Einführung
Georg Simmel erlebte ein Deutschland, das durch ausgeprägte Spannungen geprägt war. National vereinigt, stürmisch industrialisiert und autoritär geführt, dampfte die verspätete Nation der „ Urkatastrophe“ des Zwanzigsten Jahrhunderts entgegen. Simmel, durch die werdende Metropole Berlin geprägt, nahm diese Spannungen auf und integrierte sie in seine Soziologie. 1
Ein Kennzeichen jener Epoche war die ausgeprägte Unentschlossenheit, die auch Simmel als solche erkannte. 2 In diesem Zustand entwickelten sich die fundamentalistischen Strömungen, die eine allgemeine und absolute Lösung anstrebten. Diese Strömungen waren darüber hinaus durch einen hohen Grad an Ideologie gekennzeichnet.
Darunter war auch ein aufkeimender Antisemitismus, der es Simmel unmöglich machte, in der deutschen Öffentlichkeit eine herausragende Position zu erreichen. Obwohl ihn Weber sehr unterstützte, war dies der Grund, der ihn schlussendlich nach Straßburg zur dortigen Uni versität zwang. So ist es auch nahe liegend, dass sich Simmel dieser Entwicklung zum Absoluten und Allgemeinen entzog. In jedem seiner Werke ist ein „Sowohl als Auch" zu finden, was dazu führt, dass ihn keine Seite für sich instrumentalisieren kann. In diesem Licht muss man auch das immer wiederkehrende Thema der Individualisierung und des Allgemeinen sehen.
Simmels Theorie und Schillers Briefe
Die herausragende Dynamik seiner Zeit prägt Simmel. Dabei verfällt Simmel aber nicht irgendeiner Mode seiner Zeit, die für diese Dynamik steht. Nein, seine Theorie hat eben dieses gewisse Zeitlose und gerade dies ist als Reaktion auf die sich damals scheinbar immer schneller drehende Welt zu werten. Wissenschaften unterscheiden sich nach Simmel nur durch ihre analytische Perspektive. 3 Sie zerlegen die Gegenstände und fassen sie unter ihren eigenen Begriffen wieder zusammen. Philosophie beschäftigt sich gemäß Simmel mit den Voraussetzungen und Methoden wissenschaftlicher Erkenntnis. Die Geschichte als wissen-
1 SieheWauschkuhn, Annette. 2002. Georg Simmels Rembrandt-Bild : ein lebensphilosophischer Beitrag zur Rembrandtrezeption im 20. Jahrhundert. Worms. S.7
2 Lichtblau, Klaus. 1997. Georg Simmel. Frankfurt/Main, New York. S.115
3 Siehe Fetscher, Iring und Münkler, Herfried. 1987. Pipers Handbuch der politischen Ideen - Band 5: Neuzeit. München, Zürich. S. 14/15
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schaftliche Disziplin fragt nach den Motiven und dem Handlungskontext historischer Akteure und analysiert Ereignisse unter dem Blickwinkel ihrer zeitlichen Aufeinanderfolge.
Simmels Schaffen lässt sich in vier Phasen einteilen: 4 In der ersten Phase beschä ftigt sich Simmel unter dem Eindruck von Charles Darwin und Herbert Spencer mit gesellschaftlichem Wandel. In dieser Zeit (1900) entsteht zum Beispiel so die Philosophie des Geldes. In seiner zweiten Schaffensperiode wendet sich Simmel der Analyse sozialer und kultureller Formen unter dem Konzept des Dualismus von Form und Inhalt zu. In der dritten Phase erweitert er den Dualismus mit der Kategorie „Leben“ und somit der Idee des Werdens und der Dynamik. In dieser Zeit entstehen „Rem-brandt“ und andere personenbezogene Schriften. In der vierten und letzten Scha ffensperiode beschäftigt sich Simmel mit dem Krieg. Simmel meint, dass Menschen sowohl Kreateure, als auch Betroffene von Wechselwirkungen sind. Kreateure im Sinne von Handeln, und Betroffene im Sinne von Erleben. Simmels These ist: „Je mehr Individuen an mehreren Gruppen (Kreisen) teilnehmen, desto größer ist die Chance zur Differenzierung ihrer Persönlichkeit.“ 5 Dabei entsteht eine doppelte Problematik: Wie kann ein so differenziertes Individuum ein Ich-Gefühl entwickeln und wie sollen so stark differenzierte Persönlichkeiten in Wechselwirkung treten?
