu fassen. In beiden Fällen gilt es, die Fragen so kurz und präzise wie möglich zu formulieren und das Vorstellungsvermögen der Befragten nicht zu überfordern. 7
Jede Form birgt Fehlerquellen in sich, die hinsichtlich der Validität zu berücksichtigen sind. So können die Versuchspersonen aus unterschiedlichen Gründen falsche Antworten geben: wenn es ihnen zum Beispiel peinlich ist, ihre wahren Gefühle zu offenbaren, wenn sie sich an Vergangenes nicht genau erinnern können oder wenn sie die Fragen nicht richtig verstanden haben. Bei der Auswertung sollte dieser Aspekt berücksichtigt werden. An der durchgeführten Befragung haben von den geplanten 100 Probanden letztendlich 99 teilgenommen. Während das Verhältnis von Mädchen (29) und Jungen (20) in der 7. Klasse relativ ausgeglichen ist, überwiegt bei den Zwölfklässlern mit 38 zu 12 die Anzahl der weiblichen Teilnehmer.
Aus organisatorischen Gründen fand die schriftliche Befragung während des Unterrichts statt. Dadurch konnte ich zwar einerseits das Verhältnis von weiblichen und männlichen Teilnehmern nicht beeinflussen, andererseits waren jedoch Aufsicht führende Lehrer vor Ort, so dass gewährleistet werden konnte, dass die Schülerinnen und Schüler ihren Fragebogen allein bearbeitet und vollständig abgegeben haben. Um den Schülern mögliche Bedenken zu nehmen, habe ich den Fragebogen anonym bearbeiten lassen. Die Mädchen und Jungen sollten lediglich ihr Alter und ihr Geschlecht angeben. Da die geschlossenen Fragen für die Auswertung der Ergebnisse besser geeignet sind, habe ich mich für diese Form entschieden und außerdem versucht, unter Berücksichtigung des Alters meiner Probanden, die Fragen so eindeutig wie möglich zu formulieren. Während der Auswertung der Antworten wurde mir bewusst, dass zusätzlich die Frage hätte gestellt werden können, ob und wo bei der Bearbeitung des Bogens Probleme aufgetreten sind.
Ich bitte zu beachten, dass die verwendete Forschungsmethode sowie die Anzahl der Probanden nicht ausreicht, um allgemein gültige Aussagen zu treffen. Hierfür hätte man möglicherweise eine Feldstudie betreiben müssen, was ich im Rahmen dieser Arbeit jedoch für unangemessen hielt.
5
vgl. HOBMAIR, H. 1995. Psychologie für Fachoberschulen. S. 53
6 vgl. ZIMBARDO, P. G. 1995 6 . Psychologie. S. 25
7 vgl. FISCH, H. 1996 5 . Abiturwissen. Sozialwissenschaften. S. 76
2. Stress
“Stress ist unser ständiger Begleiter, solange wir leben. Er sitzt mit uns am Tisch, er geht mit uns schlafen, er ist dabei, wenn leidenschaftliche Küsse ausgetauscht werden. Manchmal geht uns seine Anhänglichkeit auf die Nerven; dennoch verdanken wir ihm jeden persönlichen Fortschritt und erreichen durch ihn immer höhere Stufen geistiger und (Hans Selye) körperlicher Weiterentwicklung. Er ist die Würze des Lebens.” 8
Andererseits wies der Begründer der medizinisch-biologischen Stresstheorie Hans Selye frühzeitig darauf hin, “daß Streß unser Immunsystem schwächt und verschiedene Krankheiten auslösen kann”. 9
Unter Berücksichtigung des Themas Stress und Stressbewältigung bei Kindern und Jugendlichen soll in den folgenden Abschnitten geklärt werden, wie der Begriff Stress definiert wird, wodurch er entsteht, welche gesundheitlichen Folgen mit ihm einhergehen und welche Möglichkeiten der Stressbewältigung es gibt.
