Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
1. Einleitung. 4
2. Definitionen 5
2.1 Definition Sexualität 5
2.2 Definition Jugend 6
3. Geschichtliche Einordnung. 6
3.1 Das Kind als gehorsames Individuum: Erziehung im bürgerlichen Zeitalter 7
3.2 Triebbeherrschung und Tabuisierung: Sexualität in der Gesellschaft 9
3.3 Erziehung zur Schamhaftigkeit: Aufklärung und Sexualerziehung. 12
3.4 Selbstbefleckung’: Der Umgang mit Masturbation 15
3.5 Wandel des Umgangs mit Sexualität in der Zeit von 1880 bis zum ersten
Weltkrieg. 22
4. Frühlings Erwachen: Einordnung in den Kontext. 24
4.1 Aufklärung der Kinder durch die Eltern 24
4.1.1 Lügen bei der Aufklärung: Wendlas bürgerliche Erziehung: Schwanger?
„Ich bin ja doch nicht verheiratet. “ 25
4.1.2 Vermeintliche Liberalität: Bürgerliche Doppelmoral der Eltern Melchior
Gabors 30
4.1.3 Das Versagen der Eltern. 35
4.2 Gesellschaftliche Repressalien, die Aufklärung verhindern 38
4.3 „Ich kann nicht gemütlich über die Fortpflanzung plaudern “: Aufklärung
unter Gleichaltrigen. 41
4.4 Erzieherische Utopien Jugendlicher. 49
4.5 Verschiedene sexuelle Erfahrungen 51
2
4.5.1 Masturbation 51
4.5.2 Homosexualität 54
4.5.3 Sadismus und Masochismus 56
4.5.4 Der erste Geschlechtsverkehr 59
4.6 „Sollen und Wollen“: Wedekinds Moralverständnis. 62
5. Franziska: Einordnung in den Kontext. 65
5.1 Jungfräulichkeit als Ware. 65
5.2 Entwicklungsmöglichkeiten und Natur der Frau. 69
5.3 Leben als junger Mann 74
5.3.1 Mannhaftes’ Verhalten 75
5.3.2 Verhalten von Mann und Frau in der Ehe 77
5.4 Schwangerschaft und Mutterschaft. 83
5.5 Exkurs: Nacktheit 86
6. Lulu: Einordnung in den Kontext 89
6.1 Verschiedene Frauenbilder. 89
6.1.1 Lulu, das dressierte Tier 89
6.1.2 Lulu, das moralisch reine Urweib 92
6.1.3 Lulu, das Prinzip der Sexualität 96
6.1.4 Lulu, die leidende Künstlerin. 97
6.1.5 „Schweig, Bestie Schweig “: Versuch der Unterordnung von Natur unter
den Geist 99
6.2 „Jetzt bin ich. Ein Tier “: Lulus Selbsteinschätzung. 104
6.3 Wedekinds Einstellung zur Frau 106
7. Fazit 107
8. Literaturliste. 110
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1. Einleitung
„Indem Wedekind sich der Sexualität annimmt, führt er einen Wert ein, der von der bürgerlichen Gesellschaft abgelehnt wird. Und er führt diesen Wert natürlich ein, weil seiner Auffassung nach die Ablehnung der Sexualität zu jener Auffassung vom Elend des Daseins führt, die die bürgerliche Gesellschaft [...] prägt.“ 1
Ich werde im Folgenden Wedekinds Dramen ‚Frühlings Erwachen’, Franziska’ und ‚Lulu’, darin speziell den ‚Erdgeist’ im Bezug auf die unterschiedlichen Darstellungen der jugendlichen Sexualität betrachten.
Sexualität als natürlicher Trieb, ein Prinzip, das in ‚Frühlings Erwachen’ noch an den bürgerlichen Konventionen scheitert, passt sich in ‚Franziska’ eben diesen an und überwindet beziehungsweise zerstört schließlich im ‚Erdgeist’ die bürgerliche Gesellschaft.
Zunächst ist es notwendig, eine Eingrenzung vorzunehmen, was die beiden Begriffe Jugend und Sexualität betrifft. Beide Definitionen werden anschließend in dem geschichtlichen Kontext betrachtet, der sich zu der Entstehungszeit der drei Dramen von Wedekind eröffnet und schließlich mit diesem Hintergrundswissen anhand der Primärliteratur diskutiert werden, wobei zum einen die verschiedenen Formen sexuellen Verhaltens Jugendlicher aufgezeigt werden, zum anderen die Reaktionen der Gesellschaft, personifiziert in Elternfiguren, Lehrern oder Liebhabern auf eben diese sexuellen Verhaltensweisen und zuletzt Wedekinds eigene Einstellung und damit verbunden seine Intention bezüglich der Dramen. Im geschichtlichen Überblick wird lediglich fragmentarisch auf bestimmte Formen der Sexualität eingegangen, immer im Hinblick auf die spätere Relevanz der betrachteten Themen in den behandelten Dramen. Die Auswahl der im Hauptteil erscheinenden Dramen ergibt sich aus der Themenstellung; ‚Frühlings Erwachen’ stellt die Sexualität Jugendlicher in vielen Fassetten dar, ‚Franziska’ ist eine junge Frau, die versucht, ihre Sexualität auszuleben und ‚Lulu’ verkörpert eine junge Frau, die scheinbar das Prinzip der weiblichen Sexualität vertritt. An allen Dramen
1 Höger, Alfons: Frank Wedekind. Der Konstruktivismus als schöpferische Methode. Regensburg: 1979. S.60
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lässt sich Wedekinds Einstellung zur bürgerlichen Moral ablesen und zugleich sein Verständnis von Natur, Mann und Frau im Bezug auf Sexualität. Um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen, wird nicht auf weitere Werke Wedekinds eingegangen; ebenso wenig auf seine Biographie. Die Argumentation wird stark textanalytischer Art sein; dabei wird ein weiteres Hauptaugenmerk auf dem Zusammenhang der historischen Gegebenheiten mit dem in den Dramen von den Protagonisten vorgestellten Verhalten liegen.
Sexualität ist die „Gesamtheit der mit dem Geschlechtstrieb zusammenhängenden Empfindungen, Bedürfnisse, Verhaltens-u[nd] Handlungsweisen,
Geschlechtlichkeit“ 2 . Die angesprochenen Empfindungen verstehe ich im Folgenden als Liebe, Lust und Erregung des Menschen in geschlechtlichen Beziehungen auf hetero- und homosexueller Basis, sowie bezogen auf das Individuum. Verhaltens- und Handlungsweisen stellen den geschlechtlichen Akt als solchen dar; aber zugleich Variationen desselben, unter anderem die Masturbation, Masochismus und Sadismus. Sexualität bezieht sich demnach nicht ausschließlich auf die menschliche Fortpflanzung, sondern auch auf die erotischen Beziehungen der Menschen untereinander. Eine von mir betrachtete Unterkategorie der Sexualität ist die Sexualmoral. Dies ist ein „Zweig der Moralwissenschaft, der sich mit den geschlechtl[ichen] Verhaltensweisen u[nd] ihrer Normierung, z. B. mit der Beurteilung des vor- u[nd] außerehel[ichen] Verkehrs, der Sexuallehre, geschlechtl[ichen] Reinheit usw. beschäftigt.“ 3 In dieser Kategorie gewinnt die moralische Einordnung der Sexualität in den gesellschaftlichen Rahmen ihre Bedeutung. Einen weiteren Unterpunkt stellt die
2 Das große Fremdwörterbuch. Bearbeitet von Friedhelm Hübner. München: Axel Juncker Verlag GmbH 2001. S.590f.
3 Das moderne Lexikon in zwanzig Bänden. Herausgegeben vom Lexikon-Institut Bertelsmann in Zusammenarbeit mit Dr. Hans F. Müller. Gütersloh: Verlagsgruppe Bertelsmann GmbH/ Bertelsmann LEXIKOTHEK Verlag GmbH 1972. S. 158
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Sexualpädagogik dar, also die vom Elternhaus oder von gesellschaftlichen Institutionen betriebene Aufklärung der Kinder.
