Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Hauptseminar: Literature, Narration and Memory
5. Semester
Analyse der Mimesis von Gedächtnis in Kazuo Ishiguros
Roman ′The Remains of the Day′
von: Stefanie Röder
Einleitung 1
1. Theoretische Grundlagen 2
1.1 Gedächtnis und Erinnerung 2
1.2 Das Gedächtniskonzept von Maurice Halbwachs 4
1.2.1 Individuelles und kollektives Gedächtnis 4
1.2.2 Erinnerungsfiguren 5
2. Autor und Werk 6
3. Die Erzählperspektive 7
3.1 Überlegungen zur Erzählperspektive im Zusammenhang mit dem Gedächtniskonzept von Halbwachs 8
4. Das Zusammenspiel von Erinnerung und Identität 9
4.1 Stevens Identität in Abhängigkeit von seinen Erinnerungen 10
4.2 Stevens´ Erinnerungen in Abhängigkeit von seiner Identität 12
4.3 Die Idee der Absoluten Professionalität als Erinnerungsfigur 14
5. Stevens´ Erinnerungen im Dienste seiner Selbsttäuschung 16
5.1 Verbindungen zwischen Ereignissen 17
5.2 Das Ausblenden unangenehmer Aspekte in der Erinnerung 18
5.3 Inkonsequenz in Stevens´ narration 20
5.3.1 Die Diskrepanz zwischen telling und showing 20
5.3.2 Erzählerische Inkonsequenz innerhalb des telling 21
Schlußfolgerungen 23
Bibliographie 25
Einleitung
Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. (Jean Paul)1
In der vorliegenden Arbeit soll Kazuo Ishiguro´s Roman The Remains of the Day im Hinblick auf die Erinnerungen des Erzählers Stevens untersucht werden. Die Fragestellung der Arbeit ist dabei vor allen Dingen, wie der Autor die Prozesse der menschlichen Erinnerung nutzt, um am Beispiel der Hauptfigur Stevens Grundprobleme der menschlichen Existenz darzustellen: Die Suche nach der eigenen Identität, das Bedürfnis nach Trost, Rechtfertigung und Sinngebung des eigenen Lebens. Um diese Frage zu beantworten, werden aktuelle theoretische Überlegungen in die Analyse einbezogen. Natürlich ist es in gewisser Weise problematisch, in der „realen Welt“ verankerte, d.h. soziologische, psychologische etc. Gedächtnistheorien mit einem mimetischen, also fiktiven Gedächtnis in Verbindung zu bringen; legitimiert wird dieser Arbeitsansatz jedoch durch „die Annahme [...], daß Literatur zu Gedächtnisdiskursen ihrer Entstehungszeit in Bezug tritt und Funktionsweisen, Prozesse und Probleme des Erinnerns im Medium der Fiktion [...] zur Anschauung bringt“2
Stevens´ Erinnerungen sind wichtigster Bestandteil der narration, denn in ihnen wird „below the understatement of the novel´s surface“3 die eigentliche Geschichte erzählt. Der Schwerpunkt der Analyse wird demzufolge vor allem auf das literaturwissenschaftliche Konzept der Mimesis des Gedächtnisses gelegt,4 obwohl der Roman aufgrund seiner Vielschichtigkeit auch andere Untersuchungsansätze zuläßt. Für die Untersuchung wird es zunächst notwendig sein, die Begriffe Gedächtnis und Erinnerung zu klären sowie die für diese Arbeit relevanten Gedächtnistheorien des Soziologen Maurice Halbwachs vorzustellen. Nach einer Einführung zu Autor und Werk werden drei Schwerpunktthemen jeweils in einzelnen Kapiteln bearbeitet: Zuerst soll geprüft werden, inwiefern möglicherweise schon die Erzählsituation Einfluß auf die Erinnerungen des Erzählers nimmt. Der folgende Teil widmet sich dem Zusammenspiel von Erinnerung und Identität. Schließlich wird im letzten Teil betrachtet, wie der Erzähler die Prozesse der Erinnerung gezielt nutzt, um seine Vergangenheit neu zu konstruieren und somit schmerzhaften Einsichten aus dem Weg zu gehen.
