0 Einleitung
Etwa 70% der Weltbevölkerung leben in den Städten. Dieser Trend ist besonders in den hochindustrialisierten Ländern zu beobachten und erhöht das gesellschaftliche Spannungspotenzial: „Soziale Probleme sind fast immer städtische Probleme, betreffen eine städtische Bevölkerung und werden politökonomisch in Städten entschieden“ 1 . Die hohe Bevölkerungskonzentration hat auch eine Wandlung der städtischen Struktur zu Folge, so dass die Städte ihr Bild sukzessive verändern. Nicht nur die Politik oder öffentliche Investoren, sondern auch die Bürger gestalten die optische und strukturelle Kulisse der Städte nach ihren Bedürfnissen und Wünschen. Der Prozess der Stadtentwicklung ist somit das Ergebnis gesellschaftlicher Interessen. Hieraus resultieren konkurrierende Ansprüche: Bevölkerungsgruppen verdrängen einander aus den Stadtgebieten, welche für sie einen besonderen Reiz ausstrahlen. Durch diesen Verdrängungswettbewerb entsehen Probleme, besonders bei benachteiligten Bevölkerungsschichten, wie etwa älteren Bewohnern oder bestimmten ethnischen Gruppen.
Die Stadtentwicklung ist ein komplexer Prozess, welcher in dieser Arbeit untersucht werden soll. Den Schwerpunkt der Ausarbeitung bildet die theoretische Betrachtung dieser Entwicklung und der daraus resultierende Prozess der Invasion- Sukzession. Der Invasions- Sukzessions Prozess beinhalt et viele Fassetten, wie etwa den Filtering-Prozess. Auch Gentrification stellt eine Gestaltungsrichtung des Invasions- Sukzessions Prozess dar. Das Forschungsgebiet über Gentrification nimmt in der Stadtsoziologie einen breiten Raum ein. Gentrification wird als Phänomen der Aufwertung innenstadtnaher Wohngebiete beschrieben. Dieser Prozess geht mit einem Bevölkerungsaustausch zu Gunsten der besserverdienenden Bevölkerungsgruppen einher. Gentrification wird als ein großes Problem in der Stadtentwicklung gesehen. Einkommensschwache Altmieter werden durch einkommensstarke Neumieter ausgetauscht, was den Unterschied zwischen arm und reich immer größer werden lässt. Dieser Prozess wird auch als „qualitativer Bevölkerungsaustausch“ bezeichnet 2 .
Der erste Teil dieser Arbeit beschreibt den theoretischen Hintergrund der Stadtentwicklung. Daran anschließend wird der Prozess der Invasion- Sukzession diskutiert und in den möglichen Ausgestaltungen dargestellt. Hierbei wird der Bogen zum Filteringprozess gespannt. Teil zwei der Ausarbeitung beschäftigt sich mit der Darstellung der Gentrifizierung
1 Vgl.: Friedrichs, Jahr: 1977, S.14.
2 Vgl.: Blasius, Jahr: 1993 S.9.
und deren Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt. Den Schluss der Arbeit bildet ein Fazit und ein Ausblick.
1 Begriffseinordnung
1.1 Die Stadtsoziologie und die Definition der „Stadt“
Die Stadtsoziologie kann als eine spezielle Form der Soziologie bezeichnet werden, welche sich mit der Interaktion sozialer Gruppen in einem städtischen Raum auseinander setzt. Die Stadtsoziologie weist einen interdisziplinären Charakter mit anderen Wissenschaften, wie der Geographie und der Stadtökologie auf. Werden jedoch Individuen oder Gruppen in einem urbanen Raum betrachtet, so werden Elemente aus der Psychologie, Politologie und Ökonomie in die Analyse integriert 3 . Demzufolge rückt auch der Begriff der „Stadt“ in den Mittelpunkt der Betrachtung, auf welchen nun genauer eingegangen werden soll. Unter den Siedlungen in allen Kulturen der Erde heben sich einige ganz besonders hervor- die Städte. Die Städte sind nicht nur Konzentrationen menschlicher Aktivitäten, sondern haben auch eine große Rolle zur kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Gesellschaftsentwicklung beigetragen.
