I Einleitung
Diese Arbeit behandelt die zwei Charaktere Hagen von Tronje und Siegfried von Xanthen im Nibelungenlied, und zwar im Besonderen ihren historischen, beziehungsweise mythischen, Ursprung, ihr Verhalten vor und nach dem Königinnenstreit und die Widersprüche, die in ihrem Handeln auftreten. Hierbei wird fast ausschließlich die Handschrift B berücksichtigt, wobei ältere, jüngere und auch nordische Fassungen der Sage gelegentlich zu Vergleichen und Einordnung des Sagenstoffes zur Rate gezogen werden. Besonders interessante Punkte, die hierbei behandelt werden sind: Warum hat Siegfried zwei verschiedene Jugenden? Ist Kriemhild die richtige Ehefrau, oder sollte diese eigentliche Brünhild sein? Ist Hagen Held oder Feigling? Ist er treuer Vasall oder Verräter? Welche Motive können den Dichter zur Ausformung der Charaktere bewegt haben? Was ist ein Held im Gegensatz zu einem Ritter? Diese Fragen werden in den folgenden Seiten so vollständig wie es in dem kurzen Umfang möglich ist, beantwortet.
II,1 Historischer Siegfried
In der Forschung hat man sich intensiv damit beschäftigt, den Ursprung Siegfrieds zu finden. Die Beantwortung dieser Frage ist nicht ganz einfach, besonders, wenn man bedenkt, wie alt der Sagenstoff eigentlich ist und wie lange er nur mündlich weitergereicht worden ist und somit auch vielen Änderungen unterlag, die auch durch dichterische Freiheit und Sympathien zu einzelnen Figuren durch die einzelnen Erzähler und später durch Dichter beeinflusst worden sind.
Es gibt zwei Hauptzweige, die näher untersucht wurden. Die einen Forscher sind Anhänger der Mythologieforschung. Laut Mone liege dem Nibelungenlied sogar „überhaupt keine Geschichte zugrunde, vielmehr sei die Grundlage
Im mythologisch begründeten Ansatz wird Siegfrieds Ursprung häufig in den nordischen Göttersagen als der Licht - oder Sonnengott Odin 2 oder dessen Sohn Baldr gesehen. Einige vermuten auch den Gott Freyr als den ursprünglichen Siegfried. 3 Auch der theoretische
1 Zitiert nach: Hoffmann - Das Siegfriedbild in der Forschung, S. 5
2 Vgl. Hoffmann - ebd.
3 vgl. Ehrismann S. 55 „Siegfried als Balder, Freyr oder Odin...“
Ansatz einer naturmythologischen Herkunft wird untersucht, im welchem „Siegfried […] ein milder Naturgott [ist], der durch die erlegung des iötunn Fâfnir […] die schädliche wilde kraft des winters bricht und die schöne jahreszeit herbeiführt.“
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Sehr interessant ist auch Müllers Theorie der Gemination, „der mythischen Aufspaltung e i n e s Wesens in zwei“
5
Damit ist gemeint, dass viele Figuren der Nibelungensage im Grunde genommen die jeweiligen Gegenstücke einer Person sind. Von der Hagen vermutet sogar, dass „Hagen, Siegfrieds
Auch die Verschmelzung von Mythen wird von einigen Forschern vermutet. So glaubt Muth, dass Siegfried eine Mischung aus den beiden nordischen Göttern Freyr und Baldr sein muss, „Da die Siegfriedsage wesentliche Elemente enthält, die nicht allein aus dem Mythos von Baldr […] und auch nicht allein aus dem von Freyr […] erklärt werden können.“ 8 Theorien gibt es viele, aber eine Endlösung wurde noch nicht gefunden.
