Inhaltsverzeichnis
Vorwort. 3
1 Pause 6
1.1 Einleitung: 6
1.2 Definition: 7
1.3 Anforderungen an die Pause. 8
1.3.1 Zeitlicher Rahmen 8
1.3.2 Organisation 10
1.3.3 Pausenhofgestaltung 13
1.4 Unfälle. 16
2 Das Spiel. 20
2.1 Definitionen. 20
2.2 Voraussetzungen und Bedingungen 24
2.2.1 Interne Grundlagen 24
2.2.2 Externe Bedingungen 25
2.3 Spieltheorien. 27
2.3.1 Klassische Ansätze 28
2.3.2 Modernere Theorien 30
2.3.2.1 Psychologische Ansätze: 31
2.3.2.2 Phänomenologischer Ansatz: 32
2.3.2.3 Sozialisationstheoretischer Ansatz: 32
2.3.2.4 Materialistischer Ansatz 32
2.3.2.5 Jean Piagets Spieltheorie 33
2.4 Das Spiel in der Reformpädagogik 34
2.4.1 Maria Montessori 34
2.4.2 Rudolf Steiner 35
2.4.3 Peter Petersen 36
2.5 Spielformen. 38
2.6 Grundschule und Spiel 40
2.6.1 Entwicklungsphase Schulalter und Spiel. 43
2.6.2 Veränderte Kindheit 45
2.6.2.1 Bewegung 49
2.7 Pausenspiel. 51
3 Die Grundschule an der Bergmannstraße 52
3.1 Daten. 52
3.2 Pause an der Bergmannschule 53
3.3 Das Projekt „Pause mit Pfiff“ 57
3.4 Evaluation 62
3.4.1 Schülerfragebögen. 62
3.4.3 Lehrerfragebögen. 79
3.5 Weitere Möglichkeiten und Ausblick 86
Quellenverzeichnis. 90
2
Vorwort:
Man möge mir verzeihen, dass ich meine Arbeit mit einem solch ungewöhnlichen und zudem langen Text beginne, aber als ich „Der kleine Matz" von Horst Ehni in dem Tagungsbericht „Schule als Bewegungsraum“ 1 las, sah ich sofort unsere heutigen Schulkinder vor mir, wie sie mit dem kleinen Matz träumen. Deswegen möchte ich diese wunderbare Geschichte hier an den Anfang stellen und sie als Denkanstoß nutzen. „Der kleine Matz
Und schon wieder der Traum vom Fliegen. Das konkrete Träumen von Drachenfliegern und Gleitseglern, vermischt mit den fantastischen Träumen des Fluges auf fliegenden Teppichen mit Umhängen und Propellern. Träume aus den Geschichten von Tausend und einer Nacht, vom kleinen Vampir und Karlson auf dem Dach. Sowie die kleinen Helden aus den fantastischen Geschichten oder wie die Drachenflieger, die er im Urlaub erlebt hat, möchte er auch fliegen können. Es ist ein guter Tagtraum, der sich über den schlechten Nachttraum legt. Bisher konnte er den bösen Verfolgern entkommen. Er hat einfach die Arme ausgebreitet und schon flog er ihnen über alle Hindernisse hinweg davon - war frei und gerettet. Doch diesmal versagte sein wunderbares Können. Die Erdenschwere hielt ihn fest. Die Beine waren wie gelähmt und er kam, trotz aller verzweifelter Anstrengung, nicht von der Stelle. Es war entsetzlich schlimm. Gerettet hat ihn diesmal die sanfte Stimme der Mutter: „Matz - es ist Zeit zum Aufstehen!“ Nun sitzt er beim Frühstückstisch, isst, träumt und hört die sich widersprechenden Ermahnungen der Eltern: Er soll nicht einschlafen, soll wenigstens beim Essen stillsitzen, soll sich beeilen... Dabei denkt er - träumend noch von der schweren Nacht gelähmt und wachend schon vom jungen Morgen erregt - an den langen Tag in der Schule. Auch dort muss er meistens äußerlich stillsitzen und innerlich doch ganz bei der Sache sein. Wo er doch lieber zu den Sachen hingehen, sie anfassen, beobachten, erkunden möchte. Wo er doch lieber fliegen und laut vor Freude dazu schreien möchte oder wenigstens herumtoben und lachen oder wenigstens herumlaufen und sprechen oder wenigstens so sitzen wie er es will, bei wem er es will und wo er es will oder wenigstens sitzend denken und träumen, was es eben denkt und träumt.
