Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung 2
1. Die Depersonalisation in Fichtes „Die Bestimmung des Menschen“ 3
1.1 Das Ich im Stadium des Zweifels, 1. Buch 3
1.2 Das Ich im Stadium der Wissenssuche, 2. Buch 4
1.3 Das Ich im Stadium des Glaubens, 3. Buch 6
2. Die Depersonalisation in der psychologischen Forschung 7
2.1 Ursachen und auslösende Faktoren 7
2.2 Symptomatik 9
2.3 Therapiemöglichkeiten 10
3. Vergleich des Depersonalisationsphänomens bei Fichte und in der Psychologie 12
3.1 Motive und Ursachen 12
3.2 Erscheinungsbild 12
3.3 Konsequenzen und Heilbehandlung 13
4. Fazit und Ausblick 15
5. Quellenverzeichnis 16
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0. Einleitung
Und die Larven drehen sich im tollen raschen Tanze um mich her - um mich der ich Mensch heiße - und ich taumle mitten im Kreise umher, schwindelnd von dem Anblicke und mich vergeblich bemühend eine der Masken zu umarmen und ihr die Larve vom wahren Antlitze wegzureißen; aber sie tanzen und tanzen nur - und ich - was soll ich denn im Kreise? Wer bin ich denn, wenn die Larven verschwinden sollten? Gebt mir einen Spiegel ihr Fastnachtsspieler, dass ich mich selbst einmal erblicke - es wird mir überdrüssig nur immer eure wechselnden Gesichter anzuschauen. Ihr schüttelt - wie? steht kein Ich im Spiegel wenn ich davor trete - bin ich nur der Gedanke eines Gedanken, der Traum eines Traumes könnt ihr mir nicht zu meinem Leibe verhelfen, und schüttelt ihr nur immer Eure Schellen, wenn ich denke, es sind die meinigen? - Hu! Das ist ja schrecklich einsam hier im Ich, wenn ich euch zuhalte ihr Masken und ich mich selbst anschauen will - alles verhallender Schall ohne den ver-schwundenen Ton - nirgends Gegenstand, - und ich sehe doch - - das ist wohl das Nichts das ich sehe! - Weg, weg vom Ich - tanzt nur wieder fort ihr Larven! (Klingemann , 187f.)
Die 1804 veröffentlichten Nachtwachen des Bonaventura (anonym von E.A.F. Klingemann) sind offensichtlich eine Antwort auf Johann Gottlieb Fichtes Bestimmung des Menschen, auf dessen Darstellung des verlorenen Ichs. Wie sieht dieser Ich-Verlust bei Fichte aus und inwiefern ist er mit dem Depersonalisationsphänomen vergleichbar, unter dem die Psychologie gemeinhin einen Verlust des Persönlichkeitsgefühls versteht? Um diese er-kenntnistheoretische Frage zu erörtern, wird zunächst Fichtes Schrift Die Bestimmung des Menschen hinsichtlich des Ichs und dessen Wandel analysiert. Dabei stellen das erste und zweite Buch „Zweifel“ und „Wissen“ Motive und Verlauf der Selbstentfremdung dar, während der dritte Teil „Glaube“ die Wiederfindung des Ichs beinhaltet. Anschließend sollen anhand psychologischer Forschungsliteratur Ursachen, auslösende Bedingungen, Symptome und Therapiemöglichkeiten der Depersonalisation untersucht sowie unter Bezug auf Schilderungen Betroffener empirisch belegt werden. Dann erfolgt ein Vergleich des Depersonalisationsphänomens bei Fichte und in der Psychologie, wobei Gemeinsamkeiten vor allem beim Erscheinungsbild, Unterschiede hingegen bei den Motiven und Konsequenzen des Ich-Verlusts festzustellen sind. Am Ende sollen die Untersuchungsergebnisse resümiert und die zukünftige Bedeutung des Forschungsgegenstands der Depersonalisation angeführt werden.
