Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
Seminar für deutsche Sprache und Literatur
Hauptseminar: Fotografie und Sprache
Semester: 7
Möglichkeiten und Grenzen der Kategorisierung und
Begriffsbildung am Beispiel eines Fotos
von: Andrea Deutsch
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Ein Lebewesen, ein Tier, ein Vogel, eine Drossel, eine Wacholderdrossel 3
2. Warum sehen wir etwas auf einem Foto? 4
2.1 Das Foto: ikonischer Index, indexikalisches Zeichen? 4
3.Wie kommen wir zum Vogel? 6
3.1 Kategorien – Repräsentationen – Konzepte – Begriffe – Worte 6
3.2 Konzept-Anarchie? 7
3.2.1 Konzepte und Konvention 7
4. Von fokalen Farben zur Prototypentheorie 8
4.1 Farbexperimente 8
4.2 Begriffsbildung 9
4.2.1 Klassische Theorie 10
4.2.2 Prototypentheorie 10
4.2.3 Dualistische Auffassung 13
5. Begriffsbildung und verschiedene Kulturen 14
5.1 Basiskategorien 14
6. Einschränkung der Prototypen- und Basiskategorien-Theorie 16
6.1. Konkrete und abstrakte Konzepte 16
6.2. Analoge und digitale Repräsentationen 16
7. Fazit 18
Literaturverzeichnis 19
1. Einleitung: Ein Lebewesen, ein Tier, ein Vogel, eine Drossel, eine Wacholderdrossel
Dieses Foto (siehe Abb. 11) [Abbildung in der Downloaddatei vorhanden] zeigt ein Lebewesen. Genau genommen handelt es sich um ein Tier, da es über mehr als drei Zellen verfügt, die sich zu einem Gewebe formieren und es seine Energie aus der Verdauung von Nährstoffen gewinnt. Näher betrachtet sieht man auf dem Foto ein Wirbeltier, welches Federn besitzt und sich durch Flugfähigkeit und das Legen von Eiern auszeichnet. Demnach gehört das Tier der Gattung „Vogel“ an. Der Vogel fällt durch seine langen Beine und seine großen Augen auf. Diese sind ein Indiz dafür, dass er der Klasse der Drosseln angehört. Das Gefieder der Drossel zeigt eine cremefarbene Brust und einen weißen Bauch, welcher pfeilförmige schwarze Flecken trägt. Diese Zeichnung ist typisch für die heimische Wacholderdrossel. Da männliche Drosseln durchweg ein schwarzes Gefieder haben, ist das Tier auf dem Foto ein weiblicher Vertreter seiner Art. Die vorhergehenden Textzeilen stellen eine mehr oder weniger genaue Einordnung und Klassifikation dessen dar, was auf dem obigen Foto zu sehen ist. Doch wie ist es möglich, dass der Mensch eine solche Klassifikation des Gesehenen und dessen Benennung überhaupt vornehmen kann, obwohl er lediglich auf ein zweidimensional bedrucktes Blatt Papier sieht? Wie und warum entstehen Klassen von Dingen und auf welche Weise kommen diese zu einer Bezeichnung? Wo endet die menschliche Fähigkeit, Konzepte, die er sich bildet, sprachlich zu benennen? All diesen Fragen soll in der folgenden Hausarbeit auf den Grund gegangen werden. Dabei werden sowohl psycholinguistische Theorien zur Begriffsbildung als auch fototheoretische Ansätze zum Lesen von Bildern vorgestellt.
2. Warum sehen wir etwas auf einem Foto?
In dem folgenden Kapitel steht die Frage im Mittelpunkt der Betrachtung, warum wir auf einem Foto überhaupt ein Objekt der wirklichen Welt erkennen, obwohl es sich lediglich um eine zweidimensionale Abbildung handelt. Wie kann ein Vogel-Bild auf ein Objekt „Vogel“ referieren und wie kommt der Mensch von diesem Bild zu dem Etikett „Vogel“?
2.1 Das Foto: ikonischer Index, indexikalisches Zeichen?
1960 bemerkt Gombrich, dass die Wahrnehmung von Bildern im Allgemeinen keine einfach angeborene Fähigkeit ist, sondern, dass das „Sehen von Bildern“ erst gelernt werden muss2. Für das Sehen von Fotos betont er besonders, dass es sich hierbei um eine visuelle Transformation und keine einfache Replik der Realität handelt und dass es die Aufgabe des Rezipienten ist, das Transformierte seinerseits wieder zu übersetzen3.
In Hinblick auf die Semiotik des Bildes nimmt das Foto eine Sonderstellung ein, da es im Vergleich zu anderen Bildern sowohl als ikonisches als auch indexikalisches Zeichen fungiert4. Es hat ikonischen Charakter, weil es die Realität abzubilden scheint und es ist indexikalisch, da es von dem Objekt, welches abgebildet wird, durch Gesetze der Optik abhängt. Als Argument zur Begründung der Ikonizitätsthese führt Martino die Invarianz an. Das dreidimensionale Objekt wird auf eine Fläche projiziert, doch obwohl es nun nicht mehr dreidimensional ist, behält es seine geometrischen Verhältnisse. Für den Vogel auf dem Foto bedeutet dies demnach, dass er zwar von einem dreidimensionalen Tier durch Projektion zu einem zweidimensionalen Bild wird, dass er jedoch seine geometrischen Verhältnisse beibehält und auch, wenn das Foto ihn größer oder kleiner zeigt, als er in der wirklichen Welt ist, bleiben seine Körperproportionen im Verhältnis gesehen gleich. Die Drossel hat eine bestimmte Form und bestimmte Färbungen des Gefieders. Dieselbe Form und dieselben Farben hat auch der Vogel auf dem Foto, darum erkennen wir ihn darauf5. Der Mensch verfügt also über die Fähigkeit, über alle verschiedenen Projektionsgrößen hinweg, die den Betrachter in die Irre führen können, das tatsächliche Ding auf dem Foto als es selbst zu erkennen6.
