Vorwort
Bis zum Ende meines Fernstudiums war mir nicht klar, welches Thema ich für meine Magisterarbeit wählen sollte. Ich hatte mich mit dieser Frage lange nicht beschäftigt, da mir der ersehnte Zeitpunkt in weiter Ferne, ja fast unerreichbar schien.
Einer der letzten Studienbriefe, die ich während des Studiums zu bearbeiten hatte, half mir, mein Thema zu finden. Die Lektüre des Studienbriefs "Europäer in Italien" von Bernhard DIETERLE gab mir den Anstoß, mich mit dem Thema der europäischen Reiseliteratur im 18. und 19. Jahrhundert zu beschäftigen.
Da ich seit Jahren mit einem Bein im Veneto stehe und Land und Leute lieb gewonnen habe, fiel mir die Eingrenzung des Themas zu Venedig nicht schwer.
Ich möchte an dieser Stelle nicht versäumen, all jenen zu danken, die mich während des Studiums begleitet und unterstützt haben.
Mein besonderer Dank gilt Prof. Dr. Gisbert Ter-Nedden, der mir im Verlauf des gesamten Studiums mit fachlichem Rat zur Seite stand und durch seine freundliche und unkomplizierte Art stets dazu beitrug, anfallende Probleme zu lösen.
Auch allen Menschen meines privaten und beruflichen Umfeldes verdanke ich die Fertigstellung dieser Arbeit, denn es war nicht immer einfach, aufgrund der Doppelbelastung von Beruf und Studium allen die angemessene Zeit und Hinwendung zukommen zu lassen.
Hier möchte ich meine Familie und meinen Lebensgefährten Antonio, sowie all meine Freunde und Kollegen nennen, die es sicher oft nicht leicht mit mir hatten und mir mit viel Toleranz geholfen haben, das Studium zu meistern.
3
Das Centro Servizi Bibliotecari ed Informatici dell' Università Cà Foscari
di Venezia, Cà Bernardo möchte ich nicht vergessen zu erwähnen, denn sie waren
mir bei der Literaturbeschaffung vor Ort sehr behilflich.
4
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
2
I Einleitung
7
II Zur Geschichte des Reisens und der Stadt Venedig
1. Die Geschichte des Reisens
11 1 2 Reiseliteratur als literarische Gattung
2. Venedigs literarische Entwicklung
17 2 1 Venedigbilder im Spiegel der Geschichte
III Venedig im Spiegel der Literatur
1. Vor dem Zerfall der Republik
1.1 Charles de BROSSES
1.1.2 Zur Biographie 26
1.1.3 Publikationsgeschichte 27
1.1.4 Des Präsidenten DE BROSSES
vertrauliche Briefe aus Italien
an seine Freunde in Dijon 1739 1740 28
5
1.2 Johann Caspar GOETHE
1.2.2 Reise durch Italien im Jahre 1740 41
1.3 Johann Wolfgang GOETHE
1.3.1 Einleitung 50
1.3.2 Anlaß und Zweck der Reise 50
1.3.3 Publikationsgeschichte 53
1.3.4 Italienische Reise 54
2. Nach dem Zerfall der Republik
2.1 Madame de STAËL
2.1.2 Zur Biographie 65
2.1.3 Corinna oder Italien 66
2.2 Lord BYRON
2.2.1 Einleitung 74
2.2.2 Zur Person 75
2.2.3 Childe Harolds Pilgerfahrt 76
IV Zusammenfassung
84
V Literaturverzeichnis
Bildanhang
Italien ist seit jeher ein beliebtes Reiseziel. Werden früher Reisen in das Land der Antike unter dem Gesichtspunkt der Bildung, als sogenannte Bildungsreisen unternommen, so sind es heute wohl eher die Sonne und das Meer, die den Massentourismus blühen lassen.
Eine Reise nach Italien führte immer neben Rom, Florenz, Neapel auch nach Venedig.
Woher kommt die Anziehungskraft Venedigs? Was reizt Dichter wie George SAND und Alfred de MUSSET, Hippolyte TAINE, STENDHAL und Heinrich HEINE, oder Maler wie Claude MONET und William TURNER an dieser Stadt?