2.1. Was versteht man unter dem Begriff Stress?
Mittlerweile beschäftigen sich die verschiedensten wissenschaftlichen Bereiche von der Biologie und Medizin bis hin zur Psychologie und Soziologie mit dem Phänomen Stress. Entsprechend der Schwerpunktsetzung in den einzelnen Disziplinen wird der zu besprechende Begriff jeweils unterschiedlich definiert, so dass sich in der wissenschaftlichen Literatur keine allgemein gültige Begriffsbestimmung finden lässt. Während sich die Biologen für die physiologischen Vorgänge der Stressreaktion und den damit einhergehenden körperlichen Veränderungen interessieren, konzentrieren sich die Soziologen vor allem auf die sozialstrukturellen Bedingungen, die einen Menschen wesentlich beeinflussen können. Die Psychologen untersuchen in erster Linie die individuellen Reaktionen von Personen auf eine Belastung. Des Weiteren versuchen sie zu erklären, welche Bedeutung dabei den kognitiv-emotionalen Bewertungen sowie den Bewältigungsstrategien zukommt. 10 Ich möchte mich in meiner Arbeit verstärkt auf die psychologische Sicht konzentrieren, wobei eine eindeutige Abgrenzung nicht immer möglich sein wird, da die Konzepte in einer “Wechselbeziehung” zueinander stehen. 11 Bei dem Versuch, eine Begriffsbestimmung vorzunehmen, kann man zunächst grundlegend von einer Wechselbeziehung zwischen Person und Umwelt ausgehen. Täglich wird der Mensch mit stressauslösenden Faktoren aus den unterschiedlichsten Bereichen, wie zum Beispiel Arbeit oder Schule, Familie oder Freizeit, konfrontiert, die es gilt zu bewältigen. Nicht immer stellen die situationsbedingten Anforderungen eine Gefahr dar, denn in der Regel wirken sie eher angenehm und sind darüber hinaus auch leistungsfördernd. In diesem Fall spricht die Stressforschung vom positiven, auch so genannten Eustress. 12
8 SEEFELDT, D. 1989. Streß. S. 9
9 vgl. HECHT, K. 1994. Gesund im Stress. S. 15
10 vgl. www.bio.uni-frankfurt.de/didaktik/veroeff/ FfmBeitraegeI/STRE_BEW_LTIGUNG.pdf (heruntergeladen am 02.08.2003)
11 vgl. NITSCH, J. R. 1981. Stress, Theorien, Untersuchungen, Massnahmen. S. 52
12 vgl. HILLIG, A. 1996². Schüler-Duden. Die Psychologie. S. 394
Erst wenn die starken Belastungen über einen längeren Zeitraum anhalten und die betroffene Person das Gefühl hat, mit den gestellten Anforderungen nur schlecht oder gar nicht fertig zu werden, kann das zu gesundheitlichen Störungen, wie zum Beispiel Magengeschwüren oder Bluthochdruck bis hin zum Herzinfarkt, führen. Die Stressforschung verwendet für diesen negativen Stress die Bezeichnung Disstress. 13
Zusammenfassend kann man sagen, dass mit dem Begriff Stress alle Belastungen gemeint sind, die von außen oder von innen auf den Menschen einwirken und seinen gewohnten Gleichgewichtszustand beeinträchtigen, indem sie “ihn in einen akuten oder chronischen Spannungszustand versetzen”. 14 Während vorübergehende Belastungen für den menschlichen Organismus selten eine Gefahr darstellen, kann es bei langanhaltenden Dauerbeanspruchungen zu gesundheitlichen Schädigungen kommen. In Bezug auf das von mir gewählte Thema werde ich im Folgenden auf einzelne stressauslösende Faktoren eingehen, mit denen vor allem Kinder und Jugendliche konfrontiert werden.
2.2. Stressauslösende Faktoren
Wie schon bereits erwähnt, sind wir täglich unterschiedlichen Reizen aus der Umwelt ausgesetzt. Inwiefern diese als Bedrohung empfunden werden, hängt von der kognitiven Bewertung eines jeden Einzelnen ab. Umweltreize, die von einer Person als belastend empfunden und bewertet werden, bezeichnet man in der Stressforschung als stressauslösende Fakoren beziehungsweise Stressoren. Reize, wie zum Beispiel Hitze, Lärm oder Schmerzen, bezeichnet man als physikalische Stressoren, während Ablehnung durch Freunde oder ein Streit mit den Eltern zu den sozialen Stressoren zählen. Leistungsdruck oder Ängste durch Partnerverlust gehören hingegen zu den psychischen Stressoren. 15 Welche Stressoren verstärkt im Kindes- und Jugendalter auftreten und bei langanhaltender Dauer zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen können, möchte ich in den folgenden zwei Abschnitten thematisieren.
