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Einleitung
Die vorliegende Arbeit versucht, sich der weitgefaßten Thematik des Rollenbegriffs anzunähern und den Begriff, der als einer „der am weitesten verbreiteten und fast allgemein akzeptierten, damit aber immer noch unterschiedlich gebrauchten und vielfach unscharfen Begriffe“ (Claessens 1968: 12) gilt, einzukreisen. Da es den Rahmen der Arbeit übersteigen würde, alle vorhandenen wissenschaftlichen Ansätze wiederzugeben, liegt die besondere Gewichtung auf den Theorien von Ralf Dahrendorf, Talcott Parsons und Erving Goffman. Diese drei Hauptvertreter beleuchten den Rollenbegriff aus unterschiedlichen Perspektiven und bieten so einen Rahmen, um das Problemfeld des Rollenbegriffes einzugrenzen.
So reicht das eingegrenzte Feld von Parsons struktur-funktionalistischer Sichtweise der Gesellschaft als autonomes Gebilde, das mittels bestimmter Mechanismen die soziale Ordnung reguliert, bis zu Dahrendorfs „ärgerlicher Tatsache der Gesellschaft“ (Dahrendorf 1974: 10), da für ihn eher die repressive als die ordnende Funktion der Gesellschaft im Vordergrund steht. Sieht man Dahrendorf und Parsons nun als Eckpunkte des Problemfeldes, dann nimmt Goffman eine Position zwischen ihnen ein, da er den Schwerpunkt seiner Untersuchung auf das Individuum als Interaktionseinheit legt und dieses in seiner Alltagswelt beobachtet und analysiert.
So gegensätzlich die theoretischen Grundannahmen der drei Hauptvertreter erscheinen, so ähnlich ist doch die ihren Theorien zugrundeliegende Fragestellung, die zu beantworten versucht, auf welche Art und Weise der Rollenbegriff nützlich scheint, um soziale Vorgänge zu erfassen. Die Zielsetzung dieser Arbeit ist es nun nicht, diese Frage zugunsten einer ´richtigen` Theorie zu entscheiden und den Rollenbegriff somit auf eine Definition festzulegen, sondern vielmehr eine Gegenüber-
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stellung der Theorien auszuarbeiten und die Ansätze kritisch zu vergleichen. Um einen Einstieg in die Thematik zu bieten, beinhaltet Kapitel 1 eine allgemeine Definition des Rollenbegriffs und dessen historische Entwicklung. Im Anschluß werden in Kapitel 2 die Theorien der oben erwähnten Hauptvertreter dargestellt, die dann in Kapitel 3 im Hinblick auf ihre Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede hin untersucht werden. Das 4. Kapitel dient dazu, den Blick auf die Entwicklung der Rollentheorie zu richten, und deren heutigen Stand anzudeuten. Die in Kapitel 5 folgende Schlußbetrachtung soll dann einen vergleichenden Rückblick auf die einzelnen Theorien geben, Ergebnisse zusammen- fassen und deren Relevanz für die Kommunikationswissenschaft unterstreichen.
1. Der Rollenbegriff
1.1. Versuch einer Definition und die daran anschließende Problematik
Wie in der Einleitung ersichtlich wird, ist es aufgrund der teilweise divergierenden Theorien problematisch, von der Rollentheorie zu sprechen und eine allgemeine Definition des Rollenbegriffs abzugeben. Günstiger erscheint es, von einer Terminologie auszugehen, die eine Möglichkeit bietet, teilweise gegensätzliche Theorien und Ansätze zu konstruieren (vgl. Janoska-Bendl 1962: 462).
Einen gemeinsamen Ausgangspunkt, der auf der von Neill Gross formulierte These: „individuals: 1. in social locations; 2. behave; 3. with reference to expectations“ (Coburn-Staege 1973: 29) basiert, weisen dennoch alle Rollentheorien auf. Die Feststellung, daß Individuen, die sich auf verschiedenen Positionen im sozialen Gefüge bewegen sich gemäß verschiedener, an sie gerichteter Erwartungen verhalten, ist jeder
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Rollentheorie inhärent. Verdeutlicht diese These nun die Annahme, daß Individuen mittels Rollen in Kontakt
mit der Gesellschaft treten, dann wird gleichzeitig die Präsens des Rollenbegriff in der Wissenschaft deutlich, da er die soziale Grundkategorie für die Vermittlung zwischen Individuum und Gesellschaft darstellt, auf der die Theorien im Weiteren aufbauen.
