Kindheit
1 Voll Früchten der Hollunder ruhig wohnte die Kindheit
2 In blauer Höhle. Über vergangenen Pfad,
3 Wo nun bräunlich das wilde Gras saust,
4 Sinnt das stille Geäst das Rauschen des Laubs
5 Ein gleiches, wenn das blaue Wasser im Felsen tönt.
6 Sanft ist der Amsel Klage. Ein Hirt
7 Folgt sprachlos der Sonne, die vom herbstlichen Hügel rollt.
8 Ein blauer Augenblick ist nur mehr Seele.
9 Am Waldsaum zeigt sich ein scheues Wild und friedlich
10 Ruhn im Grund die alten Glocken und finsteren Weiler.
11 Frömmer kennst du den Sinn der dunklen Jahre,
12 Kühle und Herbst in einsamen Zimmern
13 Und in heiliger Bläue läuten leuchtende Schritte fort.
14 Leise klirrt ein offenes Fenster zu Tränen
15 Rührt der Anblick des verfallenen Friedhofs am Hügel,
16 Erinnerung an erzählte Legenden doch manchmal erhellt sich die Seele,
17 Wenn sie frohe Menschen denkt, dunkelgoldene Frühlingstage.
2
Inhalt
I Einleitung: Gedanken zum Begriff „Kindheit“ 4
II Gedichtanalyse. 5
1 Allgemeines. 5
2 Forma le Beschreibung. 6
3 Interpretation. 6
3.1 Strophe 1. 6
3.2 Strophe 2. 11
3.3 Strophe 3 14
3.4 Strophe 4. 17
3.5 Strophe 5. 20
4. Die Bedeutung der Farbe Blau 23
III Schlussbetrachtung. 26
IV Literaturverzeichnis. 27
3
I. Einleitung
Gottlieb Moritz Saphir, der 1795 - 1858 lebte, befasst sich in dem oben genannten Zitat mit dem Thema „Kindheit“. Anhand verschiedener Naturbilder und mit der Metapher „Paradies“ beschreibt er die Kinderzeit sehr idyllisch und bringt sie so dem Leser emotional nahe. Da Saphir sie durchgehend positiv darstellt, bezeichnet er dagegen das Erwachsen -Werden und das Ende der Kindheit in diesem Aphorismus als den „Auszug aus dem verlorenen Paradies “.
Doch nicht alle Menschen können als Erwachsene auf eine positive Kindheit zurückblicken. So verband den Dichter Georg Trakl mit seinen Eltern immer ein emotional schwieriges Verhältnis, durch das er stets tief verunsichert wurde. 1 Seiner Mutter gegenüber empfand er eine „Hass -Liebe“, wie Paulsen beschreibt. 2
Für ein sensitives Kind sind das tiefe Verunsicherungen, und man konnte daher auch von seiner späteren Dichtung sagen: <<Über allem aber>> tönte <
1 Vgl. Paulsen, Wolfgang: Deutsche Literatur des Expressionisus. 2. überarbeitete Auflage Berlin: Weidler 1998, hier S. 112.
2 Ebd. S. 112.
3 Ebd. S. 116.
4 Ebd. S. 116.
4
Nachdem nun festgestellt wurde, dass Trakl ein sehr zwiegespaltenes Verhältnis zu seiner Kindheit hat, soll nun in der folgenden Analyse erörtert werden, wie das lyrische Ich des Traklschen Gedichts >Kindheit< diese erlebt, das heißt, wie das Verhältnis des lyrischen Ich zu seiner Kindheit beschrieben wird.
II Gedichtanalyse
1. Allgemeines
Georg Trakl, der 1887 als viertes von sechs Kindern in Salzburg geboren wird und dort seine Jugend verbringt, knüpft mit seinem Gedicht „Kindheit“, das Juni / Juli 1913 in der Zeitschrift „Der Brenner“ erscheint, an die Tradition des Expressionismus an.
In dieser Epoche steht nicht mehr die Außenwelt im Mittelpunkt, die im Impressionismus durch nuancierte Eindrücke wiedergegeben werden sollte, sondern die Innenwelt der Schriftsteller und deren künstlerischer Ausdruck. So befasst sich Trakl in diesem Gedicht poetisch mit seiner Kindheit. 5 Es entstand im Rahmen des Zyklusses „Sebastian im Traum“, das seinem Spätwerk zuzuordnen ist ( ca. 20. Juni bis 13. Juli ). 6 Die künstlerische Innenwelt wiedergebend, teilt das lyrische Werk keine äußere Handlung mit, sondern vermittelt dem Rezipienten lediglich durch die Verwendung des Begriffs >Kindheit< (I/1) in der ersten Strophe das Thema. Das Gedicht wirkt durch die „aneinandergereihten, strophischen
5
Vgl. Trakl, Georg: Sämtliche Werke und Briefwechsel. Dichtungen Sommer 1913 bis Herbst 1913. Hg. v.
Eberhard Sauermann. Innsbruck 1948. Künftig beziehen sich sämtliche Zitate, die das Gedicht betreffen, auf
diese Ausgabe. Zum besseren Verständnis steht es auch auf Seite 2 der Hausarbeit und hat eine fortlaufende Nummerierung.
