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Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
1.Medizin zwischen Spätaufklärung und Vormärz 3
1.1 Melancholiemodell und zeitgenössische Konzepte des 3
Wahnsinns
1.2 Über das Clarus-Gutachten 5
1.3 Versuch einer Diagnose zum historischen Lenz 6
2.Analyse der Krankheitsbilder 7
2.1. Zum Diskurs der Triebnatur und zum 7
Konzept der Geisteskrankheit im Woyzeck
2.1. Die Büchnerische Fallstudie - Der geisteskranke Lenz 9
Konzept der Geisteskrankheit im Woyzeck
3.Büchner und Medizin 12
4. Schlußbetrachtung 14
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Einleitung
Im folgenden soll die medizin-historische Situation in der Büchner Texte wie Woyzeck und Lenz schreibt erläutert werden. Krankheiten besitzen in der Literatur und Realität epochentypischen Charakter, sind also zugleich Diagnose ihrer Zeit. Neue Beobachtungen und Theorien der Geisteskrankheit werden aufgegriffen, individuelle Situationen des Kranken und soziale Hintergründe seines Krankseins und der Therapie ergänzen und verdrängen in der Neuzeit religiöse und mystische Ableitungen. Die literarische Produktion Büchners fällt in eine Epoche des sich anbahnenden Umschwungs. Medizin und Philosophie verflechten sich und allmählich kommt es zum Erkennen der Schwäche der Vernunft und damit der Macht der Natur. Dabei möchte ich herausstellen, wie insbesondere die deutschen Mediziner an herkömmlichen Modellen festhalten und den Weg zu neuem Erkenntnisgewinn versperren. Ziel soll es weiter sein, aufzuzeigen, wie Büchner sich hinsichtlich des Diskurses um Geisteskrankheit und Triebnatur von seinen Zeitgenossen abgrenzt und damit psychologische Phänomene und Erklärungen antizipiert. Grundlage dafür sind seine Werke Woyzeck und Lenz. Außerdem soll Büchner in seiner Rolle als Medizinstudent und sein Menschenbild fokussiert werden.
1.Medizin zwischen Spätaufklärung und Vormärz
1.1 Melancholiemodell und zeitgenössische Konzepte des Wahnsinns
Mit dem 19. Jahrhundert beginnt die Psychiatrie sich als medizinischautonome Disziplin zu etablieren, in ihrem Zentrum steht die Ursache und Entwicklung seelischer Krankheit. Die romantischen Psychiater stellen sich der Grundfrage nach dem Wesen der Seele und ihrem Verhältnis zum Leib, ob die Seele, das metaphysisch und unsterblich Geglaubte, überhaupt erkranken könne. Die vorherrschende
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Lehrmeinung (der Psychiker) folgt der Vernunftphilosophie eines Kant, Hegel und Schelling, die den Wahnsinn als selbstverschuldete Unvernunft deklariert. Der Wahnsinn gilt als Strafe Gottes. Er entspringt dem sündigen, willentlichen Handeln des prinzipiell freien Subjektes, der unmoralischen Lebensführung, dem Abfall vom Glauben. Man verlegt die Ursachen der Krankheit damit ins Innere des Menschen, der aufgrund seiner unsittlichen, leidenschaftlichen und sündigen Natur Schuld auf sich geladen hat. 1 Dem gegenüber stehen die Somatiker 2 , die die menschliche Seele als physiologisch begreifen und die Auffassung teilen, beim Irresein sei das Denken und Willen vom Körper bestimmt, nicht aber von der Seele. In Frankreich zeigt sich die Psychiatrie progressiver, erstmalig wird hier von einer Triebtheorie ausgegangen. Philippe Pinel und sein Schüler Esquirol erwähnen die Existenz eines unkontrollierbaren, instinktartigen Triebes , der sich äußere, ohne dass die damit behaftete Person notwendig geisteskrank sei. Gleichzeitig empfindet Esquirol die Anstalt als lediglich verzerrtes Abbild der „gesunden“ Gesellschaft, deren ursprüngliche Triebstruktur, hier sozusagen zum Ausdruck komme. 