Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
2. Die Stellung des Präsidenten im US-amerikanischen Präsidialsystem 5
3. Bedeutung, Funktion und Kritik von Wahlkampfdebatten in der mediatisierten
amerikanischen Politikkultur 7
3.1 Politikperspektive: Entwicklung der Bedeutung von Wahlkampfdebatten in der
jüngeren amerikanische n politischen Geschichte 7
3.2 Wählerperspektive: Debatten und ihr Einfluss auf den amerikanischen Wähler
und seinen Wahlentscheid 11
3.3 Medienperspektive: Kritische Betracht ung amerikanischer Wahlkampfdebatten
unter dem Blickwinkel der Medienlogik 15
4. Schlußbetrachtungen 19
Anhang 21
Quellenverzeichnis 23
Buch- und Zeitschriftenressourcen 23
Internetressourcen............................................................................................... 25
Videoressourcen................................................................................................... 26
2
„I know one thing about the position of the president. It’s the only position in our Constitution that’s filled by an individual who is given the re-
„In an election process in which citizens are regularly bombarded with banal media messages, debates are granted a special status in the hierarchy of campaign communication forms. The public accords greater credence to debates than to news coverage and candidate advertising.” 2
1 Video-Ausschnitt 2, 3:26.
2 Owen, S. 139.
3
1. Einleitung
Im amerikanischen Wahlkampf versinnbildlichen die im Fernsehen übertragenen Wahlkampfdebatten während der general election Wahlkampfphase wie kaum ein anderes Ereignis den medienwirksamen Wettstreit zwischen den Kandidaten. Interessierten Beobachtern der amerikanischen Politikszene werden deshalb nicht nur die Kontroversen um den Ausgang der letzten Wahl im Gedächtnis geblieben sein, sondern auch die Wahlkampfdebatten, die im Oktober 2000 zwischen George W. Bush und Al Gore in Szene gesetzt wurden. Fernsehdebatten haben seit ihrem ersten Einsatz, der auf den Wahlkampf zwischen Nixon und Kennedy im Jahr 1960 zurückreicht, in der amerikanischen Politik immens an Bedeutung gewonnen. Präsidentschaftskandidaten konnten seither stets sicher sein, daß „anywhere between 60 ... and 90 percent of the population tun[e] in to at least part of a debate“ 3 . Damit sind Fernsehdebatten heute als „institutions of the American electoral process” 4 kaum noch aus dem Wahlkampfgeschehen wegzudenken und werden alle vier Jahre von Politik, Wahlvolk und Medien gleichermaßen, wenn auch aus unterschiedlicher Grundmotivation, mit großer Spannung erwartet.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, Wahlkampfdebatten unter Berücksichtigung der Eigenarten des amerikanischen Präsidialsystems und der Medienlogik sowohl in ihrer geschichtlichen Entwicklung darzustellen als auch Gründe für ihren stetigen Bedeutungsgewinn und damit verbundene Problemstellungen aufzuzeigen.
Im ersten Kapitel soll auf die wichtigsten Besonderheiten des präsidialen amerikanischen Regierungssystems eingegangen werden. Ein besonderer Blick wird auf die Stellung des US-Präsidenten in der amerikanischen Verfassung zu werfen sein, die, wie zu argumentieren sein wird, die Entstehung einer ausgeprägten Wahlkampfdebattenkultur in den USA begünstigte. Im Hauptteil der Arbeit soll die Stellung von Wahlkampfdebatten in der von starkem Medieneinfluß geprägten amerikanischen Politikkultur analysiert werden. Bei dieser Betrach-tung soll zuerst die geschichtliche Entwicklung der Bedeutung von Wahlkampfdebatten für die Politik dargestellt werden. Im Anschluß wird auf den Einfluß von Debatten auf den Wähler und seinen Wahlentscheid einzugehen sein, um daraufhin Wahlkampfdebatten kritisch aus dem Blickwinkel von Medieninteressen und Medienlogik auszuleuchten. Einige Schlußbemerkungen wollen die argumentativen Punkte der vorliegenden Arbeit zusammenführen und zugleich auch einen Blick in die Zukunft der amerikanischen Wahlkampfdebattenkultur wagen.
3 Owen, S. 139.
4 ibid, S. 136.