Schiller lebte ungefähr hundert Jahre vor Simmel, seine Gedanken in Bezug auf diese Frage sind jedoch sehr ähnlich und teilweise komplementär. Schiller meint zum Thema Differenzierung:
4 Siehe Fetscher, Iring und Münkler, Herfried. 1987. Pipers Handbuch der politischen Ideen - Band 5:
Neuzeit. München, Zürich. S.145
5 Fetscher, Iring und Münkler, Herfried. 1987. Pipers Handbuch der politischen Ideen - Band 5: Neuzeit. München, Zürich. S.149
6 Schiller, Friedrich. 1794/ 1795 Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von
Briefen. in: Safranski, Rüdiger. 2004. Schiller und die Erfindung des Deutschen Idealismus. Mün-
chen, Wien.
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Doch gegen die Träume einer besseren Vergangenheit hält Schiller fest:
Bei Simmel wird man in der sich entwickelnden Gesellschaft als Teil vieler Kreise zur multiplen Persönlichkeit, bei Schiller zur bruchstückhaften. Simmel diagnostiziert auc h einen Konflikt der Kultur: Zum einen bestehend aus dem Konflikt zwischen dem vorwärts strebenden Leben und der gegen Veränderung wirkenden Kultur. 8 Zum anderen aus dem Auseinandertreten der objektiven und subjektiven Kultur. Die objektive Kultur besteht aus der Gesamtheit der Kulturleistungen, die die persönliche subjektive Kultur irgendwann aufgrund ihres Umfangs nicht mehr übernehmen kann. So bleibt die subjektive Kultur hinter der objektiven zurück. Beides charakterisiert seine Zeit, so Simmel.
Schiller hat Gedanken, die damit gut vereinbar sind: Bezugnehmend auf die französische Revolution und dem Tugendterror meint er, dass die Menschen zwar äußerlich befreit, aber innerlich nicht reif genug sind. 9 Der Mensch wird weiter von seiner Natur beherrscht, ohne sich selbst zu beherrschen. Und nun das Interessante: Man darf die Aufklärung nicht überschätzen; Sie ist eine „theoretische Kultur“, die sich noch nicht als „praktische Kultur“ etabliert hat.
Verbindet man nun die Gedanken Simmels und Schillers, so ergibt sich folgendes Bild: In der Moderne überfordert die theoretisch-objektive Kultur den Menschen in seiner praktisch-subjektiven Kultur. Dies führt dazu, dass sich der Mensch nur Teile der theoretisch-objektiven Kultur zu eigen machen kann - wenn diese ihn überhaupt erreicht - und zwingt ihn sich nur äußerlich zu ändern. Eine weitere Gemeinsamkeit ist die Bedeutung des Spiels. Simmel behauptet, dass das Spiel mit der Geselligkeit sehr eng verbunden ist. Der Reiz beim Gesellschaftsspiel liegt in dem Spiel selbst.
7 Schiller, Friedrich. Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen, in einer Reihe von Briefen. Brief
5. http://gutenberg.spiegel.de/schiller/aesterz/aesterz.htm. (30-01-05)
8 Siehe Fetscher, Iring und Münkler, Herfried. 1987. Pipers Handbuch der politischen Ideen - Band 5:
Neuzeit. München, Zürich. S.148
9 Siehe Safranski, Rüdiger. 2004. Schiller und die Erfindung des Deutschen Idealismus. München, Wien.
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Arbeit zitieren:
Marian Berginz, 2005, Georg Simmel, Rembrandt und das italienische Fernsehen, München, GRIN Verlag GmbH
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