1 Einführung Sport, Moral und Ethik stehen sich nicht fremd gegenüber. Aus vielen Dokumenten ist überliefert, dass Moral in sportliche Aktivitäten integriert ist, seitdem es so etwas wie eine sportive Kultur gibt. Sie wird zu allererst durch die Bewahrung moralischer Prinzipien als eine solche konstituiert. Die moralisch ambitionierte Generalfrage nach den erlaubten und unerlaubten, nach den schicklichen und unschicklichen Handlungen im Sport ist also keine Erfindung unserer Gegenwart. Vielmehr haben Sportmoral und darauf gerichtete ethische Besinnungen eine lang währende Tradition. Die Konjunktur, die die Ethik heute zweifelsfrei in vielen Bereichen des menschlichen Handelns erlebt, scheint allmählich auch die Sportethik 'anzustecken'. Gewiss ist, dass mittlerweile das Bewusstsein für ethische Probleme sportlicher Handlungen geschärft worden ist. Vermehrt wird ein Ethikbedarf diagnostiziert und angemahnt. So hat nicht zuletzt R. v. Weizsäcker in seiner viel beachteten Rede vor der Hauptversammlung des NOK (1985) unumwunden ausgesprochen: "Es ist gut, wenn für uns Deutsche und von uns Deutschen Beiträge nicht nur zur sportlichen Spitzenleistung, sondern auch zur Festigung der innersten Grundsätze des Sports ausgehen." Weizsäcker hält die Entwicklung einer 'verbindlichen Sportethik' für das 'zentrale Gebot einer humanen und verantwortlichen Sportpolitik'.
In der Theorie geht es um nichts geringeres als um das Selbstverständnis einer zeitgemäßen Sportethik, um die Kernprobleme des praxisbezogenen Gegenstandes der Sportethik besser verstehen und schließlich bearbeiten zu können. Denn es besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass der Hochleistungssport es ist, der heutzutage so sehr ins moralische Zwielicht geraten ist, dass mancherorts schon ernsthaft darüber nachgedacht wird, ob er, wie seit einiger Zeit betrieben, noch eine Zukunft habe (Meinberg 1991, S.7). Bedenkt man jedoch, dass Ethiken und Moralen, gleichgültig in welcher Kultur entstanden und geprägt, sehr stark und manchmal sogar ausschließlich von Traditionen leben und Fortschreibungen solcher Traditionen sind, und wenn es demzufolge enorme Schwierigkeiten bereitet, wirkliche Fortschritte in der Theorie und Praxis auszumachen, da wird man sich fragen, warum und inwieweit es überhaupt gerechtfertigt ist, von einer 'neuen' Sportethik zu sprechen. Die rasante Entwicklung des Sports, aber auch die gesteigerte Pluralität von Wertauffassungen und Wertprioritäten stellen die Ethik des Sports in eine neue Dimension - theoretisch wie praktisch. 'Neu' heißt dann:
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Ÿ der Sportethik entstehen neuartige Probleme, die eine neue Erfahrungslage widerspiegeln; Ÿ zudem muss die 'alte' Sportethik aufgrund ihrer geringen Problemkapazität durch einen 'höheren', eben neuen theoretischen Standpunkt überboten werden, um sich aufdrängende aktuelle Fragen angemessen bewältigen zu können;
Sportethik muss auch nicht, wie konventionell üblich, mit Fairnessethik identifiziert werden, da die Ethik des Sports auch noch andere Perspektiven und Themenschwerpunkte besitzt. Eine ganz und gar um Fairness zentrierte Ethik tendiert dazu, den Blick für die sportethische Problemvielfalt zu verengen (Meinberg 1991, S. 8).
Um die folgenden Betrachtungen der Geschichte und der aktuellen Problembehandlung der Sportethik besser verstehen zu können, folgen nun einige Definitionen zu verwendeten und bearbeiteten Begriffen:
Ÿ Ethik [griechisch ‚ethika’ – „Sittlichkeit”, „Sittenlehre”], Lehre vom rechten, sittlichen Handeln, zumeist gleichbedeutend mit Moralp hilosophie und schon in der Antike ganz oder z. T. mit praktischer Philosophie zusammenfallend, wozu nach Aristoteles, dem Begründer der Ethik als Disziplin, aber noch Politik und Ökonomie gehören. Die Ethik selbst umfasst die Beschreibung der herrschenden Vorstellungen von Sittlichkeit, der Tugenden sowie die Bestimmung der sittlichen Klugheit oder der ethischen Wahl, der später so genannten Moralität, und schließlich die Angabe des Ziels des ethischen Handelns, in der Antike als Glück verstanden, in der christlich geprägten Zeit als Liebe zu Gott und von der Aufklärung an (besonders Kant) als Freiheit. Je nachdem, ob mehr die Vorstellungen von Sittlichkeit im Vordergrund stehen oder das Kriterium der ethischen Entscheidung, trennt man eine materiale von einer formalen Ethik, entsprechend auch eine Verantwortungsethik (für die das materiale Handeln und seine Folgen entscheidend sind) von einer Gesinnungsethik (bei der es nur auf den guten Willen ankommt) (Das große Bertelsmann Lexikon 2001).
Ÿ Ethos [das; griechisch; „Sitte, Brauch”], ein die menschliche Haltung bestimmendes System moralischer Normen; wertbestimmte Gesinnung bzw. Typus wertgerichteten Verhaltens, z. B. Arbeitsethos, Berufsethos, Ethos der Treue, der Pflicht (Das große Bertelsmann Lexikon 2001).