2.2 Definition Jugend
Da ich im Folgenden auf das Jugendalter Bezug nehmen werde, scheint es notwendig, eine Abgrenzung zwischen Jugendalter und Erwachsenendasein vorzunehmen. Das Jugendalter definiere ich in meinen Betrachtungen als die Phase, die mit der Pubertät eines Kindes einsetzt, also mit circa zwölf Jahren, bis zu einem Alter, das ungefähr dem 22. Lebensjahr entspricht. In der Auswahl der Werke Wedekinds, die ich betrachten werde, lässt sich eine Chronologie erkennen. Während es in Frühlings Erwachen ausnahmslos um kindliche Sexualität geht, das heißt die erste Entdeckung sexueller Regungen bei 14jährigen Protagonisten, handelt es sich bei Franziska um die Sexualität eines Mädchens beziehungsweise einer jungen Frau, die gerade 18 Jahre alt geworden ist, bis hin zu Lulu, einer Frau Anfang zwanzig. Daran werden die unterschiedlichen Lebensabschnitte innerhalb des Zyklus Jugend deutlich: auch die verschiedenen Anforderungen und Ansprüche, die die bürgerliche Gesellschaft an die Mädchen und Jungen verschiedenen Alters stellt, werden herausgearbeitet.
3. Geschichtliche Einordnung
In den folgenden Absätzen werde ich den Inhalt meiner Arbeit geschichtlich einordnen. Ich werde hierbei besonderes Augenmerk auf die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft legen und dabei die Frage diskutieren, inwieweit sich das Verständnis von Sexualität als Ganzes betrachtet, der Erziehung der Kinder und der Sexualerziehung der Kinder und Jugendlichen durch die Eltern oder andere Personen beziehungsweise Institutionen in der Zeit von 1800 bis ungefähr 1920 entwickelt und gewandelt hat. Im Verlauf dieser Betrachtung werde ich kurz skizzieren, welche Ursachen diese Entwicklung beeinflusst und vorangetrieben haben.
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3.1 Das Kind als gehorsames Individuum: Erziehung im bürgerlichen Zeitalter
Die Erziehung des Kindes erfährt im 19. Jahrhundert eine Wandlung. Die Individualität des einzelnen Kindes gerät mehr in den Mittelpunkt des Interesses der Eltern. Aufgrund der hohen Sterblichkeitsrate von Neugeborenen und Heranwachsenden wurde bis dahin von den Eltern verlangt, zu dem Kind eine nicht zu starke emotionale Bindung aufzubauen, da dies allzu oft mit dem Schmerz des Verlustes nicht zu verarbeiten gewesen wäre. Die Eltern verweigerten sich dieser Bindung folglich aus Selbstschutz. „Fest steht jedenfalls, dass sich die Kindersterblichkeit seit dem 18. Jahrhundert erheblich verringerte und es kein Luxus mehr war, sich um das einzelne Kind zu kümmern und es zu lieben.“ 4
In der Zeit um 1800 übernimmt die Familie zunehmend selbst die Erziehung der Kinder. Ammen, die die Sprösslinge zuvor gestillt hatten, werden durch die Mütter ersetzt, Kindermädchen, die für die Erziehung derselben zuständig gewesen sind, treten mehr in den Hintergrund. Die Eltern nehmen demzufolge selbst kontrollierten Einfluss auf ihre Kinder. Diese Kontrolle war zuvor nur in beschränktem Rahmen möglich gewesen, da das Kind natürlich dem Einfluss der Person unterliegt, von der es ständig umgeben ist. Die bürgerliche Familie grenzt sich von den Angestellten ab.
„Dienstboten waren da überflüssig; man war misstrauisch geworden gegen ihren Einfluß, da man ihre abergläubischen Reden fürchtete; außerdem war ohnehin der soziale Abstand zwischen arriviertem Bürgertum und den kleinen Leuten entscheidend gewachsen, und es war auch Ausdruck des größer gewordenen Standesbewusstseins, wenn man sich so nach unten abschloß.“ 5
Diese Entwicklung führt zu einem innigeren Verhältnis innerhalb der Familie. Begünstigt wird sie zusätzlich durch ein verändertes Eheverständnis, das seine Wurzeln in Liebe und häuslichen Frieden definiert. 6
4 Fertig, Ludwig: Zeitgeist und Erziehungskunst. Eine Einführung in die Kulturgeschichte der Erziehung in Deutschland von 1600 bis 1900. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1984. S. 15
5 Ebd. S.19
6 „Als Folge der häuslichen Zurückgezogenheit der bürgerlichen Frau und ihrer wachsenden Entmündigung im öffentlichen Leben ergab sich aber nun im Ausgleich eine unerwartete
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Im 19. Jahrhundert ist der Vater das Familienoberhaupt; er ist „zuständig für Unterhalt, Schutz und Aufrechterhaltung der Disziplin innerhalb der Familie, die Mutter für Liebe, Gemütlichkeit und Wärme.“ 7 Der Umgang der Kinder ist während der Arbeitszeiten des Vaters auf die Mutter beschränkt, was zu einer Distanzierung mit dem Vater führt. Er wird zu einer Respektsperson, zu der aufgeblickt wird. Durch die größere zeitliche Nähe entwickelt sich ein gefühlvolleres Verhältnis der Kinder zur Mutter. Sie ist diejenige, die anwesend ist, wenn es Probleme gibt, wenn das Kind Schmerzen hat oder krank ist und getröstet werden muss und beantwortet die unmittelbaren Fragen des Alltags; sie füllt das Leben des Kindes aus.
In Familien, die am Existenzminimum leben, äußern sich diese Zustände noch deutlicher. „In der Arbeiterfamilie herrschte viel mehr purer Druck von Seiten des Familienoberhauptes, er meldete ungenierter seine Herrschaftsansprüche an, auch gegenüber der Frau.“ 8
In der Zeit des Kaiserreiches ist eine Entwicklung in der Erziehung des Kindes zu beobachten, die sich dadurch äußert, dass das Kind Gehorsam üben soll. Dieser Gehorsam gegenüber den Eltern ist in extremen Fällen durch eine Art Abrichtung des Kindes geprägt; es hat sich den Eltern bedingungslos und ohne Herausbildung eigener Meinung unterzuordnen. Verdeutlicht werden kann der Kanon des Gehorsams, der von den Kindern gefordert wird durch die Betrachtung des Buches „Der Struwwelpeter“, das 1844 erscheint. In diesem Buch werden dem Kind die von ihm geforderten Verhaltensweisen verdeutlicht und gleichzeitig vor ihrer Nichtbeachtung gewarnt. Grausame Strafen erwarten denjenigen, der sich nicht an die Anweisungen der Eltern hält. So werden beispielsweise die Daumen des Daumenlutschers abgeschnitten, das Mädchen, das mit den Zündhölzern spielt, verbrennt. An diesem Beispiel wird zudem deutlich, dass Kinder die Anweisungen der Eltern nicht zu hinterfragen haben; ihre eigenen Taten sind immer verkehrt, die der Eltern richtig.
