Eine in den letzten 150 Jahren hierzulande ansteigende und seither mehr als verdoppelte Lebenserwartung hat eine zunehmend anwachsende ältere Generation geschaffen, der es an Orientierung vermittelnden historischen Vorbildern mangelt.
Dieser Text betrachtet und vergleicht unterschiedliche Altersbilder von der Antike bis in die Moderne in ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Umfeld.
Die von einer früher das Alter zumeist annehmenden gesellschaftlichen Randgruppe zu einer gesellschaftlichen Größe anwachsende ältere Generation ist mangels historischer Vorbilder auf der Suche nach einer identitätsstiftenden Orientierung. Angebote der modernen Anti-Aging-Medizin bieten idealisierende Trugbilder, die sich an Jugendlichkeit und Leistungsfähigkeit ausrichten. Ein dergestalt reduktionistisches Menschenbild generiert einen verpflichtenden Fitness- und Jugendlichkeitsimperativ und verhindert dadurch, dem Alter als eigenständige gleichberechtigte Lebensphase Gestalt zu verleihen. Ein der Leistungsorientierung überantwortetes empirisches Würdeverständnis leistet Altersdiskriminierung unreflektiert Vorschub.
Es ist daher an der Zeit, in Gestalt einer ethischen Wende den Sinn der späten Lebenszeit als identitätsbewahrenden und identitätsbewährenden Selbstwerdungsprozess zu erfassen. Eine Kultur des humanen Alterns sollte daher die sich im Alter radikalisierende Erfahrung von Angewiesenheit, insbesondere hilfe- und pflegebedürftiger Menschen, als natürliche Fortsetzung einer lebensbegleitenden Angewiesenheit begreifen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ethnologische Aspekte der Gerontologie
3. Altersbilder von der Antike bis zur Gegenwart
3.1 Griechische und römische Antike
3.2 Mittelalter und Neuzeit
3.3 Moderne und Gegenwartsdiskussion
4. Anti-Aging oder Annahme eigener Endlichkeit
4.1 Zelluläre und molekularbiologische Grundlagen des Alterns
4.2 Anti-Aging-Medizin als neue Medizin- oder Alternskultur
4.3 Medikalisierung des Alterns
4.4 Verdrängung oder Annahme eigener Endlichkeit
5. Ethik und Kultur humanen Alterns
5.1 Realisierung des Machbaren oder Medizin für den Menschen
5.2 Gutes Leben im Alter: Wunsch oder Wirklichkeit?
5.3 Grundlegende Aspekte einer Ethik des Alters
6. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Wandel gesellschaftlicher Altersbilder von der Antike bis zur Gegenwart und analysiert kritisch die Einflüsse der modernen Anti-Aging-Medizin auf das Verständnis von Altern, Endlichkeit und die ethische Bewertung einer würdevollen Lebensgestaltung im Alter.
- Historische Betrachtung von Altersbildern und deren soziale Einbettung
- Kritische Analyse der modernen Anti-Aging-Medizin und ihrer Ambitionen
- Diskussion des Spannungsfeldes zwischen Jugendlichkeitsimperativ und Annahme eigener Endlichkeit
- Untersuchung der Medikalisierung altersspezifischer Lebensphasen
- Entwurf ethischer Grundlagen für ein würdevolles Altern jenseits rein leistungsorientierter Normen
Auszug aus dem Buch
Verdrängung oder Annahme eigener Endlichkeit
Die von der Anti-Aging-Medizin angestrebte Bewahrung von Jugendlichkeit bedient ganz offensichtlich einen bereits seit mehreren Jahrtausenden bestehenden „Traum ewiger Jugend“. Welche Beweggründe speisen diesen Bewahrungsdrang? Geht es wirklich um die möglichst lange Aufrechterhaltung eines jugendhaft gesunden Körpers zur Vermeidung altersbedingter Leiden? Verfolgt die Anti-Aging-Medizin mit ihrem proklamierten Imperativ zur Linderung altersbedingter Leiden ein legitimes Behandlungsziel im Sinne eines symptomatischen Therapieansatzes oder geht es vorrangig darum, eine „Medizin gegen das Altern“ (4, S. 219) zu etablieren?