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Ÿ sportliches Ethos, ist ein handlungsorientiertes Wertsystem, das den Vorgang des sportlichspielerischen Tuns sichert, es ist ein partielles Ethos bzw. ein Sonderethos (Meinberg 1991, S. 22).
Ÿ Moral [die; lat. ‚mores’ – „die Sitten”, daraus abgeleitet ‚moralis’ – „die Sitten betreffend”],
1. die Sittlichkeit im Allgemeinen, auch Ethos;
2. die Sittenlehre. Im modernen Sprachgebrauch hat sich in diesem Zusammenhang der
Begriff Ethik durchgesetzt, während unter Moral die tatsächliche Verwirklichung einer sittlic hen Haltung verstanden wird. - Moral kann auch die Haltung eines einzelnen oder einer Gruppe („Moral der Truppe”),
3. ferner die Nutzanwendung einer Geschichte bedeuten (Das große Bertelsmann Lexikon
2001).
Ÿ Moralität [lat.], nach I. K ant nicht die bloß äußerlich-formale Übereinstimmung einer Handlung mit dem Sittengesetz, sondern die bewusste Übereinstimmung des Willens mit der Idee der Pflicht (Ausdruck der Gesinnungsethik); im Gegensatz zur Haltung der Legalität (Das große Bertelsmann Lexikon 2001).
Ÿ Moralismus [lat.], die Lehre, dass die Bejahung der Sittlichkeit Ziel und Zweck des menschlichen Daseins sei (Das große Bertelsmann Lexikon 2001).
2 Historischer Abriss der Sportethik Der Begriff der Sportethik lässt für die historische Perspektive zwei Schlüsse zu:
1. Die weite Sichtweise - in ihr erlangen wir Kenntnisse darüber, wie in der Geschichte des
Sports seine moralischen Möglichkeiten, Hindernisse, Verfehlungen etc. überhaupt gesehen und bewertet wurden. Dabei ist es gleichgültig, ob ein solches Nachdenken über den Sport nur gelegentlich und punktuell oder bereits systematisch erfolgte. Wir erfahren hier also vor allem etwas über den Sport selbst.
2. Die engere Sichtweise - in ihr wird sich auf die Theorie konzentriert, deren moralische
Anstöße nicht mehr zum Gegenstand zufälligen Fragens, sondern einer systematischen Reflexion durch eine relativ eigenständige Wissenschaft werden. Von dieser engeren Sichtweise darf erst seit ungefähr 25 Jahren gesprochen werden.
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Zwei Beispiele zur Erläuterung der Sportethik in der griechischen Antike sollen vorangestellt werden:
• Platons berühmteste Deutung des Sports finden wir in der ‚Politeia ’: "Wer also Musik und Gymnastik am schönsten mischt und in reichlichstem Maße der Seele beibringt, den werden wir wohl am richtigsten für den vollkommen Musikalischen und Wohlgestimmten erklären."
• Sein Schüler Aristoteles sieht den Nutzen der Gymnastik darin, dass sie "Gesundheit und Wehrtüchtigkeit fördert" (Haag 1996, S. 230). Er entwarf zudem die drei am häufigsten zitierten Ethiken, die 'Eudemische', die 'Magna Moralia' und schließlich die bekannteste die 'Nikomachische' (Meinberg 1991, S. 105).
Die Auffassungen und Meinungen divergierten aber so sehr, dass etwa D. L aertius von 10 verschiedenen Schulen spricht, die Ethiken von der epikureischen bis zur stoischen verkündeten. Allen diesen früheren Zitaten war gemein, dass sie den Sport unter einem pädagogischen Blickwinkel beleuchten, erst mit Jean-Jacques Rousseau. Er war ein französischer Schriftsteller und Philosoph schweizerischer Herkunft, wurde 1750 durch seine Preisschrift über den Einfluss der Künste und Wissenschaften auf die Sitten berühmt. Die darin erhobene Anklage gegen die Kultur, dass sie den Menschen einem naturnahen, glücklichen Urzustand entfremdet und ihm Unschuld, Freiheit und Tugend geraubt habe, ist der Beginn der modernen Kulturkritik. Des Weiteren setzten sich berühmte Denker und Philosophen wie Kant, Goethe, Diem u. v. a. mit dem Thema der Ethik, auch insbesondere der Sportethik, auseinander und entwickelten immer wieder neue Perspektiven der Betrachtung. Die modernen sportwissenschaftlichen Integrationsbemühungen der Sportethik enthalten zwei verschiedene ethische Integrationsmodelle: Das eine ist wissenschaftsethisch auf die Moralität des Forscherverhaltens und seiner Methoden und das andere pädagogisch moralisch auf den unhintergehbaren Zweck der Einzelwissenschaften des Sports gerichtet. Mit dem Letzteren soll dem Menschen ein gesteigertes Lebensgefühl in der industriellen Welt vermittelt werden. Die Moralphilosophie ist deshalb der verbindende Ursprung der verschiedenen Perspektiven des Sports, weil in ihm allgemeine Erfahrungen und Wesenszüge des handelnden Menschen festgemacht und im Bild des "homo sportivus" als Maßstab guten Lebens und verantwortlichen Forschens vereinigt werden können (Haag 1996, S. 233).
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Arbeit zitieren:
Lars Wegner, 2001, Sport und Ethik, München, GRIN Verlag GmbH
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