Otto-Friedrich-Universität Bamberg Wintersemester 1995/96
Seminar: Fröbel-Montessori-Steiner, Vergleich und Aktualität
Hausarbeit mit dem Thema:
Waldorfpädagogik im Kindergarten:
Metaphysische Kunstlehre oder praxisnahe
Erziehungskunst?
Ulrike Roppelt
WALDORFP ÄDAGOGIK IM KINDERGARTEN:
METAPHYSISCHE KUNSTLEHRE ODER PRAXISNAHE ERZIEHUNGSKUNST?
GLIEDERUNG
RUDOLF STEINER - EIN KURZER BIOGRAPHISCHER ABRISS
1. EINLEITUNG: ERZIEHUNG ALS KUNST
2. GRUNDLAGEN DER WALDORFPÄDAGOGIK
2.1. ERFORSCHUNG UND KENNTNIS DES MENSCHEN
2.2. DER MENSCH ALS DREIGLIEDRIGES WESEN
2.3. DIE VIER LEIBER DES MENSCHEN
2.4. DIE VIER TEMPERAMENTE
2.5. DIE SCHÜTZENDEN HÜLLEN DER MENSCHLICHEN WESENSGLIEDER
2.6. DIE ENTWICKLUNG DER WESENSGLIEDER IM SIEBENJAHRESRHYTHMUS
3. DAS ERSTE JAHRSIEBT - ZENTRALE THESEN
3.1. DAS KIND IST GANZ SINNESORGAN
3.2. LEIB UND SEELE SIND UNTRENNBAR VERBUNDEN
3.3. LERNEN DURCH TUN
3.4. PHYSIOGNOMISCH-WESENHAFTES WELTBILD DES KINDES
3.5. WOLLEN ALS VORHERRSCHENDE SEELISCHE FUNKTION
3.6. DAS KIND LERNT DURCH NACHAHMUNG
4. INNERE STRUKTUR UND ÄUßERER RAHMEN DES KINDERGARTENS
4.1. STRUKTURELLE GEGEBENHEITEN
4.2. BAULICHE BESONDERHEITEN VON ANTHROPOSOPHISCHEN EINRICHTUNGEN
5. ERZIEHERINNENPERSÖNLICHKEIT
5.1. WELTANSCHAULICHER HINTERGRUND UND AUSBILDUNG
5.2. SIXTINISCHE MADONNA ALS URBILD
5.3. ERZIEHERIN ALS MUTTER
5.4. ERZIEHERIN ALS VORBILD
5.5. ELTERNARBEIT
6. PÄDAGOGISCHE GRUNDPRINZIPIEN IM KINDERGARTEN
6.1. ZAUBERWORT: NACHAHMUNG UND VORBILD
6.2. ZAUBERWORT: RHYTHMUS UND WIEDERHOLUNG
6.3. ANTHROPOSOPHISCHE SPIELFÖRDERUNG
6.4. KÜ NSTLERISCH-MUSISCHE ERZIEHUNG
7. WALDORFP DAGOGIK IM KINDERGARTEN: METAPHYSISCHE KUNSTLEHRE ODER PRAXISNAHE
7.
ERZIEHUNGSKUNST ?
