

Inhalt
Inhalt 3
Erklärung 3
1. Einleitung 5
2. Die Nachrichtenauswahl der Massenmedien 6
2.1. Die Notwendigkeit der Nachrichtenauswahl 6
2.2. Abgrenzung der Nachrichtenwert-Theorie zu anderen Forschungstraditionen 6
3. Die Nachrichtenwert-Theorie 7
3.1. Die Grundidee: Walter Lippmann 7
3.2. Die Entwicklung der Nachrichtenwert-Theorie in Amerika 7
3.3. Die Entwicklung der Nachrichtenwert-Theorie in Europa 8
3.3.1. Einar Östgaard 8
3.3.2. Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge 10
3.3.2.1. Der Nachrichtenfaktorenkatalog von Galtung und Ruge 10
3.3.2.2. Die fünf Hypothesen über das Zusammenwirken der Nachrichtenfaktoren 11
3.3.2.3. Die Überprüfung der Komplementaritätshypothese: Vier Feststellungen 12
3.3.3. Folgestudien und Akzeptanz 12
4. Kritiker der Nachrichtenwert-Theorie und Anfänge einer Verbesserung 14
4.1. Winfried Schulz 14
4.2. Karl Erik Rosengren 15
5. Forschungsteil: Wie wurde der Fußballwettbetrugsskandal zum Medienthema 16
5.1. Die Erfüllung der Nachrichtenfaktoren nach Galtung und Ruge 16
5.2. Die Einbindung des Ereignisses in einen Gesamtkontext 17
5.3. Weitere Einflüsse auf die Berichterstattung der Medien 17
6. Schluss 19
7. Literaturverzeichnis 21
7.1. Literatur 21
7.2. Zeitschriften Gesetzestexte 21
Erklärung
Hiermit versichere ich dass ich diese Arbeit selbstständig verfasst habe und keine anderen als die an
gegebenen Stellen und Hilfsmittel benutzt habe
Hamburg den 28 02 2005
Seite 3
„News and truth are not the same thing, and must be clearly distinguished.” 1
1 Lippmann, Walter (1922), zit. nach: Schulz, Winfried (1997): Politische Kommunikation: Theoretische Ansätze und Ergebnisse empirischer Forschung
zur Rolle der Massenmedien in der Politik. Westdeutscher Verlag. Opladen/Wiesbaden, S. 68
Seite 4
1. Einleitung
In Artikel 5 der Verfassung für die Bundesrepublik Deutschland vom 23.5.1949 wird Meinungsfrei- heit als wesentliches Merkmal unserer Demokratie festgeschrieben. Das Recht,
„seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten“, 2 ist dem Gesetzgeber aufgrund der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands derart wichtig, dass es sich hierbei sogar um ein Grundrecht [!] handelt. Das Angebot „allgemein zugängliche[r] Quel- len“ übersteigt heute im Zuge mehrdimensionaler Mediennutzung bei weitem die zur Verfügung stehen- de Publikationskapazität traditionaler Medien. Sendezeiten sind kostspielig und knapp, und auch der Umfang von Printerzeugnissen ist nicht nur technisch, sondern auch wirtschaftlich (Druckkosten) be- grenzt. Aus dem garantierten Recht auf freiheitliche Meinungsäußerung leitet sich als Erfolgsformel daher auch die Verpflichtung der Produzenten ab, richtige Entscheidungen bei der Auswahl dessen, was als medial publikationswürdig betrachtet wird, zu treffen. Doch wie werden solche „richtigen“ Entschei- dungen getroffen? Wer bestimmt, was richtig ist und wichtig wird? Können sich Rezipienten tatsächlich „ungehindert […] unterrichten“ 3 ?
Die Unmöglichkeit, alle Weltereignisse in ihrer Gesamtheit erfahren zu können, greift auch die Publi- zistikforschung bei der Untersuchung der Nachrichtenauswahl von Massenmedien auf. Populär sind dabei seit den 1950er Jahren die drei Forschungstraditionen Gatekeeper-Forschung, News-Bias- Forschung und die Nachrichtenwert-Theorie. Anzumerken ist, dass sich diese Konzepte untereinander nicht ausschließen, sondern teilweise ergänzen, und darum eine trennscharfe Unterscheidung weder eindeutig noch notwendig ist. 4 Die gemeinsame Frage der Ansätze lautet, von welchen Faktoren journa- listische Selektionsentscheidungen letztendlich abhängen.