1. Theoretische Grundlagen
In diesem Teil der Arbeit soll in die Problematik Gedächtnis und Erinnerung eingeführt und damit eine theoretische Grundlage für die spätere Arbeit am Roman geschaffen werden. Grundlage hierfür sind die Texte von Siegfried J. Schmidt, Ernst Florey sowie das Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie.5 Weiterhin wird ein Teil der Theorien von Maurice Halbwachs vorgestellt. Die Analyse folgt den Bedürfnissen dieser Arbeit und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
1.1 Gedächtnis und Erinnerung
Zunächst geht es um die Klärung der zentralen Konzepte Gedächtnis und Erinnerung. Beide stehen in engem Zusammenhang miteinander, dürfen streng genommen jedoch nicht synonym gebraucht werden. Im standardisierten Sprachgebrauch versteht man unter Gedächtnis die Fähigkeit, Sinneswahrnehmungen od. psychische Vorgänge im Gehirn zu speichern, sodass sie bei geeigneter Gelegenheit ins Bewußtsein treten können; Vermögen, Bewusstseinsinhalte aufzubewahren, zu behalten, zu speichern u. sich ins Bewusstsein zurückzurufen, sie wieder zu beleben; Erinnerung[svermögen] 6 Zunächst fällt auf, daß Gedächtnis hier mit Erinnerung gleichgesetzt wird, der Eintrag desselben Wörterbuchs zum Lemma Erinnerung geht damit konform. Das Gedächtnis stellt sich als Speicher dar, dessen Inhalt abgerufen werden kann. Dieses Bild entspricht dem storage and retrieval-Prinzip.7 Ereignisse und Gedanken hinterlassen im Zentralnervensystem ein Erinnerungsbild (Engramm), welches aufgerufen werden kann, um das jeweilige Ereignis zu erinnern (Repräsentation). Dieses traditionelle Gedächtnisbild ist, wie beispielsweise der Dudeneintrag zeigt, nach wie vor weit verbreitet. Die neuere Forschung rückt jedoch zunehmend die kreative Rolle des Gedächtnisses in den Vordergrund. Siegfried J. Schmidt stellt beispielsweise vor allem heraus, „daß Erinnern nicht als Zugriff auf Gedächtnisinhalte zu sehen ist.”8
Das aktuelle Konzept sieht das Gedächtnis als eine neuronale Funktion, die über das ganze Gehirn verteilt ist und den aktuellen Stand der Wahrnehmungs- und Erlebnisgeschichte eines kognitiven Systems repräsentiert. Aufgrund dessen weist es aktuellen Wahrnehmungen Bedeutung zu und spielt damit eine zentrale Rolle bei der Wahrnehmungs- und Verhaltenssynthese. Es bildet außerdem die Grundlage der Lernfähigkeit und der selbstorganisierenden Autonomie des Menschen. Man unterscheidet drei verschiedene Gedächtnissysteme, die zusammenwirken und sich wechselseitig beeinflussen. So beinhaltet das semantische Gedächtnis u.a. Informationen über Weltwissen oder Wortbedeutungen, es ist ein deklaratives System. Das prozedurale Gedächtnis dagegen ist nicht deklarativ, es steuert Bewegungsabläufe, Verhaltensmuster usw. Auf diese beiden Gedächtnissysteme wird im Folgenden nicht weiter eingegangen. Im Zusammenhang mit dieser Arbeit ist vornehmlich das (deklarative) episodische Gedächtnis relevant, das es beispielsweise ermöglicht, bestimmte Ereignisse aus der Vergangenheit zu schildern oder ein Bild in Erinnerung zu rufen. Das Gedächtnis “speichert” nur Neues und Relevantes, wobei es die Kriterien hierfür aus sich selbst heraus entwickeln muß. Längst nicht alle Bereiche des Gedächtnisses sind (uns) bewußt, und an diesem Punkt unterscheidet sich Gedächtnis als neuronale Funktion von der Erinnerung als kognitiv-psychische Konstruktion.