Nicht nur in der Mythologie wurde geforscht, es gibt auch viele Ansätze Siegfried historisch zu suchen. Auch hier findet man nicht den typischen Siegfried wieder. Eine lange Zeit war die Theorie sehr beliebt, Siegfried im merowingischen Königshaus zu vermuten. Hierbei wollen einige Forscher auf die Ermordung des ripuarischen Königs Sigibert verweisen. 9 Der klassische Philologe Göttling hat die Geschehnisse um Siegfried „als ein dichterisch umgeformtes Stück der merowinigschen Geschichte verstanden […] Göttling gibt eine gedrängte Darstellung der geschichtlichen Ereignisse um König Sigibert I. von Austrasien (361 - 575) und fügt dieser sogleich die Behauptung an:< Daß dies die Geschichte des Nibelungenliedes ist, sieht man beim ersten Anblick. Siegfried ist Siegbert>“ 10 . Dies ist heute jedoch nicht mehr so zu sehen. Siegfried ist nicht eindeutig einer historischen Persönlichkeit zu zuordnen. Die Theorien sind vielfältig, und ebenso, wie schon bei den Vertretern der Mystiker, gibt es auch hier Philologen, die der Ansicht sind, „Siegfried sei aus vier bis fünf Sigiberten verschmolzen.“ 11
Rückert geht beispielsweise davon aus, dass durch eine Verwechslung die „beiden
4 Zitiert nach: Hoffmann, S. 12
5 Hoffman : S. 13 6 Hoffmann, S. 9 7 Hoffmann, S. 14 8 Hoffmann S. 16 9 vgl. Hoffmann, S.20
10 zitiert nach: Hoffmann, ebd. , es folgt eine kurze Schilderung des Geschehens um Sigibert, seinen Bruder Chilperich, Brunhild und Fredegund. 11 Hoffmann, S. 23
gleichnamigen austrasischen und ripuarischen Könige in der Gestalt Siegfrieds“ 12 verschmolzen sind. Beide zeigen Parallelen zu Siegfried, jedoch erfolgt keine vollständige Deckung mit dem Charakter, der einen eindeutigen Ursprung beweisen würde. Die Verwechslung und Verschmelzung der oben genannten Könige würden auch die Verwirrung um Brünhilds Beziehung zu Siegfried ansatzweise erkl ären. Lange Zeit hatte man nämlich vermutet, dass Brünhild ursprünglich Siegfrieds Frau gewesen war, und deshalb so frostig in der Brautwerbeszene darauf reagiert hat, dass Siegfried nicht um sie werben wollte, denn in der nordischen Thidreksaga war dies der Fall, dass Siegfried und Brunhild sich verlobt hatten, Siegfried dann aber Kriemhild geheiratet hat.
Giesebrecht erklärt, dass Brünhild deshalb im Nibelungenlied nicht als Siegfrieds Gemahlin auftritt, da …
„…das Bild Siegfrieds nicht erst aus Siegbert von Austrasien entsprungen, sondern dieser nur in jenes aufgenommen ist, und dass der schon in der Liebe des Volkes vorhandene Held, dessen geschichtliches Gegenbild wir demnach früher suchen müssen, bereits eine Gemahlin hatte, die durch Brunhild 13 nicht mehr verdrängt werden konnte, und daher dieser eine entferntere Stellung anwies.“ 14 Eine exotischere, aber ebenso beliebte Theorie ist es, Siegfried in dem Römerbezwinger Armin zu vermuten. Giesebrecht setzt die Besiegung des römischen Heeres in der Varusschlacht (9 n. Chr.) mit Siegfrieds Erlegung des Drachens Fafnir gleich. 15 Die Hornhaut Siegfrieds versucht Giesebrecht dadurch zu belegen, indem er aufzeigt Arminius habe, „im Unterschied zu den sonst ungepanzerten Germanen, nach römischer Art einen Panzer getragen.“ 16 Auch das Verstehen der Vogelstimmen, nachdem Siegfried das Herz des Drachen gekostet hat lässt sich erklären: der Dichter wollte symbolisch zum Ausdruck bringen, dass Armin die lateinische Sprache verstand. 17
Von den genannten Theorien gibt es die verschiedensten Meinungsrichtungen. Sie waren je nachdem natürlich auch durch den jeweiligen Zeitgeist der Philologen beeinflusst. Ein eindeutiges Bild wurde nicht gefunden und die Vermutung liegt nahe, dass Siegfrieds Gestalt tatsächlich durch die Verschmelzung verschiedener Gestalten entstanden ist, und zusätzlich durch dichterische Ausschmückungen verfremdet, durch Sympathien von Seiten des Dichters
12 Hoffmann, S. 24
13 andere Theorien besagen sogar, dass nicht nur Hagen Siegfrieds Gegenstück ist, sondern dass auch Brünhild und Kriemhild eigentlich zwei Seiten eines Charakters sind. Darauf wird gegebenen Falls später noch eingegangen. 14 zitiert nach Hoffmann S. 35 15 vgl. Hoffmann S. 35 16 Hoffmann, ebd. 17 Hoffmann, ebd.
