2 Bewerten und Zensie ren im Sportunterricht
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Bewerten und Zensieren im Sportunterricht
Zunächst sei darauf hingewiesen, dass speziell sportpädagogische Probleme bezüglich der Leistungsbeurteilung fast immer alle Schultypen, wenn auch teilweise in unterschiedlichem Maße betreffen.
1. Besonderheiten des Fachs Sport
Im Unterrichtsfach Sport scheint die Leistungsbeurteilung in einigen Bereichen auf den ersten Blick sehr simpel. Gerade Bereiche, wie beispielsweise die Leichtathletik oder das Schwimmen, sind so arrangiert, dass man individuelle Leistungsergebnisse exakt erfassen kann: in Zeit pro jeweiliger Distanz
beim Schwimmen und bei den Laufdisziplinen oder in Weite bei den Sprungdisziplinen. Da es in solchen
Sportbereichen geschlechts- und altersspezifische
Leistungstabellen gibt, kann man problemlos die
Leistungen von Schülern und Klassen mit d enen
anderer Schulen auf regionaler und überregionaler
Ebene miteinander vergleichen.
Befasst man sich jedoch tiefgründiger mit der Leis-
tungsbeurteilung im Sportunterricht, wird man
schnell feststellen, dass bestimmte sportlich-
motorische Leistungen in besonderem Maße von den
körperlichen Voraussetzungen der Schüler abhä ngig
sind. So sind etwa beim Hochsprung und Basketball
große Schüler im Vorteil, beim Bodenturnen eher
die kleinen. Adipöse Kinder und Jugendliche haben fast in jeder Disziplin das Nachsehen. 1 Ein Aspekt von besonderer Brisanz, wenn man sich vor Augen führt, dass in Deutschland aktuell jedes 5. Kind und jeder 3. Jugendliche übergewichtig sind 2 .
1 Tillmann: Leistungsbewertung und Zensierung im Fach Sport, in: PÄDAGOGIK 2/01, 2001, S. 45
2 Landesärztekammer Baden-Württemberg: Jedes dritte Kind in Deutschland ist zu dick, 2004, http://www.aerztekammer-bw .de/15/08gesundheitsnews/uebergewicht.html
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„Kurz: Im Sportunterricht ist die Chancenungleichheit qua unterschiedlicher körperlicher Ausstattung so sichtbar und auffällig, dass die gleiche Bewertung bei gleicher Leistung als erhebliche Ungerechtigkeit empfunden wird. Deshalb spielt hier die Diskussion um [die] Korrektur der „nackten“ Leistungsbewertung, etwa durch den Einbezug von Verhaltenswertungen, eine viel größere Rolle.“ 3
Im Bildungsplan (der Realschule) wird eben aus diesem Grund unter der Rubrik,
„Erziehungs- und Bildungsauftrag“ des Fachs Sport, für einige schulsportspezifische
Aspekte sensib ilisiert:
„In allen Klassenstufen haben die Lehrkräfte bei der Unterrichtsgestaltung ... die motorischen Leistungsvoraussetzungen und den Leistungsstand der Kla sse zu berücksichtigen. (...). Verschiedene Formen der Differenzierung sollen genutzt werden, um alle Schülerinnen und Schüler angemessen zu fördern und ihnen intensive Übungsmöglichkeiten zu gewähren. Die sportlich weniger Begabten bedürfen der besonderen Zuwendung der Lehrerin bzw. des Lehrers. Besonderen Ausgangsbedingungen, z. B. bei Schülerinnen und Schülern mit Behinderung, ist Rechnung zu tragen.“ 4
2. Zur Fragwürdigkeit der Sportzensur
Seit der Einführung des Sportunterrichts in Deutschlands Schulen im 19. Jahrhundert, war die Sportzensur häufig Auslöser heftiger Debatten. 5 Unter diesem Unter-
punkt sollen einige wichtige Aussagen pro und contra Sportzensur aufgeführt wer-
den, die in den letzten 40 Jahren gemacht wurden. Vorher werden allerdings noch
Ergebnisse zweier interessanter Befragungen preisgegeben, die jedoch keine Vorein-
genommenheit beim Leser gegenüber der Thematik erzeugen sollen:
Untersuchungen Schröders ergaben, dass 80 % der Schüler die Beibehaltung der
Sportzensur befürworten und nur 3 % diese ablehnen (? vgl. 6.1). Fand man Befür-
worter vor allem auf Seiten von jüngeren Schülern und von überdurchschnittlich gu-
ten Sportschülern, sprachen sich auffallend viele Schüler in höheren Klassen sowie schlechte Sportschüler für die Abschaffung der Sportzensur aus. 6
3 Tillmann: Leistungsbewertung und Zensierung im Fach Sport, in: PÄDAGOGIK 2/01, 2001, S. 45
4 Ministerium für Kultus und Sport: Kultus und Unterricht, Bildungsplan für die Realschule, Lehrplanheft 3/1994, 1994, S. 28
5 Tillmann: Leistungsbewertung und Zensierung im Fach Sport, in: PÄDAGOGIK 2/01, 2001, S. 45
6 Schröter, 1977, o. S., zit. nach Volkamer: Messen und Zensieren im Sportunterricht, 1978, S. 111f
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Untersuchungen Kröners zufolge, wünschen sich 76 % der Sportlehrer eine Beibeha ltung der Sportzensur, während 13 % diese ablehnen und 3 % eine neutrale Haltung zur Thematik einnehmen. 7 Aussagen zu etwaigen Ursachen der jeweiligen Lehrerhaltung wurden hierbei keine gemacht.