Bei all seinen Gedanken an den vor ihm liegenden Schulalltag fühlt er sich herausgeschreckt durch die Stimme seiner Lehrerin: „Matz, setz dich gerade hin! Wo waren wir eben?“ Doch er sitzt nicht auf der Schulbank, sondern noch immer am
1 Dannenmann, Hannig-Schosser, Ullmann (Hrsg.), Schule als Bewegungsraum, S.87
3
Frühstückstisch. Er sitzt, isst, träumt und wartet zugleich unruhig, bis er endlich aufstehen und zur Schule gehen darf.
Er geht ihn gerne, diesen langen Weg zur Schule, zusammen mit den sich dazugesellenden Freunden. Und er geht auch nicht ungern zur Schule, wenn da nur nicht dieses ewige Stillsitzen wäre. Auch nach der Schule geht das so weiter: beim Mittagessen, beim Schulaufgabenmachen, beim Flötenspielen. Nicht einmal seine Schularbeiten darf er machen wie, wo und wann er will. Er liest gern im Liegen auf der warmen Heizung, schreibt gern im Knien auf dem Fußboden, läuft gerne herum und möchte zwischendurch mal spielen oder etwas anderes tun. Aber er soll es im Sitzen, an seinem Schreibtisch und an einem Stück machen, ohne sich ablenken zu lassen. Und er soll es jetzt machen. Jetzt, wo so viel Bewegungslust in ihm ist und draußen so viele andere Möglichkeiten zum Spielen warten. „Nein Matz! Erst kommt die Arbeit und dann das Spiel.“ [...]
Nein, das Wichtigste und Schönste ist für ihn immer noch das Spiel und nicht die Arbeit. Es sind die Spiele auf dem Schulhof und das Herumtoben in den Pausen; es sind zumeist der Sportunterricht und die lustigen Singspiele bei Frau K., was die Schule so schön oder wenigstens erträglich macht. Und es sind die Stunden am Nachmittag beim Rollschuh-oder Skateboardfahren auf der Straße, beim Kicken auf dem Bolzplatz, beim Matschen in den „Matschbergen“ und den Versteckspielen im Hereinbrechen der Dunkelheit... Dieses Draußen-Sich-Bewegen, Spielen und Toben ist für ihn das Wichtigste oder wenigstens fast... [...]
„Matz beeil dich - es ist Zeit zu gehen!“ Sein Schulalltag beginnt. Und so macht er sich denn auf den Weg zur Schule, um dort zu sitzen und zu lernen, aber auch um zu träumen: vom Fliegen, vom Toben in der Pause und ein bisschen auch vom Sportunterricht... Denn die Gedanken sind frei. Und wer könnte ihn erwischen, wenn er interessiert guckend `fremdgeht´ - dorthin, wo er sich heimisch fühlt: in seine bewegte Welt des Spielens und Tobens.“
Ich denke, Horst Ehni trifft mit diesem Text sehr gut, was in den meisten Grundschulkindern vorgeht. Und ich finde, es ist essentiell, dass sich Eltern, aber vor allem auch Pädagogen darüber im klaren sind und sich Gedanken machen, wie man diesen Träumen und Wünschen der Kinder Rechnung tragen kann. Da im Bezug hierauf die Pause einen wichtigen (wenn auch natürlich nicht den einzigen) Ansatzpunkt darstellt und wie Igerl, Seibert und Zöpfl sagen „Die
4
Bedeutung des Spiels (...) für eine Verwirklichung der Freude an unseren Schulen nicht hoch genug eingeschätzt werden [kann]“ 2 , werde ich hier die Schwerpunkte meiner Arbeit setzen.
Zuvor möchte ich mich aber an dieser Stelle noch herzlich beim gesamten Kollegium der Bergmann-Grundschule in München für ihre Unterrichtszeit und das Ausfüllen der Fragebögen, sowie im Speziellen bei Herrn Dr. Igerl und Frau Schellmoser für ihre besondere Unterstützung und Geduld bedanken. Ebenso möchte ich meinen Freunden und meiner Familie für unermüdliches Korrekturlesen und starke Nerven, sowie Herrn Ratje vom Baureferat der Stadt München und Herrn Nothhaas vom Bayerischen GUVV für ihre unbürokratische und tatkräftige Unterstützung Dankeschön sagen!