2.2.1. Stressauslösende Faktoren während der Kindheit
Der zu betrachtende Lebensabschnitt der Kindheit wird zeitlich recht unterschiedlich eingegrenzt. Für Ralf Oerter beginnt diese Phase mit dem vierten und endet etwa mit dem elften, spätestens zwölften Lebensjahr. 16 Im Gegensatz dazu findet man Angaben, die diesen Lebensabschnitt vom siebten bis zum vierzehnten Lebensjahr datieren. Folgt man dem deutschen Recht, so “endet die Kindheit mit Vollendung des vierzehnten Lebensjahres”. 17 Das Kind wird in dieser Phase mit allen möglichen Lebensfragen konfrontiert. Die herbeigeführten Entscheidungen werden fast ausschließlich in Abhängigkeit von Erwachsenen, meist den Eltern, getroffen. Noch wird dieses Abhängigkeitsverhältnis als selbstverständlich angesehen, auch wenn es zu ersten Auseinandersetzungen kommen kann.
13 vgl. HILLIG, A. 1996². Schüler-Duden. Die Psychologie. S. 394 f.
14 SEEFELDT, D. 1989. Streß. S. 15
15 vgl. HOBMAIR, H. 1995. Psychologie für Fachoberschulen. S. 155
16 vgl. OERTER, R; MONTADA, L. 1998 4 . Entwicklungspsychologie. S. 249
17 HILLIG, A. 1996². Schüler-Duden. Die Psychologie. S. 202
Nach Erik Erikson steht der Konflikt Kompetenz versus Minderwertigkeit im Mittelpunkt dieser Entwicklungsstufe. Vom bisher zufälligen Erkunden und Ausprobieren wird das Kind allmählich “zur systematischen Entwicklung seiner Fähigkeiten” übergehen. 18 Die Schule spielt in dieser Phase als neue Institution eine wichtige Rolle, da sie dem Kind ermöglicht, seine intellektuellen Fähigkeiten auszubilden. Gleichzeitig führt der Kontakt zu Gleichaltrigen zum Erwerb sozialer Kompetenzen. Individuelle Interessen können und sollten durch zusätzliche Angebote befriedigt werden. Eine erfolgreiche Bewältigung der gestellten Anforderungen erweckt beim Kind das Gefühl der Kompetenz. Permanente Misserfolgserlebnisse hingegen können schnell zu Minderwertigkeitskomplexen und zu Versagensängsten führen, was sich wiederum nachteilig auf die nächste Entwicklungsstufe auswirken kann, da das Kind sich den neuen Anforderungen nicht gewachsen fühlt. 19 Anhand der Ausführungen kann man erkennen, dass die Phase der Kindheit von zwei wichtigen Institutionen, der Familie und der Schule, beeinflusst wird. Der Familie wird dabei eine besondere Bedeutung zugemessen, da sie jedem Kind das Gefühl von Sicherheit, Schutz und Geborgenheit geben und somit für dessen positive körperliche, psychische und soziale Entwicklung sorgen sollte. Gleichzeitig kann sie jedoch zu einem stressauslösenden Faktor werden. Einen wesentlichen Grund für diese Annahme stellen die veränderten sozialen Rahmenbedingungen dar, die mit dem “Strukturwandel der Institution Familie” einhergehen und sich auf die Gestaltung der Eltern-Kind-Beziehung auswirken. 20 Der Strukturwandel zeigt sich vor allem in den Industrienationen, wo anstelle der dominierenden Großfamilie die so genannte Klein- oder auch Kernfamilie tritt. Immer häufiger sind auch die Ein-Kind-Familien anzutreffen, in denen 1993 bereits knapp über 50 Prozent aller Kinder unter 18 Jahren aufwuchsen. 21 Weitere Familienformen ergeben sich durch eheliche und nichteheliche Lebensgemeinschaften, getrennt lebende oder allein erziehende Eltern, wiederverheiratete Eltern mit Kindern und Stiefkindern etc. Für die Kinder erwachsen daraus häufig “starke psychische und soziale Belastungen”. 22 Ursache dafür ist zumeist die späte und unzulängliche Aufklärung über die sich anbahnenden Entwicklungen, so dass für die Kinder keine Möglichkeit besteht, “vorbereitende Verarbeitungsmechanismen” aufzubauen. 23 Die mit der Trennung einhergehenden Umbrüche beziehen sich nicht nur auf die Neuordnung der Bindung zu den Elternteilen, sondern meist auch auf einen Wohnortwechsel und somit auch auf eine Veränderung des sozialen Umfeldes. Kinder reagieren darauf in der Regel irritiert und zeigen ein auffälliges, teilweise auch gestörtes Verhalten. 24 Weitere Konflikte können sich ergeben, wenn sich die getrennten Elternteile neu binden und Stiefgeschwister in die Lebensgemeinschaft mit eingehen. Die daraus resultierenden vor allem emotionalen Belastungen müssen sich nicht immer nur im Verhalten widerspiegeln. Sie können sich auch auf die schulischen Leistungen und das soziale Verhalten der Kinder auswirken. Demnach ist es wichtig, den kommunikativen Kontakt zu seinem Kind zu wahren, um mögliche Konfliktsituationen frühzeitig erkennen und darauf eingehen zu können.
