Aristoteles und der Zivilisationsprozeß
- Von geistigen Werten, der Sklaverei und dem Staat -
FU Berlin, Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften, Otto-Suhr-Institut
Hausarbeit zum Proseminar 15013: Polis, Reich, Staat; Sommersemester 2000
Marko Ferst, 1. Fachsemester
2 NA
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Inhalt 2
Einstieg 3
Aristoteles Auffassung zur Sklaverei 4
Ausbeutung und von den Unmaßen des Reichtums 6
Von den geistig-seelischen Werten 8
Der Staat und die Ethik 10
Aristoteles und die Krise der Zivilisation 12
Literaturliste 17
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Wenn man sich in das Werk von Aristoteles einliest, ist ganz offensichtlich, ethisch hochge- steckte Ansprüche an den Menschen und die Gesellschaft sind eng verquickt mit der Legiti- mierung von Zusammenhängen, deren Anliegen aus unserem heutigen Blickwinkel, sich nicht verteidigen läßt. Ganz besonders kraß tritt dies hervor, wenn man Aristoteles Auffassungen zur Glückseligkeit, zu den seelisch-geistigen Werten, die er im Zeichen des Guten manifes- tiert sieht, nimmt, und sie mit seiner Verteidigung der Sklavenhaltergesellschaft zusammen sieht. Was für Aristoteles problemlos einen Guß bildet, scheint aus der Sicht der Nachgebo- renen so ganz und gar nicht passen.
Die vorliegende Arbeit will beide Akzente in ihren Grundannahmen rekonstruieren. Darüber hinaus wird versucht, die Ebene der Ethik mit den Konsequenzen für das antike Staatswesen aufzuzeigen. In einem ausführlichen abschließenden Exkurs soll betrachtet werden, auf was für eine Zivilisationsentwicklung der aristotelische Ansatz, Gesellschaft zu fassen, hinaus- läuft. Vor dem Hintergrund der heutigen sozialökologischen Grundlagenkrise ist es besonders interessant zu fragen, welche Fehlentwicklungen daraufhin bereits im Frühstadium angelegt waren, kann man indirekte Hinweise bei Aristoteles finden bzw. lassen sich in seiner Art und Weise, die Dinge zu sehen, auch abschwächende Momente feststellen? In diesem Kontext dürften uns dann seine Auffassungen zum ausbeuterischen Prinzip, dem patriarchalen Gestus und den ethischen Normen einige Indizien liefern.
Wenn man in der heutigen Gesellschaft nach etwas Vergleichbarem sucht, wie es Aristoteles in seinen Ausführungen zur betrachtenden und glückseligen Lebensweise artikuliert, dann findet man ohne Frage dazu Literatur, aber in der praktischen Wirklichkeit fällt diese Ebene weitgehend aus. Sie hat keine Wirkmächtigkeit. Vor einigen Generationen hatte immerhin hierzulande noch Kirche einiges in dieser Richtung belegt. Das ist vorbei. Auch wenn man sich mit manchen Bezeichnungen und Verknüpfungen bei Aristoteles nicht anfreunden will, möglicherweise könnte uns u.a. seine Nikomachische Ethik darauf verweisen, daß es Sinn machen könnte, diese Ebene in neuer Form zu besetzen, und daß dies eine gesellschaftliche Aufgabe sein müßte.
In der hier vorliegenden Arbeit konnten natürlich nicht sämtliche Werke des Aristoteles be- rücksichtigt werden. Ohnehin ist ein sehr großer Teil seiner Schriften verlorengegangen.
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Deshalb sind ganz zwangsläufig nicht alle Aussagen hier berücksichtigt, wenngleich zentrale Grundannahmen gewiß umrissen wurden.