sentimentale Auffüllung des innerfamiliären Bereiches, [...]. Die Gedanken der Ehe als einer geistigen und gefühlsmäßigen Gemeinschaft[...] waren Produkte jener Epoche.“ Weber-Kellermann, Ingeborg: Die deutsche Familie. Versuch einer Sozialgeschichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag 1974. S.107
7 Fertig, L.: Zeitgeist und Erziehungskunst. S.23
8 Ebd. S.81
8
„Das Kind soll schön essen, still sein, sich auf dem Spaziergang von Mama führen lassen, sich die Nägel schneiden und sich kämmen, keine Tiere quälen, nicht mit dem Feuer spielen, gegenüber Menschen anderer Hautfarbe tolerant sein, nicht am Daumen lutschen, wenn die Frau Mama ausgeht, bei Tisch still sitzen, bei Sturmwetter zu Hause bleiben, beim Schulgang auf den rechten Weg achten.“ 9
Neben dieser Entwicklung entstehen Anfang des 20. Jahrhunderts sogenannte Jugendbewegungen und Bildungsstätten, in denen die Jugendlichen Abstand vom Elternhaus nehmen. Sie bilden sich dort selbst, sind nur den demokratisch gewählten Führern der jeweiligen Gruppe untergeordnet. In diesen Gruppen erfahren viele Jugendliche das erste Mal ein selbstbestimmtes Leben. 10
3.2 Triebbeherrschung und Tabuisierung: Sexualität in der Gesellschaft
Inwiefern ist Sexualität ein Thema in der Gesellschaft des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts? Mit dieser Frage möchte ich mich in diesem Kapitel beschäftigen. Wird über Sexualität geredet, werden die Kinder aufgeklärt, was ist moralisch vertretbar und welche Moralvorstellungen bewegen die bürgerliche Familie generell?
Die Triebbeherrschung gewinnt in der bürgerlichen Gesellschaft zunehmend an Bedeutung. „Der Bürger, vor allem aus dem Kleinbürgertum oder dem Mittelstand durfte nicht zeigen- und das nicht nur auf sexuellem Gebiet-, was er wollte, dachte oder fühlte.“ 11 „Der Körper wurde von einem Lustorgan zu einem Leistungsorgan umgeformt. So entwickelte das Bürgertum eine Leistungsmoral, die das lustvolle Erleben von Sexus und Eros unmöglich macht.“ 12 Denn im Zeitalter der industriellen Revolution tritt der Gedanke der Produktivität des Körpers in den Vordergrund. Daneben hat sich das Leben der Familie weitgehend in den privaten Raum verschoben. Innerhalb des Hauses wohnt man, isst man, schläft man und liebt man. Die Öffentlichkeit ist davon größtenteils ausgeschlossen. Daher werden
9 Ebd. S.61
10 Diese Bewegungen seien Ausdruck der Sehnsucht nach nichtentfremdeter Ganzheit und Einheit des Menschen mit der Natur. Es zeige sich darin das Streben der Jugendlichen danach, ein Leben zu führen, das sich nicht streng an den herrschenden Konventionen der Welt der Erwachsenen orientiert. Vgl.: Fertig, L.: Zeitgeist und Erziehungskunst. S.29. Diese Tendenz lässt sich in den Werken von Frank Wedekind wiederfinden, wie ich später verdeutlichen werde.
11 Van Ussel, Jos: Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH 1970. S.38
12 Ebd. S.39
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auch die intimen Beziehungen untereinander zunehmend ‚privatisiert’. Die Familie versorgt sich in nicht bäuerlichen Gebieten nicht mehr selbst mit Nahrung. In den Fabriken verdient meist der Vater das Geld, das zum Kauf der Nahrungsmittel herangezogen wird.
Die Wohnhäuser erleben einen Wandel. Wo zunächst lediglich ein Raum zum Wohnen, Schlafen, Kochen und Essen vorhanden war, entwickelt sich eine neue Wohnkultur, die der Familie zunehmend mehr Räume zur Verfügung stellt. Das Ehebett wird in ein separates Schlafzimmer verlagert, so dass die Kinder nichts von der Sexualität der Eltern erleben.
„Der Bürger trachtete vor allem nach der Verwirklichung eines Ideals, das im 19. Jahrhundert als das christliche, sogar als das allgemein menschliche Ideal angesehen wurde, nämlich die Einheit von Sexualität, Ehe, Liebe und Fortpflanzung.“ 13
Das bedeutet, dass das Ausleben der eigenen Sexualität vor der Ehe verpönt ist, dass käufliche Liebe, also Prostitution und Bordellwesen in das Abseits der Gesellschaft rückt, dass Selbstbefriedigung nicht geduldet wird und dass sämtliche außerehelichen sexuellen Verhältnisse moralisch nicht zu vertreten sind. Homosexualität, Masochismus, Sadismus, Oralverkehr oder ähnliches werden als unsittlich definiert. Auch sexuelle Aktivitäten, die sich im Rahmen einer ehelichen Gemeinschaft ereignen und die nicht der Fortpflanzung dienen, sind moralisch bedenklich.
Sogenannte pornographische Abbildungen werden durch eine strenge Zensur weitgehend aus dem Gebrauch der Menschen entfernt. Die Darstellung eines nackten Körpers wird auf einige wenige Ausnahmen verboten. „Vergleicht man die schönen anatomischen Darstellungen aus der Renaissance mit denen späterer Zeiten, so ist klar ersichtlich, daß man in den folgenden Jahrhunderten die Nacktheit nur dann darstellte, wenn es unumgänglich war. Außerdem wurde das Nackte mit Elementen durchsetzt, die das Funktionelle der Darstellung betonen sollten, Elemente aus der Anatomie und der Medizin.“ 14
Dadurch entsteht ein neues Problem: Das Verbotene erregt mehr, als das Erlaubte. „Das Zurücktreten des Nackten aus einer fast täglichen Erfahrung erhöhte die erotische Reizbarkeit.“ 15 Bereits ein dekolletiertes Kleid erregt Aufsehen, die Beine einer Frau dürfen gar nicht zu sehen sein. Die
13 Ebd. S.50
14 Ebd. S.61
15 Ebd. S.62
10
Selbstbeherrschung des Menschen muss wachsen, damit unverhüllte Körper oder Körperstellen ihn nicht zu Handlungen führen, die verboten sind. „Völlig unbeabsichtigt trug die verbürgerlichte Gesellschaft zum Entstehen einer bestimmten, starken Erotisierung bei.“ 16 Immer mehr Körperstellen werden mit sexuellen Reizen identifiziert, immer mehr Worte des täglichen Gebrauchs sind sittlich nicht mehr zu verantworten. Die bloße Vorstellung eines nackten Körpers, ohne diesen je gesehen zu haben, führt dazu, dass sich leicht Trugschlüsse bilden, die verängstigen können. Menschen, die zum ersten Mal eine nackte Person des anderen Geschlechts zu Gesicht bekommen, also zu dieser Zeit in der Hochzeitsnacht 17 , sind häufig erschreckt und fühlen sich abgestoßen. Im 18. Jahrhundert verliert die Gesellschaft durch Tabuisierung mehr und mehr die Möglichkeit, sexuelle Vorgänge in Worte zu fassen, was im 19. Jahrhundert zu einer beinahe vollständigen Verschlüsselung sexueller Begrifflichkeiten führt. Zuvor benutzte Bezeichnungen werden als sittlich verwerflich und moralisch nicht tragbar klassifiziert und durch Umschreibungen ersetzt, die häufig un- oder missverständlich sind. Dieses Phänomen lässt sich auf die Triebbeherrschung des Bürgers und auf die zunehmende Privatisierung zurückführen. Werden die Triebe unterdrückt oder zumindest nicht nach außen sichtbar gemacht, muss die Wortwahl stark eingeschränkt werden. Äußerungen, die sich auf das Sexuelle beziehen, werden weniger oft benutzt. Diese Äußerungen werden von der Gesellschaft als vulgäre oder als bäurische Sprache definiert. Aufgrund dieser Klassifikation entsteht die Notwendigkeit, für sexuelle oder vermeintlich sexuelle Begriffe Neologismen einzuführen. Da hinter dieser Ausdrucksweise das Verständnis weiter Teile der Gesellschaft zurückbleibt, wird die Intimisierung nur stärker vorangetrieben. Auch die Beschränkung des Sexuellen auf die Ehe beeinflusst diese Entwicklung; denn wird der Geschlechtsakt nur innerhalb einer ehelichen Gemeinschaft praktiziert, ist es nicht notwendig, diesen im gesellschaftlichen Rahmen zu diskutieren.