2 Igerl, Seibert, Zöpfl, Wenn Freude Schule macht, S.133
5
1 Pause
1.1 Einleitung:
Eine alltägliche Situation!?
- Kinder kommen schreiend, unruhig, teilweise wütend und aufgebracht aus der Pause, rasen lautstark auf ihre Plätze, alles „niedermähend“, was sich ihnen in den Weg stellt und werden erst nach mehrmaligem Ermahnen des Lehrers einigermaßen ruhig, sodass der Unterricht wieder beginnen kann. Viele Lehrer 3 und meine bisherigen Beobachtungen bestätigen mir das Geschilderte als durchaus „normal“, bzw. alltäglich. Aber liegt das Verhalten der Schüler tatsächlich an der Pause an sich, also an 20 bis 30 Minuten unterrichtsfreier Zeit?
Dieser Frage will ich im Folgenden nachgehen und auch versuchen zu ergründen, ob es Möglichkeiten der Pausengestaltung gibt, die die oben beschriebene Situation der Vergangenheit angehören lassen bzw. wie solche Pausen aussehen könnten.
3 Im Folgenden werde ich statt LehrerInnen, bzw. LehrerIn immer Lehrer verwenden, ebenso werde ich mit
SchülerInnen etc. verfahren. Dies dient allein der leichteren Handhabung und meint natürlich immer Vertreter
beider Geschlechter.
6
1.2 Definition:
Von einigen Pausendefinitionen, die ich in der Fachliteratur gefunden habe, scheint mir die Ferdinand Kopps eine sehr passende und umfassende zu sein; er definiert Pause wie folgt:
„Die Pause soll in einem gesitteten Schulleben mehr sein als eine unvermeidliche Unterbrechung des Unterrichts. Oft wird übersehen, dass die Pausenzeit nach der reinen Unterrichtszeit den größten Zeitraum beansprucht, in dem die Kinder in den Schulen festgehalten werden, dass sie also viele Möglichkeiten zu erzieherischem Einfluss bietet. Denn nichts, was in der Schule geschieht, kann aus der Erziehung ausgeklammert werden.
Die Schulpause ist zunächst vom Standpunkt der Schulorganisation aus zu beurteilen; die Pausenordnung kann nicht in das Belieben des einzelnen Lehrers gestellt werden. Zum andern ist die Schulpause im Blick auf Länge und Einordnung schulhygienisch richtig zu setzen. Während hier über Zeitdauer keine Einigkeit besteht (nach Kausen (Kausen, R. Abriß der Schulhygiene. Bad Heilbrunn 1962, S. 60) schwanken die Angaben zwischen 25 und 75 Minuten), bleiben die allgemeinen Forderungen selbstverständlich: ungekürzte Gewährung einer Pause, vor allem keine Kürzung zur Strafe, Pause möglichst in frischer Luft, ruhiger Verzehr des Pausebrotes, kein unbeherrschtes Herumtollen. Pädagogisch verlangt die Schulpause die Lösung verschiedener Aufgaben: Pausenfrühstück und Pausenfreizeit deutlich trennen, Frühstücken in gesitteter Form (in günstigen Verhältnissen nach dem Modell des Frühstücks in der Familie oder im gepflegten Kinderheim), aktive Sauberkeit auch in der Pause, in der Pausen-Freizeit freies Bewegen ohne gefährdendes Toben, vielleicht sogar einfache Spiele aus eigener Initiative der Kinder.
In größeren Schulkörpern ist freilich Voraussetzung, dass bereits in der baulichen Anlage ein zentraler Pausenhof durch eine wohldurchdachte, aufgegliederte Anlage von Spielplatz und Schulgrün ersetzt wird.“ 4
4 Kopp, Didaktik in Leitgedanken, S. 280
7
1.3 Anforderungen an die Pause
Aus obiger Definition ergeben sich einige ganz klare Anforderungen an die Pause in der Schule:
Zunächst ist für die Pause ein klarer räumlicher, aber auch zeitlicher und organisatorischer Rahmen nötig.
Im Bezug auf die Pausenzeiten stimme ich mit Herrn Kopp überein und denke, dass es erstens sehr schwer (wenn nicht gar unmöglich) sein dürfte, bestehende Pausenzeiten an Schulen zu ändern, bzw. zu verlängern. Im Gegensatz dazu sehe ich im Bereich Organisation großes Potential für die Pause.
