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Aristoteles: De interpretatione, das 9. Kapitel

Title: Aristoteles: De interpretatione, das 9. Kapitel

Seminar Paper , 2000 , 20 Pages , Grade: sehr gut

Autor:in: Anne-Barbara Knerr (Author)

Philosophy - Philosophy of the Ancient World
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Aristoteles und seine Schrift Peri hermeneias

Aristoteles (im Folgenden abgekürzt mit Ar.) wurde 384 v. Chr. in Stagira (Thrakien) geboren und lebte bis 322 v. Chr., wo er auf seinem Landsitz auf Euböa starb. Seine Kindheit verbrachte er vermutlich an der königlichen Residenz in Pella, da sein Vater Leibarzt von Amyntas III. von Makedonien, dem Großvater Alexanders des Großen, war.

367 v. Chr., im Alter von 17 Jahren, kam Ar. nach Athen an die Akademie Platons. Seine dortige Lehrzeit endete erst fast 20 Jahre später mit dem Tode Platons 347. Ar folgte daraufhin der Einladung eines Studienkollegen namens Hermias, Herrscher von Atarneus in Assos, nach Mysien (Kleinasien), wo er einige Jahre in einem kleinen platonischen Zirkel verbrachte. 342 wurde Ar. zurück an den makedonischen Hof berufen, wo er als Erzieher des jungen Alexander fungierte. Etwa 335 kehrte er (nach weiterem Aufenthalt in Stagira) nach Athen zurück und gründete dort eine eigene Schule. 323 verließ er die Stadt wieder, weil man ihn der Gottlosigkeit angeklagt hatte und starb kurze Zeit später auf seinem Landgut bei Chalkis auf Euböa. Ausgangspunkt seiner Lehre sind die Ideen Platons, von denen er sich im Laufe seines Lebens zunehmend distanzierte. I. Ggs. zu seinem Lehrer war Ar. die den Sinnen zugängliche Welt des Alltags Grundlage aller wissenschaftlicher Überlegungen. Dadurch wurde er zum Begründer der modernen Logik . Von seinen Werken sind ausgerechnet die, die er selbst zur Veröffentlichung bestimmt hatte, ausnahmslos verlorengegangen. Die uns erhaltenen, zum sog. Corpus aristotelicum zusammengefassten Schriften dienten wohl eher Unterrichts- und Forschungszwecken. Sie wurden in sieben verschiedene Themengebiete eingeteilt (Jugendschriften, Schriften zur Logik, zur Metaphysik, naturwissenschaftliche Schriften, Schriften zur Ethik, zur Kunst, zu Volkswirtschaft und Politik).

Die hier behandelte Schrift Peri hermenaias ist den Schriften zur Logik, dem sog. Organon (=Werkzeug, Instrument für wissenschaftliche Verfahren), zuzuordnen. Das Organon hat von allen Schriften des Ar. die breiteste Wirkung erlangt...

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1 Aristoteles und seine Schrift Peri hermenaias

