GLIEDERUNG
1.0. TYPISIERUNG VON MANN UND FRAU
1.1. Geschlechtscharaktere: Spezifische Wesenszuschreibungen für Mann und Frau 1.2. Polarisation: Mann und Frau als Gegenpole
Exkurs: ’Bem-Sex-Role-Inventory’
1.3. Wandel des Bezugssystems: Von der sozialen Position zum Wesen von Mann und Frau
2.0. ENTSTEHUNGSBEDINGUNGEN UND FUNKTION DER GESCHLECHTSPOLARISATION
2.1. Umbrüche und Veränderungen im bürgerlichen Leben
2.2. Neuorientierung und Legitimationszwang
3.0. BÜRGERLICHE IDEALE UND BÜRGERLICHES LEBEN IM 18. JAHRHUNDERT
3.1. Liebes- und Eheideal
3.2. Liebes- und Eheleben
3.3. Familienideal
3.4. Familienleben
3.5. Kindheitsideale
3.6. Kinderleben
4.0. DIE POLARISIERUNG DER GESCHLECHTSCHARAKTERE - LEISTUNG ODER IRRWEG BÜ RGERLICHER FAMILIENENTWICKLUNG?
4.1. Konstruktive Aspekte
4.2. Destruktive Aspekte
5.0. AUSBLICK
LITERATURVERZEICHNIS
’Daher offenbart sich in der Form des Mannes mehr die Idee der Kraft, in der Form des Weibes
mehr die Idee der Schönheit.... Der Geist des Mannes ist mehr schaffend, aus sich heraus in
das Weite hineinwirkend, zu Anstrengungen, zur Verarbeitung abstracter Gegenstände, zu
weitaussehenden Plänen geneigter; unter den Leidenschaften und Affecten gehören die
raschen, ausbrechenden dem Mann, die langsamen, heimlich in sich selbst gekehrten dem
Weibe an. Aus dem Manne stürmt die laute Begierde; in dem Weibe siedelt sich die stille
Sehnsucht an. Das Weib ist auf einen kleinen Kreis beschränkt, den es aber klarer
überschaut; es hat mehr Geduld und Ausdauer in kleinen Arbeiten. Der Mann muß erwerben,
das Weib sucht zu erhalten; der Mann mit Gewalt, das Weib mit Güte oder List. Jener gehört
dem geräuschvollen öffentlichen Leben, dieses dem stillen häuslichen Cirkel. Der Mann
arbeitet im Schweiße seines Angesichtes und bedarf erschöpft der tiefen Ruhe; das Weib ist
geschäftig immerdar, in nimmer ruhender Betriebsamkeit. Der Mann stemmt sich dem
Schicksal selbst entgegen, und trotzt schon zu Boden liegend noch der Gewalt; willig beugt
das Weib sein Haupt und findet Trost und Hilfe noch in seinen Thränen¢ (BROCKHAUS 1815)
EINLEITUNG
'Gefesselt an sein evolutionäres Erbe, gesteuert vom Diktat der Gene und Hormone, irrt der Mensch in seinem Triebleben umher.' (DER SPIEGEL, 5/95)
Alle Macht den Genen?
DER SPIEGEL macht hier auf ein Phä nomen aufmerksam, das - durchaus nicht neu - im Zuge der Genforschung neuen Aufschwung erhä lt: Die Wiederkehr des biologischen Fundamentalismus (DER SPIEGEL, 5/93). Mit zweifelhaften Entdeckungen versuchen Vertreter dieser Denkrichtung £ £
den Einfluß der Erbanlagen auf das Verhalten des Menschen zu belegen. Vor allem Thomas J. Bouchard von der Universitä t of Minnesota ist sich sicher: Charakterzü ge werden genetisch festgelegt, determiniert - ja selbst £
Religiositä t, politische Ausrichtung, Zufriedenheit im Beruf und sexuelle Neigung (DER SPIEGEL, 51/93 u. 16/95). £
- Das ist nicht neu.
