Es gibt das Klischee, dass deutschsprachige Soziologen, anders als ihre angloamerikanischen Kollegen, manchmal sehr schwer verständlich sind. Dies liegt vermutlich auch daran, dass diese Länder früher demokratisiert wurden und damit die Idee das Wissen der Masse zugänglich zu machen, früher eingezogen ist. Außerdem ist die deutsche Sprache sehr kompliziert und oft nicht auf den ersten Blick zugänglich. Georg Simmel kann sich dieser Tendenz nicht entziehen, da seine formale Sichtweise der Soziologie eben eine sehr allgemeine ist. Sie kann überall angewendet werden und ist daher in ihrer Formulierung nur wenig konkret. Was ist eigentlich Soziologie? Was ist ihr Forschungsgegenstand? Ist sie als solches überhaupt existent?
Diese Fragen beantwortet Simmel in „Grundfragen der Soziologie“ und thematisiert ihren Gegenstand als das Grundproblem. Die Gesellschaft besteht bekanntlich aus Individuen, aber Simmel wehrt sich dagegen nur von den Individuen auszugehen. Dieser „methodologische Individualismus“ wird von ihm strikt abgelehnt. „Es ist zunächst ein Irrtum über das Wesen der Wissenschaft, aus der angeblich allein realen Existenz der Individuen zu folgern, daß jedes, auf deren Zusammenfassungen gehende Erkennen sich spekulative Abstraktionen und Irrealitäten zum Objekt mache.“ Er belegt dies mit einem klaren wie logischen Beispiel. Bei der wissenschaftlichen Analyse der Schlacht von Marathon wird uns die Untersuchung jedes einzelnen Griechen und Persers nicht viel weiterhelfen. Also, es gibt sie doch, die Soziologie. Was hilft uns jetzt nun weiter? Man muss sich bewusst sein, dass die Distanz v om Forschungsobjekt zum Forscher eine ähnliche Funktion hat, wie die Distanz vom Bild zum Betrachter. So wie jede Distanz seine Berechtigung hat und Möglichkeiten, Realitäten freigibt, so ist dies auch in den Humanwissenschaften der Fall.
Simmel aber führ t die Begriffe „Individuum und Gesellschaft“ zusammen und redet von Wechselwirkung. Wenn er davon spricht, meint er eigentlich nicht das flüchtige Drängen an einem Kinoeingang, denn hier kann man nicht von einer stark ausgeprägten Vergesellschaftung sprechen. „Fortwährend knüpft sich und löst sich und knüpft sich von neuem die Vergesellschaftung unter den Menschen, ein ewiges Fließen und Pulsieren, das die Individuen verkettet, auch wo es nicht zu eigentlichen Organisationen aufsteigt.“ Dies ist also eine dynamische Sichtweise der sozialen Welt, denn wir leben in einer Welt von Kommen und Gehen. Aber wenn wir uns treffen und verharren, dann stellt dies nicht nur eine Gesellschaft dar, sondern auch eine Vergesellschaftung.
Die Aufgabe der Soziologie ist es nun die Grammatik der Vergesellschaftung zu entschlüsseln.
Diese Grammatik besteht aus den bereits beschriebenen Wechselwirkungen. Dies ist der Unterschied zu der bereits existenten bzw. nicht existenten Soziologie. „So wenig aber daraufhin Induktion eine besondere Wissenschaft ist oder gar eine allbefassende, so wenig ist es auf diese Momente hin die Soziologie“. Denn bis dahin war die Soziologie nur eine Methode ohne konkreten Forschungsgegenstand, der es einer Wissenschaft erlauben würde, sich als solches zu bezeichnen.