Um eine Antwort darauf zu finden, wird die letztgenannte Nachrichtenwert-Theorie in den Fokus die- ser Hausarbeit gerückt, wobei der Schwerpunkt auf die Darstellung der europäischen Forschungstraditi- on nach Galtung und Ruge (1965) gelegt werden soll. Im einzelnen soll dabei untersucht werden, wel- chen Einfluss Nachrichtenwerte auf Selektionsprozesse bei Printmedien 5 ausüben. Wie werden Ereig- nisse zu Nachrichten, und ab wann besitzen Meldungen einen Nachrichtenwert?
Außerdem kommen ausgewählte Kritiker der Nachrichtenwert-Theorie sowie ihre Beiträge zu einer konzeptionellen Verbesserung zur Sprache, und anhand eines eigenen Forschungsteils wird die aktuelle Printmedienberichterstattung über den Fußballschiedsrichter-Wettskandal beleuchtet, sodass letztlich ein Diskurs darüber entstehen soll, ob die Nachrichtenwert-Theorie im Jahr 2005 überhaupt noch Gül- tigkeit beanspruchen kann.
2 o.V. (1949): Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, Artikel 5, Absatz 1
3 ebd.
4 Vgl. Staab, Joachim-Friedrich (1996): Nachrichtenwert-Theorie. Formale Struktur und empirischer Gehalt. Verlag Karl Alber. Freiburg/München, S. 11ff.
5 Wie bei den ersten Entwürfen der Nachrichtenwert-Theorie sollen auch hier Printmedien (resp. Tageszeitungen) Gegenstand der Untersuchung sein. Seite 5
2. Die Nachrichtenauswahl der Massenmedien
2.1. Die Notwendigkeit der Nachrichtenauswahl
Am Anfang jedes Zeitungsartikels und als eine der zentralen Aufgaben eines Redakteurs steht die Beschaffung von Nachrichten. Im journalistischen Alltag laufen im Sekundentakt neue Meldungen der Presseagenturen über den Ticker, unaufgefordert eingesandte Pressemitteilungen von Institutionen, Ministerien oder Unternehmen überfluten die Redaktionen. Losgelöst von diesen Nachrichtenlieferanten stehen eigene Recherchen, die Berichte zugehöriger Reporter oder das Live-Erlebnis eines Ereignisses zur Verfügung. Es gibt damit vielfältige Quellen, um am Ende des Tages eine Entscheidung, welche Mel- dungen zum Druck freigegeben werden. Durch dieses Überangebot an Nachrichten müssen ambivalente journalistische Selektionsentscheidungen getroffen werden. Einerseits soll die Nachrichtenauswahl die wichtigsten realen Geschehnisse eines Tages widerspiegeln, andererseits muss sie potenzielle Rezipien- ten zum Kauf anregen, was besonders bei Boulevardformaten ökonomisch bedeutsam ist.
2.2. Abgrenzung der Nachrichtenwert-Theorie zu anderen Forschungstraditionen
Die Publizistikforschung unterscheidet daher drei Forschungstraditionen, die journalistische Selekti- onsentscheidungen erklären. Der zentrale Gedanke der Gatekeeper-Forschung, die David Manning White (1950) initiierte, besagt, dass Journalisten die Rolle eines „Pförtners“ wahrnehmen und nur weni- gen Meldungen Einlass zur Veröffentlichung gewähren. White unterscheidet weiter in subjektive und objektive Selektionskriterien. Subjektive Selektion meint die individuell durch eigene Sozialisation be- dingte Auswahlentscheidung und bezieht die persönliche Wirkung auf den Journalisten mit ein, während objektive Selektion die institutionellen Rahmenbedingungen, z.B. ein Ereignis, das erst nach Redakti- onsschluss eintrifft und dessen Publikation nicht mehr realisierbar ist, umfasst. 6 Einen zweiten Ansatz stellt die News-Bias-Forschung von Malcolm Klein und Nathan Maccoby (1952) dar, die sich kritisch mit der Tendenzberichterstattung von Printmedien auseinandersetzt. Hier werden Selektionsentscheidungen als Folge subjektiver Weltanschauungen von Journalisten gesehen. Auch die politische Einstellung und Positionierung von Herausgebern oder Verlegern kann die journalistische Einseitigkeit einer Zeitung bedingen, nach der sich die Redakteure richten müssen. Durch die Kritik an derartigen Selektionsentscheidungen fordert die News-Bias-Forschung journalistische Objektivität. 7 Die dritte und dieser Hausarbeit zugrunde liegende Forschungstradition bildet die Nachrichtenwert- Theorie. Sie versteht Nachrichtenauswahl - in Abgrenzung zu den bereits genannten Konzeptionen - als unpolitisch und objektiv. Trotz ihrer Unterscheidung zur Gatekeeper- und News-Bias-Forschung sind Überschneidungen der Ansätze dennoch unvermeidbar, da es sich bei allen Ansätzen zugleich auch um Modelle zur Widerspiegelung von Ereignissen (Realität) in den Medien handelt.
