Abstract
2003 hat die Europäische Kommission eine Umfrage unter 7500 Europäern durchgeführt, dessen Ergebnis wie folgt lautete: „Israel ist die größte Gefahr für den Weltfrieden - Israel, das ist ein explosives Gemisch aus jüdischer Aggressivität, jüdischer Arroganz, jüdischer moralischer Erpressung und jüdischem Finassieren“ (Vgl.: „Altes Gift im neuen Europa“ in: „Die Zeit“ 11.12.2003, Nr. 51). Die nach dem Zweiten Weltkrieg durch strenge gesellschaftliche Tabus unterdrückten Stereotype sind nach 60 Jahren wieder aufgetaucht. Im folgenden Forschungsbericht soll untersucht werden, in wieweit Israelkritik legitim ist, ohne dass diese als eine antisemitische Äußerung aufgefasst wird. Wo verläuft die Grenze zwischen der Kritik an der israelischen Politik und Judenhass, gefärbt von einem antizionistischen Schatten? Ist diese Art von Antisemitismus, d.h. Israelkritik, als eine „neue“ Form des Antisemitismus anzusehen oder ist es der „alte“ Antisemitismus, welcher sich nur hinter der aktuellen politischen Debatte versteckt? Diese Fragen sollen untersucht und mit statistischen Daten untermauert werden.
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1 Einleitung
Nach jahrhundertlangen erbitterten Kämpfen, der größten ethnischen Säuberung, welche während des 2. Weltkrieges die Ermordung von mehr als 6 Millionen Menschen jüdischer Herkunft zur Folge hatte, wurde 1948 der Staat Israel gegründet 1 . Ein Staat, in welchem sich die jüdische Bevölkerung nicht mehr verstecken und ihren Glauben verleugnen sollte. Doch bereits nach wenigen Jahren wurde das Land sowohl von politischen als auch von militärischen Kämpfen erschüttert. Es verging keine Dekade während des Bestehens Israels ohne dass Kämpfe um das gelobte Land stattfanden.
Auch in der Gegenwart verrinnt kaum ein Tag ohne gewalttätige Ausschreitungen. Noch heute gilt der Kampf um die Anerkennung des jüdischen Glaubens. Doch nicht nur im eigenen Land Israel fürchtet sich die jüdische Bevölkerung vor Übergriffen, Aggressivität und Verachtung. Eine Studie des EU-Zentrums zur Beobachtung rassistischer Tendenzen zeigt ein uneinheitliches Bild des europäischen Antisemitismus – zunehmende Aggressivität in einigen Ländern, antijüdische Zwischenfälle als Randphänomen in anderen.
Beinhaltet die neue Welle des Antisemitismus alte Vorurteile, welche bereits seit Jahrtausenden in der menschlichen Geschichte kursieren, oder ist es ein neues Phänomen, welches sich auf die politische Situation im Staat Israel stützt? Ist also der „neue Antisemitismus“ ausschließlich die „judenbezogene Antiisraelhaltung“ oder die Überlagerung alter Vorurteile mit neuem Inhalt? Weist der heutige Antisemitismus einen Zusammenhang zwischen der aufgeheizten politischen Lage Israels und alten Vorurteilen auf? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt dieser Untersuchung.
Die Arbeit gliedert sich in zwei Hauptteile: Im Hauptteil A wird ein kurzer Abriss der Geschichte des Antisemitismus dargestellt und der theoretische Fundus aufgebaut. Hierbei steht die Theorie des „neuen“ Antisemitismus von Werner Bergmann im Mittelpunkt. Teil B beschäftigt sich mit einer praktischen quantitativen Auswertung der GMF- Survey von 2004. Hierbei wird der Pretest statistisch analysiert. Das Ziel der Arbeit besteht in der Untersuchung des „neuen Antisemitismus“ bzw. der „judenbezogenen Antiisraelhaltung“. Hierzu ist es notwendig, die einzelnen Fassetten, welche das Konstrukt Antisemitismus erklären, zu benennen und zu definieren. Den Schluss der Arbeit bildet eine Kritik mit anschließendem Fazit.