Wissenschaft zeichnet sich dadurch aus, dass man Regelmäßigkeiten aufdeckt und Gesetze aufstellt. Dementsprechend versucht dies Simmel auch bei den Prozessen der Vergesellschaftung. Diese werden im Besonderen am Anfang des dritten Kapitels „Die Geselligkeit“ beschrieben. Doch vorher, zurück zum Gegenstand und Wesen der Soziologie. Die Formen der Wechselwirkungen zu beschreiben ist der zentrale Punkt. “Reine Soziologie“ meint Simmel „... zieht aus den Erscheinungen das Moment der Vergesellschaftung, induktiv und psychologisch von der Mannigfaltigkeit ihrer Inhalte und Zwecke, die für sich noch nicht gesellschaftlich sind, gelöst, wie die Grammatik die reinen Formen der Sprache von den Inhalten sondert, an denen diese Formen lebendig sind.“
Der Gedanke ist klar. Man nimmt eine augenscheinlich soziale Situation, subtrahiert alles sich auf die jeweilige Situation beziehende und übrig bleibt ein Verlauf des menschlichen Interagierens, der mit anderen vergleichbar ist.
Im Kapitel „Die Geselligkeit“ erklärt Simmel die wesentlichen Bestandteile seiner Soziologie. Formale Soziologie besteht aus zwei abgrenzbaren Einheiten. Inhalte, auch Materie der Vergesellschaftung genannt, beziehen sich auf unsere ureigensten Interessen, die noch keinen Bezug zum Auswärtigen besitzen. Dazu gehören, Triebe, Neigungen und Zwecke. Die Wechselwirkungen zwischen den Individuen, für Simmel das Grundmotiv schlechthin, formen aus einzelnen Individuen die Gesellschaft. Ausdruck dieser Wechselwirkungen ist die Form. Gäbe es nur ein isoliertes Nebeneinander, so gäbe es auch keine Form. Dadurch ergibt sich aber auch eine gewisse Einheit der am Interaktionsprozess beteiligten Individuen. Als ebenfalls sehr wichtiges Phänomen, nimmt die Geselligkeit einen besonderen Stellenwert im Denken Simmels ein. „Und diese Formen nun gewinnen Eigenleben, eine von allem Wurzeln an Inhalten befreite Ausübung rein um ihrer selbst und des in ihrer Gelöstheit von ihnen ausstrahlenden Reizes willen; dies ist eben die Erscheinung Geselligkeit“.
Der Geselligkeitstrieb bestimmt auch manchmal wiederum die Inhalte. Denn die Geselligkeit erzeugt auch ein Gefühl der Befriedigung bei ihren Teilnehmern. Die Geselligkeit im Sinne des
alltäglichen Sprachgebrauchs entsteht dadurch, dass dieser Trieb den Vergesellschaftungsprozess als etwas Glückliches aus dem realen sozialen Leben herauslöst.
Mit der Geselligkeit verbunden, ist das Taktgefühl. Dies hat dann eine regulative Wirkung, wenn die Wirkung anderer regulativer Faktoren verblasst. So wird die private Sphäre des anderen geschützt. Hier schwingt ein besonderes Merkmal der Geselligkeit mit: Privates, sei es nun z.B. die monetäre Situation oder persönliche Gefühle, werden dadurch nicht an die Öffentlichkeit gezerrt.
Simmel meint, dass jeder dem anderen dasjenige Maximum an geselligen Werten (Freude, Entlastung, Lebendigkeit) gewähren soll, das mit dem Maximum der von ihm selbst empfangenen Werte vereinbar ist. In diesem Sinne ist die Geselligkeit eine heile Welt. Somit ergibt sich eine interessante Konstellation. „Sie ist das Spiel in dem man so tut, als ob alle gleich wären, und zugleich, als ob man jeden besonders ehrte“
Ein Spiel. Das Gegenstück zur Geselligkeit ist die Koketterie im Bereich der Erotik. Hier wie in jenem ist das Spiel ein zentrales Element.
Inhalte erzeugen oft dauerhafte gesellige Formen. Dies belegt Simmel am Beispiel deutscher Ritterorden, die anfangs einen bestimmten inhaltlichen Zweck erfüllten, dann aber zunehmend nur mehr der Geselligkeit dienten.
"Das individuelle Gesetz" ist der vierte und letzte Teil des Buches Lebensanschauung. Es bietet einen Einblick in die Welt des Sollen, der Begriffe, des Allgemeinen, der Individualität und des Gesetzhaften und deren Verknüpfungen miteinander.
