2
1. Einleitung 3
2. Der Begriff der Freizeit 3
2.1 Geschichte des Begriffes 3
2.2 Probleme der Definition 4
3. Freizeit in Afrika 9
4. Freizeit der Arbeiterklasse in Südafrika 10
4.1 Die Geschichte der Industrialisierung und
der Entstehung der Arbeiterklasse 10
4.2 Freizeitformen der Industriearbeiter 13
5. Die Freizeit der südafrikanischen Arbeiterklasse
als Spannungsfeld der industriellen Arbeit 21
6. Schlußbetrachtung 22
7. Literaturverzeichnis 24
3
1. Einleitung
In der vorliegenden Arbeit werde ich mich mit der Freizeit der Arbeiterklasse unter den industriellen Bedingungen der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des
20. Jahrhunderts in Südafrika befassen. Zuerst setze ich mich allgemein theoretisch
mit dem Begriff der Freizeit, indem ich auf die Geschichte des Begriffes und dann auf die Probleme der Definition eingehen werde. In diesem Teil der Arbeit möchte ich insbesondere danach fragen, inwieweit Freizeit als Gegenbegriff zu dem Begriff der Arbeit definiert werden kann sowie, welche allgemeingeltenden und charakteristischen Attribute dem Begr iff der Freizeit zugeschrieben werden können. Nach dem Kapitel zur Geschichte der Freizeit in Afrika werde ich die Geschichte der Entstehung der Arbeiterklasse in Südafrika sowie die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen der Herauskristallisierung der Arbeiteridentität darstellen. Im Hauptteil dieser Arbeit bespreche ich die Freizeitkultur der südafrikanischen Arbeiter und überlege, wie industrielle Arbeitsbedingungen diese Kultur beeinflußt haben.
In der Schlußbetrachtung werden die wichtigsten Gedanken zusammenfaßt und eigene Ansichten dargelegt.
2. Der Begriff der Freizeit
2.1 Geschichte des Begriffes
Freizeit ist ein relativ junger Begriff, dessen Geschichte auf die Zeit der Entstehung der industriellen Produktionsweise zurückgeht. Zusammen mit der Industrialisierung erfolgte neben der räumlichen Trennung von Arbeits- und Lebensraum die zeitliche Aufteilung des Tages in die Zeit, in der gearbeitet wurde und die Zeit, in der nicht gearbeitet wurde, d.h. die von der Arbeit freie Zeit. In den vorindustriellen agrarischen Gesellschaften gab es zwar ein Bewußtsein für Freizeit, den Tagesverlauf charakterisierte jedoch eine zeitliche Struktur, die nicht in zwei aufeinanderfolgende Phasen von Arbeit und Nicht-Arbeit zerfiel. Man arbeitete nämlich solange wie es die Lichtverhältnisse zuließen oder bis die Aufgabe bewältigt wurde. Die Ausbreitung des Begriffes der Freizeit, historisch gesehen, hängt jedoch nur bedingt mit der sich veränderten Zeitstruktur des Tages zusammen. Der Begriff
4
entstammt der Pädagogik, in der seit dem 17. Jahrhundert die "freye zugt" als Freistunde zu einem Gegenbegriff zur Arbeits- und Unterrichtsstunde wurde. Mit der Industrialisierung erfuhr dieser Terminus über den pädagogischen Bereich hinaus eine weitere Verbreitung. Weil in der Frühphase der Industrialisierung wegen der herrschenden Arbeitsbedingungen (ein zwölf- bis vierzehnstündiger Arbeitstag) noch kaum von Freizeit gesprochen werden konnte, wurde der Freizeitbegriff erst zusammen mit den Bemühungen um die Verkürzung der Arbeitszeit und Ausdehnung der von der Arbeit freien Zeit gebräuchlicher. 1 In dem französischen und angelsächsischen Sprachbereich wird Freizeit unter einem auf das lateinische "licet" (es steht frei, man darf, man kann) zurückgehenden Wort "loisir" (im Französischen) oder "leisure" bzw. unter dem Begriff "leisure time"(im Englischen und Amerikanischen) behandelt. 2
2.2. Probleme der Definition
In der Soziologie wird Freizeit heute, laut Adolph Geck 3 und Dieter Hahnart 4 , im weitesten Sinne als die nach der Arbeit übriggebliebene Zeit definiert und als Gegensatz zur Arbeitszeit verstanden, bei der es sich um alltägliche erwerbs- oder pflichtgemäße Tätigkeit handelt.