sogar in neue Rollen gehoben wurde. 18
II,2 Charakterisierung Siegfrieds
Siegfried wird im Nibelungenlied als praktisch unbesiegbarer Held dargestellt. Nach einer kurzen Einführung durch Kriemhilds Traum von der Tragödie wird Siegfrieds Jugend beschrieben, die aus einer guten, höfischen Erziehung als Prinz besteht (2.Aventiure 20 - 26), der - als er eines Tages von Kriemhilds Schönheit erfährt - beschließt, dass sie die richtige Braut für ihn ist. Als dieser dann jedoch am Hof der Burgunden eintrifft, wird uns von Hagen seine weitaus weniger geordnete Jugend als Drachentöter geschildert. (3. Aventiure 86 -101) Wie kommt dies zustande? Wozu dieser Widerspruch?
Siegfrieds Jugend als wohlerzogener Prinz soll dem Leser verdeutlichen, dass er eine passende und würdige Partie für eine Frau wie Kriemhild ist. Er ist von königlichem Rang und somit als Ehemann geeignet. Der Zweck dieser neu erdichteten Jugend war „Sîvrit als erbmässig etablierten König darzustellen, d.h. als einen, der auf derselben gesellschaftlichen Stufe wie Gunter stand.“ 19 Seine wildere Jugend, die traditionell dem damaligen Hörer eher bekannt war, dient dem Wiedererkennungswert und soll deutlich machen, dass man es mit einem unbezwingbaren Recken zu tun hat 20 .
Als Siegfried von den Königen begrüßt wird, teilt er ihnen nicht etwa seine Absicht um Kriemhild zu werben mit, sondern er fordert Gunther zu einem Kampf um die Regentschaft heraus 21 . Der Leser ist verwirrt, woher kommt diese plötzliche Aggressivität, die so wenig mit romantischer Eroberung zu tun hat? Grund dafür ist das vor dem geordneten Feudalsystem bestehende Recht des Stärkeren, nach dem galt, dass der Stärkere das Recht der Herrschaft und somit automatisch die Hochzeit mit der ranghöchsten Frau des Reiches für sich entschieden hat. 22 Dadurch, dass Siegfried versucht hat seine Interessen auf diesem Weg
18 Darauf wird später nochmals hingewiesen.
19 Haymes S. 68
20 s. auch Stout S.17: „Damit Siegfried einen vollwertigen Freier abgeben konnte, wurde dem ‚jene premier‘ da schon eine königliche Geburt angedichtet, wurde ihm statt eines Waldes mit wilden Tieren [...] ein Königshof mit Turnieren als Tummelplatz zuerkannt, während sein wichtigster Gegner zum Vasallen erniedrigt wurde.“
21 s. auch Stout S.17: Demnach war es Siegfrieds ursprüngliche Absicht den Wormser Hof zu erobern. Um Siegfrieds Ansehen beim Publikum zu heben, wurde dieses Motiv zum Werben um eine Frau umfunktioniert. Dadurch, dass die Sympathie des Lesers auf Siegfried als Freienden gelenkt wird, erscheint Hagens Tat nicht mehr als Heldentat, sondern als grausamer, hinterlistiger Mord und automatisch wird Hagen dadurch Ziel von Antipathie und Hass. (diese Textstellen werden nicht in den Text aufgenommen, um den Fluss nicht zu stören.)s. auch Haymes S.70: Es treffen zwei Formen der Herrschaft aufeinander. Gunther bezieht sich auf seine Rechtmäßigkeit durch Erbe und Tradition, Siegfried auf das Recht des Stärkeren. Viele Germanisten geben ungern die Vorstellung auf, dass „Gunthers Benehmen [...] moderner [sei] als Sivrits.“ 22 Vgl. Müller, S. 58 Auch hier wird darauf hingewiesen, dass der Stärkste die Schönste bekommt. Bei der Werbung Gunters in Isenstein soll der Stärkste außerdem noch das Land gewinnen, jedoch wird dies durch den Werbebetrug verfälscht.
Arbeit zitieren:
Eva Oltmann, 2005, Das Nibelungenlied - Hagen und Siegfried, München, GRIN Verlag GmbH
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