Ist es der Ausnahmecharakter der Serenissima, die einzigartige geographische Lage, auf Inseln erbaut, von Kanälen durchzogen oder vielleicht ihre politische Sonderstellung, die sie als Republik bis 1797 einnimmt? Hat die Besetzung Österreichs und mit ihr der Zerfall der Republik auf die Lagunenstadt und das Venedigbild in der Reiseliteratur einen Einfluß? Sind dies Voraussetzungen zur Entstehung des Mythos der versunkenen Stadt?
1 MANN, Thomas: Tod in Venedig. In: Sämtliche Erzählungen. In zwei Bänden. Bd. I.
Frankfurt am Main 4 1967, S. 451
8
Ziel meiner Arbeit ist es, zu zeigen, ob und in welcher Weise mit dem historischen Datum von 1797 ein neues Venedigbild in der Reiseliteratur entstand.
Der Rahmen dieser Magisterarbeit ließ es nicht zu, auf alle Aspekte ausführlich einzugehen. Ich sah mich gezwungen, das Thema einzuschränken. Hier boten sich verschiedene Ansätze an: Venedigbilder der einzelnen Dichter, die Darstellung Venedigs in den jeweiligen Nationen oder das Venedigbild der verschiedenen Epochen.
Ich entschied mich für Letzteres: Das Venedigbild in der Literatur europäischer Reisender vor und nach dem Zerfall der Republik.
Bei der Textauswahl fiel meine Entscheidung bewußt auf deutsche, englische und französische Autoren, weil die Vertreter dieser drei Nationen besonders fleißige Reisende waren und großen Einfluß auf die Entwicklung der Reiseliteratur über das Land Italien hatten.
Als Vertreter des Zeitraums vor 1797 werde ich mich mit den "Lettres d'Italie du Président de Brosses" von Charles de BROSSES und der "Viaggio per l'Italia" von Johann Caspar GOETHE befassen.
Die "Italienische Reise" von Johann Wolfgang GOETHE nimmt hier eine Sonderstellung ein. Goethe reist im Jahre 1786 nach Italien und verfaßt während der Reise sein briefähnliches Reisetagebuch für Frau von STEIN. Er erlebt Venedig vor dem Zerfall der Republik. Erst circa dreißig Jahre später, im Jahre 1813, beginnt er die Überarbeitung seines Reisetagebuchs. Er verfaßt die "Italienische Reise" in dem Wissen um die Ereignisse des Jahres 1797 und deren Auswirkungen. "Er tut also nach circa dreißig Jahren so, als hätte er bei seinem Aufenthalt von 1786 den 1797 erfolgten Sturz der Republik erahnt!" 2 Ich möchte sie zeitlich aber dennoch in den Zeitraum vor 1797 einordnen, da sein Venedigerlebnis in diese Zeit fällt.
2 DIETERLE, Bernhard: Die versunkene Stadt. Sechs Kapitel zum literarischen
Venedig-Mythos. Frankfurt am Main 1995. S. 37
9
Die Texte "Corinne ou l'Italie" von Madame de STAËL und "Childe Harold's Pilgrimage" von Lord BYRON fallen in die Zeit nach 1797. Beide Texte sind keine traditionellen Reiseberichte. Madame de STAËLS "Corinne ou l'Italie" steht gattungsmäßig zwischen Reisebericht und fiktionaler Liebesgeschichte. Lord
BYRONS "Childe Harold's Pilgrimage" ist ein episches Gedicht, die Poetisierung
eines Tagebuchs.
Es stellt sich die Frage, ob diese Texte berechtigterweise ihren Platz in dieser Arbeit finden. Ich möchte dies bejahen, denn beide Werke sind auf Reiseerlebnisse zurückzuführen und beschreiben die Stadt Venedig. Somit sind sie durchaus als Reisebeschreibungen zu lesen.
Der Analyse der einzelnen Werke stelle ich einen kurzen historischen Abriß der Gattung Reiseliteratur voran, um dem Leser einen kleinen Einblick in die Tradition der Italienreise, in deren Kontext Venedig immer steht, zu geben.
