3
1 EINLEITUNG
Felix Mitterer wurde am 6. Februar 1948 in Achenkrich/ Tirol geboren. Seine Mutter, eine verwitwete Landarbeiterin, überließ ihren Sohn einem Tagelöhnerehepaar, das ihn adoptierte. In Kitzbühl und Kirchberg besuchte er acht Jahre die Volks- und drei Jahre die Mittelschule, um später zehn Jahre beim Innsbrucker Zollamt zu arbeiten. Anfang der 70er Jahre begann er eigene Texte für Rundfunk, Literaturzeitschriften und Zeitungen zu schreiben. Mit seinem Erstlingswerk, dem Volksstück Kein Platz für Idioten, gelang ihm 1977 der Durchbruch. Wie Mitterers gesamten Werke, bezieht sich auch Kein Platz für Idioten auf ein konkretes Ereignis. 1
Anlass für dieses Stück bot Mitterer ein Vorfall, der sich 1974 in einem Tiroler Fremdenverkehrsort ereignete. Eine Mutter wurde aufgrund ihres behinderten Kindes aus einem Gasthaus gewiesen, da der Wirt durch deren Anwesenheit eine Geschäftsschädigung befürchtete.
Zunächst verarbeitete er dieses Ereignis als Hörspiel, das 1976 vom ORF ausgestrahlt wurde. Die Sprecher waren Schauspieler der Volksbühne Blaas in Innsbruck, die den Autor dann auch dazu veranlassten, den Stoff als Theaterstück umzuschreiben. Für Mitterer bot sich damit die Chance, eine Publikumsschicht anzusprechen und mit dem Stück zu konfrontieren, in deren Millieu der Schauplatz von Kein Platz für Idioten zu finden ist- nämlich in der Dorfbevölkerung. Diese war hauptsächlich Publikum in der Volksbühne Blaas und eigentlich auf Bauernschwänke und nicht auf kritische Volksstücke eingestellt. 2 Das Stück wurde 1977 in Blaas uraufgeführt, und für Felix Mitterer erfüllte sich sein Wunsch, beim Publikum für seinen Protagonisten Sebastian Möllinger, der den behinderten Jungen darstellt, Verständnis zu erzeugen und Zuneigung zu erwecken.
1 STRASSER, A.: Subjekt oder Objekt? – Der Idiot in der Dorfgemeinschaft am Beispiel von Felix Mitterers Kein Platz für Idioten. In: Germanica, 1996, XVIII. S. 139 2 Vgl. dazu MITTERER, F.: Kein Platz für Idioten. Volksstück in drei Akten. Friedel Brehm Verlag, 4. Auflage. München, 1979. S. 73
4
Mit dem Stück Kein Platz für Idioten will Mitterer die Missstände und Konflikte des Systems der Dorfgemeinschaft beleuchten. Es geht ihm um die Darstellung von individuellem Fehlverhalten, was auf der Bühne aus der sozialen Entwicklung zwar erklärt, damit aber nicht entschuldigt wird. 3 „Denn die Aufklärung über die Möglichkeit, Menschlichkeit zu beweisen, das Leben in jeder erdenklichen Konfliktsituation nach ethischen Maßstäben zu gestalten, ist ihm weithin das wichtigste Anliegen.“ 4 Er stellt dar, jedoch ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben.
Mittelpunkt Mitterers Werke ist fast ausnahmslos die Figur des Außenseiters. In Kein Platz für Idioten und Weizen auf der Autobahn (1985) spricht er Probleme geistig behinderter Menschen an; in Abstellgleis (1985) und Sibirien (1989) sind es vo n der Gesellschaft oder Familie ausgegrenzte alte Menschen; und mit Abraham (1993) verweist er auf die Stellung, die homosexuelle und aidskranke Menschen in unserer Gesellschaft einnehmen.
3 HOLZNER, J.: Felix Mitterer. Deutsche Dramatiker des 20. Jahrhunderts. Hrsg.: Alo Allkemper/Norbert Otto Eke. Berlin, 2000. S. 806 4 Ebd. S. 806
5
2 INTERPRETATION DES STÜCKS
2. 1 INHALTSANGABE
Das Volksstück Kein Platz für Idioten spielt in einem ländlichen Ort. Zeitpunkt des Geschehens ist das 20. Jahrhundert. Im ersten Akt bietet sich Plattl- Hans, der ausgediente Hufschmied des Dorfes auf dem Möllinger- Hof als Tagelöhner bei der Möllinger- Bäuerin an. Der Schauplatz ist die Wohnstube der Möllingers, wo sich zunächst Sebastian Möllinger, kurz auch Wastl oder Mandl genannt, aufhält. Sebastian ist der geistig und körperlich behinderte Sohn der Bauernfamilie. Er hat eine Clownsmaske vor dem Gesicht und beschäftigt sich mit dem neu angeschafften Fernsehgerät.