Gall fand heraus, dass sich 80 % der Eltern grundsätzlich für die Beibeha ltung von Noten und Zeugnissen aussprechen. Speziell die Sportnote halten die meisten (keine Prozentangabe!) jedoch für überflüssig. 8
2.1 Argumente pro Sportzensur
- Vertreter der Position, „die Sportzensur ist sinnvoll und notwendig“ 9 , verweisen darauf, dass zentrale Begriffe wie „Le istung“, „Wettkampf“ und Rekord die zentrale Sinnrichtung jeden Sports wiederspiegeln. 10
- Mit der Abschaffung der Sportnote käme dem Unterrichtsfach Sport eine Sonderstellung innerhalb des Schulwesens zu. Um dies zu vermeiden, sollte man sie beibehalten. 11
- Kein anderes Schulfach wie der Sport erlaubt eine so exakte Messung von Schülerleistungen, zumindest in einigen Leistungsbereichen (vgl. 6.5.1). 12 Daher wäre es unverzeihlich, wenn die Sportnote abgeschafft werden würde.
- Die Vergabe von Noten im Sportunterricht wirkt, wie auch in anderen Fächern, als äußerst motivationsfördernd auf die Schüler. 13
- Die meisten Schüler wünschen sich die Beibehaltung der Sportnote 14 , weshalb man sie nicht abschaffen sollte.
7 Kröner, 1976, o. S., zit. nach Volkamer: a. a. O., S. 114
8 Gall, in : DIE LEIBESERZIEHUNG, 1971, S. 89-94, zit. nach Manthey: Zur Problematik des Wertens und Beurteilens im Sportunterricht, 1976, S. 29f
9 Tillmann: Leistungsbewertung und Zensierung im Fach Sport, in: PÄDAGOGIK 2/01, 2001, S. 45
10 Kurz, 1990, S. 228, zit. nach Tillmann: a. a. O.
11 Gerike, 1996, S. 56, zit. nach Tillmann: a. a. O.
12 Tillmann: Leistungsbewertung und Zensierung im Fach Sport, in: PÄDAGOGIK 2/01, 2001, S. 45
13 u. a. Schmidt, 1963, S. 85, zit. nach Volkamer: Messen und Zensieren im Sportunterricht, 1978, S. 114
14 Schröter, 1977, o. S., zit. nach Volkamer: Messen und Zensieren im Sportunterricht, 1978, S. 111f
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2.2 Argumente contra Sportzensur
- Man vermittelt mit der Sportzensur den Eindruck, dass diese eine reine Leistungsnote ist. Dem lässt sich jedoch nur teilweise zustimmen. 15 Gerade in Bereichen wie den Ballsportarten oder dem Tanz, lässt sich dies in Frage stellen.
- Die Sportnote trägt dazu bei, „dass der Leistungsbegriff im Sport ... ‚nach wie vor konkurrenzorientiert verstanden wird’.“ 16 Daher könnte ihre Abschaffung, ‚einen Beitrag zur Humanisierung der Schule bilden.’ 17
- Im Schulsport soll der Spaß im Mittelpunkt stehen und nicht das Streben nach guten Zensuren.
- Für Schüler, deren Unsportlichkeit auf ihren „ungünstigen“ Körperbau zurückzuführen ist, hat die Sportzensur diskriminierenden Charakter. Eine schlechte Note in diesem Unterrichtsfach ist zudem vielen Schülern peinlich und kann Komplexe bei ihnen auslösen.
