Die so genannte „Fischer-Kontroverse“ gilt als die „Schlüsseldebatte“ 1 in der deutschen Geschichtswissenschaft der frühen 60er-Jahre. Der Hamburger Historiker Fritz Fischer stritt damals mit seinen Kontrahen- ten über die Kriegsziele des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg. 2 Entgegen der bis dahin vorherrschenden Forschungsansicht vertrat Fischer die These, Deutschland sei nicht etwa gemeinsam mit den eu- ropäischen Großmächten in den Krieg „hineingeschlittert“ 3 , sondern habe eine aktive Kriegspolitik betrieben und expansive Kriegsziele wäh- rend des gesamten Ersten Weltkriegs verfolgt.
Über die fachwissenschaftliche Spezialdebatte hinaus wurde die Fi- scher-Kontroverse in der breiten Öffentlichkeit als eine Debatte über die Kontinuitäten in der Deutschen Geschichte wahrgenommen. Wenn das Deutsche Reich schon im Ersten Weltkrieg weitreichende Kriegsziele verfolgt hatte, die denen Hitlers im Zweiten Weltkrieg ähnelten, konnte Hitler nicht länger als ein „Betriebsunfall“ 4 der deutschen Geschichte angesehen werden. 5 Bis zu Fischers Arbeit über den Ersten Weltkrieg hatte die deutsche Geschichtswissenschaft Hitler und das ‚Dritte Reich’ als außerhalb der Kontinuität der historischen Entwicklung, als eine Art ‚Ausrutscher’, betrachtet. Diese Ansicht war zum Grundkonsens der bundesrepublikanischen Gesellschaft der 1950er-Jahre geworden, in der das „kommunikative Beschweigen“ 6 der persönlichen Vergangen- heit und der deutschen Geschichte einen festen Platz einnahm.
1 So z.B. Konrad H. Jarausch: Der nationale Tabubruch. Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik in der Fischer Kontroverse. In: Martin Sabrow, Ralph Jessen, Klaus Große Kracht (Hg.): Zeitgeschichte als Streitgeschichte. Große Kontroversen seit 1945. München 2003. S. 20-40, hier S. 21.
2 Die aktuellste zusammenfassende Darstellung der Fischer-Kontroverse findet sich bei Immanuel Geiß: Zur Fischer-Kontroverse – 40 Jahre danach. In: Martin Sabrow, Ralph Jessen, Klaus Große Kracht (Hg.): Zeitgeschichte als Streitgeschichte. Große Kontroversen seit 1945. München 2003. S. 41-57.
3 So eine viel zitierte Aussage des englischen Premierministers Lloyd George. Vgl. Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18. Düsseldorf 2000. (Nachdruck der Sonderausgabe 1967), S. 10. 4 Diese häufig verwendet Formulierung geht wohl auf einen Artikel von Fritz Stern im Spiegel vom 21.10.1964 zurück Fritz Stern: War der Krieg nur ein Betriebsunfall? In: Spiegel, 21.10.1964.
5 Vgl. Krummeich, Gerd: Das Erbe der Wilhelminer. Vierzig Jahre Fischer- Kontroverse: Um die deutschen Ziele im Ersten Weltkrieg stritten die Historiker, weil man vom Zweiten geschwiegen hatte. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.11.1999. 6 Hermann Lübbe, zit. nach Klaus Große Kracht: Fritz Fischer und der deutsche Protestantismus. In: Zeitschrift für Neuere Theologiegeschichte 10 (2/2003). S. 224- 252, S. 224.
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Fritz Fischer veröffentlichte sein Buch zu einem Zeitpunkt, als dieser Grundkonsens bereits erste Risse bekommen hatte: Der Eichmann- Prozess in Israel, die Frankfurter Auschwitz-Prozesse und Diskus sio- nen um verschiedene neu veröffentlichte Bücher zwangen die Deut- schen zur Auseinandersetzung mit der NS-Zeit. Derart sensibilisiert für einen kritischeren Umgang mit d er eigenen Vergangenheit, traf Fi- schers Buch – und sein anklagender Ton, der seine These vom ge- samtgesellschaftlichen Konsens innerhalb der deutschen Bevölkerung über die expansiven Kriegsziele durchzog – den Nerv seiner Zeitge- nossen. 7 Dass genau dies auch seine Absicht gewesen war, betont Fi- scher in seinem „Begleitwort“ zur Neuauflage von 1977:
„[…] vom Kaiserlichen Deutschland [sind] in den gesellschaft- lichen Formationen und ideellen Traditionen Linien oder doch Elemente der Kontinuität festzustellen […] hin zum ‚Dritten Reich’, die erst begreiflich machen, wieso dieses möglich war und kein „Betriebsunfall“ der Geschichte, wie so viele es sehen wollen.“ 8 Gegen diese von Fischer postulierte Kontinuität wehrten sich seine Gegner um den Historiker Gerhard Ritter erbittert. Bemerkenswert an der Debatte ist, dass – trotz ihres in der Hochphase aggressiven Um- gangstons – die Lebensläufe der Kontrahenten in der NS-Zeit kaum eine Rolle spielten 9 .