3 Diese Auffassung wird zu Büchners Zeit von den deutschen romantisch-idealistischen Psychiatern entschieden abgelehnt. Das Irresein wurde stets als einheitliches Syndrom 4 mit verschiedenen Stadien und Übergängen betrachtet, dabei wird auch der Melancholiebegriff neben dem Wahnsinn dem Irresein zugeordnet. Antiken Prozessmodellen folgend, bestimmt man die Melancholie entweder als Vor- oder Anfangsstadium des Wahnsinns. 5 Traditionell gehen Melancholie und Wahnsinn eng miteinander einher. Melancholie meint also im zeitgenössischen Sinn einen krankhaften Zustand, seelisches Leiden. Ihre Symptome sind Niedergeschlagenheit, Insichversunkenheit, Brüten über irgendeinen Gegenstand des
1 Kitzbichler: Aufbegehren der Natur, S.103
2 Somatiker und Psychiker stellen zwei verschiedene Parteien der Psychatrie des beginnenden 19. Jahrhunderts, sind in ihrem Wissen jedoch beide abstinent gegenüber psycho-sozialen Verursachungsfaktoren
3 Kitzbichler: S. 113f
4 Schmidt: Melancholie und Landschaft, S.36
5 Zit.nach Schmidt, Melancholie und Landschaft, S.37. Zu den Antiken Wurzeln dieser Anschauung: Tellenbach, Melancholie, S.5f
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Verlustes, der Trauer, des Schmerzes, der Verzweiflung [ ...mit] unruhige[r], ängstliche[r], hastige[r] Beweglichkeit, [ ...] Hinstarren mit Unempfindlichkeit [ ...] unter Seufzen, Weinen und Wehklagen. 6 Die Wiedergabe der Melancholie im Rahmen der 4 Temperamente, Melancholie also als Temperamentfehler, setzt sich traditionell bis ins 20.Jahrhundert fort. Die Geisteskrankheit des 18. und 19. Jahrhundert manifestiert das Vernunftspathos der Aufklärung, die Suche nach einer klaren Trennung von Gefühl und Verstand. Im besonderen galten Genies als melancholieanfällig aus übersteigerter Sensibilität. Außerdem galten schwindende Lebenslust und der sich ausbildende Geschlechtstrieb als Gründe für ihre Entstehung. Heinroth orientiert sich bei der Kategorisierung von Seelenstörungen an der Lehre von den Seelenvermögen und unterscheidet Erkrankungen des Geistes, des Gemütes und des Willens. Melancholie wird im folgenden immer wieder als Krankheit des F ühlens, des Herzens oder als Gemütskrankheit bezeichnet. Melancholie stört die Entfaltung des personalen Gefüges und kann sich bis zum Wahnsinn steigern.
1.2 Über das Clarus-Gutachten
Johann Christian Woyzeck erstach 1821 seine Geliebte. Der darauffolgende Prozess erstreckte sich über mehrere Jahre und ist gleichzeitig Spiegel der kontemporären Medizin. Es enthüllen sich Fragen nach der Zurechnungsfähigkeit, Veranlagung und der sozialen Situation als potentielle Ursachen eines möglichen Wahnsinns. Der vom Gericht berufene Arzt Dr. J.C.A. Clarus untersucht Woyzecks Geisteszustand und versucht diesen vor, während und nach der Tat zu definieren. Seine psyschichen Gutachten thematisieren die Problematik der Zu- bzw. Unzurechnungsfähigkeit. Clarus hält an der Doktrin der Freiheit des Willens und der Souveränität der Vernunft fest, damit sei der einzelne Kriminelle als eigenverantwortlich zu betrachten. Aus dem Gutachten geht hervor: Woyzeck wurde allein aus Eifersucht zum Mörder. Es ist daher nach allen Umständen bei der Tat selbst anzunehmen, dass das Übergewicht an Leidenschaft über die Vernunft
6 v. Engelhardt, Dietrich: Melancholie in der Literatur und Kunst, S.170
Arbeit zitieren:
Silke Weber, 2002, Krankheit und Medizin in Büchners Woyzeck und Lenz, München, GRIN Verlag GmbH
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