Bereits im 18. Jahrhundert wurde ein biologistisch geprä gtes Denkmodell, das bestimmte Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen von Menschen auf eine genetische Determination desselben zurü ckfü hrt, im Bü rgertum aufgegriffen. Damals diente es zur Generierung eines neuen bü rgerlichen Familien- und Rollenverstä ndnisses und rü ckte sog. geschlechtsspezifische £
Wesensmerkmale von Mann und Frau in den Mittelpunkt des Interesses. £
Modell, das bis in unser Jahrhundert hinein in weiten Kreisen der Bevölkerung auf Interesse und Anklang stößt. Gerade die Selbverstä ndlichkeit, mit welcher Gedanken aus diesem Theoriegerü st immer wieder zitiert werden, macht neugierig auf seine Entstehung, Funktion und die Konsequenzen fü r die sich an diesem Modell orientierenden Menschen einer Gesellschaft. Diesen Fragen soll in den folgenden Ausfü hrungen nachgegangen werden.
1.0. TYPISIERUNG VON MANN UND FRAU
Das bereits angesprochene Phä nomen der geschlechtsspezifischen Typisierung von Mann und Frau, das Wissenschaftler aller Fakultä ten bis hinein
in unser Jahrhundert beschä ftigt, soll in dieser Arbeit nach HAUSEN
()
als die Polarisierung der Geschlechtscharaktere
£ £
mittlerweile gä ngige Bezeichnung fü r eine biologistische Theorie, die im 18. Jahrhundert v.a. von der bü rgerlichen Bewegung her konstituiert wurde. Die darin proklamierte Arbeitsteilung von Mann und Frau gab es zwar auch in frü heren Jahrhunderten, jedoch mit dem großen Unterschied, daß spezifische Aufgaben - bis auf wenige Ausnahmen, wie das Stillen - nicht am Geschlecht festgemacht wurden. Erst Mitte des 18. Jahrhunderts im Zuge einer Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben (HAUSEN 1976) konnte diese £ £
Idee, die in engem Zusammenhang mit den sozialen Entwicklungen im Bü rgertum gesehen werden muß, auf bereiten Boden fallen.
1.1. Geschlechtscharaktere: Spezifische Wesenszuschreibungen fü r Mann und Frau
Der Begriff ’Geschlechtscharaktere’ bildete sich im 18. Jahrhundert heraus und wurde im 19. Jahrhundert allgemein verwandt, um die ’mit den physiologischen korrespondierend gedachten psychologischen
Geschlechtsmerkmale zu bezeichnen’ (HAUSEN 1976). Schon damals war man bestrebt, die Natur bzw. das Wesen von Mann und Frau zu erfassen, gegeneinander abzugrenzen und in ein Ordnungsschema zu bringen. Intention war - entgegen aufklä rerischen Einflü ssen - ein System zu entwerfen, das die im Alltag des ganzen Hauses schon vielfach praktizierte £ £
geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und Rollenzuschreibung normativ aufrechterhalten und neu legitimieren sollte. Die Bezeichnung Geschlechtscharaktere ist in zahlreichen Abhandlungen bis £ £
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ins 20. Jahrhundert hinein unter Stichwö rtern wie Geschlechtstypologie , - £ £ £
spezifika , Weib , Geschlecht u.ä . zu finden. Zwei Lexikonauszü ge, fast 100 £ £ £ £ £
Jahre liegen zwischen ihnen, sollen an dieser Stelle das damals fü r selbstverstä ndlich gehaltene unterschiedliche Wesen von Mann und Frau kurz skizzieren. Folgende Abhandlung, entnommen aus dem BROCKHAUS von 1815, verdeutlicht die grundlegende Unterscheidung von mä nnlichen und weiblichen Geschlechtsmerkmalen:
Daher offenbart sich in der Form des Mannes mehr die Idee der £
Kraft, in der Form des Weibes mehr die Idee der Schö nheit.... Der Geist des Mannes ist mehr schaffend, aus sich heraus in das Weite hineinwirkend, zu Anstrengungen, zur Verarbeitung abstracter Gegenstä nde, zu weitaussehenden Plä nen geneigter; unter den Leidenschaften und Affecten gehö ren die raschen, ausbrechenden dem Mann, die langsamen, heimlich in sich selbst gekehrten dem Weibe an. Aus dem Manne stü rmt die laute Begierde; in dem Weibe siedelt sich die stille Sehnsucht an. Das Weib ist auf einen kleinen Kreis beschrä nkt, den es aber klarer ü berschaut; es hat mehr Geduld und Ausdauer in kleinen Arbeiten. £
