1. EINLEITUNG 5
2. ZUR BEGRIFFLICHKEIT DES „VULGÄRLATEIN“ 6
2.1. Ausgangspunkt: Abweichungen vom klassischen Latein 6
2.2. Sich ändernde Auffassungen in linguistischer Theorie und
Methodologie 7
2.2.1. Vulgärlatein als „verderbte“ Form des klassischen Lateins 7
2.2.2. Klassisches vs. zeitlich und sozial unterschiedenes Vulgärlatein 8
2.2.3. Latein als System von Isoglossen 8
3. MÜNDLICHKEIT UND SCHRIFTLICHKEIT IN
SPRACHTHEORETISCHER SICHT 9
3.1. Konzeption und Medium 9
3.2. Parameter konzeptioneller Schriftlichkeit/Mündlichkeit 10
3.3. Sprache der Distanz und Sprache der Nähe 10
3.4. Konzeptionelle Mündlichkeit in schriftlichen Quellen 11
3.4.1. Texte mit konzeptueller Mündlichkeit 11
3.4.2. Texte von wenig gebildeten Autoren in einer Diglossie-Situation 11
3.4.3. Bewusst informelle, umgangssprachlich gehaltene Texte 12
3.4.4. An die linguistische Kompetenz der Rezipienten angepasste Texte
12
3.4.5. Eklektizistische Mündlichkeit als Stilmittel 13
4. DIE FRAGE NACH DER EINHEITLICHKEIT DES VULGÄRLATEINS 13
4.1. Chronologische Faktoren 13
4.1.1. Die chronologischen Unterschiede zwischen den verschiedenen
Kolonisierungen 14
4.1.2. Das zeitlose System der rekonstruierten Formen 14
4.1.3. Konservation und Innovation von Sprache 14
4.2. Diatopische Faktoren: die dialektalen und regionalen Unterschiede
in Italien 15
4.3. diastratisch-soziokulturelle Faktoren: Die besondere Form des sich
au ßerhalb Italiens durchsetzenden Lateins 16
4.4. Diaphasische Faktoren: Die Uneinheitlichkeit des literarischen
Lateins 16
4.5. Die Subsysteme des Vulgärlateins 17
5. DIE HISTORISCH/POLITISCH BEDINGTE BILDUNG VON
SPRACHGRENZEN 18
3
5.1. Die Dezentralisierung des Römischen Reiches 19
5.2. Gebietsverluste und Druck auf die Grenzen 19
5.3. Der Einfluss der Germanen 20
6. DIE ENTWICKLUNG DES VULGÄRLATEINS ZU DEN ROMANISCHEN
SCHRIFTSPRACHEN 20
6.1. Die Situation der Diglossie 20
6.2. Die Aufhebung der Diglossie als Entstehungsgrund der
romanischen Schriftsprachen 21
6.2.1. Äußere Faktoren 21
6.2.2. Innere Faktoren 21
6.2.3. Das Bedürfnis der schriftlichen Fixierung von Gesprochenem 22
7. ENDBEMERKUNG 22
4
1. Einleitung
Wenn die in heutiger Form existierenden romanischen Sprachen miteinander verglichen werden, bemerkt man viele Ähnlichkeiten. Hierbei wirft sich die Frage auf, worauf diese Ähnlichkeiten zurückzuführen sind. Bekanntlich liegen die Wurzeln der heutigen romanischen Sprachen im Lateinische n. Die uns heute noch erhaltenen lateinischen Quellen von bekannten Autoren belegen jedoch, dass das klassische Latein, in welchem die Intellektuellen der Antike ihre Schriften verfassten, stark von den oben genannten modernen romanischen Sprachen abweicht. Auch erklärt das klassische Latein in keiner Weise die heutigen bestehenden Unterschiede zwischen den romanischen Sprachen. Es wurden aber neben den klassischen Schriften weitere Quellen gefunden, welche ein anderes Latein dokumentieren - ein Latein, in welchem mündliche, d.h. der Umgangssprache entnommene Elemente festgehalten wurden. Diese Form des Lateins wird als Vulgärlatein bezeichnet, welches als die Grundlage der Entwicklung hin zu allen romanischen Sprachen angesehen wird. Viele Romanisten heben hervor, dass die Bezeichnung „Vulgärlatein“ kein glücklich gewählter Terminus sei. Trotzdem hat sich diese Bezeichnung in der romanischen Sprachwissenschaft durchgesetzt. Dass man Anstoß an diesem Terminus nimmt, liegt im Element „Vulgär-“, welcher fälschlicherweise mit einer soziokulturellen oder stilistischen Zuordnung dieser bestimmten Varietät des Lateins in Verbindung gebracht wurde. Vulgärlatein wurde als das Latein der unteren Volksschichten, als die Sprache des Pöbels verstanden. Linguisten, die s olche terminologischen Schwierigkeiten vermeiden wollen, verwenden Termini wie „sogenanntes Vulgärlatein“ (Coseriu), „Verkehrslatein“, „Umgangslatein“ (Reichenkron), „Sprechlatein“ oder „Spontansprache“ (Lüdtke).l Der Einfachheit halber wird in dieser Arbeit jedoch der Begriff „Vulgärlatein“ verwendet, jedoch nicht ohne das Bewusstsein, wie vielschichtig sich dieser Terminus gestaltet.