7.1. STEINERS ERKENNTNISTHEORIE
7.2. ERSTES LEBENSJAHRSIEBT UND EMPIRISCHE WISSENSCHAFT
7.3. KRITIK AN DER WALDORFPÄDAGOGIK - IMPULSE AUS DER WALDORFPÄDAGOGIK
8. AUSBLICK
LITERATURVERZEICHNIS
’DAS KIND IST IN EHRFURCHT AUFZUNEHMEN, IN LIEBE ZU ERZIEHEN UND IN FREIHEIT ZU ENTLASSEN.’ (STEINER NACH LEHNER 1994)
Abb. 1 - Rudolf Steiner (Waldorfpä dagogik
RUDOLF STEINER (ABB. 1) WURDE AM 27. FEBRUAR 1861
IN KRALJEVEC ALS KIND EINES EISENBAHNBEAMTEN GEBOREN. NACH SEINEM ABITUR 1879 STUDIERTE ER MATHEMATIK, NATURWISSENSCHAFTEN UND PHILOSOPHIE IN WIEN. 1882 - 87 ARBEITETE ER AN DER HERAUSGABE DER NATURWISSENSCHAFTLICHEN SCHRIFTEN GOETHES UND WAR 1884 - 89 ZUGLEICH ALS HAUSLEHRER T¡ TIG. AB 1890 WAR RUDOLF STEINER MITARBEITER AM GOETHE- UND SCHILLER-ARCHIV IN WEIMAR UNDTRAT DURCH REICHE SCHRIFTSTELLERISCHE T¡ TIGKEIT HERVOR, DIE STEINERS AUSEINANDERSETZUNG MIT DER EUROP¡ ISCHEN GEISTESGESCHICHTE (HEGEL, FICHTE, GOETHE) UND MIT ZEITGENÖSSISCHEN DENKERN (NIETZSCHE, HAECKEL) SPIEGELT. ALS 30J¡ HRIGER PROMOVIERTE STEINER ZUM DOKTOR DER PHILOSOPHIE. BALD DARAUF ERSCHIEN SEIN BUCH ’DIE PHILOSOPHIE DER FREIHEIT’. IN DIESEM WERK FANDEN SICH BEREITS WESENTLICHE GRUNDLAGEN DESSEN, WAS RUDOLF STEINER SP¡ TER ZUR ANTHROPOSOPHIE, SEINER GEISTESWISSENSCHAFTLICHEN LEHRE, AUSBAUTE. 1897 Ü BERSIEDELTE STEINER NACH BERLIN UND WURDE DORT MITHERAUSGEBER DES ’MAGAZINS FÜ R LITTERATUR’. 1899 - 1904 WIRKTE ER AUCH AN DER ’ARBEITERBILDUNGSSCHULE’; ER VERKEHRTE IN VERSCHIEDENEN LITERATENKREISEN BERLINS UND BEGANN MIT EINER UMFANGREICHEN VORTRAGST¡ TIGKEIT, DIE IHN DURCH GANZ EUROPA FÜ HRTE. 1904 SCHRIEB ER SEIN ERSTES WERK ZUR BEGRÜ NDUNG DER ANTHROPOSOPHIE ALS UMFASSENDE GEISTESWISSENSCHAFT. IN SEINE WERKE FINDET EINE UMFASSENDE KENNTNIS DER ZEITGENÖSSISCHEN WISSENSCHAFTEN EINGANG, DIE IN DENKERISCHEN ZUSAMMENHANG GESTELLT UND DURCH
OKKULTES WISSEN ERG¡ NZT WIRD. 1913 BEGRÜ NDETE STEINER DIE ANTHROPOSOPHISCHE GESELLSCHAFT. DIE GRÜ NDUNG DER FREIEN WALDORFSCHULE MIT EINER EIGENEN P¡ DAGOGIK, DIE AUSGESTALTUNG DER HEILP¡ DAGOGIK UND VORSCHULERZIEHUNG FOLGTEN. IM LAUFE DER N¡ CHSTEN JAHRE BIS ZU SEINEM TOD 1925 ENTWARF STEINER AUS SEINER ’GANZHEITLICHEN MENSCHENKENNTNIS’ HERAUS IMPULSE FÜ R MEDIZIN UND PHARMAZIE (Z.B. KREBS-MISTELTHERAPIE), THEOLOGIE, LANDWIRTSCHAFT (BIOLOGISCH-DYNAMISCHER ANBAU) UND ARCHITEKTUR (VGL. BROCKHAUS 1993).