6 Vgl. Staab (1996), S. 12-13; S. 202
7 Vgl. ebd., S. 203 Seite 6
3. Die Nachrichtenwert-Theorie
Der Nachrichtenwert-Theorie liegt die Annahme zugrunde, dass Ereignisse bestimmte Eigenschaften aufweisen, die Nachrichtenfaktoren genannt werden. Je mehr (quantitativ) oder je intensiver (qualitativ) diese Faktoren mit einem Ereignis kongruieren, desto höher ist der Nachrichtenwert des Ereignisses und folglich seine Chance, veröffentlicht zu werden. Nachrichtenfaktoren stellen damit die neutralen Bau- steine einer Meldung dar, und Selektionsentscheidungen werden heute nach dem Auswahlkriterium des höchsten Nachrichtenwertes folglich als objektiv verstanden. 8 In der Entstehungsgeschichte dieses Modells entwickelten sich unabhängig voneinander ein ameri- kanischer sowie ein europäischer Forschungszweig, der als der jüngere und bedeutsamere Ansatz von beiden einzuordnen ist und beständig wuchs. Christiane Eilders sieht den eigentlichen Beginn der Nach- richtenwert-Theorie in der 1965 von Galtung und Ruge überarbeiteten Untersuchung Östgaards. 9 Diese Hausarbeit folgt in der Schwerpunktlegung der Sichtweise Eilders’, erwähnt aber auch die Anfänge.
3.1. Die Grundidee: Walter Lippmann
Als gedanklicher Pionier der Nachrichtenwert-Theorie gilt der Amerikaner Walter Lippmann mit sei- nem Buch „Public Opinion“ aus dem Jahr 1922. Über die Nachrichtenselektion stellt er fest, dass es wegen der Größe und Komplexität der Realität nicht möglich sei, Wirklichkeit in seiner Gesamtheit zu erfassen. Vielmehr erfolgt eine mediale Aufbereitung durch Selektion, die er auch als stereotype Inter- pretation von Realität charakterisiert 10 , sodass sich schließlich
„ein geordnetes, mehr oder weniger zusammenhängendes Bild der Welt [ergibt], an das sich unsere Gewohn- heiten, unsere Geschmacksvorlieben, […], unsere Bequemlichkeiten und unsere Hoffnungen angepasst ha- ben.“ 11 Mit dieser Äußerung macht Lippmann deutlich, dass Auswahlentscheidungen „nicht auf objektiven Regeln, sondern auf Konventionen [Gewohnheiten, Vorlieben; d. Verf.] beruhen“ 12 , und versteht den von ihm eingeführten zentralen Begriff des Nachrichtenwertes (news value) nicht als unabhängiges Selekti- onskriterium, sondern als Identifikationsschema für Rezipienten, das die Publikationsmöglichkeit eines Ereignisses durch die Existenz bestimmter Ereignismerkmale signifikant erhöht.
3.2. Die Entwicklung der Nachrichtenwert-Theorie in Amerika
Wenngleich Lippmann amerikanischer Wissenschaftler war, so bildet sich der amerikanischer For- schungszweig weitestgehend unabhängig von seiner theoretischen Annahme über die Nachrichtense- lektion heraus. Vielmehr handelt es sich um Praktikerdefinitionen, die für den journalistischen Alltag
8 Vgl. Staab, Joachim-Friedrich (1990): Entwicklungen der Nachrichtenwert-Theorie. Theoretische Konzepte und empirische Überprüfungen. In: Wilke, Jürgen (Hrsg.) (1990): Fortschritte der Publizistikwissenschaft. Verlag Karl Alber, Freiburg/München, S. 161-172, S. 161 9 Vgl. Eilders, Christiane (1997): Nachrichtenfaktoren und Rezeption. Eine empirische Analyse zur Auswahl und Verarbeitung politischer Information. Westdeutscher Verlag. Opladen, S. 19 10 Vgl. ebd., S. 19 11 Lippmann, Walter (1922), zit. nach: Zschunke, Peter (2000): Agenturjournalismus: Nachrichtenschreiben im Sekundentakt. 2. Auflage. UVK Medien. Konstanz, S. 123-124 12 Staab (1996), S. 41 Seite 7
Quote paper:
Daniel Heuer, 2005, Die Nachrichtenwert-Theorie - Ein Modell journalistischer Selektionsentscheidungen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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