Roland Barthes nennt ein weiteres Argument, welches die These der Ikonizität des fotografischen Bildes stützt. Er verweist auf das „Es- ist-so-gewesen“ des Fotos, denn es deutet auf eine Sache, die in jedem Fall dagewesen sein muss. Barthes räumt zwar ein, dass ein fotografisches Bild nicht die Realität ist, trotzdem aber das perfekte Analogon zu dieser darstellt 7. Der Vogel auf unserem Foto ist also zwar nicht selbst real, er verweist jedoch darauf, dass es eine tatsächliche Drossel seines Aussehens gegeben haben muss. Eco charakterisiert das Bild von dem Vogel als einen Abdruck oder eine Spur des wirklichen Vogels8. Nach Barthes ist es für das Verständnis fotografischer Bilder lediglich von Bedeutung, dass der Betrachter über das mit der Wahrnehmung nichtikonischer Objekte verbundene Wissen verfügt, nicht aber über spezielles Wissen bezüglich der bildlichen Darstellung9. Das bedeutet, dass es genügt zu wissen, was ein Vogel ist, um das Foto desselben auch als Vogel zu verstehen.
Das Foto von der Drossel ist nicht nur ein perfektes Analogon zu der wirklichen Drossel, es hat mit dem Vogel darüber hinaus auch eine physikalische Verbindung und ist demnach indexikalisch. Das fotografische Bild von der Drossel ist durch die physikalischen Gesetze, welche bei seiner Produktion gelten, gezwungen, der wirklichen Drossel Punkt für Punkt zu entsprechen10. Schaeffer fasst die beschriebenen Ergebnisse folgendermaßen zusammen: „Das fotografische Zeichen [ist] somit zugleich ein ikonischer Index und ein indexikalisches Ikon“11. Gegner dieser Auffassung sind jedoch der Meinung, dass die Drossel auf dem obigen Foto kein perfektes Analogon zu der wirklichen Drossel ist, da diese von einem dreidimensionalen „echten“ Vogel zu einem zweidimensionalen Bild gemacht wird. Die Vertreter dieser Richtung betonen die semantische Relativität des fotografischen Bildes12. Ein anderes Argument gegen die Ikonizitätsthese stellt die relativ starke optische Verzerrung des fotografischen Bildes heraus, durch welche die Ikonizität des Bildes geschmälert wird. Im Einzelnen werden ebenfalls der Verlust der dritten Dimension, die Begrenzung durch einen Rahmen, die Veränderung des Maßstabs sowie der Verlust der Bewegung und der Farbe durch die granulare Struktur der Bildoberfläche als Begründungen genannt13.
3. Wie kommen wir zum Vogel?
[...]
1http://images.google.de/imgres?imgurl=http://www.100tiere.de/vogel/img/b_drossel1.jpg&imgrefurl=http://ww w.100tiere.de/vogel/vogel_alle2.html&h=130&w=190&sz=10&tbnid=e_PPflg3vaIJ:&tbnh=66&tbnw=96&start =4&prev=/images%3Fq%3Dvogel%2Bdrossel%26hl%3Dde%26lr%3D%26client%3Dfirefoxa% 26rls%3Dorg.mozilla:de-DE:official_s%26sa%3DN (02.02.2005)
2 Vgl. Nöth, Winfried (2000): Handbuch der Semiotik. – 2., vollständig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. – Stuttgart, Weimar: Metzler, S. 475 (SIGLE: Nöth, Handbuch)
3 Vgl. Nöth, Handbuch, S. 475
4 Vgl. Nöth, Handbuch, S. 496
5 Vgl. Blanke, Börries (2003): Vom Bild zum Sinn. Das ikonische Zeichen zwischen Semiotik und analytischer Philosophie. – Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag, S. 9 (SIGLE: Blanke, Bild)
6 Arnheim, Rudolf (1977): Anschauliches Denken. Zur Einheit von Bild und Begriff. - Köln: DuMont, S. 46 (SIGLE: Arnheim, Denken)
7 Vgl. Blanke, Bild, S. 11
8 Vgl. Nöth, Handbuch, S. 498
9 Vgl, Blanke, Bild, S. 11
10 Vgl. Nöth, Handbuch, S. 497
11 Nöth, Handbuch, S. 498
12 Vgl. Nöth, Handbuch, S. 496
13 Nöth, Handbuch, S: 496-497
Arbeit zitieren:
Andrea Deutsch, 2005, Möglichkeiten und Grenzen der Kategorisierung und Begriffsbildung am Beispiel eines Fotos, München, GRIN Verlag GmbH
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