16 Ebd. S.43
17 Natürlich stellt dieses lediglich die Idealvorstellung dar. Vor der Hochzeitsnacht sollte ein junger Mann oder eine junge Frau kein Mitglied des anderen Geschlechts nackt gesehen haben. Später wird jedoch deutlich werden, dass Kinder beziehungsweise Jugendliche durchaus Möglichkeiten gefunden haben, ihre Neugier bezüglich des Körpers des anderen Geschlechts zu stillen.
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3.3 Erziehung zur Schamhaftigkeit: Aufklärung und Sexualerziehung
In einer Gesellschaft, in der Sexualität moralisch bedenklich, verpönt, verboten ist oder verschwiegen wird, hat dieses Verhalten natürlich Auswirkungen auf die Aufklärung und Sexualerziehung der Kinder.
Die Kinder werden schon früh zur Schamhaftigkeit erzogen. Das Individuum ist dem Selbstzwang unterworfen, seine eigenen Gefühle und Bedürfnisse nicht offen darzulegen, sondern diese zu verschweigen und zu unterdrücken. Die Eltern, die mit diesem Selbstzwang leben, vermitteln ihn ihren Kindern. Eine Aversion gegen bestimmte Gefühle und Bedürfnisse entwickelt sich, die moralische Sündhaftigkeit der sexuellen Wünsche von Kindern und Jugendlichen wird in ihren Köpfen verankert. Damit einher geht die Entwicklung, dass der eigene Körper und seine Funktionen mit Ekel und Unwissenheit betrachtet werden. Für die Geschlechtsteile wird oft der Begriff Schamteile verwendet oder sie werden gar nicht mit Namen versehen.
„Dies hatte zur Folge, dass die Jugendlichen ihre sexuelle Neugierde in einer Sphäre der Sündhaftigkeit und der Schuldgefühle befriedigen mußten [...]. Besonders Jugendliche wurden dieser Beeinflussung ausgesetzt, mit dem Ziel, das Sexuelle nicht einmal in der Privatsphäre zu dulden; es wird überhaupt nirgends erlaubt, das Kind und auch die Jugendlichen haben asexuell zu sein.“ 18
Nacktheit ist selbst für Kinder und Jugendliche nicht erlaubt. Nachts darf nicht unbekleidet geschlafen werden, um Masturbation vorzubeugen. Die Abneigung gegen die Nacktheit und den eigenen Körper hat zur Folge, dass ein Schamgefühl beim Berühren und dem Waschen des eigenen Körpers oder sogar bei einer ärztlichen Untersuchung entsteht.
„Am Ende dieser Entwicklung stand die Tatsache, daß Jugendliche und auch Erwachsene des 19. und 20. Jahrhunderts nicht den Mut hatten, sich vor einem Arzt zu entblößen, daß sie im Hemd badeten und die Hygiene der eigenen Genitalien vernachlässigten.“ 19
Diese Art der Erziehung hat zur Folge, dass es den Eltern zunehmend schwer fällt, den Kindern den Unterschied zwischen den Geschlechtern hinreichend erklären zu können oder aufgrund ihrer eigenen Schamgefühle detailliert erläutern zu wollen. Zusätzlich fehlen ihnen wie oben erwähnt buchstäblich die Worte. Hier
18 Ebd. S.47
19 Ebd. S.65
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wird daher häufiger zu Vergleichen mit Pflanzen oder Tieren gegriffen. 20 „Ebenso feinsinnig zogen manche Lehrer es vor, ihren Schülern Anschauungsunterricht im Leichenschauhaus zu erteilen, um ihnen anatomische Unterschiede zwischen Mann und Frau zu erklären.“ 21
Die Begegnung zwischen Jungen und Mädchen wird im Alltag auf das Nötigste beschränkt. Die gesellschaftlichen Institutionen wie die Schulen tragen dazu ihr Übriges bei. Mädchen und Jungen werden nicht gemeinsam unterrichtet. „Bis 1870 gab es unter den neuen, fortschrittlichen Schulen keine gemischte.“ 22 Zum einen ist der Sinn eines getrennten Unterrichts darin zu sehen, dass es für die Kinder und Jugendlichen der verschiedenen Geschlechter unterschiedliche Erziehungsziele gibt. Bereits die Wahl des Spielzeugs spiegelt diese unterschiedlichen Ziele wider. So soll das Mädchen beispielsweise zur Hausfrau und Mutter 23 erzogen werden: „Die Puppenspiele waren besonders gut geeignet, den Mädchen frühzeitig beizubringen, welche Dinge bei der späteren Aufgabe als ordnungshaltende und das bürgerliche Haus repräsentierende Dame wichtig waren.“ 24 , der Junge zum Mann, der eine höhere Bildung anstrebt, zum Arbeiter und Ernährer einer Familie oder zum Soldaten. Durch das Spielzeug, dass speziell für Jungen angefertigt wird, zum Beispiel den kleinen Nachbildungen technischer Errungenschaften wie der Dampfmaschine, sollen sie „[...] am Prozeß der
20 Christian Gotthilf Salzmann, Religionslehrer und Pfarrer spricht sich gegen die Verwendung von Anschauungsmaterial in Form von Abbildungen von Menschen aus. Er plädiert für die Analogie zur Pflanzenwelt. Peter Villaume und Herrmann Friedrich Rehm schließen sich ihm an. Den Kindern sollten nicht nur der Aufbau der Pflanzen mit ihren Bestandteilen erklärt werden, sie sollten zudem die Möglichkeit bekommen, die Pflanzenteile zu betrachten und die Blüte zu zerteilen. „Das sei ein Verfahren von vortrefflicher Anschaulichkeit und zudem ein Mittel zur Erziehung der gewünschten inneren Einstellung bei den Kindern.“ Die Phantasie des Kindes solle durch dieses Vorgehen in den Hintergrund treten, beziehungsweise zum Verstummen gebracht werden. Koch, Friedrich: Sexualität, Erziehung und Gesellschaft. Von der geschlechtlichen Unterweisung zur emanzipatorischen Sexualpädagogik. Frankfurt am Main: Peter Lang GmbH. Europäischer Verlag der Wissenschaften 2000. S. 36f.