Das Kapitel zur literarischen Entwicklung Venedigs erscheint mir unerläßlich, da man die Serenissima ohne historischen Hintergrund nicht verstehen kann.
10
II. Zur Geschichte des Reisens und der Stadt Venedig
1. Geschichte des Reisens
1.1 Einführung
Die Sehnsucht nach der Ferne, dem Unbekannten, die Entdeckung des Neuen reizt den Menschen seit langer Zeit in die Fremde zu reisen.
Seit dem 20. Jahrhundert reisen wir zu unserem Vergnügen, zur Erholung, um unseren Urlaub in fremden Ländern zu verbringen.
Reisen ist aber nicht nur ein Phänomen der Zeit nach dem 2. Weltkrieg, denn erst jetzt wird der offizielle Urlaub eingeführt, der das Reisen für jedermann ermöglichen soll. Die Tradition des Reisens geht bis in die Antike zurück. Jede Zeit hat seine eigene Reiseform. In der Antike wird zum Zweck des Handels und der Kriegsführung gereist. Die Pilgerfahrt wird im christlichen Zeitalter unternommen. Marco POLO und Christopher KOLUMBUS reisen im Zeichen der wissenschaftlichen Neugier.
Was auch immer der Anstoß der Reise gewesen sein mag, die Menschheit beginnt früh, ihre Entdeckungen und Erlebnisse aufzuschreiben. In die bloße Reisebeschreibung des Erlebten mischen sich sehr schnell fiktive Elemente. Als großes Werk der Antike dürfte HOMERS "Odyssee" gelten. Er beschreibt die abenteuerliche Reise des Griechen Odysseus.
Trotz der Breite der Thematik soll im folgenden versucht werden, einen kleinen Überblick über die Reiseliteratur, ihre Inhalte und Gestaltungsformen zu geben.
11
1.2 Reiseliteratur als literarische Gattung
Die Reiseliteratur als eine von der Literaturwissenschaft weitgehend vernachlässigte Gattung 3 weist eine Vielzahl von Inhalten und Formen auf. Es ist zwischen fiktionaler und nicht-fiktionaler, oder anders ausgedrückt, zwischen beschreibender und poetischer Reiseliteratur zu unterscheiden. Die Besonderheit dieser Gattung ist, daß ihre Grenzen fließend und schwer zu setzen sind.
Der beschreibenden Reiseliteratur kann ohne Zweifel der Reiseführer zugeordnet werden. Er ist mit seinen sachlichen Angaben und Ratschlägen ein nützlicher und beliebter Begleiter des Reisenden.
Im Reiseführer findet der Reisende alles, was ihm hilft, seine Reise zu planen und durchzuführen. Angefangen von Informationen über das Land und seine Geschichte, seine Menschen und ihre Bräuche, das Regierungssystem, die Beschreibung von Städten und ihrer Sehenswürdigkeiten, dient der Reiseführer mit seinen praktischen Tips dem Reisenden als wichtige Informationsquelle. Der Reisende wird über Reiserouten und Verkehrsmittel, Zahlungsmittel und nicht zuletzt über Unterkünfte und Restaurants informiert.
Reiseführer sind nicht ohne weiteres von der Reisebeschreibung zu trennen. In der Reisebeschreibung werden Reiseerlebnisse und -erfahrungen dichterisch gestaltet und wiedergegeben. Das kann dazu führen, daß die Beschreibung der Zustände in fremden Ländern in die Form des unterhaltsamen Reiseromans übergeht. Von hier ist der Übergang zum humoristisch-satirischen Reiseroman, wie beispielsweise dem Schelmenroman, nicht mehr weit, denn auch in ihm werden Reiseerlebnisse geschildert, allerdings phantasievoll ausgeschmückt:
3 Vgl. WUTHENOW, Ralph-Rainer: Die erfahrene Welt. Europäische Reiseliteratur
im Zeitalter der Aufklärung. Mit zeitgenössischen Illustrationen. Frankfurt am Main
1998. S. 11
12
Da nämlich die menschliche Wahrnehmung kompliziert-variantenreich im Detail sein kann und neben Gesehenem und Erlebtem auch Erinnertes oder phantasievoll Vorgestelltes einzubeziehen vermag, wird es auch möglich, eine Reise nur zum Initiationspunkt für ganz andere schriftstellerische Ambitionen zu machen: sie zu modeln, ins Fiktive zu transponieren, mit vorgestellten Episoden überwuchern zu lassen oder aber Details zu bewerten, etwa über Reisende amüsiert zu lächeln oder das ganze Reisethema scharfzüngig zu verspotten. 4
Es deutet sich der Übergang ins Fiktive an, wie es auch im Reisebericht, einer gefühlshaltigen Reisebeschreibung, zu beobachten ist.