18 ZIMBARDO, P. G. 1995 6 . Psychologie. S. 91
19 vgl. ZIMBARDO, P. G. 1995 6 . Psychologie. S. 91
20 HURRELMANN, K. 1990. Familienstreß, Schulstreß, Freizeitstreß. S. 84
21 vgl. HILLIG, A. 1996². Schüler-Duden. Die Psychologie. S. 109
22 HURRELMANN, K. 1990. Familienstreß, Schulstreß, Freizeitstreß. S. 91
23 HURRELMANN, K. 1990. Familienstreß, Schulstreß, Freizeitstreß. S. 91
24 vgl. HURRELMANN, K. 1990. Familienstreß, Schulstreß, Freizeitstreß. S. 92
Einen weiteren zunehmend stressauslösenden Faktor stellt die Institution Schule dar. Allein der Eintritt in die Bildungseinrichtung kann für Kinder zur Belastung werden. Sie müssen sich nicht nur an neue Bezugspersonen, sondern auch an einen Tagesablauf gewöhnen, der von ihrem bisherigen abweicht. Die neuen Mitschüler bedeuten ebenfalls eine weitere Veränderung. Ein jedes Kind muss sich in die Klassengemeinschaft einordnen und lernen, sich von Zeit zu Zeit auch unterzuordnen. Durch den täglichen Umgang miteinander entstehen einerseits neue Freundschaften, anderseits muss ein Kind unter Umständen jedoch die Erfahrung machen, dass es einige Klassenkameraden gibt, die es ablehnen. Einen weiteren Belastungsschwerpunkt bilden die neuen Leistungsanforderungen, die einem Kind abverlangt werden. Mit Beginn der Schullaufbahn muss es akzeptieren, dass diese Leistungen in unterschiedlichen Formen zu erbringen sind und zunehmend auch an vorgegebenen Maßstäben gemessen und mit den Ergebnissen Gleichaltriger verglichen werden. Ein Kind spürt zwar, dass das Erbringen dieser Leistungen wichtig ist, bringt dies jedoch noch nicht mit der Sicherung der eigenen Existenz in Verbindung. 25 Ein ähnlich bedeutender Einschnitt vollzieht sich beim Übergang von der Grundschule zu einer weiterführenden Schulform. Schon die Überlegung zur Schulwahl kann zu einer Belastung werden, wobei das Bewerbungszeugnis sowie die Beurteilung der 6. Klasse eine erste Vorentscheidung treffen. In Hinblick auf spätere Berufs- und Lebenschancen entscheiden zusätzlich auch die Eltern über den weiteren Werdegang ihres Kindes. Verständlicherweise wollen sie nur “das Beste”, merken dabei jedoch häufig nicht, dass sie es mit ihren Erwartungen leistungsmäßig völlig überfordern. 26 Nachdem die Schulform gewählt worden ist, werden die Kinder wiederholt aus einer bis dahin vertrauten Umgebung genommen und müssen lernen, sich in einer neuen zurechtzufinden. In ihrer bisherigen Schule waren sie “die Großen”, nun beginnen sie ihre weiterführende Schullaufbahn als “die Kleinen”. 27 Wieder müssen sie sich auf neue Lehrer sowie andere Klassenkameraden einstellen. Der Schultag wird in der Regel länger und durch neue Fächer ergänzt. Stärker als zuvor erfahren die Kinder mit dem Übergang von der 6. zur 7. Klassenstufe einen Anstieg der schulischen Anforderungen, womit eine veränderte Form des Lernens einhergeht. Dieser Umbruch spiegelt sich oftmals deutlich im einem schlechteren Notenbild wider. Für die meisten erwächst daraus ein enormer Leistungsdruck, der durch unbedachte Reaktionen seitens der Lehrer sowie der Eltern verstärkt werden und beim Kind Versagensängste und Minderwertigkeitskomplexe hervorrufen kann. Demnach ist es auch hier wieder wichtig, den Kontakt zum Kind zu wahren und auf Probleme behutsam einzugehen.