Grundlagen der Waldorfpä dagogik 7
1. EINLEITUNG: ERZIEHUNG ALS KUNST Für Rudolf Steiner soll das Erziehen und Unterrichten ... zu einer wirklichen Kunst werden¢ , zur ¢ Erziehungs-Kunst, deren lebensvolle Grundlage die Geisteswissenschaft sein muߢ (nach ¢
Berger 1986). Steiner - ganz Kind seiner Zeit - stand damit durchaus im Einklang mit der Kunsterziehungsbewegung als pä dagogische Strömung um die Jahrhundertwende. Kunst spielt in der Waldorfpä dagogik in mehrfacher Hinsicht eine entscheidende Rolle, sei es die Auffassung von Pä dagogik als Kunstlehre, die Sichtweise von Erziehung als künstlerische Aufgabe, Kunst als integrales Prinzip der Erziehung oder Kunst als Erziehungsmittel.
Es ist schwierig, wirkliche Kunst zu beschreiben und in Worte zu fassen.
Diese Arbeit möchte trotzdem den Versuch wagen, diese Erziehungskunst in ihren Grundzügen zu umreißen. In einem ersten Teil sollen die wichtigsten Grundlagen dieser Kunstlehre benannt werden - im Vordergrund stehen hierbei v.a. Aussagen zur Sichtweise und Entwicklung des Menschen im Vorschulalter. Der Schwerpunkt der Arbeit befaßt sich mit der praktischen Umsetzung dieser Kunstlehre - hier soll ein möglichst umfassendes Bild des tä glichen Kindergartenalltags in seinen Grundzügen skizziert werden.
2. GRUNDLAGEN DER WALDORFP DAGOGIK
Will man das Wesen der Seele durchschauen, so muß man das Gesetzmä ß ige mit ¢
kü nstlerischer Gestaltungskraft in der Erkenntnis durchdringen. Der Erkennende muß zum kü nstlerisch Schauenden werden¢ (Steiner nach Barz 1993).
Steiners Anthropsophie begreift Erziehung weder vorrangig als Sozialisationsprozeß , noch im Sinne des Behaviorismus - in erster Linie orientiert sie sich an entwicklungspsychologischen und entwicklungsphysiologischen Aspekten.
Die anthroposophische Menschenkunde - in Tab. 1 im Ü berblick dargestellt - ist demnach der Angelpunkt der Waldorfpä dagogik, aus dem alle weiteren Grundaussagen hervorgehen.
2.1. Erforschung und Kenntnis des Menschen
Da sich erst aus den Erkenntnissen ü ber das Wesen des Menschen pä dagogische Forderungen ableiten lassen, muß nach Steiner .. alle wirkliche Pä dagogik, alle wirkliche ¢
Didaktik auf Menschenkenntnis beruhen. Dazu muß man sich aber erst die Mö glichkeit verschaffen, in das Wesen des Menschen sachgemä ß einzudringen¢ (nach Hobmair 1989). Fü r jenes sachgemä ß e Eindringen¢ reichen nach Steiners Ü berzeugung jedoch die ¢
Erhebungsmethoden der empirischen Wissenschaften nicht aus, da sie bei ihrer Erforschung lediglich die kö rperlichen Aspekte erforschen kö nnen. Die Sinneswissenschaft¢ kö nne nur auf ¢ ¢
8 Grundlagen der Waldorfpä dagogik
den Leib ... auf kö rperhafte Vorgä nge gerichtet sein; sie kommt nicht zu einer Erfassung des ganzen Menschen¢ (Steiner nach Hobmair 1989).