Dass in einer normalen Schulpause sowohl die „Brotzeit“, als auch „freie Zeit“ unterkommen muss, scheint auf den ersten Blick selbstverständlich zu sein, jedoch, so denke ich, ist es tatsächlich extrem wichtig, den Schülern wenigstens die Möglichkeit zur Trennung dieser beiden Teile zu bieten, wenn nicht gar die Pause tatsächlich auch organisatorisch aufzuteilen.
Dass die Pausenhofgestaltung ein wichtiges Feld darstellt, zeigt sich nicht bloß darin, dass in letzter Zeit immer mehr Schulen ( z.B. auch die Bergmannschule) hier Veränderungen durchführen.
Was Ferdinand Kopp „freies Bewegen ohne gefährdendes Toben, vielleicht sogar einfache Spiele aus eigener Initiative der Kinder“ nennt, sehe ich als besonders wichtigen, wenn nicht sogar essentiellen Punkt im Bereich Pausengestaltung, deswegen werde ich mich im Folgenden auch besonders mit der Bewegung, bzw. Spielen und anderen aktiven Möglichkeiten in der Pause befassen.
1.3.1 Zeitlicher Rahmen
Für Schüler, Eltern und leider oft auch Lehrer ist es selbstverständlich, dass Pause im Bezug auf den zeitlichen Rahmen so etwas wie „20 oder 30 Minuten freie Zeit nach der 3. Schulstunde“ bedeutet.
8
Vergleicht man aber hier Regelschulen mit Schulen reformpädagogischer Ausrichtung oder beobachtet man frei spielende oder anders beschäftigte Kinder, so relativiert sich diese Klarheit verhältnismäßig schnell. Schon allein dadurch, dass alle Schüler Individuen darstellen und verschiedene Unterrichtsanforderung für jedes Kind unterschiedlich anstrengend sind, kann eine gleichlange und zeitlich fix situierte Pause niemals allen Schülern mit ihren Bedürfnissen vollständig gerecht werden.
Andererseits möchte ich hiermit aber keinesfalls für eine Abschaffung dieser Art von Pause plädieren. Für Kinder sind gewisse Rituale, Normen und Rhythmen sehr wichtig, wie auch Voellmy-Bellmont und Wettstein beschreiben: „Der Rhythmus eines ganzen Tages wird wohl von den meisten Menschen sehr bewusst
empfunden. Bei Kindern ist es nicht anders; sie sind im besonderen Maße auf
Regelmäßigkeiten angewiesen, die ihnen die Orientierung erleichtern. Überhaupt ist die rituelle Regelmäßigkeit ein nicht zu unterschätzender Beitrag zu
unserem Wohlbefinden: Täglich zur gleichen Zeit aufstehen, möglichst auch zur gleichen
Zeit die Mahlzeiten einnehmen und den Tag ausklingen lassen. Eine regelmäßige
Arbeitszeit, kombiniert mit einem spürbaren wöchentlichen (also ebenfalls rhythmischen)
Unterbruch. Mit Monotonie hat dies nichts zu tun. Monoton wird das Leben dann, wenn
keine eigenen, persönlichen Akzente gesetzt werden können. Letzteres ist hingegen
immer dann möglich, wenn die Rahmenbedingungen eine Vertrautheit und
Überschaubarkeit bewirken, beispielsweise dank ihrer Regelmäßigkeit.“ 5 Die hier erwähnten „eigenen, persönlichen Akzente“ finde ich sehr beachtenswert. So könnte ich mir, um den verschiedenen Bedürfnissen Rechnung zu tragen, die Einführung von einigen zusätzlichen, kleineren Pausen (Mini- oder Kurzpausen) vorstellen. Auch halte ich es, gerade in den ersten Klassen, für unbedingt wichtig, dass der Lehrer seine Klasse beobachtet und bei aufkommender Unruhe zu Schritten wie einer Bewegungspause, psychohygienischen Maßnahmen, Liedern etc. greift.
Da sich der Schwerpunkt meiner Arbeit aber nicht in diesem Bereich befindet und ich es, wie oben erwähnt, auch für recht schwierig halte, diesbezüglich schnelle Änderungen in Regelschulen herbeizuführen, möchte ich es hier bei diesem Denkabstoß belassen.
