Inhaltsübersicht
I Einleitung Seite 03
II Allgemeine Erörterung der Fragestellung Seite 03
II 1 Probleme bei der Darstellbarkeit der Judenvernichtung Seite 03
II 2 Vorwurf der Kommerzialisierung Seite 04
II 3 Forderung nach einem Bilderverbot Seite 05
II 4 Spezifika deutscher Reaktionen Seite 06
II 5 Zur Massenwirksamkeit Seite 07
III Schindlers Liste Seite 09
III 1 Kurze Inhaltszusammenfassung der Filmhandlung Seite 09
III 2 Wichtige Daten und Fakten zum Film und seinem Regisseur Seite 09
III 3 Zur Figurenkonstellation Seite 10
III 4 Das Motiv der Namenslisten Seite 14
III 5 Resonanz auf den Film Seite 15
III 5 1 Zum Dokumentarfilm-Charakter des Films Seite 16
III 5 2 Frage der Verhältnismäßigkeit Seite 19
III 5 3 Problem der Personalisierung Seite 20
IV Schlussbetrachtung Seite 22
V Literaturverzeichnis Seite 24
2
I. Einleitung Die Darstellung des Holocaust im Film hat von Beginn an heftige Auseinandersetzungen ausgelöst und wurde äußert kontrovers diskutiert. Zwar scheint allen Seiten klar zu sein, dass die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten wach bleiben soll, die Frage aber bleibt: W ie lässt sich ihr organisierter Mord an Millionen von Menschen „zeigen, ohne historische, ideologische, religiöse und […] sprachliche Kontexte zu vernachläßigen und damit an Glaubwürdigkeit zu verlieren? Sind ausschließlich Dokumente erlaubt, wenn es darum geht, Geschichte darzustellen? Oder liefern nicht auch sie nur das Material, das von Historiker, Autoren und Regisseuren gesichtet, ausgewählt und zusammengestellt wird.“ 1 Ausgehend von diesen Fragen, sollen in dieser Arbeit z unächst die wichtigsten Punkte der Kontroversen zu diesem Thema vorgestellt werden. Dann soll der Film Schindlers Liste von Steven Spielberg thematisiert werden. Nach einigen allgemeinen Fragestellungen in Bezug auf d en Film, soll speziell auf die Kontroversen eingegangen werden, die dieser Film ausgelöst hat. Gegner und Befürworter von Holocaust-Filmen sind sich dabei zwar meist einig, dass „über die Shoah informiert werden muß, doch wie, mit Hilfe […] welcher künstlerischer Verfahren, ist strittig.“ 2 Die Schlussbetrachtung, in die auch die persönliche Einschätzung der Problematik eingeflossen ist, soll die Arbeit abschließen.
II. Allgemeine Erörterung der Fragestellung
II.1. Probleme bei der Darstellbarkeit der Judenvernichtung
Filme, die sich mit der Thematik des Holocaust auseinandersetzen, waren und sind stets heftigen, oft über die Medien geführten, Debatten, sowohl zu ästhetischen wie auch zu moralischen Aspekten, ausgesetzt, was in der Brisanz des Themas begründet liegt.
Das spezielle Darstellungsproblem liegt dabei in der Differenz des Vergangenen zur Gegenwart begründet. Dieses lässt sich auch nicht durch die Tatsache beheben, dass die meisten der am Disput Beteiligten, die Verurteilung des Mordes an Millionen Menschen und der Wunsch, die Geschichte möge sich nicht wiederholen, eint.
1 Thiele, Martina, S. 10
2 Thiele, Martina, S. 466
3
So lautet ein ständiger Vorwurf, dass Filme wie Schindlers Liste den Holocaust verharmlosen, da jeder Versuch der Darstellung, wegen der unermesslichen Gräuel der historischen Ereignissen, eine Trivialisierung sein müsse.
Allerdings werden auch in einer Dokumentation die Abbildungen des Realen nur als „Bilder“ und nicht als Darstellung der Wirklichkeit wahrgenommen.
Darüber hinaus weise jede Art von Kunst, laut Kritikern, einen Scheincharakter auf, der noch die Darstellung des Entsetzlichen und des Leidens für den Rezipienten zu einem Genuss mache. So habe „grade die Grausamkeit und das Sensationelle des Ereignisses, mit Hilfe eines spektakulären Mediums rekonstruiert, eine magische Anziehungskraft“ 3 , die nahe an Voyeurismus grenze und dem Vergnügen ähnlich sei, dass uns die Tragödie bereitet.
Ein weiteres Argument, gegen die Darstellung der Judenvernichtung, ist die Annahme, dass eine ständige Repräsentation der Gewalt zu einer „ Abstumpfung“ und einem „Gewöhnungseffekt“ der Rezipienten gegenüber diesem sensiblen Thema führe. Wiederholte Gewaltdarstellungen, würden eher dazu führen „uns abzustumpfen, als uns zu schockieren.“ 4 So muss grade in Filmen, die den Nationalsozialismus problematisieren, der schmale Grad zwischen übertriebener Ästhetik und übertriebener Grausamkeit gefunden werden.