Unter dem Stichwort Geschlechtseigentü mlichkeiten kann man - fast ein £ £
Jahrhundert spä ter - in MEYER S Groß em Konversationslexikon (1904) £
folgenden Kommentar zu psychischen Unterschieden nachlesen:
Auch psychische Geschlechtseigentü mlichkeiten finden sich vor; £
beim Weib behaupten Gefü hl und Gemü t, beim Manne Intelligenz und Denken die Oberhand; die Phantasie des Weibes ist lebhafter als die des Mannes, erreicht aber seltener die Hö he und Kü hnheit wie bei letzterem. £
Diese pseudowissenschaftlichen Ausfü hrungen, ein Gemisch aus den unterschiedlichsten Disziplinen wie Biologie, Psychologie, Soziologie u.a., dienten u.a. als Grundlage fü r die Herausbildung eines bü rgerlichen
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Familienideals mit normativen Vorstellungen und Zuweisungen fü r die Rolle des Mannes und der Frau in der Gesellschaft. Ähnliche Vorstellungen und Wesenszuschreibungen von Mann und Frau haben sich bis weit hinein in unser 20. Jahrhundert behaupten kö nnen und nehmen - mehr oder weniger bewußt - nach wie vor Einfluß auf gesellschaftliche Entwicklungsbedingungen von Jungen und Mä dchen. So beschreibt SEELMANN - 1970 ! - die Rolle von Vater und Mutter in seinem kleinen Buch zum Vor- und Selberlesen fü r 9 bis 14-jä hrige Mä dchen und £
Buben ganz im Sinne der Polarisation von Geschlechtscharakteren . Ein £ £ £
Auszug zur Position des Vaters in der Familie soll hier in gekü rzter Form wiedergegeben werden:
Der Vater hat noch etwas sehr Wichtiges zu leisten: er geht zur £
Arbeit und verdient das Geld, wovon die Familie lebt... Der Vater sichert damit das tä gliche Leben fü r alle.. Er denkt ü ber eure Zukunft nach und paßt auf, was fü r Begabungen bei euch sichtbar werden... Er macht mit euch Ausflü ge .... Der Vater wird oft von den Kindern nicht so geliebt...Aber man hat ihn in anderer Weise gern. Man schä tzt sein Wissen und seine Gerechtigkeit. Er kennt sich im ö ffentlichen Leben aus und erreicht auch mehr, wenn er einmal mit dem Lehrer spricht. Er geht aufs Finanzamt und kennt sich mit Steuern, Gehaltsstufen und Maschinen gut aus. Manchmal muß ihn auch die Mutter fragen, wenn sie sich nicht ganz im klaren ist. Er weiß fast immer eine Auskunft zu geben... Fast immer ist der Vater sportlicher als die Mutter und freut sich, wenn seine Kinder Mut und Schneid zeigen....Er ist der Mann der ö ffentlichen Welt. Er arbeitet außerhalb der Familie und ist geschä tzt unter seinen Kameraden. Deshalb weiß er von vielen Dingen der großen Welt, vom Berufsleben, von der Politik usw. meist besser Bescheid als die Mutter... Er hat schon viel gesehen und erlebt und hat sich viele Gedanken darü ber gemacht... Wenn er gut aufgelegt ist, lä ßt er leicht einmal ein paar Mark springen und ist oft großzü giger als die
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sparsame Mama...Vielleicht entschuldigt die Mutter leichter und verteidigt das Kind vor dem Vater. Er aber sieht wie der Richter das ü bertretene Gesetz und redet dann ernste Sä tze mit Sohn und Tochter und straft auch, weil er seine Kinder zu richtigen Menschen erziehen will...So ist die Mutter unsere Vertraute und der Vater unser Vorbild. Von der Mutter lernt man das Lieben und Einfü hlen, vom Vater das Denken und Sich-Beherrschen. Der Vater sorgt fü r unsere Lebenssicherheit und das Geld; die Mutter aber bringt es fertig, daß es bei uns zuhause recht gemü tlich und erfreulich ist und daß sich alle wohl fü hlen.... £