5 Voellmy-Bellmont, Wettstein, Pause- Schulgelände beleben und gestalten, S.9f
9
1.3.2 Organisation
Nennt man den Begriff „Organisation“ im Bezug auf Pause, so kommt einem wohl zuallererst die Pausenaufsicht in den Sinn.
Allerdings können in diesen Bereich auch noch andere Dinge wie Pausenverkauf, Essen in der Pause, Pausenfreizeit, Streitschlichter, Hauspause u.a. fallen.
Ähnlich wie beim zeitlichen Rahmen der Pause herrscht hier nur wenig Einigkeit unter den Pädagogen, aber auch bei Eltern, Schülern, Hausmeistern etc.
Ich halte es, wie schon erwähnt, v.a. für wichtig, dass die Kinder Regeln und Strukturen haben, an denen sie sich orientieren können.
Sie sollten also wissen, ob sie in der Pause essen dürfen oder ob es andere Zeiten hierfür gibt, ob und wo sie sich eine Brotzeit kaufen können, wohin sie sich wenden können, wenn sie ein Problem haben oder etwas passiert ist.
Ferner finde ich es (wie auch Kopp es schon erwähnt, s.o.) ebenfalls essentiell, dass die Pause eine Größe ist, an der sich die Schüler sich orientieren und auf die sie sich verlassen können.
Das schließt für mich ein, dass die Pause nicht durch den Lehrer (z.B. aufgrund von Verzug im Unterricht) gekürzt oder gar zur Strafe beschnitten oder gestrichen wird.
Für sinnvoll halte ich auch, wenn die Kinder getrennte Zeiten für den Verzehr Ihrer Brotzeit und solche für ihre Pause(-nfreizeit) an sich haben. An der Bergmannschule wird solch ein Modell zumindest bei den ersten und zweiten Klassen gefahren und hat sich sehr bewährt (vgl. 3.2).
Ich konnte diesbezüglich von den Lehrern erfahren, dass den Kindern die Ruhe für ihre Brotzeit sehr gut täte und die Schüler, als es diese Regelung noch nicht gab, in der Pause vor lauter Spielen u.ä. sehr oft auf das Essen vergaßen. Außerdem sei es immer eine sehr schöne Situation, wenn alle Kinder gemeinsam und ohne Hetze ihr Pausenbrot in der Klasse verzehren könnten.
10
Schule je nach Schülerzahl, Pausenhofsituation (Wie viele Pausenhöfe, wie verwinkelt, Verbindungswege etc....) und eventuellen weiteren Besonderheiten entscheiden, wie viele Lehrer Pausenaufsicht haben und was (außer der „bloßen Aufsicht“) zu ihren Aufgaben gehört. Hier denke ich im Besonderen an Hilfestellungen oder anderweitiges Einbringen der Lehrkräfte bei besonderen Angeboten wie Spielplätzen, Pausensport, Pausendisco, Pausenhütte etc. (Allerdings ist es auch möglich, z.B. ältere Schüler mit „eingeschränkt verantwortlicher Aufsicht unter der Verantwortung eines Lehrers“ 7 zu betrauen, wobei dies natürlich nie ein Ersatz für aufsichthabende Lehrer sein kann und darf.) Weiterhin ist und bleibt hier natürlich die Verhütung des „unbeherrschten Herumtollens“ eine zentrale Aufgabe, die aber keinesfalls in eine Weiterführung der Unterrichtssituation in punkto „Stillhalten und ruhig sein“ ausarten darf! Im Gegenteil: Gerade die Förderung von sinnvoller Bewegung ist erwiesenermaßen eine wertvolle Maßnahme gerade im Bezug auf die heutigen Schüler und ihre veränderte Umwelt und Kindheit. Mit Projekten wie einer Pausenhütte oder Pausensport (vgl. 3.3) kommt man schon recht in die Nähe der Vorstellung einer „täglichen Bewegungszeit“. Voellmy-Bellmont und Wettstein erklären, dass die Idee einer Bewegungszeit, eine fest eingeplante Phase mit Spiel- und Materialienangebot, seit geraumer Zeit bestünde,
6 vgl. Rauch, Schulhofhandbuch - Planung und Veränderung von Freiräumen an Schulen, S.80ff
7 ebenda S. 83
11
wenn sie auch bisher nur in wenigen Bildungseinrichtungen außer den Jena-Plan-Schulen Peter Petersens verwirklicht würden. Die erklärten Ziele dieser Maßnahme seien:
1. „Ausgleichen von bestehenden körperlichen und geistigen Belastungen 2. Nachholen von Versäumnissen
3. Sammeln neuer Erfahrungen (psychomotorisch, kreativ, sozial) 4. Spaß haben“ 8
Somit, denke ich, kann man solche und ähnliche Maßnahmen nur empfehlen. Wie ich später unter 3.4 noch zeige, werden die Kinder es danken und davon profitieren.