II.2. Vorwurf der Kommerzialisierung
Jeder Film über den Holocaust ist gleichzeitig ein Produkt der Kulturindustrie 5 , die dieses mit Hilfe einer Marketingstrategie möglichst gewinnbringend verkaufen will. Das Medium Film werde „nicht als Kunstwerk, sondern als Ware betrachtet“ 6 ; der Holocaust demnach für die Zwecke der Kulturindustrie funktionalisiert. So besteht auch die Gefahr, dass der Holocaust als wirkliches Geschehen hinter dem Holocaust als virtueller Realität im Markt der Massenkultur zurück tritt, denn die Maschinerie des Marketing bewirkt die globale kulturindustrielle „Kommodifikation des Holocaust, also seine warenförmige Umwandlung i n ein Medienereignis“ 7 . Ein weiteres Argument gegen Holocaust-Filme lautet deshalb, dass seine Opfer und ihr Leiden durch diese ein zweites Mal ausgebeutet würden. Es sei untragbar, dass
3 Hartmann, Geoffrey, S. 136
4 Hartmann, Geoffrey, S. 136 5 Dieser Begriff stammt von Adorno und Horkheimer (Dialektik der Aufklärung).
6 Thiele, Martina, S. 468 7 Lohmann, Ingrid (keine Seitenangabe weil Webdokument)
4
die Kulturindustrie den Holocaust zu einem kommerziellen Produkt mache und an dem Genuss des Entsetzens Geld verdiene, indem sie die „Lust am Erschauern“ kalkuliere. Diese entsteht „aus der Nähe zum Verbrechen, ohne das der Zuschauer selbst bedroht wäre.“ 8 Das wohl eindringlichste Beispiel für die Kommerzialisierung des Holocaust ist dabei die vierteilige Holocaust - Serie (Produktion: 1987, Regie: Marvin J. Chomsky). Sie wurde zu einem riesigen Medienereignis und somit auch zu einem riesigen Verkaufserfolg und ließ die Diskussion über „Shoah-business“ 9 , „Hollywood- Holocaust“ und „Hollywood-Kitsch“ ihren Höhepunkt erreichen. Filme wie Holocaust nähmen eine „bei dieser Thematik absolut inadäquate Kombination von kitschigen und melodramatischen Elementen“ 10 vor. Die Kritiker störten sich demnach vor allem an der Verquickung von Massenkultur und Massenmord. Filme wie diese seien keine Kunst, sondern Massenwahre. 11 Auch ein Film wie Schindlers Liste ist „Entertainment“, denn auch er erzählt eine spannende Geschichte mit einem Helden und seinen Gegenspielern. 12 So steht jeder Filmemacher vor der schwierigen Aufgabe der Kombination von Ernsthaftigkeit und Vermarktbarkeit. Dabei ist auch zu bedenken, dass Filme immer Kunstprodukte sind und sie das Grauen des Holocaust demnach zwangsläufig schönen müssen. 13 Man kann diesen Argumenten jedoch entgegenhalten, dass auch die Populärkultur längst zu einem unverzichtbaren Teil des kulturellen Gedächtnisses geworden ist, womit sich der Punkt II.5. dieser Arbeit näher auseinandersetzt.
II.3. Forderung nach einem „Bilderverbot“
Allen voran Claude Lanzmann (der von 1974-1985 den 9-stündigen Filmessay Shoah drehte) fordert ein striktes Bilderverbot, ähnlich dem Verbot Gott ins Bild zu setzten, für die Geschehnisse während des Holocaust. Er empfindet jeden Versuch seiner Darstellung und künstlerischen Aufarbeitung als Unmöglichkeit. Dies gründet auf seiner Überzeugung, dass „jede Form der fingierten und funktionalisierten Bebilderung der Shoah eine Trivialisierung des Geschehens sei und seine
8 Reichel, Peter, S. 313
9 Entlehnt aus der sarkastischen Bemerkung des ehemaligen israelischen Außenminister Abba Eban: „There ist no business like Shoah-business“.
10 Korte, Helmut, S. 152 11 vgl. Hamacher, Alaric, S.41 12 vgl. Holhammer, Siegfried, S.501 13 vgl. Reichel, Peter, S. 311
5
Einzigartigkeit in Frage stelle.“ 14 Ihre Unvergleichbarkeit verschließe sich jeder Popularisierung.
Zudem würden Bilder, laut Lanzmann, die Imagination zerstören. Sie nähmen dem Rezipienten die Aufgabe ab, sich selber Gedanken und Bilder zu den Gräueltaten der Nazis zu machen, sich also das Unvorstellbare vorzus tellen. Filme wie Schindlers Liste belieferten den Rezipienten indessen mit konsumierbaren Bildern, die zwangsläufig immer Verharmlosungen sein müssen, „weil ein bestimmtes absolutes Maß an Greueln nicht übertragbar ist“ 15 .
