1. Einleitung
Antisemitismus in Deutschland stellt nicht nur ein geschichtliches Thema dar, Meldungen über geschändete jüdische Friedhöfe und brennende Synagogen sind in regelmäßigen Abständen in den Medien vertreten. Selbst ge gen Politiker wird der Antisemitismus-Vorwurf erhoben (beispielsweise „Hohman-Skandal“ - „Tätervolk“, Jamal Karsli und Jürgen Möllemann - „Antisemitismusstreit“). Antisemitismus oder Judenfeindschaft ist in unterschiedlicher Ausprägung immer wieder ein aktuelles Thema und Anlass zu großer Empörung oder Solidarität in Deutschland; von Berichten in den Medien bis hin zur Bundestagsdebatte. Diese Arbeit möchte sich mit den Stereotypen des geschichtlichen und modernen Antisemitismus als Unterform h eutiger rechtsextremistischer Strömungen sowie den gedanklichen Konstrukten im Sinne der Rassenlehre des 19. Jahrhunderts und den lange tradierten religiösen und ökonomischen Vorbehalten auseinandersetzen, um abschließend darzustellen, aus welchen Traditionen von Stereotypen sich das antisemitische Bild der heutigen rechtsextremistische n Szene zusammensetzt. Sie hat es sich ausdrücklich nicht zum Ziel gesetzt, die hinlänglich bekannten antisemitischen Grausamkeiten des Dritten Reiches darzustellen, sondern vielmehr ihre vielschichtigen Ursachen aufzudecken, da eine umfassende Darstellung dieses komplexen Themas den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.
Hier scheint zunächst eine Begriffsbestimmung angebracht. „Unter Antisemitismus versteht man die rassistisch, sozial, politisch und/oder religiös (Antijudaismus) grundierte Feindschaft gegenüber Juden: Ein Antisemit bewertet ‚auf Grund eines Vorurteils die Judenals vermeintliche Rasse, Nation, Religionsgemeinschaft oder soziale Gruppe - pauschal negativ’. […] Der Antisemitismus als ‚Gerücht über die Juden’ schafft sich ein Judenbild, das folgende negative Eigenschaftszuschreibungen umfasst: machthungrig, gefährlich (unheimlich, falsch, hinterhältig, zerstörerisch/zersetzend, verschwörerisch) nachtragend, geldgierig (raffgierig). Es bildet die antithetische Gegenüberstellung ‚jüdischer’ und ‚deutscher’ Werte.“ (Bundesamt für Verfassungsschutz: Bedeutung des Antisemitismus, S. 1) Greive hält eine Unterscheidung der Begriffe Judenfeindschaft (als älterem Ausdruck) oder Antisemitismus (als neuerem Ausdruck) in Abhängigkeit davon, ob man „das Augenmerk auf das Moment der Kontinuität [Judenfeindschaft, d. Verf.] oder der Neuartigkeit (der jüngeren Erscheinung) [Antisemitismus, d. Verf.] lenken will“ (Greive: Geschichte des modernen Antisemitismus in Deutschland, S. VII) für sinnvoll. Diese Arbeit wird sich dieser Unterscheidung anschließen und die Bezeichnung Antisemitismus
ausschließlich als Ausdruck der neueren Ausprägungen seit etwa 1800 (und somit seit seiner
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erstmaligen Prägung) verwenden wohingegen unter dem Begriff der Judenfeindschaft alle Arten der Feindlichkeiten und Ressentiments Juden gegenüber zusammengefasst werden. Moderner Antisemitismus hat seine Ursprünge in der Rassenlehre des 19. Jahrhunderts (vgl. Benz: Antisemitismus, S. 8), wohingegen der Antijudaismus durch das Aufkommen der christlichen Religion vor etwa 2000 Jahren entstand. Judenfeindschaft im o. g. Sinne gilt als das „älteste soziale, kulturelle, religiöse, politische Vorurteil der Menschheit; Judenfeindschaft äußert sich, lange bevor Diskriminierung und b rachiale Gewalt das Ressentiment öffentlich machen, in ausgrenzenden und stigmatisierenden Stereotypen“ (Benz: Antisemitismus, S.7). Die Frage, was Antisemitismus ist, zielt also im weitesten Sinne auc h auf die Wahrnehmung der jüdischen Bevölkerung durch jedermann ab (vgl. Benz: Antisemitismus, S. 7 - 8).