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So wie der Staat von Natur aus eingerichtet scheint, ist auch die Sklaverei eine Einrichtung von Natur aus, meint Aristoteles. Er hält es für angemessen und notwendig, daß es in der Ge- sellschaft das Dienen und das Herrschen gibt. Der Sklave gehört dem Herrn ganz, er ist sein dienendes Werkzeug. Bei denjenigen Menschen, wo die Verwendung des Körpers das Beste ist, was sie aus sich hervorbringen können, diese sind bei ihm naturgemäß als Sklaven anzu- sehen. Schon mit der Geburt werden die Menschen in Dienende und Herrschende eingeteilt. Er schlußfolgert sogar, daß die Körper der Freien und Sklaven tendenziell verschieden be- schaffen sind. Die Dienenden sind kräftig für die Beschaffung des Notwendigen. Der Körper der Freien ist aufgerichtet und nicht geeignet, die angesprochene Sklavenarbeit auszuführen. Brauchbar ist er jedoch für das politische Tätigsein. Aristoteles räumt ein, es komme auch oft vor, daß manche Sklaven den Körper und die Seele von Freien hätten. Jedoch können nur diejenigen für sich in Anspruch nehmen, keine Sklaven zu sein, die sich körperlich den Standbildern der Götter annähern. Analog verhalte es sich mit der Seele, jedoch mit noch mehr Recht. Dabei sei die innere Schönheit der Seele schwerer zu erkennen, als die körperli- chen Anzeichen. 1
Immerhin scheint ihm klar zu sein, die Herrschaft des Herrn über den Sklaven ist tyrannisch, da der Nutzen des Herrn maßgeblich ist. Im Nachsatz stellt er aber sogleich fest, daß dieses Verhältnis richtig scheint. 2 Es ist die Wissenschaft des Herrn, für die Verwendung der Skla-
ven zu sorgen. Sie hat jedoch nichts Großes und Edles an sich, weil es nur darum geht, anord- nen zu können, was die Sklaven auszuführen haben, bzw. diese Aufgabe einem Verwalter zu übertragen. 3
Aber auch der Sklave bedarf einer geringen Tugend, mit deren Hilfe er nämlich die Arbeiten des Lebensbedarfs des Herrn so ausführen kann, daß er nicht in Zuchtlosigkeit und Trägheit beim Dienst verfällt. Der Herr hat dafür zu sorgen, den Sklaven die entsprechenden Tugenden beizubringen. Dies solle jedoch nicht so geschehen, daß man den Dienenden nur befehle, man müsse auch auf ihre Vernunft setzen. 4 Zugleich fehlt dem Sklaven aber völlig das planende
Vermögen. Genau besehen wiederspricht sich Aristoteles hier, jedenfalls scheinen die Aussa-
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gen logisch nicht zueinander zu passen. Wenn der Sklave mit einem gewissen Maß an Ver- nunft ausgestattet ist, kann man ihm zugleich nicht planendes Vermögen absprechen, würde der heutige Leser meinen.
Jedenfalls führt er weiterhin aus, der Sklave könne auch höhere Tugenden, wie über Mäßig- keit, Tapferkeit und Gerechtigkeit verfügen, dies jedoch nicht im gleichen Sinne wie der Freie. Da sie als Menschen an der Vernunft teilhaben, könne ein Ausschluß davon nicht zu- treffen. Jedoch beziehen sich diese Tugenden des Sklaven auf sein Verhältnis zu seinem Herrn. Sie können daher nur sehr eingeschränkt sein. 5 Möglicherweise erklärt sich so auch,
warum die Vernunft des Sklaven, insofern sie begrenzt ist auf die Bezogenheit zwischen Herrn und Sklaven, nur eine sehr partielle darstellt und so aus dem Blickwinkel von Aristote- les nicht in ein gleichwertiges Verhältnis gesetzt werden kann, mit dem planenden Vermögen, wohl eher gedacht als Eigenschaft der Freien.
Die Tatsache, daß die Sklaven ein beseeltes Werkzeug sind, schränkt sie in ihrer Fähigkeit zu Freundschaft und Gerechtigkeit ein. Sie werden gleichgesetzt in ihrer Funktion als Sklaven mit dem leblosen Werkzeug und von daher wird begründet, warum es keine Freundschaft, aber auch keine Gemeinsamkeit mit dem Herrn geben kann. Die Beziehung als tyrannische läßt wenig oder keine Freundschaft zu, der Sklave erhält nur Fürsorge, insofern er ein Werk- zeug zum Handeln ist, er wird instand gehalten wie lebloses Werkzeug auch. 6 Jedoch kann
sich der Freie zum Unfreien im aristotelischen Sinn auch als Mensch zu Mensch verhalten, meint Ulrich Charpa herauslesen zu können. 7 Wie jedoch Aristoteles die Grenzziehung vor-
nimmt zwischen dem Menschen als Sklaven und dem Sklaven als Werkzeug bleibt an der hier betrachteten Stelle in der „Nikomachischen Ethik“ eigentlich offen. Er nimmt keine nähere Bestimmung vor.
Jedoch bringt Aristoteles zum Verhältnis von Sklave und Herrn in der Textsammlung „Poli- tik“ noch einen anderen Gesichtspunkt zum Ausdruck. Er führt dort aus, der Sklave sei gera- dezu ein beseelter, aber getrennter Teil des Herrn. Schlechter Umgang, schlechtes Haushalten, Aristoteles spricht hier vom Regieren des Herrn, sei jedoch für beide Seiten von daher abträg- lich. So gibt es auch eine Freundschaft zwischen dem Herrn und dem Sklaven im Rahmen dessen, was in diesem Verhältnis von Natur aus angelegt ist. Dies gelte jedoch nicht für Skla- ven, die durch Gesetzesmacht und Gewalt, zu ihrer Unfreiheit gekommen sind. 8
Nicht alle Sklaven sind von Natur aus in ihren Status hineingeboren. Manche werden durch die Gefangennahme in Kriegen mit Hilfe entsprechender Gesetze in diese Funktion hineinge-
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Marko Ferst, 2000, Aristoteles und der Zivilisationsprozeß - Von geistigen Werten, der Sklaverei und dem Staat, Munich, GRIN Publishing GmbH
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