2.2. Der Menschen als dreigliedriges Wesen
So ist der Mensch Bü rger dreier Welten. Durch seinen Leib gehö rt er der Welt an, die er auch ¢
mit seinem Leibe wahrnimmt; durch seine Seele baut er sich seine eigene Welt auf; durch seinen Geist offenbart sich ihm eine Welt, die ü ber die beiden anderen erhaben ist¢ (Steiner nach Barz 1993). Aufgabe der Erziehung muß es nun sein, gü nstige Lebensbedingungen fü r ¢
Kinder zu schaffen und ganzheitliches Erleben zu ermö glichen, das seinen Leib gesund, seine Empfindung kraftvoll und seinen Geist hell macht¢ (Steiner nach Lehner 1994). Da der Mensch in seiner Ganzheit auß er seinem Kö rper auch eine Seele und einen Geist besitzt (Tab. 1), die sich jeder naturwissenschaftlichen Herangehensweise entziehen, ist es fü r Steiner unumgä nglich, die bestehende Wissenschaft um jene Methoden zu erweitern, die das menschliche Wesen in seiner Ganzheit erfassen kö nnen. Mit seiner anthroposophischen Geisteswissenschaft versucht Steiner diese methodische Grundlage zu schaffen, die als Basis der Waldorfpä dagogik angesehen werden kann.
2.3. Die vier Leiber des Menschen
Weiterhin spricht die Anthroposophie dem Menschen vier Wesensglieder zu (Tab. 1): Der physische Leib ist ein menschliches Wesensglied, das aus Materie besteht, und in dem chemische und physikalische Krä fte wirksam sind. Der therleib als zweites Wesensglied des Menschen ist Trä ger der Wachstums- und £
Fortpflanzungskrä fte, der Gewohnheiten und Neigungen sowie des Gedä chtnisses. Der Astralleib als drittes Wesensglied ist Trä ger der menschlichen Empfindungen, insbesondere der Lust, Unlust und der Begierden.
Der Ich-Leib als hö chstes menschliches Wesensglied ist der Trä ger des Bewuß tseins, der Individualitä t, des unsterblichen Wesenskerns des Menschen¢ (vgl. Hobmair 1989). Obwohl man meinen kö nnte, daß diese in vielen Teilen esoterisch anmutende Wissenschaft eher auf Imagination, Inspiration und Intuition¢ basiert, ist das Schaubild doch auch ¢
deutlicher Hinweis auf Steiners Schwä che fü r schö ne Systeme, die in mathematischer ¢
sthetik aufgehen¢ (Barz 1993). £
Grundlagen der Waldorfpä dagogik 9
Aus dem Zusammenspiel der vier Wesensglieder leitet Steiner den Grundtyp eines jeden Individuums ab. Der eher dominante Leib in der Gesamtkonstellation manifestiert sich im Erscheinungsbild eines der vier Temperamente.
2.4. Die vier Temperamente
Abb. 2 - Karikatur der vier Temperamente (TPS-Extra 1992) fehlt
Die klassische Einteilung der Temperamente in vier Grundtypen (Melancholiker, Choleriker, Sanguiniker und Phlegmatiker) geht auf die antike Temperamentenlehre von Hippokrates und den rö mischen Arzt Galen (ca. 200 n. Chr.) zurü ck (vgl. Brockhaus 1993). Dieser Medicus versuchte einen Zusammenhang zwischen Temperament und dem Mischungsverhä ltnis der Kö rpersä fte¢ zu belegen. Die Temperamentenkunde, die von Steiner aufgegriffen und in ¢
seine Lehre integriert wurde (Abb. 2), ist noch heute - weit nach der Blü tezeit der Charakterkunde - ein fester Bestandteil der Waldorfpä dagogik. Im Vorschulbereich wird dieser Typologie und den daraus resultierenden pä dagogischen Forderungen noch nicht so viel Gewicht beigemessen und soll aus diesem Grunde hier nicht vertieft ausgefü hrt werden.
2.5. Die schützenden Hüllen der menschlichen Wesensglieder
Wie der Mensch bis zu seinem Geburtszeitpunkt von einer physischen Mutterhü lle, so ist er bis ¢
zur Zeit des Zahnwechsels, also bis etwa zum siebten Jahre von einer therhü lle und einer £
Astralhü lle umgeben¢ (Steiner nach Hobmair 1989).
Arbeit zitieren:
Ulrike Roppelt, 1996, Waldorfpädagogik im Kindergarten: Metaphysische Kunstlehre oder praxisnahe Erziehungskunst?, München, GRIN Verlag GmbH
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