Die beiden Autoren grenzen diese Definition ein und formulieren den Begriff der Freizeit im enge n Sinne als die zur freien Verfügung stehende und nicht durch irgendwelche Geschäfte oder Pflichten ausgefüllte Zeit. Geck 5 und Hahnart 6 bemerken dabei, daß dieser Begriff dem alten deutschen Begriff "Muße" gleicht. Die beiden Auffassungen der Freizeit (im weiten und im engen Sinne) entsprechen der Unterscheidung, die ein anderer Autor, Erich Weber, hinsichtlich der Definition der Freizeit macht: Die Unterscheidung der Freizeit zwischen der Zeit, in der man "frei von" etwas ist (Freizeit im weiten Sinne) und der Zeit, in der man "frei zu" etwas ist (Freizeit im engen Sinne). Weber widmet sich darüber hinaus einer genaueren Bestimmung des Begriffes "Muße", den er ebenfalls im weiten und im 1 Schlösser, Manfred: Freizeit und Familienleben von Industriearbeitern. Frankfurt/Mein; New York 1981. S. 16f.
2 Geck, L. H. Adolph: Die Freizeitprobleme in der wissenschaftlichen Christlichen Gesellschaftslehre. Berlin 1973. S. 12.
3 Ebd., S. 12.
4 Hanhart, Dieter: Arbeiter in der Freizeit. Eine sozialpsychologische Untersuchung. Bern 1964. S. 33. 5 Geck, A.: Die Freizeitprobleme in der wissenschaftlichen Christlichen Gesellschaftslehre. S. 12. 6 Hahnart, D.: Arbeiter in der Freizeit. S. 32.
5
engen Sinne definiert. Als "Muße" in weiter Bedeutung bezeichnet er "d ie Haltung einer spannungslosen und bedürfnislosen Uninteressiertheit an der Umwelt", "Träumen mit offenen Augen" oder "Dösen". Die Muße im engen und echten Sinne bedeutet dagegen, laut Weber, eine starke innere Beteiligung, die "jedoch nicht in der Weise des aktiven Tätigseins, sondern des kontemplativen Sich-ergreifen-Lassens" verstanden werden soll. Eine in dieser Form definierte Muße ist eine Voraussetzung dafür, daß der Mensch neben der Welt der Erwerbsarbeit und des Konsums, neben Erholung und Ruhe, n eben freigewähltem Schaffen und Sich-bilden, neben Geselligkeit und Vergnügen, neben Spiel und Sport in seiner Freizeit den letzten und bedeutsamen Fragen der menschlichen Existenz gegenüber aufgeschlossen bleibt und in Bezug zur Transzendenz tritt, um Mensch im vollen Sinne zu bleiben." 7 Damit definiert Weber die höchste Form der Freizeit, die jedoch in dieser Arbeit nicht als grundlegende Definition verwendet werden soll.
Weber weist ferner auf verschieden weite Auffassungen des Freizeitbegriffes hin:
1. Freizeit ist jene Zeit, die zwischen den terminierten Perioden der Erwerbsarbeit
liegt.
2. Freizeit ist jene Zeit, die nach Abzug der fremdbestimmten Arbeit, vor allem in
der Form der Erwerbsarbeit und der notwendigen Schlafzeit, verbleibt.
3. Freizeit ist jene Zeit, die nach Abzug der in der 2. Definition genannten Freizeit
und der sogenannten "arbeitsgebundenen Freizeit" verbleibt, die nicht als echte Freizeit gilt (wie z.B. die Zeit für den Arbeitsweg, Essen oder Körperpflege, Weiterbildung, Berufsversammlungen etc.).