21 Haeberle, E.J.: Die Sexualität des Menschen. Handbuch und Atlas. Berlin: Verlag Walter de Gruyter & Co. 1983. S. 520
22 Van Ussel: Sexualunterdrückung. S.103
23 „Gefühlsbetontheit als weibliche ‚Natur’ und Tugend, sowie der ganze Katalog weiblicher Eigenschaften wie Heiterkeit, Geduld, Sanftmut, wahre Sittlichkeit, Keuschheit und Demut sollen im Bezugsrahmen der Mädchenbildung aufgenommen werden“ Pane, Dharmayuwati: Die Frauenthematik in den Spätdramen Frank Wedekinds: Untersuchungen zur Rolle der Frau in der Gesellschaft an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Mainz, 1989. S.148f.
24 Fertig, L.: Zeitgeist und Erziehungskunst. S.145
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Technisierung früh teil[...]haben.“ 25 Man hofft zum anderen, mit getrennten Bildungseinrichtungen der Sexualität vor der Ehe vorzubeugen. Eltern und Erzieher warnen vor Krankheiten, die durch vorehelichen sexuellen Kontakt entstünden.
Der Mangel an Aufklärung der Kinder und Jugendlichen führt dazu, dass sie sich selbst informieren. Sie tauschen aus Büchern erworbene Informationen aus oder werden von den noch verbliebenen Dienstboten aufgeklärt. Die Neugierde der Jugendlichen ist für die Eltern, die nach den herrschenden bürgerlichen Moralvorstellungen erzogen worden sind, oft nicht begreiflich. Sie selbst empfinden Scham oder sogar Furcht angesichts der eigenen Sexualität und können mit den Fragen ihrer Zöglinge nicht umgehen, so dass sie entweder die Antworten generell verweigern oder sie in allegorische und dadurch missverständliche Bilder kleiden.
„Für die Erzieher war die Schamgrenze etwas Selbstverständliches geworden, so auch das Fehlen oder Bezwingen der Neugierde.“ „Dadurch fiel es ihnen schwer, das noch nicht angepasste Kind zu begreifen. Dieses reagierte ‚normal’, das heißt präkulturell; es erlebte das Sexuelle nicht als etwas Gefährliches, Geheimnisvolles, Schlechtes oder Schamvolles.“ 26
Wird dennoch aufgeklärt, dann geschieht das aus den folgenden Gründen. Zum einen existiert das Argument, dass Aufklärung von Kindern und Jugendlichen die Masturbation verhindere, denn durch Aufklärung würden ihnen deutlich, dass Selbstbefriedigung „[...] verboten und schädlich sei.“ 27 Damit einher geht die Meinung, dass der korrekte und unschädliche Umgang mit der Sexualität gelernt werden könne. Die Phantasie der Jugendlichen werde nicht in falsche Bahnen gelenkt, selbstständige Aufklärung unter den Jugendlichen werde somit verhindert. Dagegen spricht die Ansicht einiger Gegner der Aufklärung, die die These postulieren, die Neugierde der Kinder werde gerade durch die Aufklärung geweckt. Es würden damit Interessen in ihnen wachgerufen, die ohne dieselbe nicht an die Oberfläche gelangt wären. 28
25 Ebd. S.143
26 Van Ussel, J.: Sexualunterdrückung, S.168
27 Ebd. S.169
28 Rousseau beispielsweise ist gegen eine zu frühe Aufklärung der Kinder, aber zudem gegen ausweichende Antworten, die die Kinder falsch verstehen könnten. „Beide Probleme seien hinfällig, wenn Kinder nicht zur Unzeit neugierig gemacht würden. Habe das Kind den rechten Gehorsam
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Häufig werden die Heranwachsenden mit Verweisen auf die Pflanzen- und Tierwelt aufgeklärt, mit deren Hilfe die Eltern wie oben erwähnt, auch die Geschlechtsteile beschreiben und erklären wollen. Die berühmte Geschichte von den ‚Bienen und den Blumen’ scheint hier ihren Anfang zu haben. Oft wird lediglich die Geburt des Menschen explizit auf die menschliche Fortpflanzung bezogen. Hierbei erfährt das Kind, dass die Mutter unter großen Schmerzen die Säuglinge zur Welt bringt. „Wie die Kinder gezeugt werden, blieb durchweg im unklaren.“ 29 Und selbstverständlich werden Lustgefühle, die mit dem Geschlechtsakt einhergehen, nicht zur Sprache gebracht. Also: „Die Familie und die ganze Erziehung setzt die Sexualverdrängung mit allen Mitteln durch.“ 30
3.4 ‚Selbstbefleckung’: Der Umgang mit Masturbation
Besonders bedenklich ist für die Gesellschaft des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts die Masturbation. Es wird die These proklamiert, Selbstbefriedigung sei schädlich, eine sittliche Verfehlung oder sogar eine Krankheit, die es zu bekämpfen gilt. Warum gewinnt die Masturbation gerade in dieser Zeit an moralischer Bedeutung?
Mit den Schuldgefühlen, die durch die erhöhte Schamhaftigkeit der Menschen entstehen und die sich auf fast alle sexuellen Bereiche erstrecken, kann Selbstbefriedigung nicht länger unbeachtet bleiben. Beginnt die sittliche Verfehlung bereits bei unzüchtigen Gedanken und Gefühlen, so bezieht sie sich selbstverständlich umso mehr auf den aktiven Akt der sexuellen Befriedigung. In einer Zeit, in der sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe eine essentielle Bedeutung erhält, erkennen Pädagogen, Ärzte, Erzieher und Eltern, dass Selbstbefriedigung den Jugendlichen eine Möglichkeit bietet, diese Enthaltsamkeit gewissermaßen zu
gelernt, so sei das Schweigegebot eine gute Methode, den Fragen auszuweichen.“ Koch, F.: Sexualität, Erziehung und Gesellschaft. S. 17
29 Van Ussel, J.: Sexualunterdrückung. S.172
30 Reich, Wilhelm: Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral. Zur Geschichte der sexuellen Ökonomie. Köln-Berlin: Verlag Kiepenheuer & Witsch 1972. S.16
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umgehen, indem sie nämlich nicht den Geschlechtsakt als solchen ausüben und damit jungfräulich in die Ehe gehen können.
„Das Verbot der Selbstbefriedigung kann also entstanden sein aus primäremotionalen Reaktionen (Angst, Schuld), derer die Gesellschaft sich zur Selbstsicherung bediente. Die rationale Rechtfertigung war eine andere, als die von den Bekämpfern angegebene (Hygiene usw.), sie war vielmehr das reale oder vermeintliche Wohl der Gruppe.“ 31
Das 19. Jahrhundert ist ja wie bereits angeführt, geprägt von einem Klima der Unterdrückung der Lust.