Simmel beginnt damit, dass er erklärt, wann ein Objekt „wirklich“ ist: Wenn man dem Inhalt des Objekts etwas absolutes zuspricht, das der subjektiven Seite gegenübersteht. Dennoch gibt es auch verschiedenen Nuancen der Wirklichkeit. Obwohl das subjektive Erscheinen vom Inhalt zu trennen ist, scheint jedem z.B. die eigene Religiosität als etwas wirkliches. Eine weitere wichtige Kategorie für Simmel ist das Sollen. Es ist der allgemeine Aggregatszustand des Lebensbewusstseins. Gewöhnlich werden das Leben und das Sollen gegenübergestellt. Es sollte aber die Wirklichkeit des Lebens und sein Sollen gegenübergestellt werden. Beide sind ebenmäßige Kategorien. Dabei entspricht das Sollen dem objektiven Gebot und das Leben seinem subjektiver Verlauf. Dieses Sollen sagt uns aber nicht, was wir inhaltlich sollen. Das Sollen ist ebenso wenig direkt zu fassen, wie die Wirklichkeit wirklich ist. Das
Arbeit zitieren:
Marian Berginz, 2005, Simmel und seine Welt - Eine Zusammenfassung von "Grundfragen der Soziologie" und "Das individuelle Gesetz", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Abu Mus'ab az-Zarqawi - der Stadthalter al-Qa'idas im Irak?
Politik - Internationale Politik - Region: Naher Osten, Vorderer Orient
Hausarbeit (Hauptseminar), 48 Seiten
Das Konzept literarischer Autorschaft bei Roland Barthes und Michel Fo...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 16 Seiten
Abgeordnete zwischen Fraktionsdisziplin und freiem Mandat
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
Hausarbeit, 24 Seiten
Die Funktion des Lesens in Karl Philipp Moritz' "Anton Reiser...
Literaturwissenschaft - Allgemeines
Hausarbeit, 22 Seiten
Islamischer Fundamentalismus in Ägypten
Politik - Internationale Politik - Region: Naher Osten, Vorderer Orient
Hausarbeit, 14 Seiten
Die Sprache der Werbung - Methoden der Textanalyse
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Über Friedrich Nietzsche und seine Autobiographie "Ecce Homo - Wi...
Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts
Hausarbeit, 21 Seiten
Georg Simmels Religionstheorie im Kontext seiner soziologischen Gesamt...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Hausarbeit (Hauptseminar), 31 Seiten
Georg Simmel: Philosophie der Mode, Soziologie der Mahlzeit, Exkurs üb...
Soziologie - Medien, Kunst, Musik
Seminararbeit, 18 Seiten
Moralisches Handeln aus Selbstinteresse
Gibt es rein altruistische Han...
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Hausarbeit (Hauptseminar), 15 Seiten
Methoden zur Messung von Markenwert und -stärke
BWL - Marketing, Unternehmenskommunikation, CRM, Marktforschung
Hausarbeit, 29 Seiten
Wer oder Was ist der Autor? Positionen der gegenwärtigen Literaturtheo...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 29 Seiten
Markenlizenzen als Wachstumsstrategie
BWL - Marketing, Unternehmenskommunikation, CRM, Marktforschung
Hausarbeit, 21 Seiten
Piagets und Chomskys Spracherwerbstheorie
Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Das Weltwirtschaftssystem - Das Bretton-Woods-System
Politik - Internationale Politik - Thema: Globalisierung, pol. Ökonomie
Hausarbeit, 18 Seiten
Marian Berginz hat den Text Simmel und seine Welt - Eine Zusammenfassung von "Grundfragen der Soziologie" und "Das individuelle Gesetz" veröffentlicht
Marian Berginz hat einen neuen Text hochgeladen
Lars Gertenbach, Heike Kahlert, Stefan Kaufmann, Haermut Rosa, Christine Weinbach
Grundlagen der soziologischen Theorie 3
Sinnverstehen und Intersubjekt...
Wolfgang Ludwig Schneider
0 Kommentare