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„Epikur“ von Malte Hossenfelder. Das Thema scheint meiner Meinung nach recht gut erforscht zu sein, an Sekundärliteratur zum Thema eudaimonia bzw. hêdonê bei Aristoteles und Epikur herrscht kein Mangel. Diese Arbeit folgt den Regeln der alten Rechtschreibung.
1. Analyse des Glücksbegriffes bei Aristoteles und Epikur
1.1 Der Glücksbegriff in der Nikomachischen Ethik des Aristoteles
1.1.1 Streben als Grundbegriff der Aristotelischen Glücksethik
In der Nikomachischen Ethik versucht Aristoteles die Frage zu lösen, was denn das moralisch Gute sei. Er definiert diesen Begriff als das uneingeschränkt Gute 1 und kommt über die Handlungstheorie des Strebens zum Moralprinzip des Glücks. 2 „Jede Kunst und jede Lehre, ebenso jede Handlung und jeder Entschluß scheint irgendein Gut zu erstreben. Darum hat man mit Recht das Gute als dasjenige bezeichnet, wonach alles strebt [...]“ 3 , so der Anfang der Nikomachischen Ethik. Aristoteles macht an dieser Stelle die Beobachtung, daß alles Streben ein Ziel hat, zur Prämisse seiner Ethik. Weiter im Text definiert er schließlich das höchste Ziel dieses Strebens: „Da also jede Erkenntnis und jeder Entschluß nach irgendeinem Gute strebt, [...] welches ist das oberste aller praktischen Güter? Im Namen stimmen wohl die meisten überein. Glückseligkeit nennen es die Leute ebenso wie die Gebildeten, und sie setzen das Gut- Leben und das Sich-Gut-Verhalten gleich mit dem Glückseligsein.“ 4 Dieses Gute, welches in meiner Übersetzung etwas unglücklich mit Glückseligsein übersetzt wurde, wird im Griechischen mit dem Begriff agathon 5 bezeichnet.
Damit hätten wir nun festgestellt, daß das Streben Tätigkeiten bezeichnet, die der Mensch mit einem ganz bestimmten Ziel ausführt, nämlich glückselig zu werden. Doch was ist nun dieses Streben? Otfried Höffe schreibt, daß Aristoteles diesen Begriff, im Griechischen orexis, nicht für den Menschen reserviert hat, sondern im Gegenteil mit seiner Hilfe den Menschen in die Natur einordnet, der Begriff beinhaltet also die „generelle Bewegungsart von Lebewesen“ 6 . Aristoteles räumt dem Menschen erst durch den Verstand (logos) eine Sonderstellung ein 7 , das bedeutet, daß das Streben nicht vom Verstand gesteuert wird, sondern daß beide unabhängig voneinander agieren. Allerdings kann der Verstand auch eingeschaltet werden,
1 Höffe: Aristoteles. München 2 1999. S. 202.
2 Höffe: Aristoteles. S. 202.
3 Aristoteles, EN I 1 1094a 1f.
4 Aristoteles, EN I 2 1095a 14f.
5 Höffe: Aristoteles. S. 202.
6 Höffe: Aristoteles. S. 203.
7 Höffe: Aristoteles. S. 203.
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um das Streben zu kontrollieren. Was passiert, wenn das Streben nicht verstandesgemäß abläuft, schreibt Aristoteles im dritten Kapitel des ersten Buches der Nikomachischen Ethik: „Nicht ohne Grund scheint man das Gute und die Glückseligkeit an den Lebensformen abzulesen. Die Mehrzahl der Leute und die rohesten wählen die Lust. Darum schätzen sie auch das Leben des Genusses.“ 8 Diese nicht vernunftgemäß lebenden Leute „erweisen sich als völlig sklavenartig, da sie das Leben des Viehs vorziehen“ 9 . Hier kann man zum einen ersehen, daß für Aris toteles das rein genußbezogene Leben (und damit ein rein lustvolles) nur ein scheinbar gutes Leben darstellt, da der Mensch, sofern er ein solches lebt, Sklave seiner Begierden und Affekte ist. In dem Kapitel über die eudaimonia werden wir noch genauer darauf eingehen. Zum anderen kann man aus dieser Stelle ersehen, daß es zwei verschiedene Formen des Strebens wie auch des Guten gibt: 10 die eine Form des Guten folgt aus ihrer jeweiligen Form des Strebens. Das heißt, wo jemand vernunftlos lebt, strebt er das nur scheinbar Gute an, setzt derjenige jedoch seinen Verstand ein, so wird er dieses scheinbar Gute als falsch erkennen und das wahrhaft Gute anstreben. 11 : Innerhalb dieses vernünftigen Strebens macht Aristoteles zwei Unterscheidungen 12 . Zum einen gibt es das Streben oder Handeln im weiteren Sinne, welches das Streben meint, bei dem es nicht auf den Vollzug der Tätigkeit ankommt, sondern auf das Resultat. Diese Art Streben ist ein Streben im technischen bzw. handwerklichen Sinne und wird im Griechischen mit poiêsis bezeichnet. 