Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung
Seite 3
B. Hauptteil
1. Wurzeln des Herbst 1989
1.1. Widersprüche in der DDR-Gesellschaft der 80er Jahre Seite 4
1.2. Bildung einer Opposition Seite 5
1.3. Politische Kommunikation Neuer Sozialer Bewegungen Seite 6
1.4. Die Bürgerbewegung und die Medien vor 1989 Seite 7
2. Die Ereignisse bis Ende 1989
2.1. Eine Lawine setzt sich in Bewegung Seite 9
2.2. Oppositionelle Gruppen im Aufwind Seite 11
2.3. Genese der massenmedialen Öffentlichkeit Seite 14
2.4. Absage an eine Reform der DDR Seite 15
C. Fazit
Seite 17
D. Bibliographie
Seite 19
2
A. Einleitung
„Nicht die Medien haben die Wende gemacht. Das Volk hat die Wende gemacht [...]. Zum anderen die Medien, schön, die waren schon ein Schutz. Ohne die Nikolaikirche und einen Raum hier hätten ihnen [den Demonstranten] die Medien nichts geholfen.“ Dieses Zitat vo n Christian Führer, der seit 1980 das Amt des Pfarrers in der Leipziger Nikolaikirche ausübte, bringt die konstitutiven Elemente des Herbst 1989 sehr gut in einen Zusammenhang.
Zum einen ist da das Volk (oder besser ein im Laufe des Jahres 1989 anwachsender Teil der DDR-Bevölkerung), das aus Gründen, auf die ich als nächstes eingehen werde, der Meinung war, dass das politische System der DDR einer grundlegenden Reform unterzogen werden müsse. Dazu bedurfte es aber, so meine These, eines beständigen Aufbaus einer Demonstrations-Infrastruktur durch oppositionelle Basisgruppen, die Kritik am Staat fassbar machten.
Daneben existierte in Leipzig die Nikolaikirche, die hier jedoch weniger als evangelische Kirche, sondern als Raum von Interesse sein soll, in dem in begrenztem Umfang politische Kritik geäußert werden konnte und der über Jahre hinweg die Rolle einer begrenzten Öffentlichkeit darstellte, die als Grundlage für die durch Massenmedien vermittelten und gesellschaftlich sehr viel weiter reichenden Ereignisse des Herbstes 1989 diente.
Diese Öffentlichkeit überbrückte das über Jahrzehnte andauernde autistische Verhalten der DDR-Medien, bis es möglich wurde kommunizierbare Inhalte über die Medien der BRD zu transportieren.
Im folgenden werde ich nun versuc hen, das Verhältnis zwischen Bürgerbewegung, Demonstranten und politischem System, sowie Medien und politischer Öffentlichkeit näher zu beleuchten und in einen Zusammenhang zu bringen.
3
B. Hauptteil
1. Die Wurzeln des Herbst 1989
1.1. Widersprüche in der DDR-Gesellschaft der 80er Jahre
Seit Anfang der 1980er Jahre hatten sich in der DDR die seit Staatsgründung vorherrschenden Widersprüche von Theorie und Praxis weiter verschärft. Zum einen bestand die SED-Führung auch im letzten Jahrzehnt ihrer Herrschaft weiterhin darauf, in der DDR eine neue Gesellschaftsordnung, den „realen Sozialismus“ errichtet zu haben. Doch für jedermann, der sich mit diesem theoretischen Konstrukt eingehender beschäftigte, war der Kontrast zwischen der stalinistischen Parteidiktatur und den Konzeptionen von Marx, zwischen progressiven Zielen und den konservativen Zügen eines Konformismus und Systemerhalts, sichtbar. 1 Dazu kam, dass gerade die DDR-Führungsschicht als eigentlicher Träger dieses Sozialismusmodells, das mit einem starken Gleichheitsanspruch angetreten war, „ein umfangreiches Privilegiensystem für verdiente Funktionäre aufgebaut hatte“ 2 und soziale Aufstiegschancen durch die Personalrekrutierung aus den eigenen Reihen blockierte.
Parallel dazu gehörten eine stagnierende Wirtschaft, technologischer Rückstand innerhalb überalterter Industriebetriebe, eine zurückbleibende Infrastruktur, der Verfall der Innenstädte, der Mangel an Konsumgütern und die sich immer mehr ausweitende ökologische Katastrophe für die „allgemeine“ Bevölkerung sowohl am Arbeitsplatz als auch im öffentlichen und privaten Leben zur Alltagserfahrung. 3 Weiter verschärft wurde dieser Kontrast 1986 mit dem XI. Parteitag der SED, auf dem noch vollmundig von der Überlegenheit des Sozialismus über den Kapitalismus