In der Literatur sind viele Definitionen vom Begriff der „Stadt“ zu finden. So definiert Max Weber die Stadt „als ein Marktplatz“. Diese Definition zielt auf den historischen Stadtbegriff hin. Die (mittelalterliche) Stadt war früher durch die Befestigungsmauer ein Ort der Zuflucht und des Schutzes 4 . Wirth geht hingegen bei seiner Definition auf die Größe, Dichte, Heterogenität und die Dauerhaftigkeit der Siedler in der Stadt ein. Weitere Definition ist z.B. die Definition der Stadt aus geografischer 5 oder statistischer 6 Sicht. Zusammenfassend kann man die Stadt als „eine administrative Einheit definieren, wobei als Mindestgröße 2.000 oder 20.000 Einwohner gewählt werden“ 7 .
Nicht nur bei der Definition des Begriffs „Stadt“, sondern auch bei Modellen der Stadtentwicklung existieren mehrere Erklärungsansätze, die nun vorgestellt werden. Eine Grundlage für die Erklärung der Stadtentwicklung bildet das Modell von Burgess. Das Modell von Hoyt, welches sich auf das Modell von Burgess stützen, wird nun in Kürze vorgestellt.
3 Vgl.: Korte, Jahr: 1986, S.2.
4 Vgl.: Friedrichs, Jahr: 1977, S.17.
5 Die Stadt im geografischen Sinn ist ein Ort mit besonderen funktionalen und sozialgeografischen Merkmalen wie Größe, Bebauungsdichte usw.
6 Die Stadtdefinition aus statistischer Sicht geht vor allem auf die Zahl der Einwohner der Siedlung ein.
7 Vgl.: Friedrichs, Jahr: 1977, S.17.
1.1.1 Modell von Burgess
Am Beispiel von Chicago entwickelte Burgess ein Modell (1925), welches die Prozesse der Stadtentwicklung darstellt. Er geht davon aus, dass sich die Entwicklung der Städte von innen (also vom Stadtkern „City“) nach außen vollzieht. Weiterhin argumentiert er, dass sich die Ausdehnung der Stadt in alle Richtungen gleichmäßig verteilt. Die Ausdehnung der Stadt hat Auswirkungen auf die in der Stadt lebenden Bürger. Im Laufe des Prozesses der Entwicklung einer Stadt dringen die Nutzungen 8 , Gelegenheiten 9 und Bevölkerungsgruppen in die nächste äußere Zone der Stadt. Somit entsteht ein sequentieller Ablauf vo n Prozessen, welcher zur Expansion der Stadt führt. Dieser Prozess wird als Invasions- Sukzessions- Prozess bezeichnet und in Punkt 1.5 erklärt 10 . Ein weiteres Merkmal des Stadtentwicklungsmodells ist die zunehmende Differenzierung (Segregation) der einzelnen Gebiete einer Stadt 11 . Somit resultiert ein Modell mit fünf konzentrischen Zonen ähnlicher Struktur, welches in Tabelle 1 dargestellt ist 12 :
8 Nach Friedrichs ist die Nutzung definiert als „(...) ein Cluster von Aktivitäten, die auf einer Fläche vorherrschen.“ Als Beispiel kann die Güterproduktion als gewerbliche Nutzung angeführt werden. Vgl. Friedrichs, Jahr: 1977, S.94.
9 „Nutzungen“ definieren eine Flächenart, z.B. Wohnfläche, Fläche für Bildung u.a. Da die Definition der „Nutzungen“ für soziologische Analysen unbefriedigt ist, wird zusätzlich zwischen „Gelegenheiten“ unterschieden: Gelegenheiten sind „(...) Öffentliche und private Einrichtungen in einer Stadt“. Hierbei geht es explizit um Klassifikationen wie Schule, Krankenhäuser und Sportplätze. Vgl.: Friedrichs, Jahr: 1977, S.55.