In einem kürzlich erschienenen Aufsatz 10 beschäftigt sich Klaus Große Kracht mit der Biographie Fritz Fischers und deren Bedeutung für seine späteren wissenschaftlichen Interessen. Fischer selbst hatte seine poli- tische Prägung und seinen Werdegang in der NS-Zeit, während derer immerhin seine Berufung zum Professor für Neuere Geschichte an die Universität Hamburg erfolgte , eher im Unklaren gelassen. Bekannt war über Fischers Vergangenheit zwar, dass er seit 1933 in der SA und seit 1937 – nach Ende der Aufnahmesperre – Mitglied der NSDAP gewesen war. Diese Mitgliedschaften begründete Fischer allerdings mit seinen Karriereabsichten. Im Übrigen habe er „als ‚Wähler der SPD’ die End-
7 Vgl. Krummeich.
8 Fischer, S. 11.
9 Vgl. Krummeich.
10 Klaus Große Kracht: Fritz Fischer und der deutsche Protestantismus. In: Zeitschrift für Neuere Theologiegeschichte 10 (2/2003). S. 224-252.
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phase der Weimarer Republik erlebt“ und sei „ über den Aufstieg der
NSDAP ‚keineswegs erfreut’“ 11 gewesen.
Der Aufsatz von Große Kracht legt eine etwas andere Sicht nahe: Seit 1917 war Fischer in der völkischen Jugendbewegung aktiv gewesen. Er war Mitglied im Deutschnationalen Jugendbund, im Jungnationalen Bund und im Verein für das Deutschtum im Ausland, die allesamt dem äußeren Rechten Rand des politischen Spektrums der Weimarer Re- publik angehörten. Von 1922-1926 gehörte er sogar dem rechtsradi- kalen Freikorps Bund Oberland an. Im September 1923 hatte er am „Deutschen Tag“ in Nürnberg teilgenommen, auf dem unter Beteiligung von NSDAP und Oberland der Deutsche Kampfbund gegründet wurde, der am 8. November zum Hitler-Putsch ansetzte. Diese Angaben hatte Fischer selbst 1942 in einem Lebenslauf gemacht, den er für seine Be- werbung um die Hamburger Professur verfasst hatte. 12 Selbst wenn er seine Aktivitäten für diesen Zweck im Sinne seiner zukünftigen Arbeit- geber ‚geschönt’ haben sollte, passen sie doch nicht zu seiner späteren Selbstdarstellung als „SPD-Wähler“.
Sein Theologie-Studium und auch seine Promotion absolvierte Fritz Fischer in Berlin bei dem Kirchenhistoriker Erich Seeberg, der mit den Nazis sympathisierte und Hitlers ’Machtergreifung’ als eine „weltge- schichtliche Wende“ ansah, die eine begrüßenswerte Folge der „Ge- schichte der ‚deutschen Frömmigkeit’ als göttliches Offenbarungs- geschehen“ 13 darstellte. Wie sein akademischer Lehrer unterstützte auch Fischer in dieser Zeit die Reichsbewegung Deutscher Christen mit ihrem Ziel der Errichtung einer Reichskirche auf völkischer Grundlage. 14 Er wurde „politischer Referent“ der SA und hielt in dieser Funktion Vor- träge die ihn in die „Versuchung“ führten, „Propagandareden“ zu halten, wie er in einem Brief an Erich Seeberg 1934 schrieb.
1939 bewarb Fischer sich um ein Stipendium des von Walter Frank geleiteten parteinahen Reichsinstitut für Geschichte des neuen
11 So äußerte sich Fischer in einem 1988 mit dem Norddeutschen Rundfunk geführten
Interview. Zitiert nach Große Kracht, S. 231.
12 Große Kracht, S. 230.
13 ebd., S. 231.
14 ebd. S.234.
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Arbeit zitieren:
Helene Heise, 2004, "Gewissermaßen schizophren" - Die biographische Dimension der Fischer-Kontroverse, München, GRIN Verlag GmbH
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