- Bei der Notenfindung im Fach Sport werden Faktoren wie Angst und Bewegungshemmung nur unzureichend berücksichtigt. 18
3. Zusammensetzung der Sportzensur
Die Sportnote setzt sich nach Tillmann aus den nachfolgend beschriebenen drei Bewertungsaspekten zusammen. Dabei entscheidet jedoch jeder Sportlehrer für sich selbst, wie er die einzelnen Teilgebiete bei der Zensurfindung gewichtet. Während ein Teil der Lehrer es anstrebt, eine „objektive“ Zensurengebung durchzusetzen, plädieren die übrigen für die Suche nach Lösungsvorschlägen, die es unter pädagogischen Gesichtspunkten ermöglichen, die Persönlichkeitsentfaltung, die Selbsteinschätzung und die aktive Beteiligung der Schüler am Unterricht zu fördern. 19 Die unterschiedliche Gewichtung der bei der Bewertung sportlicher Leistung beteiligten Faktoren führt jedoch zwangsläufig zu Divergenzen in der Beurteilung und der Bewertung schulsportlicher Leistungen.
15 Dassel, 1971, S. 88, zit. nach Manthey: Zur Problematik des Wertens und Beurteilens im Sportunterricht, 1976, S. 27
16 Klafki, 1993, S. 13, zit. nach Tillmann: Leistungsbewertung und Zensierung im Fach Sport, in: PÄDAGOGIK 2/01, 2001, S. 45
17 a. a. O., S. 12, zit. nach Tillmann: a. a. O.
18 Manthey: Zur Problematik des Wertens und Beurteilens im Sportunterricht, 1976, S. 28f
19 Tillmann: Leistungsbewertung und Zensierung im Fach Sport, in: PÄDAGOGIK 2/01, 2001, S. 47
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3.1 Sportlich-motorische Leistungen
Um den Leistungsstand motorischer Fähigkeiten benoten zu können, zieht man meist Kriterien wie körperliche Beweglichkeit und Körperbeherrschung heran. Die Leistungsbeurteilung erfolgt daher innerhalb dieses Teilgebiets durch das Messen der körperlich- motorischer Fähigkeiten eines Schülers im jeweiligen Sportbereich. Folglich wird hier ausschließlich „sportliches Können“ bewertet 20 , ganz gleich, welche Vorerfahrungen der Schüler auf dem jeweiligen Gebiet schon gemacht hat. Ein Beispiel hierfür wäre die Bewertung eines Laufes über 1000 Meter, etwa in der
7. Klasse, bei dem die Leistungsbewertung anhand der Zuordnung von Noten zu gewissen Zeitspannen erfolgt.
Der Nachteil dieser Form der Beurteilung liegt jedoch auf der Hand: Es ist die Cha ncenungleichheit, die auf den unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen von Kindern und Jugendlichen basiert (vgl. 6.5.1).
3.2 Individueller Lernzuwachs
Der Lernzuwachs des einzelnen Schülers ist bei der Bewertung sportlicher Leistungen das entscheidende Kriterium. Hauptziel, das man mit der Einbeziehung des ind ividuellen Leistungsfortschritts in die Gesamtnote verfolgt, ist ein Motivationseffekt für körperlich benachteiligte Schüler. 21 Denn so sehen auch sie sich dazu in die Lage versetzt, je nach Gewichtung des individuellen Lernzuwachses innerhalb der Sportnote, mittelmäßige bis gute Zensuren anstreben zu können. Günzel macht diesbezüglich folgenden Vorschlag:
„Die leistungsschwächeren Schüler sollen für ihre Anstrengung b elohnt werden, d. h. dass ihr persönlicher Leistungsfortschritt auch dann, wenn sie auf der absoluten Leistungsskala - auch relativ zur Gruppe gesehen - ganz am Ende rangieren, mit einer Anhebung der Leistungsnote honoriert wird.“ 22
Jedoch kann man mit einer merklichen Bevorzugung schlechter Schüler den Unmut ihrer Klassenkameraden auf sich ziehen, die verständlicherweise nach einer objektiven Leistungsbeurteilung verlangen. Man sollte daher den individuellen Lernzuwachs aller Schüler bei der Notenfindung in gleichem Maße berücksichtigen.
20 Tillmann: Leistungsbewertung und Zensierung im Fach Sport, in: PÄDAGOGIK 2/01, 2001, S. 47
21 a. a. O.
22 Günzel: Taschenbuch des Sportunterrichts, 1977, S. 99
Quote paper:
Daniel Klumpp, 2005, Bewerten und Zensieren im Sportunterricht, Munich, GRIN Publishing GmbH
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