Der Junge ist bei jedem Geräusch sehr schreckhaft, so auch, als Plattl- Hans die Stube betritt. Sebastian ist so scheu, dass der Plattl- Hans es nicht vermag ihn unter dem Tisch hervor zu locken. Er verkrampft noch mehr, als die Möllinger- Bäuerin in das Zimmer kommt. Sie macht Hans ein Angebot für eine Sommeranstellung und klagt ihm im Gespräch ihr schweres Los, das sie auf dem Hof hat. Nicht nur die schwere Arbeit ist beklagenswert, sondern vor allem ihr Sohn , der aufgrund seiner Behinderung für die Familie einfach nur ein unnützer Fresser und keine brauchbare Arbeitskraft ist. Dieses Gespräch verfolgend und durchaus verstehend macht sich Sebastian versehendlich mit einem lauten Schluchzen bemerkbar, woraufhin die Bäuerin ihm nur weitere Gewalt, sowohl verbal als auch körperlich, entgegenzubringen vermag. Plattl- Hans missfällt die Lage des Jungen, so dass er ihn bei sich in der Dachkammer aufnimmt, was man im zweiten Akt erfährt.
Ort der Handlung ist im zweiten Akt das Gasthaus des Dorfes. Plattl- Hans und Sebastian kehren dort ein, um eine Kleinigkeit zu essen und zu trinken. Am Nebentisch sitzen zwei weitere einheimische Gäste, von denen der eine angetrunkene Gast laut seinen Unmut gegenüber Sebastian kund gibt. Er fühlt sich durch die bloße Anwesenheit des behinderten Jungen gestört.
Quote paper:
Stefanie Stiemerling, 2004, Textinterpretation zu Felix Mitterers 'Kein Platz für Idioten', Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Martin Suter - Lila, Lila. Der Roman in der Kritik - Rezensionen zu ...
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 19 Pages
Die nationale Identität der Québecer
Romance Languages - French Studies - Culture
Scholary Paper (Seminar), 26 Pages
Emanzipation in der Liebelei. Ausbruch und Ausweglosigkeit der Protago...
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 29 Pages
Politics - Didactics, Political Education
Presentation / Essay (Pre-University), 10 Pages
Grüne Wirtschaftspolitik - Die Klima- und Umweltpolitik Barack Obamas
Ist die Klima- und Umweltpolit...
Politics - International Politics - Region: USA
Scholary Paper (Seminar), 26 Pages
Feridun Zaimoglus 'Koppstoff. Kanaka Sprak vom Rande der Gesellsch...
German - Pedagogy, Didactics, Literature Studies
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 27 Pages
Schillers 'Kabale und Liebe' als bürgerliches Trauerspiel
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 18 Pages
Alkoholische Gärung - Experimentelle Entwicklung eines Schulversuchs
Presentation / Essay (Pre-University), 32 Pages
Die Figur der Kriemhild im Nibelungenlied
German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Termpaper, 17 Pages
Interpretation von Georg Trakls Gedicht "Die schöne Stadt"
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 17 Pages
Mitterer, Felix - Kein Platz für Idioten
Presentation / Essay (Pre-University), 3 Pages
Joseph II. von Österreich - Aufgeklärter Monarch oder rücksichtsloser ...
History Europe - Other Countries - Middle Ages, Early Modern Age
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 29 Pages
Montage in Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz"
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 7 Pages
Siegfried - der Inbegriff eines Helden?
German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Termpaper, 22 Pages
Max Frisch „Andorra“ – Vorurteile und Identitätsfindung
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 18 Pages
Einwanderung und Multikulturalismus in Kanada und Deutschland
Ist Kanada eine Orientierung f...
Politics - Political Systems - General and Comparisons
Scholary Paper (Seminar), 35 Pages
Stefanie Stiemerling has published the text Textinterpretation zu Felix Mitterers 'Kein Platz für Idioten'
Stefanie Stiemerling has uploaded a new text
Platz Der Leibstandarte: A Photo Study of the SS-Panzer-Grenadier-Divi...
George M. Nipe, Remy Spezzano
Outlines & Highlights for Introduction to Psychology: Gateways to Mind...
Cram101 Textbook Reviews
Outlines & Highlights for Psychology: A Journey by Coon & Mitterer
Cram101 Textbook Reviews
0 comments