1 Vgl.: Drechsler/ Hilligen/ Neumann, S. 554.
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A Definition und Theorie
2 Operationalisierung – Was ist Antisemitismus?
Antisemitismus ist „die feindselige bis hasserfüllte Einstellung (...) gegenüber den Juden“ 2 . Diesen Begriff prägte 1979 der Deutsche Hans Marr. Die Definition nach Hanna Arendt 3 lautet wie folgt: „Antisemitismus ist genau dass, was er zu sein vorgibt: eine tödliche Gefahr für die Juden und nichts sonst“ 4 .
Die Entwicklung der Judenfeindschaft und die Judenverfolgung lässt sich in drei Phasen untergliedern: Antisemitismus im Mittelalter, in der frühen Neuzeit und in der Gegenwart. Jedoch ist vorab zu klären, aus welchen Fassetten sich Antisemitismus zusammensetzt.
2.1 Klassischer Antisemitismus
Nach Bergmann und Erb ist der klassische Antisemitismus die „(...) offene Abwertung und Diskriminierung von Juden auf der Basis negativer und traditioneller Stereotypen“ 5 . Im Laufe der Jahrhunderte hat sich ein bestimmtes Bild vom Juden eingeprägt. So werden sie als geldgierige und skrupellose Geschäftsfrauen/männer hingestellt. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die jüdische Bevölkerung bereits seit dem Mittelalter gezwungen war, Stellen im finanzwirtschaftlichen Sektor zu besetzen. Die Ursache liegt in dem Verbot der Ausübung des „ehrbaren Handwerks“. Aufgrund des Erfolges der Juden z.B. in der Geldleihe oder dem Güterhandel kamen neidgefärbte Aussagen vom geldgierigen und skrupellosen Juden auf, welche sich bis in die heutige Zeit gehalten haben.
Nicht nur die Aussagen vom skrupellosen Geschäftsmann oder der jüdischen Weltverschwörung 6 werden als Vorwand für den Judenhass genannt, sondern auch die Unterstellung des Mordes an Christus.
2 Vgl.: Drechsler/ Hilligen/ Neumann, S. 26.
3 Die Philosophin und Politikwissenschaftlerin Hannah Arendt floh 1933 vor den Nationalsozialisten nach Frankreich und 1941 in die USA. Ihre persönlichen Erfahrungen beeinflussten ihr wissenschaftliches Werk stark.
4 Vgl.: Drechsler/ Hilliger/ Neumann, S. 26.
5 Vgl.: Heyder/ Iser/ Schmidt, S. 6.
6 Nachdem die Juden als Folge der Aufklärung und Revolution in West- und Mitteleuropa die Bürgerrechte erhalten haben, entstand als Reaktion auf diese Emanzipation ein moderner, nicht auf religiösen sondern rassistischen Vorstellungen basierender Antisemitismus, der sich sehr bald die fixe Idee zu eigen machte, die Juden strebten die Weltherrschaft an. Insbesondere deutsche antisemitische Autoren verfassten während dieser Zeit Texte mit den Titel "Sieg des Judentums über das Germanentum" (Wilhelm Marr 1879) oder "Verzweiflungskampf der arischen Völker mit dem Judentum" (Hermann Ahlwardt 1890).
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All diese Stereotypen führten im Laufe der Zeit zur Vertreibung, Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung. Der klassische Antisemitismus ist die älteste Form des Antisemitismus.
2.2 Sekundärer Antisemitismus
Der sekundäre Antisemitismus ist eine spezifische Form des deutschen Antisemitismus. Dieser beschreibt die Verharmlosung oder sogar die Leugnung der nationalsozialistischen Verbrechen am jüdischen Volk. Begriffe wie die „Auschwitzlüge“ 7 werden mit dem sekundären Antisemitismus assoziiert 8 .
Der sekundäre Antisemitismus bedient oft die sozio- psychologischen Bedürfnisse nach Erinnerungsabwehr und Entlastung von Scham und Schuld. Die geleisteten Entschädigungszahlungen an die Juden werden mit dem Vorurteil des geldgierigen Juden verknüpft, was wiederum die Brücke zum klassischen Antisemitismus aufbaut. Ein weiteres Merkmal des sekundären Antisemitismus ist die Täter-Opfer-Umkehrung. Diese besagt, dass die Juden ihren Opferstatus zu ihren eigenen Vorteilen ausnutzen, um sowohl finanzielle als auch politische Unterstützung zu erhalten.