Die Frage danach wie diese Vermittlung stattfindet wird durch die verschiedenen Rollentheorien allerdings keineswegs eindeutig gelöst. Nimmt man den Begriff der Rolle als Ausgangspunkt, dann spannt sich darum eine Vielzahl von Theorien, die dieses auf der Rolle fußende Verhältnis von Individuum und Gesellschaft auf so differenzierte Weise zu lösen versuchen, daß der Bogen von der Positivierung der Gesellschaft als Halt bis zu ihrer totalen Verdammung reicht. Neben der Problematik der voneinander abweichenden Theorien stößt der Versuch, eine einheitliche Definition zu finden an eine zweite Grenze, wenn man die Vielzahl der Veröffentlichungen betrachtet:
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Nicht nur die hohe Anzahl von rollentheoretischen Werken einerseits und deren starke Differenz untereinander andererseits geben einen Einblick in die Schwierigkeit der Begriffsdefinition, sondern auch die Tatsache, daß „in der Alltagssprache [...] die Topoi ´eine Rolle
spielen, keine Rolle spielen, etwas vorspielen, [...] aus der Rolle fallen, seine Rolle verlieren, die Rollen verteilen ` etc. fest verwurzelt“ (Petzold, Mathias 1982: 25) sind. Der Gebrauch in der Alltagssprache und die daraus folgende Vermischung und Überschneidung von Alltag und Wissenschaft verdeutlichen im Zusammenspiel mit den beiden erwähnten Aspekten - Differenzierung und Vielzahl der Ansätze - die Feststellung, daß es wenig sinnvoll scheint, nach einer einheitlichen Definition zu suchen, sondern vielmehr die von Gross formulierte These als Basis zu sehen, von der aus die verschiedenen Theorien entwickelt werden.
1.2. Die Entwicklung des Rollenbegriffs
1.2.1. Die Rollenmetapher im historischen Kontext
„Die ganze Welt ist eine Bühne,
Und alle Fraun und Männer bloße Spieler. Sie treten auf und gehen wieder ab, Sein Leben lang spielt einer eine manche Rolle, Durch sieben Akte hin.“ (Shakespeare, Wie es Euch gefällt, II, 7)
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Der Begriff der Rolle stammt ursprünglich aus der Welt des Theaters und durchzieht - wie Shakespeares Metapher impliziert - die ganze philosophische und geisteswissenschaftliche Literatur von der Antike bis zur heutigen Zeit. Die Hervorhebung von Shakespeare soll ihn allerdings nicht als ´Urheber` der Rollenmetapher charakterisieren, sondern nur die große Popularität des Rollenbegriffs verdeutlichen. Geprägt wurde der Terminus „Rolle“ aber schon lange vor Shakespeares Zeit. Verfolgt man das Wort „Rolle“ zurück, dann findet man seinen Ursprung im lateinischen Wort „rotula“, was soviel bedeu-tet wie „kleines Rad“ oder „runder Klotz“. In der Antike erweiterte sich diese frühzeitige Bedeutung, da „rotula“ nun eine runde Rolle bezeichnete, auf der Pergamentbögen befestigt wurden. Die Begriffs-entwicklung schritt weiter fort und das Wort wurde als Bezeichnung für eine Sammlung von Blättern verwendet, später zur Kennzeichnung eines offiziellen Bands von Papieren (rolls of parliament). Nachdem der Terminus „Rolle“ diese begrifflichen Wandlungen durchlaufen hatte, erhielt er in Griechenland und Rom eine theaterspezifische Verwendung, da dort Theaterrollen auf „rolls“ geschrieben und den Bühnenschauspielern von Souffleusen vorgelesen wurden. Im 16. Jahrhundert erfolgte dann im Zuge der modernen Bühne die Entstehung der „Rolle“ gemäß der heutigen Verwendung, da die Rollen der Schauspieler von „roles“ abgelesen wurden und jede szenische Rolle so zur „role“ wurde (vgl. Classens 1968: 13). Die sich durch die Historie ziehende Entstehungsgeschichte läßt die Herkunft des Begriffes aus der Theatermetaphorik deutlich werden: So ist „die soziale Welt [...] eine Bühne, eine komplizierte Bühne sogar, mit Publikum, Darstellern und Außenseitern, mit Zuschauerraum und Kulisse, und mit manchen Eigentümlichkeiten, die das Schauspiel dann doch nicht kennt.“ (Goffman 1996: VII). Das von Goffman entworfene Bild impliziert die Vorstellung von der Welt als Theater mit rollenspielenden Menschen, die eine von der Gesellschaft für sie vorgesehenen Rolle verkörpern. Aber auch diese Betrachtungsweise hat im Wandel der Zeit - gleich der wörtlichen Bedeutung - einen internen