2 Die Einleitung des 9. Kapitels (18 a 28-34)

3 Wie könnte eine Wahrheitswertverteilung auf zukunftsbezogene, kontradiktorische Aussagen aussehen?

3.1 Beide Teilaussagen sind wahr (18 a 39-18 b 4)

3.2 Eine Teilaussage ist wahr, eine ist falsch (18 a 34-38, 18 b 4-16)

3.2.1 Der Zukunftsbegriff des Aristoteles

3.2.2 Der Zukunftsbegriff des Determinismus

3.2.3 Die Konsequenzen o.g. Zukunftsvorstellungen für die Überlegungen des Aristoteles

3.3 Beide Teilaussagen sind falsch (18 b 17-25)

4 Widerlegung des Determinismus (18 b 25-19 a 6)

4.1 Reductio ad absurdum (18 b 25-34)

4.1.1 Untätigkeitsargument

4.1.2 Überlegtes Handeln als menschliches Prinzip

4.2 Unabhängigkeit des Determinismus von tatsächlich gemachten Aussagen (18 b 34-19 a 7)

4.3 Ausdehnung der Determinismusannahme auf große Zeiträume (18 b 34-36, 19 a 2-7)

5 Zwischenergebnis der bisher angestellten Überlegungen

5.1 Beide Teilaussagen sind wahr

5.2 Eine Teilaussage ist wahr, eine falsch

5.3 Beide Teilaussagen sind falsch

5.4 Schlussfolgerung

6 Der Bereich des Kontingenten oder: Was geschieht nicht mit Notwendigkeit? (19 a 7-22)

6.1 Dinge, die dem menschlichen Handlungsspielraum unterliegen

6.2 Dinge, für die mehrere Möglichkeiten bestehen

6.2.1 Dinge, die geschehen, wie es sich gerade trifft (19 a 19-20)

6.2.2 Dinge, die in der Regel eintreffen / nicht eintreffen (19 a 21-22)

7 Der Bereich des Notwendigen (19 a 23-27)

7.1 Die temporale Notwendigkeit (19 a 23-25)

7.2 Die schlechthin bestehende Notwendigkeit (19 a 26)

7.3 Die qualifizierte Notwendigkeit

8 Die Aristotelische Lösung (19 a 27-19 b 4)

8.1 Was ist an einem zukunftsbezogenen, kontradiktorischen Aussagenpaar wahr? (19 a 7-32)

8.2 Was ist an den beiden Gliedern einer zukunftsbezogenen Kontradiktion wahr? (19 a 33-39)

9 Schlussbemerkung (19 b 1-4)

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht das neunte Kapitel von Aristoteles' Schrift Peri hermeneias, um zu ergründen, wie Aristoteles den Wahrheitsgehalt kontradiktorischer Aussagen über zukünftige Ereignisse bewertet und warum er dabei eine deterministische Sichtweise ablehnt.

  • Analyse der logischen Struktur zukunftsbezogener Aussagen
  • Untersuchung der Vereinbarkeit von Kontradiktion und Determinismus
  • Erläuterung des aristotelischen Begriffs der offenen Zukunft
  • Unterscheidung zwischen kontingenten und notwendigen Ereignissen
  • Kritische Auseinandersetzung mit deterministischen Schlussfolgerungen

Auszug aus dem Buch

3.2.1 Der Zukunftsbegriff des Aristoteles

Ar. war überzeugter Indeterminist: „ ...so leuchtet ein, daß nicht alles mit Notwendigkeit der Fall ist oder geschieht, ... “ (19 b 18). Welche Vorstellung von Zeit und Zukunft daraus folgt, beschreibt Weidemann ab S.251 ff . Wenn man davon ausgeht, dass nicht alles vorherbestimmt ist, was in Zukunft geschehen wird, ergibt sich daraus eine offene Zukunftsvorstellung. Die Idee einer offenen Zukunft wird in der modernen Zeitformenlogik durch einen sogenannten topologischen Baum dargestellt. Vom Weltzustand der Gegenwart, der durch einen Punkt links im Bild dargestellt wird, ausgehend, verzweigt sich die Zukunft in mehrere Äste eines liegenden Baumes rechts davon, die die möglichen Wege der Entwicklung unserer Welt darstellen. Welche Möglichkeit in Wirklichkeit eintritt, d.h. welchem Ast die Entwicklung folgt, steht nicht von vornherein fest, sondern ergibt sich Schritt für Schritt. Nach White ist es zwar unwahrscheinlich, dass man in der Antike bereits über eine Vorstellung verzweigter Zeit verfügte, er räumt jedoch ein, dass für Ar. die Vergangenheit etwas Lineares, die Zukunft etwas sich in mehrere Möglichkeiten Auffächerndes gewesen sein muss (Weidemann S.255). Eine zum gegenwärtigen Zeitpunkt gemachte Aussage über die Zukunft kann für Ar. also nur dann jetzt schon wahr bzw. falsch sein, wenn sie unabhängig davon ist, wie sich die Welt in Zukunft weiterentwickeln wird oder wenn heute schon hinreichende Bedingungen erfüllt sind, die das zukünftige Eintreffen bzw. Nicht-Eintreffen der aufgestellten Behauptung unausweichlich machen (ebd.S.257). Daraus ergibt sich bei Ar. eine sehr differenzierte Vorstellung darüber, welche Ereignisse mit Notwendigkeit eintreten bzw. nicht eintreten werden und bei welchen Ereignissen offen ist, ob sie eintreten werden oder nicht. Er unterscheidet also, ob ein Ereignis in den Bereich des Kontingenten oder in den Bereich des Notwendigen einzuordnen ist.

Zusammenfassung der Kapitel

1 Aristoteles und seine Schrift Peri hermenaias: Einführung in die Person des Aristoteles, seinen Kontext und die Bedeutung des Organon sowie des neunten Kapitels.

2 Die Einleitung des 9. Kapitels (18 a 28-34): Darstellung von Aristoteles' Ausgangsthese, dass die klassische Gegensatzlehre nicht auf zukünftige Ereignisse anwendbar ist.

3 Wie könnte eine Wahrheitswertverteilung auf zukunftsbezogene, kontradiktorische Aussagen aussehen?: Untersuchung der drei formalen Möglichkeiten der Wahrheitswertverteilung und deren logische Konsequenzen.