„Die Selbstbefriedigung ist ein Verhalten, das sich wenig Einschränkungen aufzuerlegen braucht: man riskiert keine Schwangerschaft wie beim vorehelichen Koitus, keine Syphilis wie beim Bordellbesuch, man braucht nicht zu warten, bis der Partner verfügbar ist, man entzieht sich allen Gesetzen und Vorschriften wie auch der gesellschaftlichen Kontrolle und der Verantwortlichkeit. Die Selbstbefriedigung wurde nicht so sehr bekämpft, um ihr ein Ende zu machen, sondern um sie zu bestrafen.“ 32
Bisher fehlen also die Vorschriften, die die Masturbation betreffen. Um die Kontrolle vor allen Dingen der Jugend allerdings lückenlos in der Hand zu haben, muss an dieser Stelle gehandelt werden. Mit dem Verbot der Masturbation wird eine Lücke in der allgemeinen sexuellen Unterdrückung geschlossen. Es gibt nunmehr keine Möglichkeit für das Individuum, seinem Geschlechtstrieb nachzukommen, ohne unter Repressalien durch die gesellschaftliche Moral zu leiden. Dadurch wird die Scham vor dem eigenen Körper vergrößert und der Ekel vor geschlechtlichen Bedürfnissen nimmt immer mehr zu. Diesen wird durch die zahlreichen Verbote die Natürlichkeit abgesprochen. „Ärzte der gesamten westlichen Welt begannen, die Wurzel fast aller körperlichen Probleme in der Masturbation zu sehen.“ 33
Die Überzeugung, dass Masturbation zu körperlichen Gebrechen führt, veranlasst Eltern und Pädagogen zu der Auffassung, am äußeren Erscheinungsbild eines Jugendlichen erkennen zu können, ob er oder sie von dieser Krankheit befallen ist. „Ein einziger Blick auf Körperhaltung, Hautfarbe, Augen und Gesichtsausdruck der Jugendlichen kann schon genügen.“ 34 Genauer gesagt, sind „Allgemeine Teilnahmslosigkeit und Faulheit, schwache oder flackernde Augen, eine blasse
31 Van Ussel, J.: Sexualunterdrückung. S.147
32 Ebd. S.147 f.
33 Haeberle, E.J.: Die Sexualität des Menschen. S.198
34 Van Ussel, J.: Sexualunterdrückung. S.151
16
Hautfarbe, schlechte Haltung und zitternde Hände [...] Symptome heimlicher ‚Selbstbefleckung’.“ 35
Eine andere Möglichkeit, dieses ‚Laster’ bei den Jugendlichen festzustellen, bietet die Aufklärung über die Folgen der Selbstbefriedigung. Dieses geschieht seltener in mündlicher Form aufgrund der bereits dargestellten fehlenden Beschreibungsmöglichkeiten. Der Rat von Pädagogen sieht vor, den Jugendlichen „[...] eine furchtbare Geschichte über das Schicksal eines Masturbanten [...] lesen [zu] geben; dann mußte man den Knaben bei der Lektüre genau beobachten.“ 36 Sei der Junge oder das Mädchen von dieser Krankheit betroffen, würde er sich durch seine Reaktion selbst verraten oder vor lauter Angst seine oder ihre Verfehlung gestehen. Die Aufsicht der Eltern erstreckt sich zudem auf die Inspektion der Bettwäsche des Jugendlichen. Sogar unbewusster Samenerguss in der Nacht sei ein Zeichen „[...] daß der Junge zügellos war und daher nächtliche Pollutionen hatte.“ 37
Durch die Selbstbefriedigung könne es zu einer Vielzahl verschiedener Krankheiten kommen, so die Meinung der Ärzte, Pädagogen und Eltern. So soll Folgendes zu dem entdeckten ‚Sünder’ gesagt werden: „Dein Gesicht wird noch welker, deine Haut braun werden; dein Hände werden zittern, du wirst eine Menge kleiner Geschwüre im Gesicht bekommen, deine Augen werden trüb, dein Gedächtnis schwach, dein Verstand stumpf werden.“ 38 Es existiert eine weit gefächerte Anzahl von Indizien, die die Eltern und Erzieher erkennen lassen können, dass Jugendliche an dieser Krankheit leiden. 39 Prinzipiell lässt sich an der
35 Haeberle, E.J.: Die Sexualität des Menschen. S. 199
36 Van Ussel, J.: Sexualunterdrückung. S.151
37 Ebd. S.151
38 Villaume, P.: Wodurch man das Geständnis der Onanie erlangt (1787). In: Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung. Hrsg. von Katharina Rutschky. Frankfurt am Main - Berlin: Verlag Ullstein GmbH 1988. S. 19f.
39 Detaillierte Darstellung der Erkennungsmerkmale der Onanie: „Blässe des Gesichts, besonders der Lippen; häufige und plötzliche Veränderung der Gesichtsfarbe; eingesunkene, holliegende, trübe und scheue Augen, mit dunklen Ringen umzogen; Verlegenheit bei scharfem Ansehen; häufige Ausschläge und Blüten an Nase, Stirn und Wangen; ekelhafter Geruch aus dem Mund; ein matter ziehender Gang; Anwandlungen von Ohnmacht beim längeren Stehen; Zittern und schnelle Ermattung der Hände; Beben der Stimme; Erschöpfung bei jeder noch so kleinsten Anstrengung [...] Starke Reizbarkeit des Charakters aus Nervenschwäche, heftige Rührungen, selbst Tränen ohne eigentlichen Anlaß; Mißmut, Furchtsamkeit, Zerstreutheit der Seele, verbunden mit schnellem Zusammenfahren; Unruhe und Ängstlichkeit; Erröten, wenn von gewissen Gegenständen die Rede ist; während des Unterrichts starres Ansehen des Lehrers und scheinbare Aufmerksamkeit, ohne
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enormen Vielzahl deutlich machen, dass nahezu jeder Jugendliche in einer Phase seines Lebens zumindest eins dieser Symptome zeigt. Und da es sich lediglich um Indizien handelt, ist das Geständnis von wichtiger Bedeutung. Eine verbreitete Meinung ist, durch die Ejakulation könne das Rückenmark des Jugendlichen geschädigt werden; denn „Der Same ist, nach der Lehre aller geschicktesten Ärzte, ein Auszug aus den feinsten und nötigsten Säften in dem ganzen Körper und vornehmlich aus dem Gehirn und Rückenmark.“ 40 Bei dem Ausfluss der Mädchen und Frauen bestehe dieser Zusammenhang ebenfalls. Aufgrund der auf vermeintlich körperlichen Begebenheiten basierenden Begründung, der beschriebenen Krankheiten, fällt ein Widerspruch natürlich schwer. Die ärztliche Begründung wird von der Bevölkerung akzeptiert, da sie wissenschaftlich fundiert erscheint und von den Ärzten und Erziehern auch als solche dargestellt wird.