4
2. Die Stellung des Präsidenten im US-amerikanischen Präsidialsystem
Die Gründerväter der Vereinigten Staaten gaben der US-Verfassung die Form einer Präsidialdemokratie. Dies sollte einschneidende Auswirkungen auf die Stellung der verschiedenen Verfassungsorgane und ihrem Verhältnis untereinander haben. Es ergaben sich speziell bei der Stellung des US-Präsidenten Besonderheiten, die sich von Position und Funktion eines Premierministers oder Kanzlers in Verfassungen europäischer Provenienz deutlich absetzen. Der amerikanische Präsident wird in Volkswahl über ein Wahlmännergremium von den Bürgern auf vier Jahre gewählt und kann sein Amt nach möglicher einmaliger Wiederwahl maximal für acht Jahre ausüben. Die Direktwahl verleiht ihm nicht nur ein einmaliges und außergewöhnlich hohes Maß an Legitimation in seiner Repräsentanz des Volkswillens, son-dern zugleich auch eine starke Bindung und Verantwortung gegenüber dem Wahlvolk. In Amerika gilt der Präsident als nationales Identitätssymbol und zentrale Führerfigur. Er wird als Symbol nationaler Einheit inmitten vielfältigster ethnischer und geographischer Verschiedenheit verehrt. Das Volk erwartet, daß der Präsident „die Nation, ihr Denken und Fühlen, überzeugend zu repräsentieren, die kollektive Seele der Nation anzusprechen und die Bürger zusammenzubinden [vermag]“ 5 . In der jüngeren amerikanischen Geschichte vermochte dies Ronald Reagan während seiner Präsidentschaft in den 80er Jahren wohl mehr als jeder andere Präsident zu tun, unter anderem mit seiner emotionalisierenden und allegoriereichen Bezugnahme auf Amerika als „shining city upon a hill“ 6 . Hollywood hat die zentrale Stellung des Präsidenten in der amerikanische n Psyche in zahlreichen Filmen anschaulich fiktionalisiert. Es sei zur Illustration u.a. an die Verkörperung des US-Präsidenten durch Michael Douglas in dem Film „The American President“, Harri-son Ford in „Air Force One“ und Bill Pullmann in „Independence Day“ erinnert. Die Aufgaben des amerikanischen Präsidenten sind vielfältiger Art. Er verkörpert Staatsoberhaupt und Regierungschef in einem, er steht dem ausgedehnten Verwaltungsapparat der Bundesbürokratie vor, ist zudem Oberbefehlshaber der Streitkräfte, oberster US-Diplomat und gilt inoffiziell auch als Chef seiner Partei.
Das in der amerikanischen Verfassung stark ausgeprägte System von checks and balances sorgt dafür, daß „die klassischen Gewalten Präsident und Kongreß zwar institutionell strikt vone inander getrennt [sind], aber für die Durchsetzung ihrer politischen Vorstellungen in hohem Maße aufeinander angewiesen und ineinander verschränkt [sind] 7 . Eine institut ionelle
5 Wasser (1996), S. 112.
6 PBS NewsHour, “Debates and Campaigns”, “1980”.
7 Wasser (1996), S. 108.
5
Schwäche des Präsidenten zeigt sich beispielsweise in der Zustimmungspflicht des Kongresses zu Personalentscheidungen, außenpolitischen Vertragsschlüssen und Budgetvorschlägen des Präsidenten. Seine Funktion als indirekter Gesetzgeber hängt oft von seiner Gunst im Kongress ab, wobei sich der Präsident in seiner agenda setting Funktion oft in einer „strategy of going public“ 8 direkt ans Volk wendet, um Druck auf den Kongreß auszuüben. Erfolg oder Mißerfolg einer Präsidentschaft hängen somit jedoch nicht nur von den verfassungsmäßigen Gegebenheiten, sondern in nicht unerheblichem Maße auch „von der Person des Amtsinhabers, vom Grad der Zustimmung oder Ablehnung, die er in der Nation findet [ab]“ 9 , eine Tatsache, die, vorgreifend auf die Rolle, die der zukünftige Präsident auszuüben haben wird, auch im Wahlkampf ganz unbewußt zum Thema wird. Nicht zuletzt wollen die Wähler einen Kandidaten ins Weiße Haus entsenden, „[who is] in touch with the people“ 10 und der durch die Kraft seines Charismas, seiner E rfahrung, Kompetenz und Überzeugungskraft in Washington politisch etwas bewegen kann. Popkin bemerkt in diesem Zusammenhang, daß „[v]oters care about the competence of the candidate, not just the candidate’s issue positions, because ... they care about what the candidate can deliver from government” 11 .