Schließlich möchte ich noch Programme, welche nicht nur in der Pause sondern im gesamten Schulalltag greifen, erwähnen.
Erlebt habe ich hier Einrichtungen wie Patenschaften (z.B. je eine 3. Klasse für eine 1. und auch die einzelnen Schüler innerhalb der Klassen untereinander), welche neben Motivation im Bezug auf Lernen und Arbeiten auch durchaus das Entstehen von Freundschaften fördern können.
Eine andere Möglichkeit sind Streitschlichter-, bzw. Mediatoren-Programme. Sie können einerseits durchaus zu Bewusstseinsveränderungen bei Schülern führen (wenn z.B. nicht immer nur „der böse Lehrer sich beschwert und schimpft“, sondern auch Gleichaltrige auf Unrecht o.Ä. hinweisen). Außerdem finde ich es wichtig, dass die Schüler auch lernen, ihre Probleme untereinander zu regeln, eine Streitkultur aufzubauen etc. Im Zuge dieser Programme könnten kleine Moderations- oder Kommunikations-Workshops stattfinden, um den Streitschlichtern das nötige „Handwerkszeug“ zu vermitteln. Ebenso könnte es Projektwochen zum Thema Streit, Umgang miteinander etc. für alle Schüler geben.
8 Voellmy-Bellmont, Wettstein, Pause - Schulgelände beleben und gestalten, S.12
12
Wie man sieht, gibt es unterschiedlichste und v.a. zahlreiche Möglichkeiten im Bereich der Pausenorganisation, auf keinen Fall sollten also die Potentiale hier unterschätzt oder gar missachtet werden.
1.3.3 Pausenhofgestaltung
Im Bezug auf die Gestaltung des Pausenhofes (bzw. der Pausenhöfe oder auchräume) sollte das sog. „Synomorphiegesetz“ herangezogen werden, welches Rehle und Thoma in ihrer „Einführung in grundschulpädagogisches Denken“ wie folgt wiedergeben: „Die gesamte räumliche Umgebung muss so strukturiert bzw. organisierbar sein, dass die Handlungsziele und Bedürfnisse aller Benutzer und deren räumliche Erfordernisse berücksichtigt werden.“ 9
Somit sollte ein Pausenhof also idealerweise Freiräume für alle Schüler mit ihren individuellen Bedürfnissen und für verschiedenste Tätigkeiten bieten. Allerdings muss hierbei natürlich auch bedacht werden, dass jeder noch so große Pausenhof räumlich begrenzt ist, bzw. dass Dinge wie Einsehbarkeit, Verletzungsprävention und nicht zuletzt finanzielle Aspekte den „Traum-Pausenhof“ im Sinne des Synomorphiegesetzes einschränken, wenn nicht sogar in seiner Idealität unmöglich machen.
Da man aber davon ausgehen kann, dass sich die Aktivitäten der Schüler in der Pause in Bereiche wie Bewegung, Spielen und Unterhalten, bzw. auch in Ruhe essen einteilen lassen, so kann man bei der Planung des „idealen“ Pausenhofes mit der Aufgliederung von Spiel-, Lauf und Ruhezone beginnen. Der Wettbewerb „Pausenhof macht Spaß!“ umreißt die genannten Zonen wie folgt:
9 Rehle, Thoma, Einführung in grundschulpädagogisches Denken, S. 133
13
Hilfsmaterial ist um so wichtiger, je aktiver die Kinder in ihrer Pause sind.
10 ESB GmbH, Igerl, Kurz, Pausenhof macht Spaß!, S. 4
14
Eine weitere Möglichkeit ist, verschiedene Bereiche für die diversen Klassenstufen einzurichten, sodass sich die „Kleinen“ nicht von den „Großen“ und umgekehrt gestört fühlen.
essen, „ratschen“, ihre neuesten Sammelobjekte präsentieren und tauschen, sich frei bewegen, aktiven Lauf-, Ball-, Hüpf- o.ä. Spielen nachgehen oder auch einfach ihre Ruhe haben wollen und sie finden hierfür jeweils die geeignete Infrastruktur auf ihrem Pausenhof.
