Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Mündliche Kommunikation und ihre Funktionen
3. Deskriptive Diagnostik
3.1 1. Fallstudie: Mündliche Kommunikation im DaF-Unterricht am Liceo
Ginnasio Statale „G. e Q. Sella“
3.2 2. Fallstudie: Mündliche Kommunikation im DaF-Seminar an der Uni-
versität Rostock
3.3 Vergleich der Studien
4. Normative Kritik
5. Literatur
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1. Einleitung
Russisch ist nie mein Steckenpferd gewesen. Mit Schrecken denke ich an meinen Russischunterricht in der dritten Klasse zurück, in dem unsere Lehrerin uns einzelne Wörter oder ganze Sätze vorsprach und wir diese mechanisch so oft wiederholten, bis kein Aussprachefehler mehr zu hören war. Gelangweilt bewegte ich dabei meist nur die Lippen, ohne einen Ton herauszubringen, manchmal auch ohne den Sinn der Wörter zu verstehen. Heute kann ich weder ein Wort Russisch verstehen noch sprechen.
Wie sieht nun eigentlich heute mündliche Kommunikation im Fremdsprachenunterricht aus? Diese Frage soll im Folgenden anhand zweier selbst praktizierter Fallstudien im italienischen und deutschen DaF-Unterricht erörtert werden. Zunächst soll der Begriff der mündlichen Kommunikation, ihre Funktionen und Hemmfaktoren erläutert werden. Im zweiten Teil der deskriptiven Diagnostik werden anfangs die Besonderheiten der untersuchten Sprechsituationen dargestellt: Unterrichtsart, - umfang und - zeitpunkt sowie das Sprech- und Verstehensvermögen, Alter, Anzahl und Zusammensetzung der Lerner und Lehrenden. Dann sollen folgende Aspekte der mündlichen Kommunikation im beobachteten Unterricht analysiert werden: der Anteil der mündlichen Kommunikation am gesamten Unterricht, der Sprechanteil der Lehrenden und der Lerner, Sprechform undthema, die Sozialform sowie die verwendete Unterrichtssprache. Anschließend sollen die Ergebnisse miteinander verglichen und sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede festgestellt und begründet werden. Im zweiten Teil der normativen Kritik sollen auf Grundlage der Funktionen und Einflussfaktoren mündlicher Kommunikation und anhand der Ergebnisse der Fallstudien Leitsätze und Ü-bungsformen für den modernen DaF-Unterricht aufgestellt werden.
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2. Mündliche Kommunikation und ihre Funktionen
Mündliche Kommunikation bezeichnet den „Austausch, die Verständigung und
den Prozess der Übermittlung und Vermittlung von Informationen durch Aus-
druck und Wahrnehmung (Transaktion) von Zeichen [...] auf lautlicher (Geräusch,
Sprache) Ebene. (Brockhaus 1997, Bd. 12, 226)
Nach dem Kommunikationsmodell des Sprachwissenschaftlers Roman Jakobson verläuft der mündliche Kommunikationsprozess zwischen einem Sender und einem Empfänger, die durch einen Übertragungskanal verbunden sind. In diesem wird eine Nachricht übermittelt, die auf der Basis eines dem Sender und Empfä nger gemeinsamen Codes konstruiert ist. Die Nachricht verweist dabei auf den situationsbedingten Kontext, in dem sich Sender und Empfänger befinden (vgl. ebenda, 227).
Bezogen auf ein Beispiel aus dem DaF-Unterricht kann dieses Modell wie folgt angewendet werden: der Lehrer (Sender) gibt mündlich (Übertragungskanal) einen Arbeitsauftrag (Nachricht). Anhand des gemeinsamen Codes, der gebrauchten sprachlichen Mittel, entkodifiziert der Lerner (Empfänger) die Nachricht und i nterpretiert sie gemäß seiner Verstehensmöglichkeiten und analog zu vorhergehe nden Aufgaben (Kontext).
Die Rolle des Sprechens als Zielfähigkeit im Fremdsprachenunterricht resultiert aus den Funktionen der mündlichen Kommunikation. Ausgehend von der linguistischen Theorie Jakobsons werden heute folgende sieben Funktionen als vorrangig betrachtet (vgl. ebenda, 227):
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1) die instrumentelle Funktion mit dem Ziel, etwas zu verfolgen oder zu erhalten (z.B. eine Bitte),
2) die persuasive Funktion mit dem Ziel, den Empfänger im Hinblick auf bestimmte Meinungen und Handlungen zu beeinflussen (z.B. ein Beratungsgespräch),
3) die informative Funktion mit dem Ziel, Informationen zu erhalten oder weiterzugeben (z.B. ein Vortrag),
4) die expressive Funktion mit dem Ziel, die eigenen Gefühle und Eindrücke auszudrücken (z.B. ein Liebesgeständnis),
5) die soziale Funktion mit dem Ziel, ein Problem zu lösen (z.B. ein Gespräch beim Arzt) oder zwischenmenschliche Kontakte herzustellen beziehungsweise aufrechtzuerhalten (z.B. ein Telefonat mit einem Freund), 6) die stimulierende Funktion, bei der der Empfänger auf eine Frage oder eine den Sender interessierende Information antwortet (z.B. eine mündliche Prüfung) sowie
7) die normative Funktion, bei mündlich kommuniziert wird, wenn es die Situation verlangt (z.B. eine Begrüßung).
Doch die mündliche Kommunikation und ihre Funktionen, zumal in der Fremdsprache, können durch verschiedene Faktoren gehemmt werden, die einerseits von den beteiligten Kommunikationspartnern selbst, andererseits von der jeweiligen Sprechsituation ausgehen. Darunter zählen zum Be ispiel: Ø fehlendes Sprachwissen und -können der Lerner (Grammatik, Lexik, Aussprache, Verstehen),
Ø Motivations- oder Konzentrationsprobleme der Lerner, Ø „organisatorische Probleme, die durch Gruppengröße, Zusammensetzung, Zeitdruck, Räume, Technik, Zuspätkommen entstehen“ (Forster 1997, 221), Ø eine negative Lehrer-Lerner-Interaktion, das he ißt „der Lehrer erwartet von bestimmten Lernern nichts, weil er ihnen mangelnde Intelligenz und Begabung oder eine ungeeignete soziokulturelle Prägung zuschreibt. Die Lerner reagieren auf diese Erwartungen entsprechend (bestätigen damit die vorgefassten Meinungen)“ (Brockhaus 1997, Bd. 12, 636),
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Arbeit zitieren:
Sophia Gerber, 2003, Mündliche Kommunikation im Fremdsprachenunterricht, München, GRIN Verlag GmbH
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