1.2. Polarisierung: Mann und Frau als Gegenpole
Ausgehend von einer naturgegebenen Entgegensetzung £
zusammengehö riger und zu gemeinschaftlichem Produktionszweck wirkender Krä fte (HAUSEN 1976) im Tierreich wurde synonym hierzu ein ä hnliches £
Kontrastprogramm fü r den Menschen entworfen, das geschlechtsspezifische Zuschreibungen fü r Mann und Frau vorsieht. Dieses Aussagesystem geht von einer naturgegebenen Rollenteilung aus, bei welcher dem Mann, der fü r das ö ffentliche Leben bestimmt ist, jeweils die Aufgabe der gesellschaftlichen Produktion zukommt, welche er nur mit seiner geschlechtstypischen Aktivitä t und Rationalitä t zu bewä ltigen vermag. Demgegenü ber steht die Frau, die zur privaten Reproduktion im hä uslichen Bereich bestimmt ist und deren Wesen eher als passiv und emotional beschrieben werden kann. Eine Zusammenstellung der polarisierten Merkmalsgruppen, jeweils nach mä nnlich und weiblich differenziert, findet sich im Anschluß wieder. Sie ist den Ausfü hrungen von HAUSEN (1976) entnommen, die Abhandlungen aus unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen (medizinische, pä dagogische, psychologische, literarische Schriften) sowie diverse Lexika nach dieser £ £
Polarisierung durchforstet hat und zu folgender Aufstellung (Tab. 1) gelangt ist:
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Das groß e Konversationslexikon von MEYER (1848) bringt diese geschlechtstypologischen Vorstellungen auf den Punkt, wenn recht ausfü hrlich in einem 10-seitigen Artikel ü ber Geschlechtseigentü mlichkeiten £ £
u.a. folgendes berichtet und definiert wird:
Das Mä nnliche (gilt) als das relativ vorzugsweise Individuelle, das £
Weibliche als das relativ vorzugsweise Universelle, wobei Individualitä t den Charakter der Selbstheit, Selbstä ndigkeit, der Kraft und Energie, der mö glichsten Begrenzung und Abgeschlossenheit, des Antagonismus; - Universalitä t hingegen den der Abhä ngigkeit, Unbestimmtheit, Verschmelzung, Hingebung, der Sympathie hat. £
Wie in den weiteren Ausfü hrungen noch zu begrü nden sein wird, kann es natü rlich nicht als Zufall gesehen werden, daß das sog. naturgegebene £
Wesen der Frau primä r auf ihre Fortpflanzungs-bzw. patriarchalisch- £
orientierten Familienpflichten ausgerichtet ist, das des Mannes hingegen dem Kulturzweck entgegenkommt.
Diese Polarisierung der Geschlechtscharaktere wurde etwa im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts generiert und verfestigte sich - letztlich durch Medizin, Psychologie und Anthropologie wissenschaftlich fundiert - zunehmend im 19. Jahrhundert. Das vorgezeichnete Modell wirkt nicht zuletzt bis in unser Jahrhundert hinein, wenn in biologistischen Erklä rungstheorien die Geschlechterdifferenz naturalistisch begrü ndet wird (BAST 1988). Im Aufklä rungswerk von Dr. med. HOLM (1959) -Mach mich glü cklich - wird £ £ £ £
unter der Überschrift Gleichberechtigung und biologische Gesetze £ £
folgendes ausgefü hrt:
Wie weit die Gleichberechtigung von Mann und Frau noch £
getrieben werden wird, ja sogar, wenn die Frau tatsä chlich einmal die Leitung des Staatsgeschicks ü bernä hme ..., niemals wird deshalb das biologische Gesetz auß er Kraft treten. Immer wird die Frau
Arbeit zitieren:
Ulrike Roppelt, 1995, Die Polarisierung der Geschlechtscharaktere - Leistung oder Irrweg der bürgerlichen Familienentwicklung?, München, GRIN Verlag GmbH
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