2. Tradition der Judenfeindschaft als religiöses Ressentiment
„Zum Verständnis moderner Judenfeindschaft ist die Kenntnis der Traditionen des Vorbeha lts unerlässlich. “ (Benz: Antisemitismus, S. 65) Der Bundesverfassungsschutz beschreibt die Vorbehalten gegen Juden als eine Sammlung verfestigter Stereotype, die in eine Schuldzuweisung umgesetzt werden und primär einen religiösen Hintergrund haben (vgl. Bundesamt für Verfassungsschutz: Bedeutung des Antisemitismus, S. 1). Dieser religiös motivierte Judenhass stammt aus der Zeit der Entstehung des christliche n Glaubens, in der das jüdische Volk als „Verweigerer des göttlichen Heilsplanes als gottlos, amoralisch, verbrecherisch wahrgenommen und mit Heiden, Ketzern und Häretikern auf eine Stufe gestellt“ (Benz: Antisemitismus, S. 65) wurde. Die darauf folgenden Ausschreitungen, oftmals angestiftet durch die Katholische Kirche, sind im gesamten römischen Reich seit etwa dem 4. Jahrhundert belegt. Ein Element des christlichen Mittelalters war die Diskriminierung und Verfolgung der Juden bis hin zu Sanktionen wie Berufsverboten, die den Juden meist nur den Christen verbotene Berufe, wie den des Pfandleihers, erla ubten und Massakern, ausgehend von der Annahme, sie seien „Gottesmörder“ (Abt Hieronymus von Bethlehem (347 - 420)). Ihre soziale Außenseiterrolle wurde durch ihre f inanzielle (und damit auch wirtschaftliche) Monopolstellung ( Schlagwort: Judenwucher), ihre strenge Sabbatruhe, ihr Gefühl des „a userwählt seins“ und die rituellen Speisegesetze gefestigt. Die im 11. Jahrhundert begonnenen Kreuzzüge hatten zum Ziel, Rache an den Ismaeliten (den Juden) und Muslimen für die Inbesitznahme Jerusalems zu nehmen. (vgl. Benz: Antisemitismus, S. 67f) Diese Kreuzzüge hatten eindeutigen Pogrom-Charakter (das Wort Pogrom gehört in die neuere Zeit und wurde im 19. Jahrhundert dem Russischen
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entnommen; die Gewalt richtet sich nicht gegen einzelne, sondern gegen alle Angehörige n der Minderheit (vgl. Benz: Antisemitismus, S. 68)): „Als sie nun auf ihrem Zuge durch die Städte kamen, in denen Juden wohnten, sprachen sie untereinander: ‚Sehet, wir ziehen den weiten Weg, um […] uns an den Ismaeliten zu rächen […] So lasset zuerst an ihnen uns Rache nehmen und sie austilgen unter den Völkern, daß der Name Israel nicht mehr erwähnt werde […]’“ (Neubauer, Stern: Hebräische Berichte, S. 82f. Zitiert nach Benz: Antisemitismus S. 68). Die ersten Kreuzzüge wurden zunächst sogar gege n Juden in Mitteleuropa geführt, um diese zum christlichen Glauben zu bekehren. Die Verfolgung der Juden endete, da es sich hier um eine rein religiöse Motivation handelte, mit der Bekehrung und Taufe oder mit dem Tod des nicht zu missionierenden Juden. Zur Begr ündung dieser religiösen Feindschaften wurden im Mittelalter Legenden und Erzählungen verbreitet, die beispielsweise magisch inspirierte Ritualmorde (Blutlegenden) oder Hostienschändung zum Gegenstand hatten. Der Legende nach töteten die Juden in der Passionswoche alljährlich einen unschuldigen christlichen Knaben zur Verhöhnung der Passion Christi. Den ersten Fall eines (vermeintlich) von Juden getöteten Opfers stellt William von Norwich (1144) dar. Nach Benz kam im Bereich der mittelalterlichen Judenfeind schaft neben den Vergeltungssüchten auch das Bedürfnis nach lokalen Heiligen hinzu, die, seit der christliche Glaube nicht mehr verfolgt wurde, nur durch die fiktiven Kindermorde, die damit als unschuldige Opfer religiösen Wahns zu Märtyrern wurden, gestillt werden konnte. Die Ritualmordlegenden waren bis ins 20. Jahrhundert wirksam; 1946 führte noch der Glaube, ein verschwundenes Kind sei von Juden rituell getötet worden, in Kielce in Polen zum Mord an mindestens 42 Holocaustüberlebenden. (Der Pogrom von Kielce/ Polen, vgl. Benz: Antisemitismus, S. 68f) Im Jahr 1954 war die Ritualmordlegende des angeblich 1462 von Juden gemordeten Andreas aus Rinn (Tirol „Das