2.3 Antizionismus
Antizionismus wird im Lexikon für „Gesellschaft und Staat“ wie folgt definiert: „Antizionismus ist die Bezeichnung für Hass oder Gegnerschaft zum Staat Israel, de facto Nebenform des Antisemitismus“ 9 . Es handelt sich um eine politische Haltung gegen den Zionismus 10,11 .
Der Autor Shulamit Volkov betont in seinem Werk „Jüdisches Leben und Antisemitismus im
19. und 20. Jahrhundert“ den Unterschied zwischen Antizionismus und Antisemitismus.
Antizionismus ist laut Volkov ein ideologischer, politischer Standpunkt. Antisemitismus
7 Der Begriff „Auschwitzlüge“ ist die Bezeichnung für das Bestreiten der Judenverfolgung und der Massenmorde durch die Nationalsozialisten im Vernichtungslager Auschwitz von 1941-1944/45.
8 Vgl. Drechsler/ Hilligen/ Neumann, S. 59 9 Vgl.: Drechsler/ Hilligen/ Neumann, S. 906f.
10 Der Zionismus ist eine während der zweiten Hälfte des 19 Jahrhunderts entstandene jüdische Nationalbewegung, die sich für das Recht der Juden auf einen eigenen Staat einsetzt. Den Begriff „Zionismus“ prägte 1890 der Journalist Nathan Birnmaum. Zionismus beinhaltet den Traum vom Frieden im eigenen Land. Dieser Traum existiert bereits seit mehr als 2000 Jahren, ab dem Zeitpunkt als das römische Reich das Land Judäa zerstört hat.
11 Vgl.: Drechsler/ Hilligen/ Neumann, S. 906
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jedoch wird als ein komplexes Konstrukt angesehen, welcher sich auf Vorurteile und Einstellungen dem Einzelnen und dem Kollektiv gegenüber präsentiert 12 .
Die im Punkt 1.1 bis 1.3 genannten Konstrukte beschreiben die klassischen Hauptbestandteile des Antisemitismus. Konstrukte wie antisemitische Separation 13 und israelibezogener Antisemitismus (antirassistischer Antisemitismus) 14 stellen ebenfalls Bestandteile des Antisemitismus dar 15 . Abbildung 1 fasst die Operationalisierung des Konstrukts zusammen.
Abbildung 1: Operationalisierung des Konstrukts „Antisemitismus“
3 Entstehung des Antisemitismus
3.1 Antisemitismus im Mittelalter
Bereits im Mittelalter stellten die Juden eine Minderheit in der Bevölkerung dar, welche sich von der christlichen Mehrheit unterschied.
Seit dem 13. Jahrhundert verschlechterte sich die soziale Stellung der Juden immer mehr. 1215 erklärte die christliche Kirche die Verwerfung und Ablösung der Juden als Volk Gottes. Somit wurden die Juden zu einer sozial ausgegrenzten Gruppe. Als Folge dieser Ausgrenzung
12 Vgl.: Volkov, S. 77f.
13 Antisemitische Separation beschreibt die indirekte Abwertung der Juden begründet durch den Zweifel an der Loyalität zu Deutschland.
14 Dieses Konstrukt beschreibt die Generalisierung der israelischen Politik auf alle Juden, auch auf solche, die außerhalb des Staat Israel leben.
15 Vgl.: Heyder/ Iser/ Schmidt, S. 7ff.
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wurden die Juden aus Positionen in öffentlichen Ämtern ausgeschlossen und mussten sich einer strickten Kleidervorschrift unterwerfen 16,17 . Während dieser Zeit wurde die Farbe Gelb der Kennzeichnung der Juden zugeordnet. Gelb galt während des gesamten Mittelalters zur Kennzeichnung von sozial ausgegrenzten Gruppen.