Bisher noch unbenannte, aber nicht zu vernachlässigende Stressoren sind außerdem in dem breiten Medienangebot und in der Vielfalt der möglichen Freizeitaktivitäten zu finden. Die meisten Eltern meinen es nur gut und schicken ihr Kind von einem Termin zum anderen. Das Ergebnis ist ein dichter Wochenplan und ein völlig überfordertes Kind. Andererseits sind zahlreiche Eltern beruflich so eingespannt, dass die Kinder ihre Freizeit selbst gestalten müssen. Ein Großteil verbringt folglich mehrere Stunden allein vor dem Fernseher oder spielt Computer. Häufig werden diese Medien auch als Erziehungsmittel eingesetzt. So gibt es zum Beispiel als Belohnung ein neues Computerspiel, während zur Strafe das Fernsehverbot ausgesprochen wird. 28 Forscher sehen in der mangelnden
25 vgl. BORNHAUPT, B.; HURRELMANN, K. 1991. Kinder im Streß ?! S.102 f.
26 vgl. HURRELMANN, K. 1990. Familienstreß, Schulstreß, Freizeitstreß. S. 129
27 BORNHAUPT, B.; HURRELMANN, K. 1991. Kinder im Streß ?! S. 121
28 vgl. BORNHAUPT, B.; HURRELMANN, K. 1991. Kinder im Streß ?! S. 148
Arbeit zitieren:
Janice Höber, 2003, Stress und Stressbewältigung bei Kindern und Jugendlichen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Pädagogik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden
Hausarbeit, 12 Seiten
Handelskalkulation als Teilbereich der Absatzwirtschaft
Ein Unterrichtsentwurf für ein...
BWL - Didaktik, Wirtschaftspädagogik
Unterrichtsentwurf, 25 Seiten
Make-or-Buy-Entscheidungen in Industriebetrieben
Selber produzieren oder einfac...
Unterrichtsentwurf, 26 Seiten
Die Mauer der Schande - Ursachen und Folgen des Berliner Mauerbaus.
Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg
Facharbeit (Schule), 19 Seiten
Unterrichtseinheit: Anwendung und Erweiterung der Problematik des Miss...
VWL - Fallstudien, Länderstudien
Unterrichtsentwurf, 22 Seiten
Eine Interpretation von Thomas Brüssigs Sonnenallee
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 39 Seiten
Diskussion Thomas Brussigs "Am kürzeren Ende der Sonnenallee&quo...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 13 Seiten
Unfreundliche Unternehmensübernahmen aus der Sicht von Vorstand, Aktio...
Seminararbeit, 19 Seiten
Der Einfluss der Peer Group auf die Ich-Identität des Jugendlichen in...
Soziologie - Kinder und Jugend
Seminararbeit, 22 Seiten
Goethe, Johann Wolfgang von - Die Metamorphose der Pflanzen
Referat / Aufsatz (Schule), 5 Seiten
Anwendungsorientierung im Mathematikunterricht - Vorteile und Gefahren...
Hausarbeit, 13 Seiten
Der Mensch selbst als Grundlage für die Erziehung - das anthroposophis...
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
Hausarbeit, 34 Seiten
Die pädagogische Gedankenwelt J. J. Rousseaus - Emile oder über die Er...
Pädagogik - Geschichte der Päd.
Seminararbeit, 18 Seiten
Fallorientierte Erarbeitung und Anwendung von Allgemeinen Geschäftsbed...
Unterrichtsentwurf, 23 Seiten
Janice Höber's Text Stress und Stressbewältigung bei Kindern und Jugendlichen ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Janice Höber hat den Text Stress und Stressbewältigung bei Kindern und Jugendlichen veröffentlicht
Janice Höber hat einen neuen Text hochgeladen
Stressbewältigung für Kinder und Jugendliche
Positiv mit Stress umgehen ler...
Arnold Lohaus, Holger Domsch, Mirko Fridrici
Hyperkinetische Störungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen
Hans-Christoph Steinhausen
Systemische Familientherapie mit Kindern, Jugendlichen und Eltern
Lebensfluß-Modelle und analoge...
Peter Nemetschek
Die Entwicklung der Delinquenz von Kindern, Jugendlichen und Heranwach...
Eine vergleichende Analyse von...
Felix Schulz
Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörungen bei Kindern, Jugendlichen und...
Ein Ratgeber für Betroffene un...
Paul Wender, Frank Badura
Mutismus im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter
Für Angehörige, Betroffene sow...
Boris Hartmann, Michael Lange
0 Kommentare