Die Gegenposition argumentiert dagegen, dass es auch eine Art des Ästhetisierens gibt, die durch Phantasie und Einfühlung zum Nachdenken und zur Interpretation reizt.
Darüber hinaus dürfe man, Lanzmann folgend, derartige Bilder nicht zeigen, da niemand die Opfer mehr fragen könne, ob man zum Beispiel ihre Körper nackt auf einem Leichenberg (wie in Nacht und Nebel) zeigen dürfe. Bilder, die das Privateste des Menschen berühren, dürften laut Lanzmann aus medienethischen Gründen nicht gezeigt werden, denn das Publikum habe zum Beispiel nicht das Recht, einem Menschen beim Sterben zuzusehen. Die Grenzen unserer Ausdrucks- und Verstehensmöglichkeit anzuerkennen und damit die Würde der Toten zu respektieren, bedeutete, „sich ein Stück Humanismus zu bewahren.“ 16 Die Gegenseite ist jedoch der Auffassung, dass eine zu strenge Auslegung des Holocaust-Bilderverbotes zu einer „Sakralisierung, Vergöttlichung und einem Absolutsetzen der“ 17 Shoah führen könnte.
II.4. Spezifika deutscher Reaktionen
Speziell für Deutschland sind die folgenden beiden Reaktionen im Bezug auf Holocaust-Filme charakteristisch: Auf der einen Seite gibt es ein Bedauern darüber, dass in Deutschland bislang kein Film mit einer solchen Wirkung, wie ihn Holocaust oder Schindlers Liste hatten, produziert werden konnte. Es gibt zwar auch hier Produktionen, die sich mit der Thematik des Holocaust auseinandersetzen (wie Jakob, der Lügner und Der Prozeß), diese konnten aber bei weitem kein so großes Publikum wie die Hollywood-Produktionen erreichen. Auf der anderen Seite gibt es
14 Thiele, Martina, S. 33
15 Thiele, Martina, S. 453
16 Thiele, Martina, S. 34
17 Thiele, Martina, S. 40
6
ein Beklagen über die angebliche Dauerrepräsentation des Holocaust in den Medien. Ein solcher Vorwurf wurde insbesondere von Martin Walser erhoben, der diese beklagt, weil sie ihm das Gefühl gibt, ständig die Schuld und Scham, die sein Volk sich im Dritten Reich aufgeladen hat, vorgehalten zu bekommen.
Beide Reaktionen sind auf die spezielle Situation Deutschlands als „Täternation“, also der Zugehörigkeit (auch der Nachgeborenen) zum „Tätervolk“, zurückzuführen. So gibt es viele Stimmen, die der Meinung sind, dass es sich kein Deutscher erlauben könne, ein derartiges populärkulturelles Produkt über seine eigene beschämende Geschichte zu schaffen, da dies (grade im Ausland), stets „als Versuch der Reinwaschung empfunden“ 18 würde. Eine Reaktion wie die von Walser ist vor allem für die Generation, die noch zur Zeit des Dritten Reiches gelebt hat, charakteristisch. Sie spiegelt das „Tätergedächtnis“ (nach Aleida Assmann) wider, dass versucht Schuld und Scham durch Beschweigen abzudecken. 19 So führt die Frage der Mitschuld „ganz normaler“ deutscher Männer und Frauen auch heute noch zu heftigen Auseinandersetzungen.
II.5. Zur Massenwirksamkeit
Trotz aller Argumente gegen Holocaust –Filme ist nicht von der Hand zu weisen, dass diese mehr als jedes andere Medium die Möglichkeit haben, ein sehr großes und vor allem auch ein junges Publikum zu erreichen. Auch die Populärkultur ist Teil des kulturellen Gedächtnisses und kann helfen, die überlebenszeitliche Kommunikation lebendig zu halten.
Die Vermittlung der Geschichte durch historische Dokumente und politische Bildung kann zwar eher dem Anspruch einer historischen Authentizität und damit dem Thema angemessenen Seriosität genügen, jedoch bei weitem nicht ein so breites Publikum wie ein professionell vermarkteter Spielfilm erreichen. So haben Holocaust und Schindlers Liste gewiss auch sehr vielen Menschen, die sich zuvor noch nicht damit beschäftigt hatten und auch nicht ohne weiteres dazu bereit gewesen wären, einen Einblick in den dunkelsten Teil der deutschen Geschichte gegeben.
Bei diesen Filmen ist es
18 Thiele, Martina, S. 468
19 Zur Verdeutlichung ein sarkastischer Kommentar von Henryk M. Broder (jüdischer Journalist und
Schriftsteller) zu den Spezifika deutscher Streitkultur: „Die Deutschen werden den Juden den
Holocaust nie verzeihen.“
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Katrin von Danwitz, 2005, Zur Kontroverse um die Darstellung des Holocaust im Film - am Beispiel von "Schindlers Liste", Munich, GRIN Publishing GmbH
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