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1. Was ist ein News Bias?
Wie werden aus Ereignissen Nachrichten? – Diese zentrale Frage steht im Mittelpunkt der Forschungstradition der Nachrichtenauswahl. Verschiedene Ansätze versuchen die Kriterien, die für die Selektion entscheidend sind, zu erklären.
Gatekeeperstudien befassen sich auf verschiedenen Ebenen mit den Entscheidungsträgern, die den Nachrichtenfluss kontrollieren. Die Nachrichtenwerttheorie versucht, Selektion durch die Wesensmerkmale eines Ereignisses zu begründen. Ansätze der News Bias Forschung hingegen konzentrieren sich auf den Journalisten als zentralen Vermittler v on Ereignissen via Massenmedien, wobei dieser in dem Prozess von seinen Einstellungen beeinflusst wird und der Vorgang der Selektion somit subjektiv ist.
Der Journalist ‚erschafft’ Nachrichten erst durch Beobachtung und Bearbeitung von Geschehen. Mark Fishman „betont, daß Ereignisse nicht an sich bestehen, sondern erst durch Wahrnehmung konstituiert werden, wobei Journalisten eine zentrale Rolle einnehmen: nur was sie als Ereignis erkennen und worüber sie berichten, ist im eigentlichen Sinne ein Ereignis.“ (Staab 1990 : 102- 103). Im Rahmen eines variablenorientierten Ansatzes unterscheidet Kepplinger verschiedene Einflussgrößen a uf die Nachrichtenauswahl: zum einen „Aspekte journalistischer Berufsnormen“, die nach Chaffee und Flegel auch als intrinsische Faktoren bezeichnet werden, zum anderen extrinsische Faktoren, wie „subjektive Werte und Ziele“ (Kepplinger 1989b : 7) von Reportern, die die Nachrichtenauswahl „als die Folge subjektiver Motive erscheinen“ (Kepplinger 1989b : 7) lassen.
Die News Bias Forschung hat die Zielsetzung, die daraus resultierenden Einseitigkeiten, Unausgewogenheiten und politische Neigungen in der Berichterstattung zu erkennen und zu erklären. Dazu wurden in verschiedenen Studien vorrangig Wahlen und politische Konflikte untersucht.
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2. Forschungsansätze
Eine der ersten Studien zur News Bias Forschung kam 1954 von Klein und Maccoby, die die Berichterstattung über den 1952er Präsidentschaftswahlkampf in den USA auf Einseitigkeit untersuchten. Anlass war folgende Kritik an den Zeitungen: „they allow systematic bias to enter into their reportorial accounts of the election returns.” (Maccoby/Klein 1954 : 285). Ziel der Untersuchung war es, die quantitativen Methoden der Messung objektiver Berichterstattung zu verbessern und die Meldungen während der 1952er Kampagne auf Voreingenommenheit zu überprüfen. News Bias definierten sie als „ difference between proportions, or means“ (Klein/Maccoby 1954 : 289), d.h. als eine „überzufällige Abweichung von der Maxime der Gleichbehandlung beider Kandidaten“ (Staab 1990 : 32).
Maccoby und Klein betrachteten dafür über einen Monat die Artikel der Titelseiten von acht amerikanischen Tageszeitungen, deren redaktionelle Linie bekannt war. Vier der Zeitungen sympathisierten mit dem demokratischen Kandidaten Stevenson, vier mit dem Republikaner Eisenhower. Unter der Hypothese der Objektivität untersuchten Maccoby und Klein die Blätter auf die Größe und Platzierung der Schlagzeilen, den Umfang der Artikel, die Anzahl einseitiger oder kommentierender Aussagen und die Anzahl und Größe der Bilder. Sie verglichen bei Häufigkeitsdaten das Verhältnis der Anzahl der Artikel über Eisenhower und über Stevenson in den jeweiligen Zeitungsgruppen und bei durchgehenden Daten den Zusammenhang zwischen der Blattlinie der Zeitung und dem Kandidaten, von dem der Artikel handelt.
Als Ergebnis ihrer Inhaltsanalyse konnten sie aufzeigen, dass es einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Berichterstattung und der redaktionellen Linie der Zeitung gibt. Die Blätter orientierten ihre Berichterstattung jeweils am favorisierten Kandidaten: pro- republikanische Zeitungen beachteten den Kandidaten der Republikaner, Eisenhower, stärker und stellten ihn positiver dar, während dies bei den pro-demokratischen Zeitungen umgekehrt für den Herausforderer Stevenson gültig war. Dies wurde als Beleg für eine einseitige Berichterstattung gewertet.
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2.2. Experimentelle Untersuchungen
1964 haben Kerrick, Anderson und Swales in einer Studie experimentell versucht, den Zusammenhang zwischen Berichterstattung und Einstellung aufzuzeigen. In drei verschiedenen Experimenten wurden Journalismusstudenten bezüglich ihrer Meinungen zu bestimmten Themen befragt, sie wurden unter bestimmten Vorgaben gebeten Artikel über die jeweiligen Themen zu verfassen und der Inhalt dieser wurde analysiert. Getestet wurde, welche Faktoren die Erinnerung des vorgegebenen Materials beeinflussen, ob die Blattlinie die Studenten beim Verfassen von Leitartikeln und Zeitungsartikeln beeinflusst, inwiefern das Verfassen dieser Artikel die persönliche Meinung beeinflusst, ob und wie stark sich die Unausgewogenheit eines Ereignisberichtes im Zeitungsartikel wieder findet und ob die eigene Meinung die Berichterstattung beeinflusst, wenn das Ereignis neutral dargestellt wurde.
Kerrick, Anderson und Swales kamen zu folgenden Ergebnissen: Die Studenten erinnerten sich vorrangig an das, was im Einklang mit der Zeitungspolitik steht. Diese beeinflusste auch die verfassten Artikel und Leitartikel, wobei die Unausgewogenheit in der Argumentation am größten ist, wenn die Blattlinie nicht mit der eigenen Meinung übereinstimmt. Studenten, deren eigene Meinung mit der redaktionellen Linie übereinstimmte, tendierten eher dazu, auch die Argumente der Gegenseite ausgewogen darzustellen. Die unausgewogene Darstellung eines Ereignisses beeinflusste die Berichterstattung in die zuvor einseitig dargestellte Richtung. Wenn kein externer Einfluss festzustellen war, war folgende Reaktion zu erkennen: „the writer is more likely to select facts or statements which agree with his own attitudes.” (Kerrick/ Anderson/ Swales 1964 : 209) Dennoch tendierten die Studenten dazu das Ereignis zu neutralisieren, indem sie im Verhältnis der vorgegebenen Tatsachen mehr neutrale als voreingenommene Fakten selektierten. Auch die eigene Meinung der Studenten änderte sich nach dem Verfassen der Artikel signifikant. Dieser Effekt trat verstärkt nach dem Schreiben eines Leitartikels auf. Erklärbar ist dies durch die größere Bedeutung eines Leitartikels, der als meinungsbetonte Darstellungsform, eine Art ’Flagge der Zeitung’ ist.
Die Experimente zeigten auf, dass sowohl die redaktionelle Linie der Zeitung als auch die subjektive Einstellung der Reporter zentrale Einflussfaktoren auf die Nachrichtenauswahl sind. Die Übertragbarkeit des Experimentes auf die außerexperimentelle Realität ist jedoch als gering einzuschätzen, da die untersuchten Personen Studenten, und nicht erfahrene Journalisten, waren und die Größe der Stichproben relativ gering ist.
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Kristin Simon, 2005, News Bias, Munich, GRIN Publishing GmbH
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