Inhaltsverzeichnis
1. Vorüberlegungen 1
2. Von der höfischen zur modernen Liebe 1
3. Das Verhältnis von Liebe und Zeit in To His Coy Mistress 3
3.1 An age at least to every part 3
3.2 Thy beauty shall no more be found 4
3.3 Now let us sport us while we may 6
4. Fazit 9
Anhang: To His Coy Mistress 11
Literaturverzeichnis 12
1. Vorüberlegungen
Ist ein Leben ohne leidenschaftliche Liebe nur halb gelebt? Kann Liebe die Zeit anhalten oder bewirkt sie im Gegenteil, dass die Zeit regelrecht verfliegt? Sollte jeder Augenblick sinnlich ausgekostet werden oder sollte man sich Zeit lassen und nichts überstürzen? In Liebesgedichten tauchen auch solche Fragen auf, die die Liebe in ihrer Abhängigkeit von der Zeit oder ihre Fähigkeit, die Zeit zu beeinflussen, thematisieren.
Im Folgenden soll geklärt werden, in welchem Verhältnis in Andrew Marvells Gedicht To His Coy Mistress 1 Liebe und Zeit zueinander stehen. Zuerst muss allerdings ein Überblick darüber gegeben werden, welche Liebeskonzepte in den vorangegangen Epochen die englische Lyrik geprägt haben, um in einem zweiten Schritt zu untersuchen, wie der Sprecher in Marvells Gedicht mit diesen Konventionen verfährt.
Außerdem sollten vorab einige Überlegungen zur Zeit angestellt werden. Da die Zeit eine abstrakte Größe ist, die der Mensch aus sich heraus nicht messen kann, empfindet er das Vergehen einer Stunde situationsabhängig das eine Mal als langsam und das andere Mal als schnell. Deshalb muss unterschieden werden zwischen reeller Zeit und psychologischer Zeit. Letztere meint das subjektive Empfinden des Einzelnen darüber, wie schnell die Zeit vergeht. Wenn im Zusammenhang mit Gedichten von Zeit die Rede ist, ist meistens die psychologische Zeit gemeint, so auch in Andrew Marvells Gedicht To His Coy Mistress.
2. Von der höfischen zur modernen Liebe
Über 500 Jahre hinweg war die höfische Liebe die bestimmende Konvention in Europa. Im 11. und 12. Jahrhundert an den Adelshöfen entstanden, wurde sie vor allem von dem italienischen Dichter und Gelehrten Francesco Petrarca (1303-1374) beeinflusst. Deshalb wird die höfische Liebe auch als petrarkistisches
1 Dieser Arbeit liegt folgende Gedichtfassung zugrunde: Nigel Smith (Ed.), The Poems of Andrew Marvell (London, 2003), 81ff. Siehe Anhang Seite 12.
1
Liebeskonzept bezeichnet. Peter Hühn beschreibt die wichtigsten Merkmale dieser Konvention 2 : Ein Mann wirbt um eine meist sozial höherstehende Frau, die seine Liebe aus moralischen und sozialen Gründen nicht erwidert. Weil diese Liebe also keine Hoffnung auf Erfüllung hat, muss sich der Liebende zur Uneigennützigkeit erziehen und anerkennen, dass seine Aufgabe allein in der Verehrung der Dame besteht. Über diese Affektkontrolle bezieht der Mann sein Selbstbewusstsein. Oft äußert er seine Gefühle in poetischer Form, die Dichter imitieren dabei die von Petrarca verwendete Sonettform. Die Angebetete bleibt in der Konstellation der höfischen Liebe hingegen stumm und unnahbar. Diesem Liebeskonzept liegt also eine unaufhebbare Spannung zwischen dem Streben nach ideeller Liebe und erotischem Verlangen zugrunde. William Shakespeare versucht Ende des 16. Jahrhunderts, diese Widersprüchlichkeit zu lösen, indem er die beiden entgegengesetzten Haltungen auf zwei Personen aufteilt. Während der Sprecher in seinem Sonnet-Zyklus einen jungen Mann von besonderer Schönheit bewundert, findet er bei einer Frau sexuelle Befriedigung. Shakespeare lässt diesen Lösungsversuch im Verlauf des Zyklus scheitern, erweckt aber auch das petrarkistische Schema nicht zu neuem Leben.