GOETHES "Italienische Reise" wird gern als Reiseführer genutzt. Auch
die Reiseschilderung "Nouveau voyage d'Italie" von Maximilien MISSON (um 1650-1720) begleitet viele Reisende auf ihrem Weg in die Ferne. MISSONS Italienbuch vereint drei Formen der Reiseliteratur miteinander. Es ist als Reiseschilderung konzipiert. Als Darstellungsform wählt er die Briefform. Er berichtet über seine Reiseerlebnisse und erhebt somit Anspruch auf Wahrheit. Es entsteht eine besondere Nähe des Verfassers zum Leser, die seinen Text deutlich vom Sachbuch abgrenzt. Aufgrund seiner trocken-präzisen Informationen wird er zum Reiseführer. Den Informationen stellt MISSON seine Beobachtungen und Kommentare an die Seite:
Ich weiß es wol was sonst die Geographi schreiben, als ob Venedig aus 72 Inseln bestünde, und ich will solches eben so hefftig nicht widerstreiten, kan aber im gegentheil nicht verhalten, daß mirs nicht möglich gewesen, zu begreifen, wo denn dieselbigen Inseln seyn solten, und mag man sicherlich glauben, daß dieses einen ganz falschen Concept von dem Plan und Lager der Stadt gebe. 5
4 KLEIN, Ulrich: Die deutschsprachige Reisesatire des 18. Jahrhunderts. Heidelberg 1997. S. 10 5 MISSON, Maximilien: Reisen aus Holland durch Deutschland in Italien. Leipzig 1701. S. 217. Zitiert nach: DIETERLE, Bernhard: Europäer in Italien.
Vorstellungen und Erfahrungen in der europäischen Reiseliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts. FernUniversität Hagen 1999. Doppelkurseinheit. II. Teil. S. 1
13
Wie wir gesehen haben, sind die Formen der Reiseliteratur nicht so einfach voneinander abzugrenzen. "Als pragmatische Gattung ist die Reiseliteratur von Fiktion und Poesie gleichermaßen zu unterscheiden, da ihr Anspruch darin besteht, die Wirklichkeit des bereisten Landes einzufangen und also mit wahren, überprüfbaren Angaben zu arbeiten." 6
1.3 Die Italienreise
Was assoziieren wir mit dem Land Italien? Ist es die Wärme des Südens, seine wunderbare Sonne, die Suche nach Spuren der eigenen Geschichte, seine Kunstschätze oder die Begegnung mit seinen Menschen? Jede Epoche hat sicher ihre eigenen Motive für die Italienreise. Die Schönheit des Landes zieht im Laufe seiner Geschichte Pilger, Gelehrte und Kavaliere an. 8
6 Ebd., I. Teil. S. 131
7 GOETHE, Johann Wolfgang: Wilhelm Meisters Lehrjahre. München 1990. S. 66 8 Die Informationen zur Italienreise wurden folgenden Quellen entnommen: BRENNER, Peter J.: Reisen in die neue Welt. Die Erfahrung Nordamerikas in deutschen Reise- und Auswanderungsberichten des 19. Jahrhunderts.
BRILLI, Attilio: Reisen in Italien: Die Kulturgeschichte der klassischen Italienreise vom DIETERLE, Bernhard: Europäer in Italien.
GRIMM, Gunter: »Ein Gefühl von freierem Leben«: Deutsche Dichter in Italien / von Gunter E. Grimm; Ursula Breymayer und Walter Erhart.