Um die vermeintlich gravierenden Folgen für die Jugendlichen zu verhindern, werden zahlreiche Gegenmaßnahmen ergriffen, die die Selbstbefriedigung unterbinden beziehungsweise von vornherein abwehren sollen. Mit einer speziellen Methode der Erziehung können Eltern ihren Kindern die Krankheit Selbstbefleckung ersparen. Wichtige Regeln stellen J. Oest und J. H. Campe auf: „Man wende alle Sorgfalt auf eine gute körperliche Erziehung, besonders auf
doch zu wissen, wovon er redet; sichtbare Wirksamkeit der Phantasie beim Lesen solcher Stellen, welche die Sinnlichkeit rege machen; Erschreckung bei jeder Überraschung; Stumpfheit der Sinne und des Fassungsvermögens [...]; Bitterkeit des Herzens, Verschlimmerung der Gemütsart, die sich durch Neid, Mißgunst, in sich gekehrtes Wesen, Heimtücke verrät [...] Hang zur Einsamkeit, Gleichgültigkeit gegen erheiternde Vergnügungen und laute Spiele, scheue Blödigkeit, Zurückgezogenheit vom Umgang mit dem andern Geschlecht; mehr noch: langes Verweilen an dunklen Orten, auf heimlichen Gemächern, unanständige und unruhige Lagen, Stellungen und Bewegungen des Körpers, besonders der Schenkel; Verbergen der Hände in Unterkleidern oder unter Mänteln, Schlafröcken, langen Kleidern und warmen Deckbetten; wechselnd unnatürlich starke oder schwache Eßlust; Aufenthalt im Bett über die Zeit des Schlafs, Trägheit und Unlust gleich nach dem Aufstehen [...] allzu vertrauter an Leidenschaft grenzender Umgang junger Leute gleichen Geschlechts; häufiges Alleinsein und Absondern von den übrigen Gespielen.“ (Niemeyer, A.H.: Die Indizien für onanistische Betätigung (1810). In: Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung. Hrsg. von Katharina Rutschky. Frankfurt am Main -Berlin: Verlag Ullstein GmbH 1988. S. 303f.)
40 Villaume, P.: Die physiologische Theorie der Selbstbefleckung (1787). In: Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung. Hrsg. von Katharina Rutschky. Frankfurt am Main - Berlin: Verlag Ullstein GmbH 1988. S.301
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körperliche Abhärtung der Kinder.“ 41 Zu viel Liebe und Zuneigung seitens der Eltern sei schädlich, das Kind würde dadurch verweichlichen und wahre Zuneigung nicht mehr zu schätzen wissen. Beim Erreichen des Erwachsenenalters sei die Welt zu dem Kind nicht mehr wohlmeinend und mitfühlend. Die Kinder, die zu zart seien, würden daran zugrunde gehen und könnten in der Welt nicht bestehen.
„Man bewahre die Jugend vor Einsamkeit und Müßiggang.“ 42 Dabei solle allerdings beachtet werden, dass die Kinder und Jugendlichen von der Arbeit nicht allzu ermüden; denn die Folgen wären eben „Einsamkeit und Müßiggang“ 43 . Die Kinder müssten vor unsittlichen Dienstboten beschützt werden; daher sollen die Eltern ihre Kinder entweder selbst erziehen, oder bei der Wahl der Angestellten besonderes Augenmerk auf die ausgeprägte Moral dieser legen. Eine weitere Beeinflussung, der die Kinder unterliegen, sei der Umgang mit Gleichaltrigen in der Schule. Hierbei sei zu beachten, dass die Jugendlichen nicht zu früh und wenn es sich vermeiden lasse, in keiner Weise dieser schädlichen Einwirkung ausgesetzt würden.
Sie sollten von ihren Eltern erst zu Bett geschickt werden, wenn die Müdigkeit ausreiche, sie sofort einschlafen zu lassen und sie sollten sofort nach dem Erwachen das Bett wieder verlassen. Dabei sei die Nachtwäsche vor allen Dingen für Jungen von essenzieller Bedeutung, des Weiteren müssen die Hände des Kindes sich über der Bettdecke befinden, damit sie wenn nötig beobachtet werden können. Zuviel Wärme sei der Masturbation zuträglich, daher gelte: „Man verwerfe, als ganz unnütz und schädlich, die warmen Federdecken.“ 44 Auch die Schlafposition könne Masturbation verhindern, dabei sei auf die Seitenlage des Kindes zu achten, die der Rückenlage vorzuziehen sei. Jungen sollen die Hände nicht in die Hosentaschen stecken, Mädchen sollten beim Sitzen nicht die Beine übereinander schlagen. Jugendliche müssen also mit Hilfe der Erziehung vor allem ferngehalten werden, was eine Reibung an ihren
41 J. Oest, J. H. Campe: Vollständiges System zur Verhütung der Selbstschwächung (1787). In: Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung. Hrsg. von Katharina Rutschky. Frankfurt am Main - Berlin: Verlag Ullstein GmbH 1988. S.304
42 Ebd. S.305
43 Ebd. S.305
44 Ebd. S.309
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Geschlechtsteilen ermöglichen würde, um die Versuchung der Selbstbefriedigung in ihren Anfängen zu unterbinden.
Kinder sollten nicht mit anderen Kindern zusammen in einem Bett schlafen und als Erwachsener sollte man sie sogar während des Spiels nicht alleine lassen, sondern unter permanente Aufsicht stellen. Der wichtigste Grundsatz, der das Fundament der Verhütung von Selbstbefriedigung von Kindern und Jugendlichen lege, sei : „Man präge der Jugend früh die Regeln der Schamhaftigkeit ein.“ 45 Entblößungen des Körpers sei mit Abscheu zu begegnen, die Wortwahl müsse stark eingeschränkt werden, überhaupt solle in Gegenwart von Kindern nicht über sexuelle Sachen gesprochen werden. Kinder sollten lernen, vor anderen und vor dem eigenen Körper Scham zu empfinden.
Sexuelle Erregung durch Darstellung des Nackten in der Kunst müsse vermieden werden, das heißt, dem Kind dürfen keine Abbildungen zugänglich gemacht werden, die seine Phantasie anregen könnten. Dieses geht soweit, dass es sogar vermieden werden sollte, Kinder bei dem Trockenlegen ihrer kleineren Geschwister anwesend sein zu lassen.
Eine einfache Kost bewahre vor verderblichen Gedanken. Besonders geachtet werden müsse darauf, dass sie keine warmen oder alkoholischen Getränke konsumieren.
„Durch alle dergleichen erkünstelte Speisen und Getränke wird der zarte Körper der Kinder notwendig geschwächt, ihr Nervensystem unnatürlich reizbar gemacht: und dann bedarf es nur einer geringen Veranlagung, so ist der unglückliche Schritt zum Verderben getan!“ 46
Wichtig sei die körperliche Hygiene, um Verunreinigungen vorzubeugen, die Juckreiz hervorrufen könnten. Zudem sollten „die geheimen Teile“ 47 täglich mit kaltem Wasser gereinigt werden, um die notwendige Abhärtung zu vervollständigen.
„Man vermeide, so lieb uns die Gesundheit, die künftige Leibes- und Seelenstärke und die Unschuld, mithin die ganze Wohlfahrt unserer Kinder, ist, die allzufrühe
45 Ebd. S.310
46 Ebd. S.311
47 Ebd. S.312
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gesellschaftliche und literarische Ausbildung der Kinder.“ 48 Damit verbunden wird von Oest die These, man solle die den Kindern zugängliche Literatur sorgfältig auswählen. Nicht bloß die Bücher, die eindeutige sexuelle Anspielungen enthalten, seien zu verbieten, sondern vielmehr auch die, die die Phantasie des Kindes anregen; da deren Betrachtungen von der Liebe handeln. Falle es Eltern von ihren eigenen Bildungsstand schwer, die Literatur angemessen zu beurteilen und zu zensieren, so sei es besser, dem Kind jeglichen Zugang zur Literatur zu versperren.
