INHALTSVERZEICHNIS
1 EINLEITUNG 3
2 DAS AMAZONENTUM 4
3 PENTHESILEA EIN DRITTES 7
PENTHESILEA UND ACHILL 12
GRENZEN DER VERSTÄNDIGUNG
5 SCHLUSSBETRACHTUNG 14
6 LITERATURVERZEICHNIS 15
3
1 EINLEITUNG
Kleists 1806/ 1807 entstandenes Drama ist ein gesellschaftskritisches Stück. Er zeigt exemplarisch anhand der Protagonistin Penthesilea, wie unvereinbar ein staatliches Pflichtbewusstsein mit Individualität sein können. Penthesileas stark herausbrechender persönlicher innerer Konflikt wird durch das System ihres Amazonenstaates ausgelöst. Aus der Konfrontation der natürlichen Gefühle mit der kollektiven Ordnung entsteht das Tragische. Die Gesetzgebung dieses Staates erscheint in seiner Basis jedoch paradox. Diese Erkenntnis, die Penthesilea jedoch nur schleichend gewinnt, führt sie in die unabwendbare Katastrophe.
Diese Arbeit ist ein Versuch Penthesileas „Inneres“ zu ergründen, und sie auf diesem Weg zu charakterisieren. Die Voraussetzung dafür ist zunächst ein Überblick über das Staatssystem des Amazonenvolkes, auf das ich in Kapitel 2 ausführlich eingehe.
Das Kapitel 3 soll Penthesileas Weg in ihren persönlichen Konflikt zeigen.
Im Kapitel 4 lege ich den Schwerpunkt auf die Betrachtung der Sprache, mit der sich Penthesilea und Achill zu verständigen versuchen, und an deren Grenzen sie damit unweigerlich stoßen. In diesem Zusammenhang soll ihre Beziehung verdeutlicht werden.
Das Kapitel 5 ist der Schlussbetrachtung vorbehalten.
4
2 DAS AMAZONENTUM
„Vernichtend war das Schicksal, Königin, das deinem Frauenstaat das Leben gab.“ 1
Diese Aussage Achills auf Penthesileas Ausführungen zur Entstehung des Amazonenstaates lassen schon einen gewissen Widerspruch deutlich werden. Penthesilea gewährt Achill im 15. Auftritt einen Einblick in den Akt der Staatsgründung der Amazonen, deren Gesetze ihm als „unweiblich [ ...], unnatürlich, dem übrigen Geschlecht der Menschen fremd“ 2 vorkommen. Der Ursprung zu der Gesetzgebung liegt in der Entstehungsgeschichte des Amazonenstaates, welcher aus einem männlichen Gewaltakt heraus seinen Anfang nahm. „Wo jetzt das Volk der Amazonen herrschet“ 3 , so Penthesilea, fielen fremde Krieger, die dem Befehl des Äthioper Königs Vexoris unterlagen, in ein von Skythen bewohntes Gemeinwesen ein, töteten alle Männer, bemächtigten sich ihrer Frauen und errichteten eine Gewaltherrschaft. Die Frauen waren dem barbarenartigen Verhalten der Äthioper nun schutz- und wehrlos ausgeliefert. Unter psychischen Qualen wurden die um ihre Männer trauernden Frauen in die „schnöden Betten“ 4 ihrer Feinde gezwungen. Diese Unterjochung führte zu einer Verschwörung der Frauen. Unter der Führung ihrer Königin Tanaïs töteten sie die Eroberer und gründeten einen Frauenstaat- den der Amazonen.
Die einzige Möglichkeit sich aus der Demütigung und Unterdrückung der Feinde zu befreien war für die Frauen, die erfahrene Gewalt ebenso mit Gewalt zu bekämpfen, um „dem Geschlecht der Männer nicht mehr dienstbar zu sein“ 5 .
1 KLEIST, Heinrich von: Penthesilea. Ein Trauerspiel, Ditzingen 1994, V. 1932 f.. Zukünftig im Text angegeben mit ( V. ...).
2 V. 1902 3 V. 1914 4 V. 1931 5 V. 1956
5
Die schmerzlichen Erlebnisse der Frauen waren so tief in ihren Seelen verankert, dass Männer generell in ihrem neuen Staat keinen Platz mehr einnehmen sollten.
Paradoxerweise nannten sie sich „Bräute“ des Mars, des männlichen Kriegsgottes, Sinnbild der Vernichtung und Gewalt, welcher nun ihr Schutzpatron und Gott sein sollte 6 . Das Problem der Nachkommenschaft wurde folgendermaßen gelöst: „Nach jährlichen Berechnungen“ 7 des Mars wurden die „blühndsten der Fraun“ 8 ausgesucht, um in den Kampf zu ziehen, männliche Gegner zu besiegen und diese dann als Gefangene in den Tempel der Göttin Artemis zu bringen, und sich im Ritus des „Rosenfestes“ von ihrer Beute befruchten zu lassen. Nach Vollzug dieses „Festes“ wurden die auf Samenspender reduzierten Männer wieder frei gelassen.
Die weibliche Sexualität erscheint rein pragmatisch 9 und beschränkt sich auf die Fortpflanzung, um den Fortbestand des Amazonenstaates zu sichern. Die Sexualität wird in ihrer Natürlichkeit unterdrückt und schürt somit Penthesileas inneren Konflikt zu einem erheblichen Anteil. Eine individuelle Partnerwahl durch Liebe ist gesetzmäßig nicht erlaubt, wie auch das Auswählen des Geschlechtspartners, denn „es schickt sich nicht, dass eine Tochter Mars/ Sich ihren Gegner sucht, den soll sie wählen,/ Den ihr der Gott im Kampf erscheinen lässt“ 10 . BORELBACH spricht in diesem Zusammenhang von der Instrumentalisierung sinnlicher Natur 11 .
„Das sinnliche Begehren des weiblichen Körpers ist sowohl auf dem Schlachtfeld wie in der Lust des Rosenfestes durch kollektiven Ritus kontrolliert.“ 12
6 vgl. NUTZ, Maximilian: Lektüre der Sinne. Kleists Penthesilea als Körperdrama. In: Grathoff (Hrsg.): Heinrich von Kleist (B 7: 1988). S. 173 7 V. 2034 8 V. 2036 f.
9 vgl. BORELBACH, Doris Claudia: Mythos Rezeption in Heinrich von Kleists Dramen. Würzburg, 1998. S. 57 10 V. 2145 ff.
11 BORELBACH, S. 58 12 s. NUTZ, S. 173
Arbeit zitieren:
Stefanie Stiemerling, 2003, Penthesilea - Ein Drittes, München, GRIN Verlag GmbH
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