10 Vgl.: Friedrichs, Jahr: 1977, S.101f.
11 Vgl.: Friedrichs, Jahr: 1977, S.102f.
12 In Anlehnung an Friedrichs, 1977, S. 105-106; Hoffmeyer-Zlotnik, Jahr: 1977, S.13-16.
Das Modell von Burgess ist aufgrund seiner einfachen Darstellungsweise sehr anschaulich, jedoch wegen der elementaren Ausführung zu kritisieren. Diese Kritik richtet sich insbesondere auf die grobe Einteilung der Stadt in fünf Zonen. Betrachtet man die Stadt als Ganzes, so stößt man auf eine Vielzahl von heterogenen Gebieten innerhalb einer städtischen Zone, welche sich durch homogene kulturelle oder soziale Gegebenheiten von anderen Gebieten unterscheiden. Diese Gebiete werden in der Literatur als „natural area“ bezeichnet 13 . Burgess formulierte diesen Prozess der Stadtentwicklung bereits in den 20er Jahren. Er geht von einer dynamischen Entwicklung der Stadt aus, welche ihren Ursprung in der ersten Zone (Loop) hat und sich in die nächstäußeren Zonen ausbreitet. Diese Entwicklung ist heute in entgegengesetzter Richtung zu beobachten. Die bevorzugten Wohngebiete konzentrieren sich nicht mehr am Stadtrand, sondern verlagern sich in die Innenstädte. Die Stadtentwicklung ist in der Gegenwart ein Teil eines Gesamtkonzepts, welches die Gesamtentwicklung einer Stadt z.B. den kulturellen, ökonomischen oder ökologischen Bereich steuert. Die Maßnahme der Stadtentwicklung ist nicht mehr die Expansion einer Stadt, sondern die stadtinterne Aufwertung und Umstrukturierung. Als aktuellstes Instrument kann die Agenda 21 angeführt werden.
1.1.2 Modell von Hoyt
Das Modell von Hoyt richtet die Untersuchung auf die Veränderung der Wohngebiete der oberen Mittel- und der Oberschicht. Das Kernargument des Modells ist die Auswanderung der Oberschicht in die nächsten äußersten Zonen einer Stadt und das Nachrücken der statusniedrigeren Bevölkerungsschicht in die leerstehenden Wohnungen. Dieser Prozess des Filterings wird in Kapitel 1.3. beschrieben 14 . Sowohl das Modell von Hoyt als auch das von Burgess gehen zwar von ähnlichem Aufbau einer Stadt aus (5 Zonen), der grundlegende Unterschied liegt aber in der Ausgestaltung der Stadtentwicklung. Hoyt legt die Veränderung des Wohnstandorts der statushöheren Bevölkerung zugrunde, Burgess dagegen die Expansion der Städte.
1.2 Prozesse der Veränderung von Stadtstrukturen
Im oberen Teil wurden verschiedene Modelle der Stadtentwicklung vorgestellt. Auf das Modell von Burgess wird in den weiteren Ausführungen verwiesen. Nun sollen die Prozesse
13 Vgl.: Hoffmeyer-Zlotnik, Jahr: 1977, S.15f.
14 Vgl.: Friedrichs, Jahr: 1977, S.106-108.
Gentrification und Filtering in ein Gesamtkonzept eingeordnet werden. Gentrification und Filtering sind jedoch Teilprozesse in einer Kette von sequentiell ablaufenden Veränderungen, die sowohl mit der Bevölkerungswanderung als auch mit städtebaulichen Aufwertungs(Abwertungs-)prozessen innerhalb einer Stadt einhergeht. Diese Prozesse lassen sich in ein Gesamtkonzept der Veränderung von Städten einordnen.
Abwertungen eines Wohngebiets (durch Neubau, fehlende Instandhaltungsinvestitionen, Änderung des Lebensstils u.a.) lösen eine vermehrte Auswanderung von Bevölkerungsschichten in andere Wohngebiete aus, mit dem Ziel, den Wohnstatus bzw. die Wohnqualität 15 beizubehalten oder zu verbessern. Dieser Prozess wird als Filtering up bezeichnet. Bewohner, die im abgewerteten Gebiet zurückbleiben, verschlechtern ihren Wohnstatus analog dem Wohngebiet. Diesen Prozess bezeichnet man als Filtering down. Ausgehend von dem Prozess des Filterings werden Umzugsketten ausgelöst, welche einen Bevölkerungsaustausch in den einzelnen Städtezonen zu folge haben (vgl. Abbildung 1.). Der Einzug (Invasion) einer Bevölkerungsgruppe löst den nächsten Teilprozess, die (Invasion) -Sukzession, aus. In diesem Prozess wird Gentrification, als Aufwertung eines Wohngebiets durch die eingedrungene Gruppe eingeordnet. Am Ende des Gesamtprozesses wird aufgrund erneuter Abwertung eines Wohngebiets der Wanderungsprozess von neuem ausgelöst.
Im nun folgenden Teil sollen diese Teilprozesse näher beschreiben werden. Der Schwerpunkt der Betrachtung soll auf dem Invasions- Sukzessions Prozess „nach oben“, sprich der Getrifikation liegen.