Zunächst soll ein Überblick über die verschiedenen Definitionen und Theorien bezüglich des Charakters des Vulgärlatein gegeben werden. Hierzu werden die Konzepte bedeutender Romanisten kurz angerissen. Detaillierter wird auf den Ansatz des Strukturalisten Coseriu bezüglich regionaler, soziokultureller, stilistischer und chronologischer Differenzierungen des Vulgärlatein eingegangen. Eine weitere
5
wichtige Komponente zur Entstehung der romanischen Schriftsprachen findet sich in der Geschichte des Römischen Reiches und dessen letztendlichem Untergang, sowie in diversen Einflüssen nichtrömischer Völker. Politische, historische und kulturelle Begebenheiten trugen bedeutend zur Bildung von Sprachgrenzen und somit zur Entstehung der romanischen Sprachen bei. Aufgrund der Prämisse, dass das Vulgärlatein zunächst volkstümlichen, umgangssprachlichen und mündlichen Charakter hat, ist es notwendig, sich mit der Frage von konzeptioneller Schriftlichkeit und Mündlichkeit zu befassen. Als letztes wird darauf eingegangen, durch welche Faktoren sich das Vulgärlatein zu den heute existierenden romanischen Schriftsprachen hin entwickelt hat. Die Sprachsituation der Diglossie und deren letztendliche Aufhebung waren in diesem Prozess entscheidend.
2. Zur Begrifflichkeit des „Vulgärlatein“
2.1. Ausgangspunkt: Abweichungen vom klassischen Latein
Im vergangenen Jahrhundert wurde davon ausgegangen, dass der Ursprung aller romanischen Sprachen im Vulgärlatein, bzw. Volkslatein läge. Sie stellten die Sprache des Volkes (Volkslatein) der Sprache der gebildeten Schichten gegenüber (literarisches Latein). Solch eine Unterscheidung wurde getroffen, weil viele Wörter, die offensichtlich lateinisch sind und in allen romanischen Sprachen vorkommen im klassischen Latein fehlen. Verschiedene Abweichungen klassischer Autoren vom literarischen Latein hin zu einem familiären (sermo cotidianus) oder volkstümlichen (sermo plebeius, sermo vulgaris) oder zu einem dialektalen, regionalem Latein (sermo rusticus) waren ein weiterer Grund zur Annahme, es hier mit unterschiedlichen Formen von Latein zu tun zu haben. 1 So konnten beispielsweise nichtklassische Wörter und Formen bei vorklassischen Schriftstellern wie Plautus aufgefunden werden. Auch auf Inschriften, in verschiedenen Schriften volkstümlichen Charakters und in weniger sorgfältig abgefassten Schriften (Privatbriefen) klassischer Autoren (z.B. Cicero) tauchten nichtklassische Formen auf. 2
1 vgl. Coseriu, S. 257
2 vgl. Coseriu, S. 259
6
2.2. Sich ändernde Auffassungen in linguistischer Theorie und Methodologie
Der Vorwurf Coserius an die Romanistik ist, dass diese dazu tendiere, das „Volkstümliche“ als das „eigentliche Latein“, das Latein im Ganzen, das Latein ohne nähere Bestimmung zu sehen. Diesem Latein würde sodann eine ‚gekünstelte’ Hochsprache entgegengestellt. Demnach würden alle romanischen Sprachen von diesem individuellen, volkstümlichen Latein abstammen, welches gegenüber dem klassischen Latein eine eigene Identität aufweise. Das Problem liegt laut Coseriu darin, dass das Vulgärlatein als eine andere, als eine mehr oder weniger homogene und einheitliche Sprache verstanden wurde, von der man glaubte, dass sie in den verschiedenen Provinzen des Imperiums fast identisch gesprochen wurde. Folglich dachte man sich, dass die romanischen Sprachen sich auf diese einheitlichen Formen zurückführen lassen würden. Coseriu sieht den Grund zu dieser Annahme in der damaligen linguistischen Epoche, in der Schleicher die Idee eines Stammbaums der indogermanischen Sprachen vorantrieb. Es wurde eine indogermanische vergleichende Grammatik erstellt, um die sogenannten „Ursprachen“ zu rekonstruieren. 3
2.2.1. Vulgärlatein als „verderbte“ Form des klassischen Lateins
Der Linguist Diez hat den Begriff des Vulgärlateins zuerst wissenschaftlich bestimmt. Er leitete die romanischen Sprachen von dem ab, was er Volkslatein nannte und definierte dies als die in der Kaiserzeit von Legionären, Kaufleuten, Kolonisten und Beamten gesprochene Sprache. Er stellte einen Unterschied zum klassischen Latein in phonetischer, morphologischer, syntaktischer und lexikalischer Hinsicht fest. Coseriu bemerkt, dass Diez hiermit die mittelalterliche Tradition fortführe, in der das Vulgärlatein als verderbte Form des klassischen Latein betrachtet wurde. Diese mittelalterliche Tradition geht auf das 4 Jh. n.Chr. zurück, wo schon Unterschied zwischen latine und vulgo gemacht wurde. Diez dachte bei der Charakterisierung des Vulgärlateins, ganz gemäß den Auffassungen seiner Zeit, an eine homogene Sprache, die in verschiedenen Gebieten des Imperiums identisch gesprochen wurde und auf deren Formen sich die Formen der romanischen Sprachen würden zurückführen lassen. 4
3 vgl. Coseriu, S. 259
4 zitiert in Coseriu, S. 258
7
Arbeit zitieren:
Silke Nufer, 2003, Die Charakteristika von Vulgärlatein in definitorischem, sprachtheoretischem und historischem Kontext, München, GRIN Verlag GmbH
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