SCHUDT, Ludwig: Italienreisen im 17. und 18. Jahrhundert. Wien-München
1959
14
Die Pilger mit ihrer tausendjährigen Geschichte können sicher als Begründer der sogenannten Italienreise gelten. Die pellegrini beginnen im 9. und
10. Jahrhundert in das Heilige Land zu pilgern. Ihre Wahlfahrt beginnen sie in
Venedig. Hier schiffen sie sich zur Überfahrt nach Palästina ein. Sie müssen teilweise lange Wartezeiten in Kauf nehmen, bis das Schiff endlich in See sticht. Die wird zur Besichtigung der Kirchen und Paläste Venedigs, der Schätze des S. Marco und des Dogenpalastes genutzt. Auch der Sensa 9 , der Vermählung des Dogen mit dem Meer, die alljährlich am Himmelfahrtstag stattfindet, wohnen die Pilger mit Begeisterung bei. Wird die Wartezeit zu lang, besuchen sie nahegelegene Städte, wie Padua oder Vicenza.
Alles, was sie sehen, schreiben sie sorgfältig in ihren Wegebüchern nieder, so daß wir ihnen die Entstehung der Reiseliteratur zu verdanken haben.
Schon Felix FABER (1441/42-1502), ein Frater des Predigerklosters zu Ulm, liefert in seinem Werk "Eigentliche Beschreibung der hin- und wiederfahrt zu dem Heiligen Landt gen Jerusalem" eine detaillierte Beschreibung der Städte Venedig und Padua. Er gibt einen Überblick über die Regierungsform, die Feste der Republik, die Bräuche der Einwohner und die Kunstschätze der Städte. Auch Rom, als Hauptstadt der Welt, ist ein Reiseziel der Pilger. Was die Pilger zu ihren Reisen drängt, sind vor allem ihr Glaube und ihr Bildungsbedürfnis.
Im ausgehenden 16. Jahrhundert vollzieht sich eine Wandlung im Reiseverhalten. Es entsteht die sogenannte Grand Tour oder Kavalierstour. Junge, meist adlige Männer, reisen oft in Begleitung eines Hofmeisters, um ihrem Bildungsdrang nachzukommen. Es gehört zur guten Erziehung, europäische Hauptstädte besucht zu haben. Vornehmlich reisen deutsche, englische und französische junge Adlige. Nur, wer genügend Kapital besitzt, kann sich diese Tour leisten. Die klassischeTour beginnt mit der Überquerung der Alpen. Es folgen Rom-Neapel-Venedig, teilweise Florenz. Später werden die Reisen auch weiter in den Süden ausgedehnt.
9 ANM.: Die Sensa findet am 25. Mai 1796 zum letzten Male statt, da sich die Stadt im Jahre
1997 bereits im Besatzungszustand befindet.
15
Die Reisenden schreiben Briefe nach Hause und schildern ihre Reiseerlebnisse. Sie führen Reisetagebücher, um ihre Eindrücke festzuhalten. Die Kavalierstour leistet auf diese Art einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung der Reiseliteratur. Es werden nun nicht mehr nur die Sehenswürdigkeiten geschildert, sondern man macht sich ein Bild von der Gesellschaft des Landes und schafft somit ein reiches und vielfältiges Abbild der historischen Realität Italiens. Den pädagogischen Zweck des Reisens stellt Francis BACON in seinen Essays mit dem Titel "Of Travel" dar. Man kann seine Ausführungen als eine Art Anleitung für den jugendlichen Reisenden lesen.
Bedeutende Reiseschilderungen des 16. und 17. Jahrunderts sind das "Journal de voyage en Italie" von Jean-Jacques BOUCHARD (1606-1753) und das "Diary" von John EVELYN (1620-1706).
Die Dichter reisen zu allen Zeiten und bringen ihre Reiseerlebnisse in den verschiedensten Darstellungsformen in ihre Werke ein, oder poetisieren sie, indem sie Gedichte schreiben. Als bedeutende Vertreter des 17. Jahrhunderts kann man auf Christian Hoffmann von HOFFMANNSWALDAU (1617-1679) oder Andreas GRYPHIUS (1616-1664) verweisen. Beide reisen über Frankreich nach Italien und halten sich dort länger auf.