Bereits vor dem 13. Jahrhundert führten die Juden eine Randexistenz. Dies zeigte sich insbesondere in der auf Seite 3 beschriebenen beruflichen und besitzrechtlichen Einschränkungen 18 .
3.2 Antisemitismus in der frühen Neuzeit
In der Neuzeit hatte der Antisemitismus einen rein ökonomischen Hintergrund. Das Bürgertum, welches Berufe im Handwerk oder Kleinhandel ausübte, empfand Konkurrenzneid gegenüber den sehr erfolgreichen Juden, die in Preußen bis 1810 den anderen Bevölkerungsschichten gleichgestellt waren 19 .
Judenfeindliche Vorurteile waren im Volk sehr weit verbreitet und wurden von der Kirche noch weiter geschürt. Während dieser Zeit neigten die Menschen oft dazu, die Schuld an ihren Problemen und Nöten auf Randgruppen in der Bevölkerung abzuwälzen. So entstand aus dieser Schuldzuweisung der Fremdenhass, welcher sich in antisemitischen Handlungen äußerte.
Während dieser Zeitepoche verfassten viele Autoren judenfeindliche Schriften. Jakob Sprenger und Heinrich Institoris schrieben im 15 Jahrhundert den „Hexenhammer“, als Grundlage nicht nur für die Hexen-, sondern auch für die Judenverfolgung. Bis in die Anfänge des 17 Jahrhunderts wurde diese Schrift in 29 Auflagen gedruckt. Dieses Buch gilt bis heute als das grausamste Machwerk, welches in der Geschichte des Buchdruckes jemals erschienen ist. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde ein Verbot über den bloßen Besitz dieses Buches rechtmäßig durchgesetzt, welches im Jahr 1936 unter Adolf Hitler wieder rückgängig gemacht wurde.
3.3 Antisemitismus in der Gegenwart
Auch 60 Jahre nach der Ermordung von mehr als 6 Millionen Juden sind antisemitische Vorurteile noch immer nicht verklungen, im Gegenteil, es ist ein erneuter Anstieg von
16 Kleidervorschriften existierten im Mittelalter für alle Stände der Bevölkerung. Jedoch hatte die Kleidervorschrift der Juden die Absonderung und Stigmatisierung als Ziel.
17 Vgl.: Bergmann, S.4.
18 Vgl.: Weiss, S. 7-62.
19 Vgl.: Drechsler/ Hilligen/ Neumann, S. 27.
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antisemitischen Gewalttaten zu verzeichnen. Die Gewaltwelle von 1991/92 hatte Übergriffe gegen jüdische Friedhöfe, Synagogen und Mahnmale zu Folge. Der Antisemitismus hat keineswegs seinen hohen Stellenwert verloren; er ist weiterhin nicht nur in der Bevölkerung verbreitet, sondern auch ein wesentlicher Bestandteil rechtsextremer Ideologie und Propaganda.
Auch die „Schlussstrich- Diskussion“ wurde erneut entfacht 20 . Während der 70er und 80er Jahre die Verfolgung der Juden im Dritten Reich und besonders im Holocaust ohne Verharmlosung dargestellt wurde, sprach man in den 90ern vom „Vergeben und Vergessen“ 21 .
Der Antisemitismus hat über die traditionellen Vorurteile und Stereotypen hinaus neue Formen entwickelt. Die Eskalation der Gewalt in Israel und Palästina durch Terror und militärische Aktionen hat in der europäischen Öffentlichkeit vielfach zu einseitiger Parteinahme geführt. Radikale Israel-Feindschaft ist heute nicht nur bei rechten und linken Extremisten zu finden, sondern auch bei demokratischen Linken, die sich mit den Schwächeren in diesem Konflikt, den Palästinensern, solidarisieren.
4 Werner Bergmanns Theorie des „neuen“ Antisemitismus
Werner Bergmann führt vier verschiedene Ansätze auf, mit welchen Antisemitismus erklärt werden kann 22 .
1. Psychologische Theorie: Diese Theorie geht auf die Eigenschaft der Persönlichkeit
zurück.
2. Theorie der relativen Deprivation: Die Entstehung der Vorurteile gegenüber Juden
wird auf mangelnde Erfahrung zurückgeführt.