Beim kindlichen Spiel sollten Rollenspiele, die sich auf die Welt der Erwachsenen beziehen, verboten werden, statt dessen sollten Eltern ihren Kindern frühzeitig die „sehr ernsthafte[...] und wichtige[...] Sache“ 49 des Ehestandes darlegen. „Man belehre die Jugend, und zwar so früh als möglich, über die schrecklichen Folgen eines jeden Mißbrauchs der Zeugungsglieder.“ 50 An dieser Stelle wird zum ersten Mal angesprochen, dass mit Kindern konkret über die Masturbation geredet werden soll. Allerdings lässt sich erkennen, dass diese Art der Aufklärung in repressiver Art vorgenommen werden soll. Das Thema der Onanie wird mit negativen Attributen belegt, was in dem Kind zusätzlich Angst und Ekel hervorrufen soll, um eben diesen ‚Mißbrauch’ der Sexualorgane zu verhindern. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das Thema der ‚Selbstbefleckung’ in der Zeit des Bürgertums eine bedeutende Thematik darstellt. Es gibt eine Reihe Abhandlungen von Wissenschaftlern, Ärzten und Erziehern, die sich mit der Masturbation von Kindern und Jugendlichen auseinandersetzen, indem sie Erkennungsmöglichkeiten schildern und Gegenmaßnahmen proklamieren. Die Gründe, die es hierfür geben mag, sind vielfältig und sollen nicht näher erörtert werden. Es bleibt festzuhalten, dass Selbstbefriedigung als grobe sittliche Verfehlung gilt, an dem Gesundheitszustand des betroffenen Jugendlichen müsse daher ernsthaft gezweifelt werden.
48 Ebd. S.313f.
49 Ebd. S.314
50 Ebd. S.315
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3.5 Wandel des Umgangs mit Sexualität in der Zeit von 1880 bis zum ersten Weltkrieg
„Bis zum Ersten Weltkrieg war die Befreiung des Sexuellen vornehmlich das Werk von Künstlern und Intellektuellen und erst in zweiter Linie von Politikern und fortschrittlichen Pädagogen.“ 51 Diese Menschen kämpften für eine freieren Umgang mit der Sexualität, für die Darstellung und Anerkennung des Nackten in der Kunst und gegen die herrschende Doppelmoral der Gesellschaft. Sie prangerten in ihren Werken beispielsweise die Stellung der Frau und die Unaufgeklärtheit der Jugend an. Auch Probleme innerhalb der bisher geschützten Sphäre Ehe werden zunehmend thematisiert und nicht mehr verschwiegen. Sexualität wird von ihnen nicht mit negativen sondern verstärkt mit positiven Attributen versehen. Die Frau wird vom lasziven, gefährlichen Wesen zur sinnlichen Person; der Mann, vor dem die Eltern, vor allen Dingen die Mütter ihre Töchter immer gewarnt hatten, wird mehr als attraktiver Partner dargestellt. Erotik und Sinnlichkeit werden nicht länger als moralisch verwerflich definiert. „Die ersten Anfänge einer systematischen Sexualforschung setzten ein [um 1900], die Psychoanalyse Sigmund Freuds hatte ihre Geburtsstunde, sexualreformerische Aktivitäten fanden in der Sozialdemokratie und in anderen Organisationen ihren Niederschlag.“ 52 „In den neunziger Jahren [des 19. Jahrhunderts] verschärften sich die Auseinandersetzungen um bestimmte Aspekte der Modernität, wie die ausgreifende Diskussion um Schamschwellen, Unzüchtigkeit, Sexualität überhaupt zeigt.“ 53
Dieser teilweise offensive und ungewohnt freizügige Umgang mit der menschlichen Sexualität entrüstet die ‚moralische’ Bevölkerung. „Die neue Moral sei unsittlich und führe zur Entartung der Gesellschaft, zur Sittenverwilderung, zum Rückfall in eine primitive Kultur (Wundt).“ 54 Allerdings fordern die Reformierer der Sexualität kein völlig freies Ausleben derselben.
„Ihrer Ansicht nach [...] war die Unsittlichkeit anderswo zu suchen, nämlich in der Prostitution, den erzwungenen lieblosen Ehen, den Schwierigkeiten in der Ehescheidung, der gesellschaftlichen Diffamierung der Frau und des unehelichen
51 Van Ussel, J.: Sexualunterdrückung. S.198
52 Koch, F.: Sexualität, Erziehung und Gesellschaft. S. 174
53 Pankau, Johannes G.: Polizeiliche Tugendlichkeit: Frank Wedekind. In: Schriftsteller vor Gericht. Verfolgte Literatur in vier Jahrhunderten. Zwanzig Essays. Hrsg. von Jörg-Dieter Kogel. Frankfurt am Main: 1996. S. 144
54 Van Ussel, J.: Sexualunterdrückung. S.200
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Kindes, der unehelichen Mütter. [...]. Sie verlangten eine Neubewertung der Ehe, die Möglichkeit vorehelichen Verkehrs [...].“ 55
Dieser neue Definitionsversuch findet bei der konservativen Gesellschaft, die den bürgerlichen Zwängen einer unterdrückten Sexualität unterliegen, keinen Anklang. Ein Umdenken ist aufgrund der Erziehung nur schwer möglich. Das Schamgefühl ist soweit entwickelt, dass vorehelicher Verkehr für einen Großteil der Bürger indiskutabel erscheint, zumindest für Mädchen beziehungsweise heranwachsende Frauen. Daher stehen uneheliche Kinder oder Mütter am Rande der Gesellschaft. „WESTERMARCK, PLOSS, MALINOWSKI und andere entdeckten zahlreiche Fakten, die zum Teil seit dem 17. Jahrhundert bekannt, aber unbeachtet geblieben waren, wie zum Beispiel, daß die Scham aus der Verhüllung entstand und nicht umgekehrt, daß die primitiven Völker die Öffentlichkeit bei den sexuellen Handlungen nicht scheuen, daß sie promisk sind, daß man schon in der frühen Geschichte des Westens und auch im Alten Testament Polygamie findet, so daß man also nicht von einer Entartungserscheinung sprechen kann.“ 56
Der kirchlich christlichen Argumentation, die Ehe sei ein Sakrament, unehelicher Verkehr sei verboten, wird somit widersprochen. „Der Neurologe WILHELM ERB wies 1903 auf die schädlichen Folgen der beständigen sexuellen Enthaltsamkeit des Mannes und der Frau hin.“ 57 In der Zeit vor der Hochzeit hatte man bis dahin allerdings eben diese Enthaltsamkeit praktizieren müssen.
Prostitution ist ein Thema, das bisher in der Gesellschaft selten offen angesprochen worden ist. Darin manifestiert sich die bürgerliche Doppelmoral am deutlichsten. Natürlich ist die Existenz von Bordellen öffentlich bekannt, sie wird allerdings in der gesellschaftlichen Diskussion nicht oder nur selten thematisiert. Es lässt sich folglich ein Wandel in dem Umgang mit der Sexualität des Menschen erkennen; langsam setzt ein Umdenken ein, das den Grundstein zu einer späteren liberaleren Sexualerziehung von Kindern und Jugendlichen legt.
55 Ebd. S.202
56 Ebd. S.199
57 Ebd. S.203
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Nina Moddemann, 2004, Jugend und Sexualität in den Dramen von Frank Wedekind, München, GRIN Verlag GmbH
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