4 Widerlegung des Determinismus (18 b 25-19 a 6): Argumentation gegen eine deterministische Weltsicht, unter anderem durch ein Reductio ad absurdum der Konsequenzen.

5 Zwischenergebnis der bisher angestellten Überlegungen: Zusammenfassende Betrachtung der drei diskutierten Wahrheitswert-Optionen, die zu keinem logisch befriedigenden Ergebnis führen.

6 Der Bereich des Kontingenten oder: Was geschieht nicht mit Notwendigkeit? (19 a 7-22): Einordnung menschlichen Handelns und anderer Ereignisse, für die mehrere Entwicklungsmöglichkeiten bestehen.

7 Der Bereich des Notwendigen (19 a 23-27): Analyse verschiedener Arten der Notwendigkeit, insbesondere der temporalen Notwendigkeit im Zeitverlauf.

8 Die Aristotelische Lösung (19 a 27-19 b 4): Darlegung von Aristoteles' Lösungsvorschlag, der den Aussagen in der Gegenwart keinen bestimmten Wahrheitswert zuweist, wohl aber der Kontradiktion als Ganzem.

9 Schlussbemerkung (19 b 1-4): Resümee über die Gültigkeit der Überlegungen und die Aktualität von Aristoteles' indeterministischer Zukunftsvorstellung.

Schlüsselwörter

Aristoteles, Peri hermeneias, Logik, Determinismus, Indeterminismus, Kontingenz, Notwendigkeit, Wahrheitswert, Kontradiktion, Zukunft, Zeitformenlogik, Philosophie, Seeschlacht, Handlungsspielraum

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit behandelt eine philosophische Untersuchung des neunten Kapitels aus Aristoteles' Peri hermeneias, wobei der Fokus auf dem logischen Status von Aussagen über zukünftige, kontingente Ereignisse liegt.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zentrale Themen sind die logische Struktur von Behauptungssätzen (Logos apophanticus), das Problem des Determinismus versus Indeterminismus sowie die Differenzierung zwischen kontingenten und notwendigen Ereignissen.

Was ist das primäre Ziel der Arbeit?

Das Ziel ist es, Aristoteles' Argumentation nachzuvollziehen, warum bei kontradiktorischen Aussagen über die Zukunft nicht bereits jetzt ein fester Wahrheitswert vorliegen kann, ohne in einen Determinismus zu verfallen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine philosophische Textanalyse und Interpretation auf Basis der Kommentarliteratur, ergänzt durch logische Strukturanalysen und die Anwendung topologischer Zeitmodelle.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil analysiert die Widerlegung des Determinismus, untersucht den Bereich des Kontingenten und Notwendigen und erläutert abschließend den Lösungsvorschlag des Aristoteles zum Wahrheitsgehalt von Zukunfts-Kontradiktionen.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die zentralen Schlagworte sind Aristoteles, Determinismus, Indeterminismus, Kontingenz, Notwendigkeit, Kontradiktion und Wahrheitswert.

Wie erklärt Aristoteles den Unterschied zwischen Vergangenheit und Zukunft?

Aristoteles sieht die Vergangenheit als linear und mit Notwendigkeit feststehend an, während die Zukunft offen ist und erst durch den Eintritt der Ereignisse Schritt für Schritt ihre feste Form gewinnt.

Welche Rolle spielt das Seeschlachtbeispiel?

Es dient als illustratives Modell, um zu zeigen, dass zwar die Disjunktion ("morgen findet eine Seeschlacht statt oder nicht") mit Notwendigkeit wahr ist, aber keines der einzelnen Glieder für sich genommen bereits in der Gegenwart einen festgelegten Wahrheitswert besitzt.

Wie wird das "Untätigkeitsargument" in der Arbeit bewertet?

Das Untätigkeitsargument wird als mögliche, aber kritisch zu hinterfragende Interpretation diskutiert, die auf die kausale Unabhängigkeit menschlichen Handelns vom Schicksal abzielt.

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Details

Title
Aristoteles: De interpretatione, das 9. Kapitel
College
University of Koblenz-Landau  (Institut für Philosophie)
Course
Sprache und Logik (Aristoteles, De interpretatione)
Grade
sehr gut
Author
Anne-Barbara Knerr (Author)
Publication Year
2000
Pages
20
Catalog Number
V37562
ISBN (eBook)
9783638368599
Language
German
Tags
Aristoteles Kapitel Sprache Logik
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Anne-Barbara Knerr (Author), 2000, Aristoteles: De interpretatione, das 9. Kapitel, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37562
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