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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Vorgehensweise 4
3. Frankreich und die Sowjetunion: prinzipielle Divergenzen und punktuelle
Interessenkoinzidenzen 5
3.1 Vom 28.9.42 (Anerkennung des CNF durch die SU) bis zum Kriegsende
am 8. Mai 1945 5
3.2 Deutschlandpolitische Divergenzen hinsichtlich der Grenzen und der
staatlichen Struktur eines zukünftigen Deutschland 6
3.3 Scheinbare Koinzidenz frz. und sowjetischer Deutschlandpolitik -
Die Internationalisierung der Ruhr 8
3.4 Das Ende theoretischer frz.-sowjetischer Gemeinsamkeiten -
Die Wende in der frz. Deutschlandpolitik 8
4. Handlungswille und Handlungsfähigkeit auf dem Prüfstand:
Die frz. Besatzungszone(n) in Südwestdeutschland 9
4.1 Das Zustandekommen 9
4.2 Widersprüchliche Zielvorgaben 11
4.3 „Verkorkste Zone“ von Anfang an 12
4.4 Flexibilität als Ausdruck von Unsicherheit - Frankreichs unklare Vorstel-
lungen über die Zukunft der Einzelteile der FBZ. Das Beispiel Saarland. 12
4.5 Die Besatzungszeit in frz. und deutscher Perzeption - Verstärkung der
gegenseitigen Ressentiments 14
5. Die deutschland- und europapolitischen Akteure 15
5.1 De Gaulle 15
5.2 Georges Bidault 17
5.3 Robert Schuman 18
5.4 René Pleven 19
6. Resumee 20
7. Bibliographie und Abkürzungsverzeichnis 23
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1. Einleitung
Eine erste Auseinandersetzung mit der Fragestellung dieser Arbeit wirft zwei weitere grundsätzliche Fragen der französischen Deutschland- und Europapolitik auf. Erstens: Gab es politische Zielvorstellungen, Handlungsprinzipien oder Strategien in Bezug auf Deutsch-land, die in sich konsistent waren und einen tieferen und langfristigen politischen Gestaltungswillen zum Ausdruck brachten oder ist die Deutschlandpolitik nicht vielmehr eine abhängige Variable in einer außenpolitischen Agenda, die andere Prioritäten hatte? Und zweitens: Gab es für Frankreich - in seiner weitestgehend von macht- und wirtschaftspolitischen Schwächen und Zwängen gekennzeichneten Lage nach Kriegsende - überhaupt Handlungsmöglichkeiten und einen Handlungsspielraum in Bezug auf Europa, vor allem aber in Bezug auf Deutschland, in dem die militärischen und politischen großen Drei den Ton angeben würden?
Beide Fragen werden von einer Reihe von Widersprüchen begleitet, die eine klare Antwort erschweren. Der größte Widerspruch resultiert aus dem Anspruch Frankreichs, im Konzert der Großen gleichberechtigt mitzureden auf der einen Seite, fußend auf einer fragwürdigen Selbstwahrnehmung von rang und grandeur 1 , von Geschichtsklitterung 2 und einem von den Freien Franzosen instrumentalisierten „mythe fondateur d’après-Vichy“ 3 und einer desaströsen wirtschaftlichen Lage sowie einer politischen und militärischen Geringschätzung auf der anderen Seite; von sowjetischer Seite wurde der Zugewinn internationaler Statur schon 1944 relativiert und zum außenpolitischen Programmsatz, „cela ne veut pas dire que la France doive se croire déjà à nouveau une grande puisance“ 4 , auf amerikanischer Seite wirkte noch sehr lange der deGaulle-rooseveltsche „Kleinkrieg im Weltkrieg“ 5 nach;
1 Vgl. etwa Woyke, Frankreichs Außenpolitik ..., 14, für den Unabhängigkeit, Sicherheit vor Deutschland und Größe die wichtigen Konstanten der frz. Nachkriegsaußenpolitik sind.