6
Vgl. Overath, Angelika: Trakls blaue Kindheit. Altmodische Lektüre eines modernen Gedichts. In: Akzente 34.
Jahrgang (1987). S. 77 - 95, hier S. 77.
5
Bildkomplexe“, wie Angelika Overath die Textstruktur beschreibt, 7 für den Leser zunächst hermetisch und schwer zugänglich. Des Weiteren gibt es eine Ansammlung von Naturbildern, deren Themenbereiche unter anderem Laub, Wasser, aber auch Elemente der Zivilisation wie alte Bauernhöfe und Friedhöfe beinhalten.
2. Formale Beschreibung
Das Gedicht besteht formal aus fünf Strophen, die jeweils eine ungleiche Verszahl aufweisen. Während die erste und die letzte Strophe vier Verse aufzeigen, umarmen diese die zweite, dritte und vierte Strophe, die aus jeweils drei Versen bestehen. Die Verslänge variiert stark, so schwankt die Silbenzahl von neun bis zu zwanzig. Beispielsweise besteht Vers drei in Strophe fünf aus zwanzig Silben, dagegen kann man in Strophe eins Vers vier nur elf und in Strophe drei nur neun Silben zählen. Das Gedicht ist reimlos und durch das unregelmäßige Versmaß kann man von freien Rhythmen sprechen.
3. Interpretation
3.1 Strophe 1
Mit der Allegorie des Holunderbusches beginnt das Gedicht Trakls in scheinbarer Harmonie: >Voll Früchten der Hollunder< (I/1). Sie ruft in den Menschen sofort die bildhafte Vorstellung an seine Früchte hervor, die im Spätsommer, Anfang Herbst dunkelblau den Busch schwer beladen. Diese Fülle wird klanglich auch von der Alliteration des S yntagmas > voll Früchten< (I/1) bestätigt und intensiviert. Ebenso intensivierend wirkt die Inversion der Ellipse, die damit zuerst diese Klanglichkeit in den Vordergrund stellt. Formal gesehen stellt das Syntagma >voll Früchten der
7
Ebd. S. 78.
6
Hollunder< (I/1) keinen grammatikalisch vollständigen Satz dar, sondern es handelt sich um eine Nominalbildung ohne Prädikat, die als Verbalellipse bezeichnet wird. Horst J. Frank zu Folge 8 „tritt an die Stelle der syntaktisch abgeschlossenen Aussage (...) die bloße, Assoziatione n weckende Nennung. (...) die gleichsam impressionistische Eindrücke reihen (...).“ Dieser erste Vers vermittelt dem Leser einen impressionistischen Eindruck einer Grünanlage, in der eben dieser Holunderbusch angepflanzt ist, wobei das Gebüsch als pars pro toto für den Garten zu verstehen ist. Da schon in anderen Gedichten die Jahreszeiten in der Lyrik symbolisch für die verschiedenen Lebensphasen des Menschen zu verstehen sind, 9 kann man davon ausgehen, dass das herbstliche Bild des Früchte tragenden Holunderbuschs für einen Menschen steht, der seinen Zenit des Lebens - vielleicht gerade - überschritten hat. Durch ein Semikolon als harte Fügung formal abgetrennt, wird beschrieben, wie der abstrakte Begriff >Kindheit< (I/1) >ruhig in einer blauen Höhle wohnte< (I/1f), wobei das Lexem >Kindheit< (I/1) mit Hilfe des Verbs >wohnen< (I/1) personifiziert wird. Diese Personifikation an Stelle der Beschreibung eines Kindes, das >wohnte<, hebt die Besonderheit der Metapher hervor und verweist, da der B egriff zum ersten Mal im Gedicht vorkommt, auf den Titel: >Kindheit<. Dies wirkt also emphatisch. Dieses Gedankenbild wird im Imperfekt dargestellt, was auf etwas Gewesenes verweist, das heißt das >Wohnen< muss in der Vergangenheit stattgefunden haben. Ein glattes Enjambement trennt die Syntagmen >ruhig wohnte die Kindheit< (I/1) und >in blauer Höhle< (I/2) voneinander. Auf diese Weise soll die Bedeutungsschwere des zweiten Syntagmas hervorgehoben werden, da dieses nun am Anfang des zweiten Verses isoliert vom ersten Satzteil betont wird. Die >blaue Höhle< (I/2) wirkt auch auf das lyrische Ich, das hier nicht explizit genannt wird, beruhigend, wie
8
Vgl. Frank, Horst Joachim: Wie interpretiere ich ein Gedicht? Eine methodische Anleitung. 5. Auflage Tübingen: Francke 2000 (= Uni-Taschenbücher; 1639 ) S.61.
9 Vgl. Hölderlin, Friedrich: Hälfte des Lebens. In: Begegnungen ( 7 ). Lesebuch für Gymnasien. Hg. v. Harald
Caspers et altera. 3. Auflage 1971. Heramnn Schroedel Hannover. S. 164.
7
Arbeit zitieren:
Lisa Köhler, 2004, 'Kindheitsreflexion' in Georg Trakels Gedicht 'Kindheit' mit Augenmerk auf die `Seelenfarbe` Blau, München, GRIN Verlag GmbH
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