4. Freizeit ist jene Zeit, die nach Abzug der in 1. bis 3. genannten Zeit verbleibt
sowie der sämtlichen Erholungs- und Entspannungszeit, und schließlich der Zeit, die in irgendeiner Form Leistungen erfordert.
Weber bemerkt, daß die Übergänge zwischen d en einzelnen Auffassungen des Freizeitbegriffes fließend sind. 8 Neben der Bestimmung der Reichweite wirft die Definition der Freizeit ein weiteres Problem auf, auf welches John Wilson hinweist. Die Auffassung der Freizeit als der nach der Arbeit übriggebliebenen Zeit impliziert nämlich, daß Arbeit primär, Freizeit 7 Weber, Erich: Das Freizeitproblem. Anthropologisch-pädagogische Untersuchung. München/Basel 1963. S. 15.
8 Ebd., S. 16.
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hingegen sekundär ist 9 , was weiterhin laut Hanhart heißt, daß die Freizeit eine Periode der Nicht-Freizeit voraussetzt, und daß es somit keine Freizeit ohne ausgerichtete Arbeit geben kann. Hahnart meint weiterhin, daß der Begriff der Freizeit nicht als ein eigenständiger Begriff, sondern nur als ein Gegenbegriff zu dem Begriff der Arbeit angesehen werden kann, und daß zwischen den beiden Bereichen ein untrennbarer Zusammenhang bestehe. 10 Wenn es sich so verhielte, konstatiert ein anderer Autor, John T. Haworth, wirft diese klassische Theorie der Freizeit weitere Forschungsfragen auf: Ob Arbeit und Freizeit als komplementäre oder eher oppositionelle Bereiche angesehen werden sollten? In welchem Maße funktionieren Arbeit und Freizeit als eine Fusion und als eine integrale Gesamtheit (Komplementarität) und in welchem Maße teilen die Individuen bzw. Gruppen ihre Zeit in zwei getrennte Bereiche, die der Arbeit und der Freizeit (Polarität)? 11 Während es i n den zeitgenössischen Debatten zu diesem Problem sowohl eine Gruppe von Wissenschaftlern gibt, die sich für die erste Position entscheiden (wie z.B. der von Hahnart erwähnte Dubin), als auch eine andere Gruppe, die Befürworter der zweiten Position sind (wie z.B. die von Hahnart erwähnten Reisman und Blomberg), gibt Haworth den beiden Positionen eine Berechtigung. Arbeit und Freizeit können in manchen Fällen als eine Fusion von zwei komplementären Sphären, in anderen als zwei vollkommen getrennte und sich a usschließende Bereiche existieren. Dieses Verhältnis (komplementär oder oppositionell, bzw. eine Mischung von Beidem) hängt von der jeweiligen einzelnen Situation ab, in der das quantitative und qualitative Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit unterschiedlich ist. 12 Hinsichtlich dieses Problems nimmt ebenfalls Weber eine Stellung ein, indem er postuliert, den "Freizeitbegriff nicht generell als Gegenbegriff zur Arbeit" zu verwenden, sondern ihn lediglich von der fremdbestimmten, entfremdeten Arbeit abzuheben, weil es durchaus sein kann, daß "in der Freizeit aus eigenem Antrieb heraus Arbeit in echtem Sinne geleistet wird, daß jemand freiwillig, aus Freude an einer Sache sich um ein Werk oder eine Leistung vollendungsbereit und zweckdienlich, auch über Hindernisse und Schwierigkeiten hinweg, bemüht" 13 . 9 Wilson, John: Politics and Leisure. Boston 1988. S. 3.
10 Hahnart, D.: Arbeiter in der Freizeit. S. 32.
11 Haworth, John T.: Work, leisure and well-being: London; New York 1997. S.1f.
12 Ebd., S. 2.
13 Weber, E.: Das Freizeitproblem. S. 12.
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Barbara Piechota-Lutum, 2003, Freizeit als Spannungsfeld der industriellen Arbeit am Beispiel der Geschichte der Arbeiterklasse in Südafrika, Munich, GRIN Publishing GmbH
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