1 Weber, H.: Grundriss, S. 197 ff..
2 Dornheim, A.: Politischer Umbruch, S. 20.
3 Weber: ebenda, S. 203.
4
gesprochen und dies gerade mit den hohen Steigerungsraten der heimischen Wirtschaft begründet wurde. 4
Ein weiterer Konflikt, der schließlich als Katalysator für die Bildung einer DDR-Opposition dienen sollte, war die „chaotische Kulturpolitik“ 5 des SED-Regimes. Während Kunst und Kultur in der UdSSR seit dem Machtantritt Michael Gorbatschows im März 1985 unter den Schlagworten „Perestroika“ und „Glasnost“ neue Freiheiten erhielt, lag auch in dieser Hinsicht die Reformunfähigkeit der DDR-Parteiführung wie Mehltau über der gesamten Gesellschaft, die sich, von den offiziellen Kulturangeboten größtenteils gelangweilt, in die verbleibenden privaten Nischen zurückzog. 6
1.2. Bildung einer Opposition
Zu diesen sozialen Widersprüchen kam bereits Mitte der siebziger Jahre der Umstand, dass die DDR-Führung über die Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte die Tür für innerstaatliche Veränderungen einen kleinen Spalt geöffnet hatte. Darauf griffen die nun entstehenden Basisgruppen, die zumeist im Umfeld der Kirchen agierten und sich aus jugendlichen, an gesellschaftliche Verhaltensmuster unangepassten Menschen zusammensetzten, zurück. 7
Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre differenzierten sich diese Gruppen zunehmend aus. Es entstanden Friedens- und Ökologiegruppen, später auch Dritte Welt-, Frauen-, Menschenrechts- und Minderheitengruppen, die meiner Meinung nach die Begründer der späteren Demonstrations-Öffentlichkeit darstellen. 8 Deshalb sollen sie unter der Bezeichnung „DDR-Bürgerbewegung“ im Folgenden etwas näher betrachtet werden.
Die wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Ziele der DDR-Bürgerbewegung in den achtziger Jahren waren - bei allen Unterschieden, die es zwischen den einzelnen
4 ders.: ebenda, S. 202.
5 Schroeder, K.: SED -Staat, S. 310.
6 Schroeder: ebenda.
7 Geißler, S.: Engagierte, Sympathisanten, Staatssicherheit, S. 9.
8 ders.: ebenda.
5
Gruppen gab: die Demokratisierung der DDR (Verankerung demokratischer und liberaler Grundrechte), die Brechung des Machtmonopols der SED, wirtschaftlich ein `Dritter Weg´ zwischen Kapitalismus und Sozialismus sowie eine Beibehaltung der Eigenstaatlichkeit der DDR. Die staatliche Vereinigung mit der BRD stand bei den meisten Vertretern der Bürgerbewegung zunächst nicht auf der Tagesordnung. 9 In dieser fehlenden Orientierung an einem Nations- oder Nationalstaatsgedanken und am Selbstverständnis als „Gegenkultur“ unterscheidet sich die DDR-Bürgerbewegung, unter Ausnahme der bürgerlichen DDR-Opposition der späten achtziger Jahre 10 , von den spezifisch osteuropäischen Oppositionsbewegungen. Da der Bezug zu den `Neuen sozialen Bewegungen´, insbesondere zur Friedensbewegung in der BRD nach Dornheim fundamentaler ist 11 , soll nun folgend die Notwendigkeit einer medienvermittelten politischen Kommunikation anhand des Modells von Rüdiger Schmitt-Beck verdeutlicht werden.
1.3. Politische Kommunikation Neuer Sozialer Bewegungen 12
In diesem Modell werden die Hauptakteure, die sozialen Bewegungen, als kollektive Handlungssysteme der gesellschaftlichen Interessenartikulation beschrieben. Sie entstehen, da sich das politische System aus Sicht der beteiligten sozialen Gruppen als nicht responsiv für ihre Interessen erweist 13 und ihnen die direkten, institutionalisierten Zugänge zu staatlichen Entscheidungsprozessen versagt sind. Deshalb stellt sich der medienvermittelte Zugang zur politischen Öffentlichkeit als Schlüsselressource für soziale Bewegungen dar, wobei sich politische Öffentlichkeit nicht nur via Massenmedien herstellen lässt, wie die Mediennutzung der DDR-Bürgerbewegung vor 1989 zeigen wird.
9 Dornheim: ebenda, S. 29.
10 Kowalczuk, I.-S.: Artikulationsformen, S. 1259 ff..
11 nach Dornheim: ebenda, S. 27.
12 auf der Basis von Schmitt-Beck, R.: Kommunikation (Neuer) Sozialer Bewegungen, S. 472 ff..
13 Schmitt-Beck, R.: Über die Bedeutung der Massenmedien für soziale Bewegungen, S. 642.
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Arbeit zitieren:
Florian Schmidt, 2002, Die Öffentlichkeit der Bürgerbewegung als Infrastruktur der Demonstranten des Herbst 1989, München, GRIN Verlag GmbH
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