13 Die zweite Form des vernünftigen Strebens, das Streben im engeren Sinne, ist das Ziel des Handelns identisch mit der Handlung selbst: „[...] so sieht man also und hat schon gesehen, so überlegt man und hat schon gedacht [...] 14 . Diese F orm des Strebens wird mit dem griechischen Wort praxis bezeichnet. 15 Die erste Form meint eine „unvollendete Bewegung“ 16 , in dem Sinne, daß es ein Streben darstellt, das auf ein Ziel ausgerichtet ist, dem dieses Ziel jedoch nicht immanent ist: „[...] nicht aber lernt man und hätte damit schon gelernt, noch gesundet man und wäre damit schon gesund geworden." 17 Die zweite Form des Strebens, die praxis wird innerhalb der Nikomachischen Ethik wichtig für das moralische Handeln, denn alles moralische Handeln ist praxis. Diese weitschweifige Analyse ist relevant, um zu verstehen, was Aristoteles unter Leben versteht: für ihn stellt Leben eine praxis dar,
8 Aristoteles, EN I 3 1095b 15ff.
9 Aristoteles, EN I 3 1095b 19f.
10 Höffe: Aristoteles. S. 203.
11 Aristoteles, Rhet. I 10 1369a 1 bis 4: An dieser Stelle entfaltet Aristoteles seine Handlungstheorie, die ich im Text in groben Zügen dargestellt habe.
12 Höffe: Aristoteles. S. 203.
13 Höffe: Aristoteles. S. 203.
14 Aristoteles, Met. IX 6 1048b 24f.
15 Höffe: Aristoteles. S. 204.
16 Aristoteles, Met. IX 6 1048b 30f.
17 Aristoteles, Met. IX 6 1048b 23f.
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was bedeutet, das im Leben die Handlung mit dem Ziel gleichzusetzen ist. 18 Um es populär auszudrücken: der Mensch lebt um des schlichten Lebens willen und er führt aus demselben Grunde ein tugendhaftes Leben. Nur ein solches handelndes Leben kann gelingen und deshalb zur eudaimonia führen.
1.1.2 Der Begriff der eudaimonia bei Aristoteles
Im vorhergegangenen Kapitel wurde nun festgestellt, daß der Mensch von Natur aus nach einem glücklichen (sprich guten) Leben strebt, dieses ist sein höchstes Ziel. Was jedoch versteht Aristoteles unter Glück? Wie definiert er dieses höchste Lebensziel? Diesen Fragen will ich in diesem Kapitel nachgehen.
Das höchste Ziel wird von Aristoteles mit eudaimonia bezeichnet, ein Ausdruck, der im Deutschen meist mit Glück wiedergegeben wird, so beispielsweise auch in der Übersetzung der Nikomachischen Ethik von Olof Gigon 19 . Auch Otfried Höffe gibt eudaimonia in seinen Einführungswerken zur Aristotelischen Ethik mit dieser unglücklichen deutschen Übersetzung wieder. 20 Unglücklich ist die Übersetzung deshalb, da das deutsche Glück und das griechische eudaimonia verschiedene Bedeutungsinhalte haben. Das Wort Glück trägt im Deutschen zwei Bedeutungen: zum einen meint es das zufällige, unberechenbare Glück haben, das der Mensch nicht beeinflussen kann, zum anderen steckt auch die Bedeutung ein glückliches, weil erfülltes Leben führen darin. 21 Die erste Bedeutung von Glück, nämlich Glück haben, wird im Griechischen mit dem Wort eutychia 22 wiedergegeben, in der zweiten Bedeutung des Wortes steckt ein Teil der Bedeutung, die das griechische Wort eudaimonia trägt. 23 Nun haben wir also festgestellt, daß, wer eudaimon ist, ein gelingendes Leben führt 24 , sein Leben hat eine objektive Qualität und ist darum glücklich, nicht wegen einer subjektiven Stimmungslage, die sich schnell wieder ändern kann. Wie aber kann der Mensch das erreichen? Was heißt das, ein gelingendes Leben führen? Aristoteles selbst will dem Leser nicht sagen, was den Menschen glücklich macht, sondern wie selbiger sein Leben zu einem gelingenden machen kann 25 , ebenso wie er im Zweiten Buch der Nikomachischen Ethik schreibt: „[...] denn wir fragen nicht, um zu wissen, was die Tugend sei, sondern damit wir
18 Höffe: Aristoteles. S. 204.
19 Gigon, Olof (Hrsg.): Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. München 4 2000.
20 Höffe, Otfried: Aristoteles. München 2 1999. Sowie Höffe, Otfried (Hrsg.): Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. Berlin 1995.