Auch und gerade wenn der zur Verfügung stehende Platz nicht besonders weitreichend ist, sollte überlegt werden, ob evtl. bisher nicht genutzte Flächen zur Verfügung stehen, die ebenfalls im Sinne der Pause erschlossen werden könnten. (z.B. Wiese, Randbereiche, Parkplätze, Terrassen etc.) Grundsätzlich ist es natürlich von Vorteil, möglichst große Pausenareale nutzen zu können, da den Schülern (v.a. nach meist 3 Stunden Stillsitzen) maximale Bewegungsfreiheit gewährt werden sollte, bzw. auch die Schülerdichte und mögliche Ansammlungen in der Pause entzerrt werden sollten. Ebenfalls bieten sich hiermit den Pausenaufsichten bessere Möglichkeiten, Eskalationen zu entschärfen, „Streithähne“ zu trennen u.ä.
15
1.4 Unfälle
Laut des Bayer. GUVV (Bayerischer Gemeindeunfall-versicherungsverband der Bayerischen Landesunfallkassen) 11 ereignen sich im Bereich der bayerischen Schulen seit Jahren im Schulsport und der Pause eindeutig die meisten Unfälle (zusammengefasst mit dem Bereich Unterricht 94%).
Besonders alarmierend ist dabei, dass neben Prellungen und Abschürfungen an den Extremitäten viele Kopfverletzungen als Unfallfolge gemeldet werden.
Im Jahr 2003 ereigneten sich von 1.361.305 angezeigten Schulunfällen (diese beinhalten keine Schulwegunfälle) 13% (176.357) in Grundschulen, 20,1% in Haupt-, 3,6 % in Sonder- und 11,4% in Realschulen. Auf Gymnasien entfielen 14,7%, die Unfälle an sonstigen allgemeinbildenden Schulen (Gesamtschulen, Orientierungsstufe, sowie Schularten mit mehreren Bildungsgängen) passierten 17,1% der Unfälle und an Berufsschulen 5,6%. (Die Werte der Hochschulen bleiben mit 0,8% vernachlässigbar.)
Da sich meine Arbeit mit der Pause an Grundschulen beschäftigt, werde ich im Folgenden in der Regel nur noch auf die Zahlen dieser Schulart eingehen. Betrachtet man die Unfallschwerpunkte an den bayerischen Grundschulen 2003, so lässt sich ein eindeutiger Schwerpunkt feststellen. Bildete der Unterricht mit einer Anzahl von 15.370 Unfällen und somit 8,7% das Schlusslicht, gefolgt vom Sport mit 28,3% (49.849 angezeigte Fälle), so ist das klar unfallträchtigste Umfeld die Pause mit 91.868 Unfällen und somit 52,1%! Was ist denn nun in/an der Pause so gefährlich?
Hierzu kann ich aktuellste Statistiken der GUVV aus dem Jahr 2004 12 zu Rate ziehen.
Zunächst einmal ein kurzer Vergleich mit den anderen Schularten (Ich beschränke mich hier der besseren Aussagekraft und Übersichtlichkeit wegen auf Grund-, Haupt-, Sonder- und Realschulen, sowie Gymnasien):
11 Bayer. GUVV, Geschäftsbericht
12 Bayer. GUVV, Statistik der Schülerunfallzahlen 2004
16
Während die Pausenunfälle an Sonderschulen sich auf 1.089 (2,89%), sowie an Realschulen auf 2.106 (5,59%) und an Gymnasien auf 2.474 (6,57%) belaufen, ist auch hier wieder die Grundschule der „absolute Spitzenreiter“ mit 14.389, also 38,2% der Gesamtheit der gemeldeten Pausenunfälle!
Sowohl in „Bewegungsraum Schule“ 13 als auch in Rauchs „Schulhofhandbuch“ 14 kann man hierzu lesen, dass besonders Kinder im Grundschulalter einen immens hohen Bewegungsdrang haben.