Auf den Grundlagen des Seicento entwickelt sich im 18. Jahrhundert eine ständig ansteigende Reisetätigkeit. Es handelt sich nun nicht mehr um die typische Kavalierstour. In Italien treffen sich jetzt Gelehrte, Künstler, Diplomaten, Aristokraten, Finanziers und Bürger.
Italien ist das große Lehrbuch der Geschichte. Johann Joachim
WINKELMANN (1717-1768), Begründer der modernen Geschichtswissenschaft
und Kunstgeschichte, begibt sich in das Land der Antike, um vor Ort, an der Quelle forschen zu können.
Schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts setzt sich eine neue ästhetische Sensibilität durch. Der Bildungsreisende wird nun zum empfindsamen Reisenden. Neben die rationalistische Betrachtungsweise tritt die auf ROUSSEAU zurückgehende
16
empfindsame. Ein lebhaftes Interesse an Naturphänomenen entwickelt sich. Die landschaftlichen Reize werden entdeckt.
Den Beginn dieser Strömung markiert das Werk "Sentimental Journey through France and Italy" des Romanciers Laurence STERN (1713-1768), welches große Popularität erlangt.
Vom 19. Jahrhundert an, ist das Reisen nicht mehr ein Privileg der höheren und gebildeten Schichten. Die Entwicklung neuer Verkehrsmittel läßt das Reisen immer unkomplizierter werden. Es wird für breite Bevölkerungsschichten möglich. Der Tourismus des 19. Jahrhunderts entwickelt sich zum Massentourismus des 20. Jahrhunderts, so wie wir ihn auch heute noch erleben, wenn wir auf der Piazza S. Marco stehen und vergeblich das Venedig zu entdecken versuchen, das uns GOETHE in seiner "Italienischen Reise" beschreibt.
17
2. Venedigs literarische Entwicklung
2.1 Venedigbilder im Spiegel der Geschichte
"Von Venedig ist schon viel erzählt und gedruckt, daß ich mit Beschreibung nicht umständlich sein will; ich sage nur, wie es mir entgegenkömmt." 11 Mit diesen Worten beginnt Johann Wolfgang GOETHE seine Venedigbeschreibung in der "Italienischen Reise". Tatsächlich ist es so, daß lange, bevor er seine Reisebeschreibung verfaßt, eine Reihe bedeutender Literatur über die Stadt existiert.
Die seit dem 11. Jahrhundert unabhängige Seerepublik gilt bis zum vierten Kreuzzug (1202-1204) als Ausgangsort für Pilgerreisen ins Heilige Land und als Sammelzentrum für Kreuzfahrer. Fast ein Jahrhundert lang ist die Republik Herrscherin der Adria und hat aufgrund ihrer geographischen Lage und ihrer freiheitlichen Verfassung eine einzigartige Stellung in Europa. Bereits im 14. Jahrhundert hat sie ihre Macht soweit ausgebreitet, daß sie alle anderen Seerepubliken des Mittelmeerraums kontrolliert.
10 SCHREIBER, Hermann: Das Schiff aus Stein. Venedig und die Venezianer.
München 1979. S. 329
11 GOETHE, Johann Wolfgang: Italienische Reise. Hg. von Theodor Friedrich. Mit einem
Anhang: Reisetagebuch für Frau v. Stein. [Nach der an Frau von Stein gesandten Handschrift].
Leipzig 1921. S. 60. Im folgenden zitiert als: IR
18
Das hat zur Folge, daß Wirtschaft und Handel blühen und sie eine der reichsten Seestädte wird 12 .
Die Venedigbeschreibungen der Pilger gelten als die frühesten uns überlieferten Berichte von Venedigreisen 13 und zeigen "Venedig als weltlich-religiöses Schatzhaus und als Stadt des Reichtums." 14 Die frühen Reisebeschreibungen ähneln Aufzählungen über die Sehenswürdigkeiten und die Kulturschätze der Stadt. Venedig ist unfaßbar und wird bewundert: "Im Blick der Reisenden erscheint Venedig als ein kaum faßbares Bild des Reichtums und der Größe." 15
Im 15. Jahrhundert dehnt Venedig seine Macht bis auf das Festland, die terra ferma aus. Den Höhepunkt ihrer Machtausbreitung erreicht die Stadt in der Zeit von 1423-1457 unter der Herrschaft des Dogen Francesco FOSCARI. In den folgenden Jahren beginnt sie ihre Vormachtstellung langsam einzubüßen und bereits Anfang des 16. Jahrhunderts hat sie den Zenit ihrer Macht bereits überschritten.