15 Unter Wohnstandard werden Eigenschaften des Wohnens verstanden. Hierbei kann zwischen objektiven und subjektiven Standards unterschieden werden. Die objektiven Eigenschaften passen sich im Zeitablauf den allgemeinen technischen und ökonomischen Fortschritt an. So gehören heute Dinge wie Heizung, Bad oder Dusche innerhalb der Wohnung zu den Grundausstattungen. Aspekte wie Terrasse, Balkon, große Räume entsprechen der persönlichen Vorliebe und sind in ihrer Wichtigkeit nur subjektiv zu beurteilen.
Abbildung 1: Kette der Bevölkerungswanderung und Stadtentwicklung
1.3 Der Prozess des Filterings
Durch den Bau neuer qualitativ hochwertiger Wohnungen kommt es bei den statushöheren Bevölkerungsschichten zu vermehrten Umzügen. Das hat einen Überschuss des Wohnungstyps der freigewordenen Wohnungen zu Folge. Durch das Überangebot der Wohnungen sinkt der Preis dieser Wohnsubstanz ab und lockt folglich Bevölkerung anderer Statusschichten in die Gebiete. Der Status einer Person wird nicht nur am Einkommen gemessen, es spielen andere Einflussfaktoren eine Rolle, welche nun in Kürze dargestellt werden.
Status ist die Stellung die eine Person in einer Gruppe einnimmt. Personen, die einen bestimmten Status haben, verhalten sich gemäß den entsprechenden Erwartungen 16 . Ein Erklärungsansatz für die ungleichmäßige räumliche Verteilung von Personen im Stadtgebiet (Segregation), kann der unterschiedliche Staus einzelner Gruppen sein. Hierbei wird zwischen dem sozioökonomischen Status (Einkommen, Bildungsstand, Beruf), ethnischer Zugehörigkeit (Nationalität, Religion, Kultur) und Alter bzw. Stellung im Lebenszyklus unterschieden. In den Städten ist eine soziale oder ethnische Segregation ausgeprägt. Betrachtet man den Prozess der Stadtentwicklung von Burgess, so ist deutlich zu erkennen, dass sich in den jeweils segregierten Zonen ein gleiches Statusmerkmal herausgebildet hat.
16 Vgl.: Drechsler u.a., Jahr: 1995, S.792.
Demzufolge vollzieht sich der direkte Effekt des Filteringprozesses innerhalb einer statusgleichen Gruppe (sowohl die direkten, als auch die indirekten Effekte werden im Laufe des Kapitels erklärt). Durch die Umzugskette (indirekter Effekt) wirkt dieser Prozess bis in die schwächste Bevölkerungsschicht und ermöglicht somit die Verbesserung ihrer Wohnsituation 17 . Dieser Prozess wird als die Filteringtheorie des Wohnungsmarktes beschrieben und ist Abbildung 2 dargestellt.
Legende: W- Wohnqualität
E-Einkommen
Jede Baumaßnahme erzeugt für die Wohnversorgung direkte und indirekte Effekte. Direkte Effekte sind solche, die sich (direkt) auf den Nutzer einer Wohnung beziehen. Ein direkter Effekt ist in Abbildung 2 in t2 zu sehen. Infolgedessen bezieht die Bevölkerungsschicht mit dem höchsten Einkommen (E1) die neu erbauten Wohnungen (W1*). Somit wird der Erstbezug in eine Neubaumaßnahme als direkter Effekt bezeichnet. Dem gegenüber stehen die indirekten Effekte, die sich aus den direkten ableiten. Diese entwickeln sich aus den Umzugsketten, welche als Folge der Neubauten entstehen. Ein Haushalt zieht in eine neue Wohnung um und hinterlässt folglicht eine Wohnung, in welche ein anderer Haushalt einzieht. Dieser Haushalt macht wiederum eine Wohnung frei, welche dem Wohnungsmarkt zu Verfügung steht u.s.w. 19 Durch das entstehe nde Überangebot verlieren die Wohnungen an Wert und können durch Bewohner niedrigerer Einkommensschicht bzw. anderer Statusschicht bezogen werden, ohne einen Mehrwert für die statushöhere Wohnung auszugeben. Wenn der
17 Vgl.: Ipsen, Jahr: 1986, S.13.
18 In Anlehnung an Ipsen, Jahr: 1986, S.14.
19 Vgl.: Ipsen in: Borst u.a. Jahr: 1986, S.49f.
Arbeit zitieren:
Tatjana Belkina, 2005, Die Entwicklung der Stadt – Ein Prozess der Invasion und Sukzession, München, GRIN Verlag GmbH
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