Dieser verstärkt sich noch, wenn sich die Schüler in Gruppen aufhalten. Da dieser Drang in den Kindern fast ständig vorhanden ist, lässt es sich leicht verstehen, warum Schüler nach (womöglich) 3 Schulstunden Stillsitzen teilweise wie verrückt in die Pause stürmen.
Leider führt der GUVV nicht Statistik über die genauen Aktivitäten, die den Pausenunfällen vorangehen, bzw. sie müssen nicht gemeldet werden. Allerdings kann man die Anzahl der Pausenunfälle an Grundschulen mit der von Unfällen, welche bei großen (Fußball, Handball, Basketball, Volleyball, Völkerball und Hockey) und kleinen Ballspielen (Zuspielen, Zielwerfen, Abwerfen, kleine Sportspiele, sowie sonstiges Ballspiel und Ballspiel ohne Angaben), Laufspielen (Wettlauf, Platzsuchspiel, Fangspiel, außerdem sonstiges Laufspiel und Laufspiel ohne Angaben), Kraft- und Gewandtheitsspiel (Zieh- und Schiebekampf, sonstiges Kraft- und Gewandtheitsspiel),beim Spiel am Spielplatz (mit und ohne direktem Bezug zu den Geräten), sowie sonstigem Spiel und Sport vergleichen.
Hierzu die folgende Grafik.
13 Eckert: Bewegungsraum Schule, 1999
14 Rauch: Schulhofhandbuch, 1981
17
Natürlich kann hier schnell eingewendet werden, dass sich die oben beschriebenen Situationen doch von denen in der Pause deutlich unterschieden. Dann würde wohl als zentrales Argument angeführt, dass es sich ja schließlich um Unterricht handele oder zumindest die Aufsicht durch eine Lehrkraft gewährleistet sei und das in viel umfassender Art und Weise als in der Pause, es seien doch nur etwa 15-30 Schüler. Jedoch möchte ich diesbezüglich erwähnen, dass gerade bei dieser Art von Spiel und Sport auch in einer Klassen- oder Schulsportsituation die Aufsichtsmöglichkeiten der Lehrer recht beschränkt sind. (Offensichtlich wird dies besonders, wenn man z.B. Spiele wie Handball oder Fangen, bzw. Spiel auf dem Spielplatz von jeweils 20-30 Kindern mit Einzel-Vorturnen an Geräten o.ä. vergleicht.) Außerdem macht die Grafik recht deutlich, dass sich trotzdem eklatante Unterschiede bei der Anzahl der Unfälle in den verschiedenen (Spiel-) Situationen zeigen.
18
So ereignen sich mit Abstand die meisten Unfälle im Kontext von „großem Ballspiel“ (2461), demgegenüber nur sehr wenige beim Spiel an Spielplatzgeräten (20). Angesichts dessen lässt sich gut nachvollziehen, warum, trotz des andauernden und eindeutigen Wunsches der meisten Kinder nach Ballspielen in der Pause, selbigem in der Regel nicht stattgegeben wird oder werden kann. Hingegen sind im Bezug auf die Unfallstatistik Laufspiele (mit 425 Unfällen), Spiele an Spielgeräten (20 Unfälle), aber auch Hüpfkästchen- u.ä. Spiele zu befürworten. (Die relativ hohe Zahl der Unfälle in der Rubrik „sonstiges Spiel und sonstiger Sport“ (1831) ist v.a. darauf zurückzuführen, dass hier alle bisher nicht erfassten Arten von Bewegung, Sport und Spiel miteinberechnet werden und ist somit wenig aussagekräftig.)
Natürlich sollte man also bei der Planung neuer Möglichkeiten für Spiel und Bewegung in der Pause darauf bedacht sein, das Unfallrisiko möglichst gering zu halten (z.B. durch Verzicht auf Ballspiele s.o.), allerdings darf man hierbei auch nie außer Acht lassen, wie wichtig Bewegung für die Schüler ist und sollte deswegen keinesfalls dazu übergehen, lieber keine Spielgeräte o.ä. anzuschaffen, um Unfälle zu vermeiden. (Hier sei auch nochmals der Aggressions- Aspekt erwähnt, der dann wiederum zum Tragen käme!)
19
Arbeit zitieren:
Ines Rieder, 2005, Pause mit Pfiff - Spiel als Möglichkeit zur sinnvollen und entwicklungsgemäßen Pausengestaltung in der Grundschule, München, GRIN Verlag GmbH
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