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1. Die Depersonalisation in Fichtes „Die Bestimmung des Menschen“
1.1 Das Ich im Stadium des Zweifels, 1. Buch
Zu Beginn befindet sich das Ich, „der sich selbst bewusste Ursprung und Träger aller psychischen Akte (Denken, Wahrnehmen, Fühlen, Handeln) des Individuums, in denen dieses sich als kontinuierliches identisches Selbst erfährt und von der Umwelt unterscheidet“ (Brockhaus 1996, 392), auf der Stufe einer zweifelsfreien Weltgewissheit. Diese gründet sich in der experimentellen Überprüfbarkeit aller Phänomene, der Erkenntnis der Naturgesetze sowie im Wissen um den Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Doch da der Wille zum begründeten Wissen auch vor der Frage nach dem eigenen Wesen und seiner Bestimmung nicht einhalten darf, die Begründung aber nur aus der eigenen Wissenserfahrung, dem Selbstvollzug der Reflexion hervorgehen kann, muss nun die eigenständige Untersuchung an die Stelle des tradierten Wissens treten (cf. SW II, 169f.). Schon in diesem ersten Stadium des Erkenntnisprozesses, dem methodischen Zweifel, ist so der Bruch mit der Unmittelbarkeit vollzogen. Alles, was bisher epistemologische wie existentielle Sicherheit verlieh, wird zurückgelassen, da es dem für Fichte allein verbindlichen Maßstab, auf der geistigen Erfahrung des Subjekts beruhen zu müssen, nicht genügt. Es folgt der Weg, den das einmal aus seiner reflexionslosen Identität mit sich aufgestörte Bewusstsein nimmt, um die verlorene Seins- und Selbstgewissheit wiederzuerringen. Angelehnt an Spinoza entwirft Fichte ein System, in dem das Ich, die mitmenschliche sowie die dingliche Außenwelt in der Einheit, strengen kausalen Notwendigkeit und Determinierung der „N aturkraft“ aufgelöst sind (cf. ebd., 189). Dieses Weltdeutungsmodell erscheint stringent und umfassend, denn aus ihm lassen sich auch offensichtlich autonome Momente wie die menschliche Willensfreiheit und die (Eigen)Liebe erklären, die als subtile Selbsterha ltungsmechanismen der bestimmenden Naturkraft gedeutet werden (cf. ebd., 197). Obwohl die Ausgangsfrage nach der Wesensart und Bestimmung des Menschen beantwortet ist, und zwar „eine durch das Universum bestimmte Äußerung einer durch sich selbst bestimmten Naturkraft“ (ebd., 189) zu sein, kann und will das Ich diese Heteronomie nicht akzeptieren: „Von dieser Entdeckung Gebrauch für mein Handeln zu machen, kann mir nicht einfallen, denn ich handle ja überhaupt nicht, sondern in mir handelt die Natur“ (ebd., 189). Es fürchtet das sogenannte trägemachende Argument, das heißt jeglichem eigenve r-antwortlichem und selbständigem Handeln, Gewissen, Recht und der Schuld enthoben zu werden und damit passiv dem Weltgeschehen gegenüberzustehen:
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Kalt und tot dastehen, und dem Wechsel der Begebenheiten nur zusehen, ein träger Spiegel der vorüber fliehenden Gestalten - dieses Dasein verschmähe und verwünsche es. Ich will lieben, ich will mich in Teilnahme verlieren, mich freuen und mich betrüben.[...] Aber kalt und frech tritt das entgegengesetzte System (der Determinismus; S.G.) hin, und spöttelt dieser Liebe. Ich bin nicht und handle nicht, wenn ich dasselbe höre. (ebd., 195f.)
Letztlich stößt das Bewusstsein an seine Grenzen, da es sich aufgrund lebenspraktischer Gründe weder für den mechanistischen Determinismus noch aufgrund theoretischer Mängel für die Freiheit entscheiden kann (cf. ebd., 198). Der intellektuellen folgt die existentielle Aporie, einem „unerträgliche(n) Zustand der Ungewissheit und der Unentschlossenheit“, an dem das Ich zu verzweifeln droht (ebd., 198).
1.2 Das Ich im Stadium der Wissenssuche, 2. Buch
Die Untersuchung wird dialogisch zwischen dem Ich und einem „Geist“ fortgesetzt, zweier unterschiedlicher Instanzen des nach Einheit verlangenden Ichs, die dessen Zerrissenheit zwischen Willensfreiheitpostulat und Determinismusverdacht zeigen. Ausgehend von einer Analyse der Empfindungen und des Verhältnisses zwischen Subjekt und Objekt kommt Fichte zu der schon von Kant propagierten Annahme, die Dinge seien dem Menschen nur so gegeben, wie er sie mit seinen Anschauungsformen des Raums, der Zeit sowie der Kausalität wahrnehme (cf. ebd., 199f.). Aufgrund der immer durch das Sub jekt (vor)geprägten Erkenntnis des Objekts verschwindet die Transzendenz der Dinge zunehmend in der Immanenz des Bewusstseins. War dem Bewusstsein des ersten Buchs die Welt eine reale, der sich das Subjekt funktional untergeordnet fand, so ist dem Bewusstsein des zweiten Buchs die Welt eine solipsistische, das bedeutet eine aus ihm selbst hinausprojezierte Innenwelt. Die Vorstellung von einer unabhängigen Welt ist daher als solche die nicht durchschaute Selbstanschauung. „Des Dinges, das da ist, und sein kann, wirst du dir unmittelbar bewusst; und es gibt kein anderes Ding, als das, dessen du dir bewusst wirst. Du selbst bist dieses Ding: [...] und alles, was du außer dir erblickst, bist immer du selbst“ (ebd., 228). Damit geht jedoch ein Realitätsverlust einher, der nicht nur die Gegenstände, sondern auch das denkende Ich selbst betrifft. Da es nämlich zugleich Subjekt und Objekt ist, das heißt sich selbst gegenständlich werden kann, sich in Sich-selber-Denkendes und Gedachtes beziehungsweise Anschauendes und Angeschautes spaltet (cf. ebd., 225), taugt es nicht mehr als absoluter Bezugspunkt und wird selbst Produkt seines Denkens (cf. ebd., 242). Erst in diesem Augenblick beginnt für das Ich die wirkliche Auseinandersetzung, bei der es um die nihilistische Beschaffenheit der eigenen Realität geht, wie sie sich aus dem System
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Arbeit zitieren:
Sophia Gerber, 2004, Das verlorene Ich - Depersonalisation in Fichtes "Bestimmung des Menschen" und in der Psychologie, München, GRIN Verlag GmbH
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