Der politische Machtverlust und der Rückgang des Mittelmeerhandels, durch die Entdeckung des Seewegs nach Indien im Jahre 1499 durch
12 Die Informationen zur Geschichte der Stadt wurden folgenden Quellen entnommen: BAUMGARTNER, Claudia: Der Mythos Venedig. Das literarische Venedigbild in der Begegnung mit französischen Schriftstellern des
CORBINEAU-HOFFMANN, Angelika: Paradoxie der Fiktion. Literarische
ELWERT, W. Theodor: Italienische Dichtung und europäische Literatur. Wiesbaden 1969
ZORZI, Alvise: Venezia Austrica: 1798-1866. Rom-Bari 1985 LEBE, Reinhard: Als Markus nach Venedig kam. Aufstieg und Staatskult der Republik von San Marco. Frankfurt am Main 1978
MOLMENTI, P. G.: La storia di Venezia nella vita privata dalle origini alla
13 Vgl. CORBINEAU-HOFFMANN, Angelika: Paradoxie der Fiktion. S. 36 14 BAUMGARTNER, Claudia: Der Mythos Venedig. S. 19 15 CORBINEAU-HOFFMANN, Angelika: Paradoxie der Fiktion. S. 38
19
Vascoda da GAMA ändern nichts an der Anziehungskraft der Stadt für Reisende und ihrer Bedeutung für Künstler jeder Art. Aufgrund ihres orientalischen Flairs, wird sie für viele zur Märchenstadt und erinnert an die "Märchen aus Tausend und einer Nacht".
In der Renaissance sind es Architekten wie PALLADIO, die von der Stadt angezogen werden und öffentliche Gebäude, Kirchen und Paläste bauen. In der Malerei bildet sich eine Venezianische Schule heraus, die von BELLINI und
CARPACCIO gegründet und später durch GIORGIONE und TIZIANO zum
Höhepunkt gelangt.
Die Dichterzentren Italiens sind in der Zeit vom 12. bis zum 15. Jahrhundert an den Fürstenhöfen Ober- und Mittelitaliens, in der Toskana und in Süditalien zu finden. 16
Mit der Erfindung des Buchdrucks beginnt eine neue Ära. Venedig entwickelt sich zum Zentrum des Buchdrucks in Italien und ganz Europa. Die erste Druckerpresse in der Stadt wird 1469 von Johann von Speyer gegründet. In der Zeit von 1469-1500 sind in Venedig 200 Druckereien ansässig. Im 16. Jahrhundert kann Venedig der Stadt Florenz ihre Bedeutung als Stadt des Humanismus abgewinnen. Venedig wird zum Druckort griechischer Schriften, weil sein Humanismus aristotelisch, nüchtern-philologisch und griechisch, wie Florenz platonisch, dichterisch und lateinisch ist. 17
Im Rahmen der Italienreise beginnt Venedig im ausgehenden 16. Jahrhundert eine Schar junger Reisender anzuziehen. Die Serenissima bildet eine Station auf ihrer Grandtour, die der Erziehung und Bildung dienen soll. 18 Ihre Reiseberichte sind häufig in Brief- oder Tagebuchform verfaßt und enthalten vor allem Informationen über die Geschichte der Lagunenstadt, ihrer Kunstschätze,
16 Vgl. ELWERT, W. Theodor: Italienische Dichtung und europäische Literatur. S. 258
17 Vgl. Ebd., S. 261
18 Vgl. S. 14
20
der Staatsform, ihrer Feiertage und Feste, sowie der Gesellschaft, dem venezianischen Volk.
Es werden die Schönheit der Stadt gelobt und die Fülle und Pracht beschrieben, die Lebensfreude der Venezianer und ihre Art, Feste zu feiern, bewundert. Die einzigartige Stimmung, die jeden Reisenden ergreift, wenn er die Serenissima zum ersten Male erblickt, läßt so manchen ins träumen geraten.