Neben der von der Anti-Aging-Medizin in den Vordergrund gerückten Körperlichkeit trennt eine grundsätzlich anders wahrgenommene Zeitlichkeit die Jugend von dem Alter (5, S. 348-351). Während die Jugend einer für eine mögliche Realisierung aktueller oder zukünftiger Pläne noch offenen und scheinbar unbegrenzten Zukunft entgegenblickt, kann der alte Mensch einer Konfrontation mit der absehbaren Endlichkeit seiner Lebensperspektive kaum noch entgehen.
Er fürchtet einer sich immer weiter beschleunigenden, modernen gesellschaftlichen Vielfalt mit seinen altersbedingten Funktionseinschränkungen nicht mehr gerecht werden zu können und flüchtet auf der „Anti-Aging-Brücke“ zurück in eine medizinisch empfohlene jugendhafte Scheinwelt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert den Wandel des Altersbegriffs von einer seltenen Gnade zu einem gesellschaftlich etablierten Erwartungshorizont und führt in die Thematik der sich verändernden Altersbilder ein.
2. Ethnologische Aspekte der Gerontologie: Dieses Kapitel beleuchtet den Umgang mit alten Menschen in akephalen Gesellschaften und zeigt die Ambivalenz zwischen Senioritätsprinzipien und rituellen Praktiken auf.
3. Altersbilder von der Antike bis zur Gegenwart: Es erfolgt ein historischer Abriss, der die unterschiedliche gesellschaftliche Stellung alter Menschen von der athenischen Antike über das Mittelalter bis zur Moderne analysiert.
4. Anti-Aging oder Annahme eigener Endlichkeit: Die Autorin diskutiert die biologischen Grundlagen des Alterns, die Ambitionen der Anti-Aging-Medizin und die ethische Problematik der Medikalisierung altersspezifischer Prozesse.
5. Ethik und Kultur humanen Alterns: Dieses Kapitel erarbeitet ethische Entwürfe für ein gutes Leben im Alter und plädiert für eine Abkehr von leistungsorientierten Optimierungsidealen hin zur Akzeptanz individueller Endlichkeit.
6. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung führt die wesentlichen Erkenntnisse zusammen und unterstreicht die Notwendigkeit einer ethischen Wende in der Wahrnehmung des späten Lebensabschnitts.
Schlüsselwörter
Altersbilder, Altern, Anti-Aging-Medizin, Endlichkeit, Ethik, Gerontologie, Jugendlichkeitswahn, Leistungsgesellschaft, Medikalisierung, Menschenbild, Menschenwürde, Selbstgestaltung, Senioritätsprinzip, Würde, Zeitlichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch den Wandel der Altersbilder und die zunehmende Einflussnahme der Anti-Aging-Medizin auf unser Verständnis vom Altern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die historische Entwicklung der Altersbilder, die ethische Einordnung der sogenannten Enhancement-Kultur und die Bedeutung von Endlichkeit und Würde im hohen Alter.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den Fitnessimperativ der modernen Gesellschaft zu hinterfragen und eine Ethik des Alterns zu begründen, die den älteren Menschen nicht nur als Leistungssubjekt begreift.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer interdisziplinären Literaturanalyse, die ethnologische, historische, medizinische und existenzphilosophische Perspektiven integriert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Historie des Alterns, den biologischen Grundlagen, der Kritik an der Anti-Aging-Medizin sowie der philosophisch-ethischen Fundierung eines würdevollem Lebens im Alter.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Altersbilder, Anti-Aging, Menschenwürde, Endlichkeit und eine kulturelle Ethik des Alterns.
Wie bewertet die Arbeit die "Altenpflege" im historischen Kontext?
Die Autorin hebt hervor, dass die Institutionalisierung der Altenpflege im Mittelalter zwar Unterstützung bot, jedoch oft mit Stigmatisierung und Ausgrenzung einherging.
Welche Rolle spielt die Philosophie für eine Ethik des Alters laut dieser Arbeit?
Die Arbeit stützt sich stark auf antike Tugendkonzepte und existenzpsychologische Ansätze, um den Menschen über die bloße Leistungsfähigkeit hinaus als ganzheitliches Wesen zu erfassen.
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- Dr. med. Norbert Bradtke (Author), 2017, Altersbilder im Wandel zwischen Würde und Bürde: Kultur oder Anti-Kultur humanen Alterns, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369734