Marcel Proust: $ODUHFKHUFKHGXWHPSVSHUGX Seminar 1b SS 2000 Simone Linde
'LH.RQVWUXNWLRQGHV$XJHQEOLFNVLP0RWLYGHUÄGHX[F{WpVGH &RPEUD\³LQ0DUFHO3URXVWV5HFKHUFKH
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1. Einleitung 3
Konzeption der Erinnerungsästhetik: PpPRLUHLQYRORQWDLUH 4
3. les deux cotés de Combray
a) antonymische Relation der beiden Seiten 7
b) Motivik der beiden Seiten 11
14 c) Weg der 'HVLOOXVLRQLHUXQJ
d) OHWHPSVUHWURXYp 16
4. Schluss 19 Literaturverzeichnis 21
2 Jauß, Hans Robert: =HLWXQG(ULQQHUXQJLQ0DUFHO3URXVWVÄ$ODUHFKHUFKHGXWHPSVSHUGX³. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1986. S. 111
2
1. (LQOHLWXQJ
Marcel Prousts Welt ist eine Welt der Gefühle und Sinneswahrnehmungen, die mit bestimmten Eindrücken, Personen und Landschaften zu einer ästhetischen Einheit verschmelzen. Diese Gefühle und Sinneswahrnehmungen sind es, die unser inneres Wesen ausmachen und unsere Existenz bestätigen. Denn die materielle Realität, wie wir sie wahrnehmen, ist nicht die reine Wirklichkeit des Lebens, sondern sie überlagert die individuelle Wahrheit, die ein jeder in sich trägt. Diese individuelle Wahrheit ist in der Vergangenheit verschlossen. Um sie zu erschließen, reicht es aber nicht, sich die Vergangenheit durch die PpPRLUH GH O¶LQWHOOLJHQFH wieder ins Gedächtnis zu holen. Ihrer Erschließung liegt das poetische Konzept der PpPRLUH LQYRORQWDLUH zugrunde. Die PpPRLUH LQYRORQWDLUH ist durch keine metaphysischen Kategorien in der Lebenswelt verankert. Es hängt ganz vom Zufall ab, ob sie sich dem Individuum erschließt. Nur mit dieser unwillkürlichen Erinnerung ist es möglich, das damals Erlebte aus den Tiefen der Vergangenheit zu reißen. Um nun aber dieses Glücksmoment des Augenblicks gänzlich verstehen zu können, muss er in die Gegenwart integriert werden. Die Realität ist wie ein Spiegel: Sie scheint mit Leben erfüllt, ist aber nicht mehr als eine Reflektionsscheibe für unser inneres Wesen, unsere Persönlichkeit. Wir stehen vor diesem Spiegel und sehen die Reflexionen, erkennen die Dinge aber nicht in ihrer Essenz. Die Zeit ist wie das Licht, welches die Reflektion erst möglich macht. Da wir aber nur die Repräsentationen, die Bilder im Spiegel sehen, niemals aber das Objekt der Reflektion, müssen wir das Licht in seinem Weg erfassen, dass heißt die Zeit in ihrer Dauer erkennen. Ich werde in meiner Hausarbeit ausgehend von den theoretischen Ausführungen Marcel Proust zu seiner Erinnerungsästhetik die Konzeption des Augenblicks untersuchen, wie er im Motiv der GHX[F{WpVGH&RPEUD\entwickelt wird.
Im 1. Teil stelle ich die theoretischen Ausführungen Prousts zur PpPRLUH LQYRORQWDLUH vor, die er in /HWHPVUHWURXYp darlegt. Der Schwerpunkt liegt dabei darauf, wie die PpPRLUH LQYRORQWDLUH in der Lage ist, Oppositionen zu überwinden. Im 2. Teil untersuche ich, inwieweit Proust in den GHX[F{WpVin 'XF{WpGHFKH]6ZDQQ bestimmte Oppositionen entwickelt [Teil a), b) und c)], um sie schließlich in /H WHPSV UHWURXYp auf vielschichtige Weise wieder zusammenzubringen [Teil d)]. 3
3 „Du côté de chez Swann“ [DCSw] und „Le temps retrouvé“ [TR] in: Proust, Marcel: $ODUHFKHUFKHGX WHPSVSHUGXHrsg. von Jean Milly/ Bernard Brun. Paris: Flammarion, 1986.
3
Die willkürliche Erinnerung ist nicht das, was sie zu sein scheint. Sie gaukelt uns Bilder vor, die wir für unser Leben halten. Dabei sind diese Bilder von Personen und Erlebnissen nichts als leere Hüllen, „une transparente enveloppe“ 4 , die nichts mit uns gemeinsam haben. Die wahre Vergangenheit ist verschlossen - „grâce à l’oubli“ 5 - in „vases clos“ 6 und bleibt dort vielleicht bis in alle Ewigkeit verborgen.
Die PpPRLUHGHO¶LQWHOOLJHQFHund die /¶+DELWXGHverfälschen die Vergangenheit, denn sie repräsentieren nur die „impression factice“, welche nichts mit der „impression vraie“ gemeinsam hat. 7 Diese „impression vraie“ aber gilt es, wiederzufinden. Denn es geht nicht um die Erinnerung von tatsächlichen Begebenheiten, sondern um das Erkennen der (VVHQ]HQ der Dinge. Diese Essenzen sind weder im Materiellen noch im Ideellen zu suchen. Sie entsprechen weder dem VLJQLILp - dem konkreten Objekt - noch dem VLJQLILDQW - dem sprachlichen Begriff. Sie sind vielmehr das, was von diesen beiden nicht erfasst werden kann, was übrigbleibt an Unerklärlichem, was aber in der 6HQVDWLRQ wahrgenommen wird. Sie sind „réels sans être actuels, idéaux sans être abstraits“ 8 . Um diese Essenzen zu erkennen, gibt es allerdings kein Mittel, sie können nicht systematisch oder logisch gesucht werden. Sie können nur zufällig gefunden werden, denn sie erschließen sich dem Individuum rein willkürlich.
„Il en est ainsi de notre passé. C’est peine perdue que nous cherchions à l’évoquer, tous les efforts de notre intelligence sont inutiles. Il est caché hors de son domaine et de sa portée, en quelque objet matériel (en la sensation que nous donnerait cet objet matériel), que nous ne soupconnons pas. Cet objet, il dépend du hasard que nous le rencontrions avant de mourir, ou que nous ne le rencontrions pas.“ 9
Die PpPRLUH LQYRORQWDLUH wird ausgelöst von bestimmten gegenwärtigen Sinneswahrnehmungen die identisch sind mit einer vergangenen Sinneswahrnehmung. Durch die Identität der Sinneswahrnehmungen wird der vergangene Moment in seiner subjektivemotionalen Wirklichkeit wieder gegenwärtig. So belebt Marcel bei Eintunken eines 0DGHOHLQH-Gebäcks in eine Tasse Tee seine gesamte Kindheit wieder, indem er sich beim
4 DCSw S. 113
5 DCSw S. 243
6 TR S. 260
7 TR S. 259
8 TR S. 263
9 DCSw S. 141
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Arbeit zitieren:
Simone Linde, 2000, Die Konstruktion des Augenblicks im Motiv der ´deux cotés de Combray´ in Marcel Prousts ´A la recherche du temps perdu´, München, GRIN Verlag GmbH
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