3. Gruppensoziologische und gruppenpsychologische Theorie: Hierbei wird die
Konfliktsituation zwischen einer Minderheit und der Mehrheitsgesellschaft beschrieben.
4. Gesellschaftstheorie: Antisemitismus steht im Zusammenhang mit sozialem Wandel,
wie etwa Modernisierungsschübe oder soziale und politische Krisen. Die nun folgende Theorie soll sich auf die Gesellschaftstheorie stützen und somit eine Erklärung für den „neuen“ Antisemitismus liefern.
20 Vgl.: Bergmann, in: Thur- Kurth, S. 23.
21 Vgl.: Bergmann, in: Thur- Kurth, S. 20ff.
22 Vgl.: Bergmann/ Erb, S. 113-118.
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Während der letzten Dekade sind antijüdische Vorfälle in einigen Ländern zwar zurückgegangen, jedoch nicht in Frankreich oder Deutschland. Besonders die USA wirft den Europäern Antisemitismus vor dem Hintergrund des zugespitzten Nahostkonflikts vor. Laut der ADL 23 Umfrage von 2002 glauben 62 % der europäischen Bevölkerung, „(...) dass der gegenwärtige Ausbruch von Gewalt gegen Juden in Europa nicht Ausdruck des herkömmlichen Antisemitismus, sondern anti-israelischer Gefühle sei.“ 24 . Sind Israelkritik und Antisemitismus demnach zwei disjunkte Phänomene? Die Abgrenzung zwischen Israelkritik und Antisemitismus stellt jedoch sowohl ein analytisches als auch ein politisches Problem dar. Denn die seit Jahrhunderten wuchernden Vorurteile, welche die Grundlage für den „klassischen Antisemitismus“ bilden, können nicht binnen weniger Jahre ausradiert werden.
Bergmann betont, dass Israelkritik nicht dem Antisemitismus gleichgesetzt werden kann. Zitate wie „Die Palästinenser sind die Juden von heute“ 25 haben nichts mit berechtigter Israelkritik zu tun, sondern stellen die „neue“ Form des Antisemitismus dar. Laut dem von Werner Bergmann aufgestellt Kriterienkatalog, ist nicht mehr von Israelkritik, sondern vom versteckten „neuen“ Antisemitismus zu sprechen 26 :
• Die Abkehrung des Existenzrechts Israels und des Rechts auf Selbstverteidigung.
• Die Umkehrung des Opfer- in einen Täterstatus der Juden in Anbetracht der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern.
• Ein historischer Vergleich der Palästinenser mit der Judenverfolgung im Dritten Reich.
• Die Verurteilung bestimmter israelischer Handlungen, welche in anderen Ländern keine Verurteilung finden.
• Die Transformation antisemitischer Stereotypen auf den gesamten israelischen Staat, wie etwa die Weltverschwörung.
Folglich befasst sich der „neue“ Antisemitismus nicht mit Stereotypen und Weltverschwörung, sondern bedient sich der aktuellen politischen Situation des Staates Israel.
23 ADL ist die Abkürzung für die Anti Defamation League. Das ist eine internationale Organisation, welche sich für die Rechte der jüdischen Bürger einsetzt. (Vgl.: www.adl.org).
24 Vgl.: Bergmann, S.2.
25 Vgl.: Bergmann, S.2ff.
26 Vgl.: Tuor-Kurth, S.11-33, 155-179, 199-217.
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5 Zwischenfazit
In dem ersten Teil dieses Forschungsberichts wurde der theoretische Fundus der nachfolgenden statistischen Auswertung gelegt. Zudem wurden die zu bearbeitenden Konstrukte vorgestellt und die Geschichte des Antisemitismus kurz beschrieben. Nun folgt die Auswahl der für die Hypothesenprüfung benötigten Items und eine allgemeine Auswertung dieser Items. Anschließend werden die Ergebnisse der Hypothesenprüfung im Bezug auf den theoretischen Forschungsstand geprüft.
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B Die quantitative Analyse
1 Die statistische Grundlage
Als statistische Grundlage dient der Pretest der GMF Survey von 2004. GMF steht für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und ist ein auf 10 Jahre angelegtes Projekt (von 2002 bis 2012) 27 .