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Bedeutungswandel durchgemacht. So herrschte im Altertum das Bild des „theatrum mundi“ vor, d.h. die Welt wurde als Bühne betrachtet, auf der das Lebensspiel nach vorgegebenen Regeln ablief. Der Mensch erfuhr sein Leben als unbeeinflußbaren Ablauf von vorgeschriebenen Folgen. Er unterstand somit einem für ihn vorgesehenen Schicksalsplan. Ab dem 16. Jahrhundert trat dann allerdings eine Akzentverschiebung ein, die bis zur heutigen Zeit anhielt: Die Determiniertheit des Schicksalsplanes wurde zugunsten einer offeneren Lebensplanung relativiert, in der dem Individuum mehrere Möglichkeiten der Lebensgestaltung eingeräumt wurden. Diese auftretenden Bedeutungsverschiebungen geschehen nicht willkürlich, sondern sind historisch bedingt. Als ein Beispiel ist hier die Entwicklung im England des 16. Jahrhunderts zu nennen, in der die Auflösung des Feudaladels zugunsten des aufstrebenden Bürgertums stattfand. Dieses Beispiel zeigt, daß die Rollenmetapher besonders dann in den Vordergrund rückt, wenn eine gesellschaftliche Ver- änderung ansteht, die alte Zeiten ablöst und vergängliche Werte wie Geld, Macht, Ehre und den angestammten Platz in der Gesellschaft in Frage stellt. Abschließend wird deutlich, daß die Rollenmetapher im Laufe ihrer Entwicklung zahlreiche Stationen durchlaufen hat und ihre Spuren in der gesamten historischen Geschichte zu finden sind.
1.2.2. Die Entwicklung des Rollenbegriffs in der Literatur
In der sozial-wissenschaftlichen Literatur tritt der Begriff der Rolle schon frühzeitig auf. Dabei ist zu erwähnen, daß hier nun der Terminus losgelöst von dem oben genannten Zusammenhang zum Theater steht, da ein bewußtes Spielen der Rolle nicht stattfindet. Begriffe wie „role-taking“ und „role-playing“ sind daher in einen Sozialisationsprozeß einzuordnen, in dem einem Individuum mehr oder weniger unbewußt eine Rolle zugeschrieben wird. Die im An-schluß vorgestellten Autoren gehen also mehr von einer verinner- lichten Rollenübernahme als Verbindung zwischen Individuum
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und Gesellschaft aus und verwenden die Rollenmetapher nicht im Sinne Goffmans als Inventar von selbstdarstellerischen Elementen. Der Amerikaner William James formulierte 1890 erstmals „die Abhängigkeit der sozialen Gewohnheiten und Wertvorstellungen eines Individuums von den Attitüden und Erwartungen der anderen [...]“. (Coburn-Staege 1973: 17). Unter seinem Einfluß standen auch James Mark Baldwin, der 1897 den Terminus „Rolle“ weiter ausführte und Charles H. Cooley, der 1902 das Bild des Spiegel-Ichs entwickelte. Dieser Begriff - abgeleitet aus einem Gedicht von Emerson: „Each to each a looking glass, reflect the other that doth pass.“ (Petzold, Mathias 1982: 32) - zeigt auf, daß das Individuum und die anderen nicht als zwei dichotomisierte Faktoren nebeneinander stehen, sondern sich aneinander orientieren und somit in engem Zusammenhang zu sehen sind. 1 Neben diesen drei genannten Vorläufern der Rollentheorie existieren zahlreiche weitere, die allerdings alle ein gemeinsames Merkmal aufweisen: Das fehlende technische Konzept. Dieses Konzept liegt erst den Arbeiten von George Herbert Mead , Jacob L. Moreno und Ralph Linton zugrunde, die damit das Fundament der heutigen Rollen-theorien bilden. So führte Mead 1934 in seinem Buch „Mind, Self and Society“ Begriffe wie “role-taking“, „self`“ und „audience“ ein, um die Probleme der Interaktion und des Individuums zu untersuchen. Das ebenfalls 1934 veröffentlichte Buch „Who shall Survive?“ von Moreno stellt dem Mead´schen Begriff des „role-taking“ das „role-playing“ gegenüber. Er betrachtet das Rollenspielen als Methode, um Rollen zu lernen und angemessen ausführen zu können. Zwei Jahre später, im Jahre 1936, erschien Lintons Werk „Study of man“, in dem eine begrifflich scharfe Trennung zwischen Status und Rolle getroffen wurde.
Arbeit zitieren:
Verena Ronge, 1997, Rollentheorie - ein Abriß ihrer Hauptvertreter, München, GRIN Verlag GmbH
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