2 besonders deutlich werdend am 18. Juni 1944, als de Gaulle einerseits den befreiten Paris ern zurief„Paris, libéré par lui-même, libéré par son peuple avec le concours des armées de la France...“ und gleichzeitig den verhältnismäßig kleinen Beitrag der Résistance aus innenpolitischem Ka lkül heraus mit dem Zurückdrängen des CNR-Vorsitzenden Bidault in die zweite Reihe beim Marsch der Widerstandsgruppen schmälern wollte(vgl. Bidault, D’une résistance à l’autre, S. 65, bei: Hüser, Frankreichs doppelte ..., 184.).
3 Dieser hatte mehrere Funktionen: Handeln und Leiden der Franzosen während Niederlage, der Vichy- und Besatzungszeit sollten mit der These des guerre de trente ans (de Gaulle am 11.11.45) in einen größeren und durch den Kriegsgewinn im Mai 1945 sogar positiv-sinnstiftenden, Bedeutungszusammenhang gestellt werden und gleichzeitig Erinnerung und Bedeutung von Vichy, Collaboration und innerem Widerstand zu Gunsten der Freien Franzosen schmälern (vgl. Hüser, Frankreichs doppelte ..., 184.)
4 Gespräch eines Beraters der französischen Botschaft mit Bogmolov am 25.12.44, bei: Hüser, Frankreichs doppelte.., 105.
5 Vgl. Hüser, Frankreichs doppelte ..., 95. Trotz mittel- und langfristiger Interessenkoinzidenzen blieb eine ge- wisse moralisch-militärische Geringschätzung Frankreichs durch die USA bestehen. Wenn sich auch die politi-
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den Nicht-Anspruch auf grandeur sahen die Amerikaner schon im Vorkriegsfrankreich 6 begründet, das durch seine innere Zerrissenheit die Niederlage von 1940 beförderte. Selbst in der FBZ war das Prestige Frankreichs klein und die Geringschätzung groß. Viele Widersprüche der frz. Außenpolitik nach 1944 resultieren aus dem Dilemma einer objektiven Schwäche, eines Anders-wo llen und Doch- nicht-anders-können, einer - durch innenpolitische Unsicherheiten beförderte - Haltung der Unglaubwürdigkeit und elastischen Interpretierbarkeit, die, zumindest was de Gaulle betraf, zu einer „beeindruckenden außenpolitischen Flexibilität“ führte, welche „für viele schon an Selbstverleumdung grenzte“ 7 .
2. Vorgehensweise
In der frz. Wahrnehmung der 40er und 50er Jahre musste Deutschland zwangsläufig der Orientierungspunkt allen außenpolitischen Handelns sein. Die Erfahrungen dreier Kriege und eine schier unüberbrückbare Rivalität 8 weisen de Gaulles - pathetisch überhöhte -Einschätzung als außenpolitische Konstante zumindest der ersten Nachkriegsjahre aus: „In Wirklichkeit ist das Schicksal Deutschlands das zentrale Problem des Universums. Für Frankreich ist es gleichzeitig eine Frage auf Leben und Tod“ 9 . Auch als der Ost-West-Konflikt und die potenzielle Bedrohung durch die SU die germanophobe Deutschlandfixiertheit (auch bei den späteren „Versöhnern“ des MRP), wenn nicht ablöst, dann doch mindestens überlagert, bleibt Deutschland Sinn - und Bezugspunkt frz. Außenpolitik; der kalte Krieg und die ungelöste Deutschlandfrage paralysieren und determinieren gleichzeitig die Akteure des Quai d’Orsay. Die in dieser Arbeit besprochene Europapolitik ist deshalb auch immer wieder gleichzeitig Deutschlandpolitik. Hier wird auch dem Besatzungsregime in der FBZ ein relativ großer Raum gegeben, weil an ihm einerseits die Begrenztheit der Handlungsmöglichkeiten, andererseits die Widersprüchlichkeit in den deutschland-, und letztlich weltpolitischen Zielen Frankreichs deutlich werden. Außerdem kann hierin der Versöhnungstopos 10 deutsch- französischer Nachkriegsgeschichte überprüft werden, ein
schen Vorzeichen änderten, blieb Frankreich der unsichere Kantonist. Deutlich wird dies z.B. in der Frage der Verteidigungsbereitschaft des Westens gegenüber der SU.