Die Reiseberichte schildern das bunte Treiben auf dem Canal Grande, auf dem sich unzählige Gondeln ihren Weg bahnen, beschreiben das architektonische Stadtbild, das aus einer Reihe von Brücken und prunkvollen Palästen besteht. Die Freiheit des venezianischen Volkes und ihre frohe, heitere Art versetzt sie in Staunen. "Innerhalb der Italienreise ist Venedig zu jeder Epoche in Traumbildern beschworen worden." 19
Venedig wird aber auch seiner politischen Verfassung wegen gerühmt. Die Staatsrechtslehrer sehen in ihr die drei von ARISTOTELES unterschiedenen Grundformen des Staates – Demokratie, Aristokratie und Monarchie – vereint. Auch der Kirche gegenüber nimmt sich die Republik die Freiheit ihren eigenen Weg zu gehen, indem sie sich nicht dem Vatikan unterstellt.
Im 18. Jahrhundert beginnt sich die Reiseliteratur zu verändern. Es wird nicht mehr nur das Gesehene geschildert und die Fakten aufgezählt. Die Stadt wird erlebt, wahrgenommen, gefühlt. Sentimentale Reiseschilderungen beginnen nüchterne Reisebeschreibungen abzulösen. So ist Venedig für Hippolyte TAINE "die Perle Italiens, die Stadt, die man nicht nur mit dem Verstande verstehend genießt, sondern auch mit dem Herzen liebt." 20
19 BRILLI, Attilio: Reisen in Italien. S. 70
20 ELWERT, W. Theodor: Italienische Dichtung und europäische Literatur. S. 35
21
2.3 Die versunkene Stadt im Zeitalter der Romantik
Mit dem Einzug der Truppen NAPOLEONS am 12. Mai 1797 nimmt die tausendjährige Geschichte der freien und mächtigen Seerepublik ihr Ende. Für die Venedigliteratur beginnt eine neue Ära. "Neben das malerische Venedig tritt dann auch das Venedig der Stille, der Vergangenheit, der Abgestorbenheit und des Todes." 21 Venedig wird zur romantischen Ruine, zur toten Stadt, zerfällt in Dekadenz und wird, neben Städten wie Brügge, Toledo oder Perle, ein Paradigma der Fin-de-siècle-Literatur:
Schon seit der Stadtstaat von Napoleon in Campo Formio an Österreich abgetreten worden war und damit aus der politischen Geschichte ausschied, hatte ein dichter Reigen großer Geister am Mythos der toten Stadt Venedig gewebt: Lord Byron, Alfred de Musset, Théophil Gautier, Adam Mickiewicz, der Schweizer Maler Léopold Robert, Hippolyte Taine und Richard Wagner. 22
Der Mythos der versunkenen Stadt wird geboren. Venedig wird zur Kulisse. Die Stadt bleibt in ihrem äußeren Erscheinungsbild zwar weitgehend erhalten, der Glanz geht ihr aber verloren. Die einst prachtvollen und repräsentativen Paläste der nobili sind jetzt nur noch leere Bauten, ohne Bedeutung. Venedig gerät in eine Identitätskrise. "Aus dem Bewußtsein eines Mangels entwickelt sich eine Poetik der Reflexion auf das Verlorene; das Fehlende wird nun zum Anstoß und Anreiz der Phantasie." 23 Zunächst versuchen die Reisenden des 19. Jahrhunderts den Verlust auszugleichen, indem sie auf ihre Erinnerungen zurückgreifen und weiterhin das Schöne an Venedig sehen und beschreiben. So kommt J. W. GOETHE mit einer ganz bestimmten Vorstellung in diese Stadt, die ihm von Kindheit an durch die Erzählungen seines Vaters vertraut ist.
21 Ebd., S. 84
22 HINTERHÄUSER, Hans: Fin de siècle. Gestalten und Mythen. München 1977. S. 51
23 CORBINEAU-HOFFMANN, Angelika: Paradoxie der Fiktion. S. 195
Quote paper:
Susann Hahnert, 2002, Venedig in der europäischen Reiseliteratur, Munich, GRIN Publishing GmbH
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