[...]
1 Zitiert nach:
2 Astrid Erll, Marion Gymnich, Ansgar Nünning (Hg.): Literatur -Erinnerung - Identität: Theoriekonzeptionen und Fallstudien. Trier: WVT (2003), S. 4
3 Salman Rushdie: Imaginary Homelands. Essays and Criticism 1981-1991. London: Granta Books (1991), S. 244
4 Vgl. Erll et al (Hg.): Literatur -Erinnerung - Identität, S. 4
5 Vgl. Ernst Florey: “Die Zeit und das Denken. Altes und Neues über das Gedächtnis.” In: Peter Ernst Fischer: Gedächtnis und Erinnerung, Mannheimer Forum 97/98. München: Piper, (1998), S. 39-109; Ansgar Nünning (Hg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Stuttgart/Weimar: Metzler (2001), S. 211f; Siegfried J. Schmidt: “Gedächtnisforschungen: Positionen, Probleme, Perspektiven”. In: Siegfried J. Schmidt (Hg.): Gedächtnis: Probleme und Perspektiven der interdisziplinären Gedächtnisforschung. Frankfurt am Main: Suhrkamp (1996), S. 9-55
6 Günther Drosdowski u.a. (Hg.): Duden Deutsches Universalwörterbuch. Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich: Dudenverlag (1996), S. 568
7 Vgl. Nünning (Hg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie, S. 211
8 Schmidt: “Gedächtnisforschungen: Positionen, Probleme, Perspektiven.” In: Gedächtnis, S. 33
Quote paper:
Stefanie Röder, 2003, Kazuo Ishiguro: 'The Remains of the Day'. Eine Analyse der Mimesis von Gedächtnis und Erinnerung., Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Der Einfluss der freudschen Traumdeutung auf die literarische Wiener M...
German Studies - Literature of History, Eras
Scholarly Essay, 34 Pages
Chancengleichheit ausgeschlossen - Eine Betrachtung anhand der Erkläru...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 18 Pages
Vergleichsanalyse der kritischen Auseinandersetzungen mit der Pop-Lite...
German Studies - Comparative Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 20 Pages
Gerechtigkeit bei Aristoteles - Zur Frage der Gerechtigkeit in der Nik...
Philosophy - Philosophy of the Ancient World
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 10 Pages
Kabale und Liebe: Ferdinand, ein "Genie" im Sinne des Sturm ...
German - History of Literature, Eras
Presentation / Essay (Pre-University), 10 Pages
Zum Elend der Welt von Pierre Bourdieu
Sociology - Work, Profession, Education, Organisation
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 19 Pages
Die Entwicklung vom Poeten zum Genie im 18. Jahrhundert - aufgezeigt a...
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 24 Pages
National and personal history in Kazuo Ishiguro´s "The Remains of...
English Language and Literature Studies - Literature
Scholary Paper (Seminar), 15 Pages
'Prometheus' und 'Ganymed' als Höhepunkte des Sturm un...
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 24 Pages
The incompatibility of self and service as presented in Kazuo Ishiguro...
English Language and Literature Studies - Literature
Scholary Paper (Seminar), 13 Pages
Moderne Popliteratur übt Medienkritik!? - Exemplarische Analyse am Bei...
German Studies - Modern German Literature
Thesis (M.A.), 301 Pages
Internetkommunikation, Kommunikation zwischen Mündlichkeit und Schrift...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 30 Pages
Stefanie Röder has published the text Kazuo Ishiguro: 'The Remains of the Day'. Eine Analyse der Mimesis von Gedächtnis und Erinnerung.
Stefanie Röder has uploaded a new text
0 comments