Die Studie beschreibt die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit anhand von sechs Elementen: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Heterophobie, Etabliertenvorrechte und Sexismus. Die statistische Grundlage für diesen Forschungsbericht ist das Element Antisemitismus, welcher sich nochmals in fünf Konstrukte , unterteilt: klassischer und sekundärer Antisemitismus, antirassistischer Antisemitismus mit jeweils acht Items, separatistischer Antisemitismus und Unsicherheit gegenüber Juden mit jeweils 4 Items 28 .
Für die Auswertung werden nicht alle Konstrukte und Items verwendet. Von der Auswertung des Konstruktes „separatistischer Antisemitismus“ und „Unsicherheit gegenüber Juden“ wird aufgrund der zu bearbeitenden Fragestellung abgesehen.
1.1 Die Faktorenanalyse
Mit Hilfe der Faktorenanalyse sollen die zugrundeliegenden Faktoren bestimmt werden, welche die Korrelationsmuster innerhalb eines theoretischen Konstrukts durch die beobachteten Variablen erklären. Die Faktorenanalyse wird zur Datenreduktion verwendet. Es existieren zwei Arten der Faktorenanalyse 29 :
• In der explorativen Faktorenanalyse wird die Zahl der Faktoren empirisch bestimmt.
• In der konfirmatorischen Faktorenanalyse wird untersucht, ob die empirische Faktorenstruktur auch in den erhobenen Daten widergespiegelt wird.
Folgende Einstellungen wurden für die Berechnung der Faktoranalyse im SPSS 12.0 gewählt:
• Deskriptive Statistik: Univariate Statistik, Anfangslösungen
• Extraktion: Hauptachsenanalyse, nicht rotierte Lösungen anzeigen
27 Vgl.: Heitmeyer, in: Deutsche Zustände.
28 Vgl.: Kurzbericht Pretest II, S. 3ff.
29 Vgl.: Kühnnel/Krebs, S. 585ff.
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• Rotation: Oblimin 30 , direkt
• Option: Listenweiser Fallausschuss 31 Der anfängliche Eigenwert der Faktoren wurde auf 1 festgelegt. Es soll nun mit Hilfe der konfirmatorischen Faktorenanalyse geprüft werden, welche Items in die Analyse aufgenommen werden.
1.1.1 Klassischer Antisemitismus
In Teil A Punkt 1.1 wurde das Konstrukts „klassischer Antisemitismus“ definiert. Diese latente Variable wird in der GMF Survey mit Hilfe von 8 Items gemessen:
1. Juden haben in Deutschland zu viel Einfluss
2. Durch ihr Verhalten sind die Juden an ihrer Verfolgung mit schuldig.
3. Juden haben in der Geschäftswelt zuviel Macht.
4. Juden wurden in der Geschichte zu Unrecht verfolgt.
5. Ich finde es gut, dass es wieder mehr Juden in Deutschland leben.
6. Ich mag keine Juden.
7. Juden sind mir unangenehm.
8. Die Profitgier von Juden macht mir Angst.
Im ersten Schritt werden alle Items in die Faktorenanalyse einbezogen. Folgendes Ergebnis liegt nun vor:
Tabelle 1: Erklärte Gesamtvarianz der Faktorenanalyse für das Konstrukt klassischer Antisemitismus
(verkürzte Version, komplette Tabelle: siehe Anhang Tab1)
30 Die Rotation nach oblimin (auch promax) lässt eine Korrelation unter den Faktoren zu. Die Rotation nach varimax oder ouartimax geht von einer rechtwinkligen Rotation aus, bei welcher die Faktoren unkorreliert bleiben.
31 In der Analyse wird der listenweise Fallausschluss dem paarweisen Fallausschluss vorgezogen. Die Begründung liegt in der Fallzahl des Pretest. Würde der paarweise Fallausschluss als Option gewählt, so besteht die Gefahr nicht signifikante Ergebnisse, aufgrund geringer Fallzahl, zu erhalten.
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Tatjana Belkina, 2004, Antisemitismus - Neue Form oder historisch gewachsenes Vorurteil?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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