Ein völlig neues Liebeskonzept führen Ende des 16. Jahrhunderts die so genannten Metaphysical Poets, zu denen später auch Andrew Marvell gehört, in die englische Lyrik ein. In ihren Gedichten orientieren sich die Individuen nicht mehr an einem Bezugsrahmen außerhalb ihres Selbst. Peter Hühn zufolge bildet nicht mehr die höfische Welt mit ihren konventionalisierten Auffassungen von menschlichem Miteinander die Grundlage für ihre Selbstwahrnehmung. 3 Stattdessen zögen sich die Individuen in eine private Welt zurück, in die Welt der Liebe. Diese Verlagerung bringe ein völlig neues Liebeskonzept mit sich.. John Donne, der herausragende Repräsentant der Metaphysical Poets, füge das, was Shakespeare auf zwei Personen aufgeteilt habe, nämlich idealisierende Liebe und sexuelle Erfüllung, wieder zusammen.
2 Peter Hühn, Geschichte der englischen Lyrik, Band 1 (Tübingen, 1995), 24ff. Im Folgenden zitiert als Hühn, Lyrik.
3 Hühn, Lyrik, 104
2
Dieses „moderne bürgerliche Liebeskonzept“ 4 ist in seinen Grundzügen bis ins
21. Jahrhundert als dominantes Konzept erhalten geblieben. Der Begriff der Liebe charakterisiert noch heute ein Gefühl der Zuneigung, das auf die Vereinigung mit dem geliebten Objekt zielt, also Erfüllung sucht.
3. Das Verhältnis von Liebe und Zeit in To His Coy Mistress
In Andrew Marvells berühmtesten Liebesgedicht Gedicht To His Coy Mistress bezieht sich der Sprecher auf verschiedene Liebeskonzepte. Er verbindet sie mit unterschiedlichen Zeitannahmen und wendet sich ihnen mit Ironie, Sarkasmus oder Ernst zu. Dadurch versucht er, seine Angebetete zu überzeugen, ihre Keuschheit aufzugeben und sich ihm und ihrer Liebe hinzugeben. Die drei Abschnitte des Gedichts kennzeichnen dabei die unterschiedlichen Argumentationsschritte des Sprechers.
3.1 An age at least to every part
Im ersten Abschnitt (Z. 1 bis 20) wird das petrarkistische Liebeskonzept mit einem unrealistischen Zeitkonzept verknüpft. Die Wörter „coyness“ (Z. 2) und „refuse“ (Z. 9) im Zusammenhang mit dem Verhalten der Frau verweisen genau wie das Werben des Mannes um seine Angebetete und das Preisen ihrer Schönheit (Z. 13-18) auf die Konvention der höfischen Liebe. Schon in der ersten Zeile wird jedoch deutlich, dass er die Voraussetzungen für eine solche Liebe als nicht gegeben ansieht. Der Gedichtanfang „Had we but world enough, and time“ leitet einen Konditionalsatz ein. Was der Protagonist machen würde, wenn diese Bedingung erfüllt wäre, führt er in den übrigen Zeilen des ersten Abschnitts aus. Alle Aussagen sind mit den Hilfsverben „would“, „should“ und „were“ verbunden und somit in den Bereich der Spekulation gerückt. Um so handeln zu können, müsste dem Sprecher seiner Meinung nach der gesamte Zeitraum vom Anfang bis zum Ende der Zeit zur Verfügung stehen.
4 Hühn, Lyrik, 104
3
Arbeit zitieren:
Ulrike Wronski, 2005, Das Verhältnis von Liebe und Zeit in Andrew Marvells Gedicht 'To His Coy Mistress', München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
"A Valediction: Forbidding Mourning": Das metaphysical conc...
Seminararbeit, 11 Seiten
John Donne – “The Flea” and Andrew Marvell – “To His Coy Mistress”
Metaphysical poetry: Virginity...
Hausarbeit, 15 Seiten
Die Gerechtigkeitsarten im Buch V der Nikomachischen Ethik
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Seminararbeit, 18 Seiten
Der Napoleon-Mythos bei Stendhal
Romanistik - Französisch - Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
De l'Amour und La Chartreuse de Parme - Die Liebeskonzeption bei S...
Romanistik - Französisch - Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Marvell's 'Horatian Ode' as a Political Poem
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Die Gerechtigkeit bei Aristoteles
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Seminararbeit, 13 Seiten
Gerechtigkeit bei Aristoteles - Zur Frage der Gerechtigkeit in der Nik...
Philosophie - Philosophie der Antike
Hausarbeit (Hauptseminar), 10 Seiten
Ulrike Wronski's Text Das Verhältnis von Liebe und Zeit in Andrew Marvells Gedicht 'To His Coy Mistress' ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Ulrike Wronski hat den Text Das Verhältnis von Liebe und Zeit in Andrew Marvells Gedicht 'To His Coy Mistress' veröffentlicht
Ulrike Wronski hat einen neuen Text hochgeladen
Destiny His Choice: The Loyalism of Andrew Marvell
J. M. Wallace, John Malcolm Wallace, John M. , JR. Wallace
0 Kommentare