Anderl vom Rinn“), dessen Verehrung noch heute von einigen wenigen Fanatikern betrieben wird (jährlich pilgern diese trotz kirchlichen Verbots unter der Leitung des österreichischen Pfarrers Gottfried Melzer zum sog. Judenstein), Gegenstand eines Volksschauspiels im Inntal. Der damalige Bischof unterstützte die Aufführung und damit die Vorurteile, denn seiner Meinung nach müsse auf jeden Fall etwas Böses mit den Juden zusammen hängen: „Was nun die Ritualmorde, rein historisch gesehen, betrifft, so sind die Historiker hierüber verschiedener Ansicht … Im Gesamtzusammenhang der Dinge ist auf alle Fälle zu beachten, daß es immerhin die Juden waren, die unseren Herrn Jesus Christus gekreuzigt haben. Weil sie also zur NS-Zeit zu Unrecht verfolgt wurden, können die sich jetzt nicht plötzlich gerieren, als ob sie in der Geschichte überhaupt nie ein Unrecht getan hätten.“
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(Rohrbacher, Schmidt: Judenbilder, S. 287. Zit. nach Benz: Antisemitismus, S. 72f, weiterführend: Benz S. 68 - 79)
3. Judenhass als Ausdruck ökonomischen Unbehagens
Bereits im Mittelalter nahm der Judenhass ökonomische Begründungen an. Im dreizehnten Jahrhundert wurde das Kreditsystem geändert; die Juden wurden nun zur Konkurrenz und Bedrohung der Geschäftsleute, es verfestigte sich das Bild des jüdischen Wucherers. Zur Mitte des vierzehnten Jahrhunderts wurden, den Beispielen England, Frankreichs und Spanien folgend, auch in Deutschland die Juden auf Betreiben der Bürger aus den Städten vertrieben. Ein Kanon von religiösen, sozialen und wirtschaftlichen Animositäten führte meist zur Abwanderung der Juden nach Polen oder zur materiellen Verarmung in den ländlichen Gegenden, da ihnen Handel weitgehend untersagt wurde. (vgl. Benz: Antisemitismus, S. 76f) Der ökonomische Aspekt des Judenhasses erlebte einen weiteren Höhepunkt Anfang des 19. Jahrhunderts im Rahmen der rechtlichen Gleichstellung („Judenemanzipation“), auf die später noch gesondert eingegangen wird. Die so genannten Hep-Hep-Krawalle, die gefördert durch soziale Krisen, oft als Ausdruck des Protests der sich ökonomisch bedrängt fühlenden Handwerker u nd Bauern gegen die einsetzende Veränderung der Produktionsverhältnisse zu Beginn der Industrialisierung gesehen wurden, waren jedoch nach Benz in erster Linie Manifestationen der Judenfeindschaft. (vgl. Benz: Antisemitismus, S. 80) Aufgrund der hintergründig auch nach der rechtlichen Gleic hstellung weit verbreiteten religiösen und ökonomischen Ressentiments, die durch die Gleichstellung noch weiter geschürt wurden, entstand eine besondere Sensibilität der Bevölkerung gegenüber den Juden. Die oftmals bessere wirtschaftliche und intellektuelle Stellung der jüdischen Bevölkerung, die aus den bereits seit dem Mittelalter typischen jüdischen ( durchaus Geld einbringenden) Berufen, wie der Pfandleiherei und Handel, und der „Intellektuellen Emanzipation“ der Juden, die aus der Zeit der Aufklärung resultierte, steigerte die Sensibilität der Bevölkerung bis zur Existenzangst im Sinne einer jüdischen Bedrohung. Im Frankfurter Journal erschein am 7. August 1819 (nach den Hep-Hep-Krawallen) ein Zeitungsartikel, der hier teilweise wiedergegeben werden soll, um diese Ausführungen zu unterlegen: „[…] Schon lange herrschte hier eine dumpfe Unzufriedenheit über die bedeutende Vermehrung der hiesigen Juden, von welchen in der Vorzeit hier gar keine geduldet waren […] Grosse Volksmassen stürmten am 3. die Häuser der hiesigen Juden, rissen unter wildem Geschrei ihre Aushängeschilder herunter, zertrümmerten solche, warfen Thüren, Fenster und Läden ein, und da sich mehrere Juden zur Wehr setzten, so wurden sie durch Prügel sehr
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Susanne Linkenbach, 2004, Entwicklung der Stereotype und Gedankenkonstrukte des modernen Antisemitismus in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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