6 Das in Frankreich lange tabuisierte Thema der Empfänglichkeit - réceptivité - wird z.B. beleuchtet in Altwegg, Die Republik des Geistes, 37 ff. (Stichworte: Travail, famille, patrie - 40 Millions de Pétainistes - Der Faschismus der Intellektuellen).
7 Hüser, Frankreichs doppelte…, 255.
8 De Gaulle weist schon in seinem Buch über die Notwendigkeit einer Berufsarmee von 1934(vgl. Weisenfeld, de Gaulle, 86) auf die Verurteilung Frankreichs und Deutschlands zur Gegnerschaft hin: „Zwischen de Galliern und den Germanen haben die wechselseitigen Siege nichts entschieden und nichts bereinigt ...“.
9 Vgl. De Gaulle, Discours et messages - Pendant la guerre 1940-1946, Paris: 1970, 512, bei: Dankert, 1991, 212.
10 Begriff bei Hüser, 23.
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zumindest für Frankreich, das Deutschland langfristig als Partner gewinnen musste und wollte, wichtiger Aspekt.
Neben der Deutschlandpolitik soll vor allem den französisch-sowjetischen Beziehungen ein eigenständiger Raum zugestanden werden. Auch wenn de Gaulles Entwurf eines Europa, das seine Einheit zw ischen den Polen „Moskau, London und Paris“ 11 finden sollte, teilweise überholten bündnispolitischen Vorstellungen entsprach, so hat seine Formel des Europa vom Atlantik zum Ural, die den USA durch die bewusste Mehrdeutigkeit eine langfristig nur sekundäre Rolle zuwies, auch bei den Akteuren des MRP, dem parti de la fidélité, Konjunktur. Dass die Angloamerinkaner schrittweise ab 1947 (Moskauer Außenministerkonferenz - Marshallplan - Londoner Sechsmächtekonferenz) die frz. Außenpolitik determinierten, ist so evident, dass die frz.-britischen und frz.-amerikanischen Beziehungen hier nicht noch zusätzlich aus einer eige nständigen Perspektive betrachtet werden könnenohnehin sind sie immer gegenwärtig, wie im folgenden deutlich werden wird.
Beleuchtet werden sollen die Positionen der entscheidenden deutschlandpolitischen Akteure Bidault, Schuman und Pleven und de Gaulle, der zwar schon am 20.1.46 vom Amt des Ministerpräsidenten zurücktrat, aber maßgeblich die frz. Außen- und Sicherheitspolitik prägte 12 . Hauptaugenmerk wird auf die Zeit bis 1949/1950 gelegt; Spätestens hier - Gründung der Bundesrepublik Deutschland (8.5.49) und der Trizone (8.4.49), Beginn des Integrationsprozesses und Ausbruch des Korea-Krieges (Juni 1950) und Beginn der Wiederbewaffnungsdebatte - sieht sich Frankreich mit Realitäten konfrontiert, die stark abweichen von den Zielen, die seit 1940 formuliert wurden.