Die starke Stellung des Präsidenten kontrastiert deutlich mit der der Parteien, denen im präsidialen US-Regierungssystem eine funktionsschwache Rolle zukommt. Die Parteien fungieren überwiegend als Wahlkampfmaschinen, die bei der finanziellen Ausstattung der Kandidaten helfen und oft nur auf den party conventions, als Höhepunkt derer mit viel Showbeilage die jeweiligen Kandidaten für die Präsidentenwahl offiziell gekürt werden, offen zu Tage treten. Die Schwäche des amerikanischen Parteiensystems hat zur Folge gehabt, daß die Kandidaten in der Wahlkampfführung weitgehend auf sich allein gestellt sind und einen stark personalisierten und privatisierten Wahlkampf führen müssen, der weit über europäische Verhältnisse hinausgeht. Auch Wahlkampfstrategien ganz anderer Art sind zur Notwendigkeit geworden, u.a. wird heutzutage eine hohe Medienkompetenz vorausgesetzt, da nur sie es in einer von den Medien geprägten Gesellschaft den Kandidaten ermöglicht, ihre Botschaft erfolgreich ans Wahlvolk zu bringen. Die Benutzung von Wahlkampfdebatten als Mittel politischer Kommunikation in einer solchen Umwelt spielt eine entscheidende Rolle, wie noch im einzelnen aufzuzeigen sein wird. Im folgenden Hauptteil der Arbeit soll es deshalb um die Bedeutung von Debatten für Politik, Wählerschaft und Medien gehen.
8 Kerbel, S. 108.
9 Wasser (1996), S. 108.
10 Just et al., S. 137.
11 Popkin, S. 61.
6
3. Bedeutung, Funktion und Kritik von Wahlkampfdebatten in der mediatisierten amerikanischen Politikkultur
3.1 Politikperspektive: Entwicklung der Bedeutung von Wahlkampfdebatten in der jüngeren amerikanischen politischen Geschichte
Im Fernsehen übertragene Wahlkampfdebatten gehören, mit zeitweiliger Unterbrechung, seit mehr als 40 Jahren zum politischen Prozeß der USA und sind eng mit der Verbreitung des Fernsehens in der amerikanischen Gesellschaft verbunden, die in den 50er Jahren stattfand. Man kann jedoch argumentieren, daß die Entwicklung der Bedeutung von Wahlkampfdebatten bereits sehr viel früher von President Franklin D. Roosevelt vorgezeichnet wurde, dessen „informal radio ´fireside chats´ in the 1930s established new means of communication between politicians and public” 12 . Was das Radio zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu leisten vermochte, sollte vom Fernsehen leicht übertroffen werden. Das Medium Fernsehen, in den 50er Jahren noch von vielen nicht als wirksames Mittel politischer Kommunikation ernst genommen, sollte sich schon bald als mächtiges politisches Instrument herausstellen. Der Siegeszug des Fernsehens als bedeutendstem politischen Kommunikationsmedium begann 1960, als zum ersten Mal eine Wahlkampfdebatte im Fernsehen übertragen wurde. „[ T]elevision”, merkt der Pulitzer-prämierte Journalist Theodore White an, „was ready to set the stage of modern politics“ 13 . Die am 26. September 1960 in Chicago, Illinois abgehaltene etwa einstündigen Debatte zwischen Vizepräsident Richard M. Nixon und Sena tor John F. Kennedy, die als Beginn der Great Debates Serie in die Geschichte eingehen sollte, wurde von CBS live übertragen und von fast 70 Millionen Amerikanern gebannt im Fernsehen ve rfolgt. Kennedys jugendlicher Charme sollte in der Folge seines Fernsehauftritts seiner Kampagne weiteren Schwung verleihen und zu seinem knappen Sieg über Nixon beitragen. Politische Analysten waren sich einig, daß es der Fernsehaspekt in den insgesamt vier im 1960er Wahlkampf durchgeführten Debatten war, der die Entscheidung gebracht hat. White bemerkt hierzu: „It was the picture image [in the debates] that had done it” 14 . Die Art und Weise, wie im Amerika des sich abzeichneten „entertainment-driven electronic media age“ 15 Wahlkämpfe abgehalten werden sollten, würde sich für immer ändern.
Gleichwohl begegneten Kandidaten in den folgenden Jahren Debatten zunächst mit Vorsicht, da sie sich ihrer Eigenschaft als „make-or-break events“ 16 bewußt waren, deren Ausgang von
12 Martin, S. 1 (auf printout).
13 White (1983), S. 165.
14 White (1964), S. 290.
15 Martin, S. 1.
16 Bibby, S. 299.
7
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Christian Jacobi, 2001, Funktion, Bedeutung und Kritik von Wahlkampfdebatten im Kontext der amerikanischen Politik und Mediengesellschaft, Munich, GRIN Publishing GmbH
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