21 Forschner, Maximilian: Über das Glück des Menschen. Darmstadt 2 1994. S. 1.
22 Höffe: Aristoteles. S. 222.
23 Höffe: Aristoteles. S. 222.
24 Barnes, Jonathan: Aristoteles. Eine Einführung. Stuttgart 1999. S. 124.
25 Barnes: Aristoteles. S. 124.
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tugendhaft werden[...]“ 26 , seine Ethik will eine praxisbezogene sein, Aristoteles fragt vor allem nach dem Wie. Im sechsten Kapitel des Ersten Buches der Nikomachischen Ethik erläutert er schließlich „was sie [eudaimonia] ist“. 27 Eudaimonia ist für ihn „[...] die Tätigkeit der Seele auf Grund ihrer besondern Befähigung“ 28 , d.h. eudaimonia ist eine Tätigkeit, wenn das Leben ein gelingendes sein soll, muß der Mensch also etwas dafür tun. Eudaimonia meint also ein aktives Strebensglück, im Gegensatz zu dem passiven Glück, das uns in den Schoß fällt. 29 Weiter bedeutet dieser Satz, daß eudaimonia die Seele „auf Grund ihrer besondern Befähigung“ betrifft, diese Stelle wiederum meint, daß eine Person nur als Mensch gedeiht, wenn sie die den Menschen eigentümlichen Fähigkeiten ausübt 30 , und diese Fähigkeiten sollen, sofern der Mensch ein erfolgreiches (d.h. gelingendes) Leben führen will, vortrefflich oder gut ausgeführt werden. Mit der besondern Befähigung ist gemeint, um es an einem Beispiel zu verdeutlichen, „[...]die Leistung des Kitharisten ist das Kitharaspielen, die des hervorragenden Kitharisten aber das gut spielen“ 31 . Ein Mensch ist nur erfolgreich, wenn er seine Fähigkeiten gut bzw. hervorragend ausübt, ist er darin nur schlecht, kann er nicht erfolgreich sein und ergo auch kein gelingendes Leben führen. Diese Fähigkeiten liegen jedoch nicht nur im musischen Bereich. Aristoteles unterscheidet zwischen charakterlichen und intellektuellen Fähigkeiten 32 Erstere meinen die moralischen Tugenden, so beispielsweise Tapferkeit, Großzügigkeit etc. , die zweite Sorte betrifft die spezifische Eigenheit des Menschen, nämlich die Vernunft. In dem Kapitel über das Streben haben wir bereits festgestellt, daß die Vernunft etwas spezifisch menschliches ist. Um diesen Gedankenstrang nun einmal weiterzuspinnen: Aristoteles schreibt, daß der Mensch, der eudaimon sein will, die einzelnen Tätigkeiten nach seiner spezifischen Eigenheit ausführen soll. Diese spezifische Eigenheit ist die Vernunft. Barnes führt diesen Punkt noch weiter aus und gelangt so zu folgender Konsequenz: „Will man gedeihen, ein gelingendes Leben führen, dann muß man sich einem intellektuellen Streben hingeben.“ 33
Da Aristoteles für das Erreichen der eudaimonia das vernunftgemäße Streben voraussetzt, können die Menschen, die ein reines Genußleben führen, niemals eudaimon werden. Denn diese Menschen handeln nicht spezifisch menschlich, sie benehmen sich wie Vieh. 34 Ein reines Genußleben verfehlt also das Streben nach Glück. 35 Allerdings muß der Mensch, um vollends „glückselig“(also eudaimon) sein zu können, noch weitere Kriterien erfüllen: „Sie
26 Aristoteles, EN II 2 1103b 27 bis 29.
27 Aristoteles, EN I 6 1097b 22.
28 Aristoteles, EN I 6 1098a 16f.
29 Höffe: Aristoteles. S. 221.
30 Barnes: Aristoteles. S. 125.
31 Aristoteles, EN I 6 1098a 11f.
32 Barnes: Aristoteles. S. 125.
33 Barnes: Aristoteles. S. 126.
34 Aristoteles, EN I 3 1095b 19f.
35 Höffe: Aristoteles. S. 223.
Arbeit zitieren:
Ines Jachomowski, 2003, Über eudaimonia und hêdonê bei Aristoteles und Epikur - ein Vergleich, München, GRIN Verlag GmbH
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