3. Frankreich und die Sowjetunion : prinzipielle Divergenzen und punktuelle Interessenskoinzidenzen
3.1 Vom 28.9.42 (Anerkennung des CNF durch die SU) bis zum Kriegsende am 8. Mai
1945
Hüser bringt die Phase der Konfliktarmut bei gleichzeitiger Distanz auf den Punkt:
„Das Verhältnis des äußeren Widerstands zur SU war während des Krieges vordergründig deutlich weniger spannungsgeladen und kontrovers als das zu den angelsäch-
11 Vgl.De Gaulle, Discours et messages - Pendant la guerre 1940 - 1946, S. 512. Bei : Dankert, 1991, 217.
12 Vgl. Dankert, 1991, 211 ff.
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sischen Mächten, tatsächlich aber ebenfalls, wenn auch auf andere Weise, höchst am-
bivalent und konsitutiv für die Nachkriegsbeziehungen zwischen Paris und Moskau. Die ... relative Konfliktarmut beruhte jedoch weniger auf einer ‚profranzösischen Sow-jetpolitik’ noch auf einer ‚docilité gaulliste à l’égard de Moscou’, sondern vielmehr auf geringeren Kontaktfrequenzen und schwächeren beidseitigen Erwartungen und Bedeutungszumessungen. Während Stalins Gewicht für de Gaulle in den Kriegsjahren
über einen gewissen nuisance value gegenüber Roosevelt und Churchill kaum hinausging, konnte umgekehrt die sowjetische Diplomatie nicht das geringste Interesse daran
haben, es sich wegen der freien Franzosen mit den Vereinigten Staaten und Großbritannien zu verscherzen.“ 13
Die Beziehungen waren geprägt von gegenseitigem Misstrauen und Instrumentalisierungsversuchen. Auf frz. Seite war man sich schon früh darüber im klaren, was für ein militärischer Gigant sich im Osten erhebt 14 , der alleine oder mit einem von ihm abhängigen Deutschland Frankreich bedrohen könnte, vor allem wegen des beachtlichen Einmischungspotentials mittels des PCF, über dessen Einfluss im Nachkriegsfrankreich nicht spekuliert werden musste 15 . Auch de Gaulle war sich über die Grenzen seiner diplomatischen Drahtseilakte bewusst - trotz der frz.-amerikanischen Anfeindungen war klar, auf welcher Seite Frankreich im Ernstfall stand und das eine Politik, die systematisch auf Moskau setzte, „risquerait fort d’aboutir très rapidement soit à la sujection 16 , soit à l’isolement“ 17 . Dass die SU ihrerseits Frankreich nicht aus langfristig-strategischen deutschlandpolitischen Gründen unterstützte wollte, weder in der Etablierung einer frz. Besatzungszone (siehe Kap.4.1) noch hinsichtlich Abtrennungen oder frz. Dezentralisierungswünschen, ist letztlich Beweis dafür, dass die SU Frankreich in prinzipieller Gegnerschaft sieht. Nur dort, wo sich frz. und sowjetische Positionen überlagern, wie in der Festschreibung der Oder-Neiße-Grenze, gab es keine Konflikte.
13 Hüser, Frankreichs doppelte ..., 101, 102.
14 Ebenda, S. 104.
15 Ein großer Teil der maßgeblichen späteren Deutschlandakteure, wie Monnet, Pleven, René Mayer, Mendes-France oder Couve de Murville teilen diese Einschätzung. Vgl. Hüser, Frankreiche doppelte..., 103.
16 Über das „unerbittliche Joch“, unter dem die Menschen im sowjetischen Einflussbereich litten, machte sich de Gaulle keine Illusionen. Als er im Dezember 1944 Moskau verließ, sagte er: „Das ist ein unmenschliches Regime; wir haben diese Leute für hundert Jahre auf dem Buckel.“. Bei: Weisenfeld, Charles de Gaulle, 59.
17 Vgl. Hüser, Frankreichs doppelte .., 102. An anderer Stelle weist Hüser darauf hin, dass von einem „déchire- ment du choix entre Moscou et Washington“ nie wirklich die Rede sein konnte (108).
Arbeit zitieren:
Bernhard Nitschke, 2005, Französische Deutschland- und Europapolitik von der Befreiung bis zu den Pariser Verträgen. Kontinuitäten und Wandel, München, GRIN Verlag GmbH
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