Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung Seite 3
2. Der Selbstmord im Wandel der Zeit Seite 3
2.1 Die Philosophie und der Selbstmord in der Epoche
der Aufklärung Seite 4
3. Werthers Krankheit zum Tode Seite 5
4. Die Rezeptionsgeschichte des Werthers Seite 13
4.1 Die Leiden des Werthers im Visier der Obrigkeit Seite 13
4.2 Der Wertherkult Seite 15
5. Fazit Seite 16
6. Literaturverzeichnis Seite 17
3
1. Einleitung
Meine Arbeit befasst sich mit der Selbstmordthematik in Goethes Werk Die Leiden des jungen Werthers. Um die Kontroverse, die Goethe mit seinem Briefroman hervorrief, zu verstehen, ist es notwendig, die Auffassung der Gesellschaft in Bezug auf den Freitod zu kennen. Daher soll im Folgenden gezeigt werden, welch einen Wandel die Bürger in ihrem moralischen Denken im ausgehenden 17. Jahrhundert durchlaufen haben und wie der Suizid von einem Werk des Teufels zu einer schweren psychischen Krankheit mutierte.
Des Weiteren werde ich in Goethes Roman die Vorausdeutungen in Hinblick auf Werthers Selbstmord untersuchen, so dass erkennbar wird, dass seine Entscheidung sich das Leben zu nehmen von langer Hand geplant und kein spontaner Akt war. Diese Analyse wird sich auf die erste Fassung Die Leiden des jungen Werthers von 1774 beziehen.
Zur Vervollständigung meiner Arbeit dient die Ausarbeitung über die Rezeptionsgeschichte des Werkes, das als Meilenstein des Sturm und Drang angesehen werden kann und als solcher die Meinung der Gesellschaft auf das Extremste teilte.
2. Der Selbstmord im Wandel der Zeit
Die Ächtung des Suizids ist bis in die vorchristliche Zeit zurückzuverfolgen und mit dem Beginn des Christentums wurde die Verurteilung noch rigoroser. Das Denken der Menschen beruhte darauf, dass der Selbstmord Teufelswerk sei und daher mit harten Sanktionen bestraft werden müsse. Zudem befürchtete die Obrigkeit im 16. und 17. Jahrhundert, dass die Gesellschaft die Selbsttötung als Ablehnung des Herrschers und Kritik am Staat ansehen könne. Das von William Blackstone 1765 verfasste Commentaries on the Laws of England beinhaltete genau diese Thematik. Der Selbstmord sei zu sanktionieren, da er eine Auflehnung gegen Gott und den Herrscher darstelle. 1 Das Selbstmordverbot der Kirche sowie das Denken der Bürger führte zu einer schweren Ahndung der Suizidenten. Ihre Leichname wurden geschändet und hingerichtet. So erhielten sie auch kein ehrliches Begräbnis auf einem Friedhof, sondern
1 Vgl. Gerd Mischler. Von der Freiheit das Leben zu lassen. Kulturgeschichte des Suizids. Wien. Europa
Verlag Hamburg 2000. S. 67.
4 wurden im Wald verscharrt oder unter einem Galgen begraben. Diese Form der Bestattung wurde als „Eselsbegräbnis“ 2 bezeichnet.
Mit dem Beginn der Neuzeit begann sich die Auffassung der Gelehrten in Bezug auf die Frage des Selbstmordes zu wandeln. Man erkannte, dass die Suizidenten nicht vom Teufel besessen waren, sondern einer psychischen Krankheit unterlagen. Daher wurde der Selbstmordkomplex auch immer mehr zum Thema der Medizin und Psychologie als der Theologie. Robert Burton gab schon 1621 in seinem Werk The Anatomy of Melancholy bekannt, dass die Melancholie der Auslöser des Suizids sei, da diese den Menschen innerlich zermürbe und ihm das Leben ausweglos erscheinen ließe. 3 Mit der Erkenntnis, dass Selbstmord und Wahnsinn im Zusammenhang stehen, wurde zunächst eine Minimierung der strafrechtlichen Maßnahmen bewirkt, bis sie 1794 im Preußischen Allgemeinen Landrecht vollkommen aufgehoben wurden. Die Selbstmörder erhielten nun das „stille Begräbnis“ 4 , bei dem sie auf einem Friedhof bestattet wurden und keinerlei Schmähung und Schimpfung ausgesetzt waren. 5
2.1 Die Philosophie und der Selbstmord in der Epoche der Aufklärung Für die Philosophen der Aufklärung stand fest, dass der Mensch aufgrund des Nutzen seines Verstandes die Freiheit über sein Leben besäße, somit sei es ihm auch gestattet, den Zeitpunkt seines Todes zu bestimmen. Allerdings gab es bei den einzelnen Philosophen Variationen in ihrer Grundhaltung bzgl. der Thematik des Selbstmordes. Daher möchte ich an dieser Stelle zwei divergierende Meinungen vorstellen, die des schottischen Philosophen David Hume (1711-1776) und die des Königsberger Geisteswissenschaftlers Immanuel Kant (1724-1804).
In Humes Essay Of Suicide wird deutlich, dass der Autor die Ansicht besitzt, der Mensch habe das Recht, über das eigene Leben und seinen Tod zu entscheiden. Der Selbstmord stelle keine Pflichtverletzung gegenüber sich selbst, der Gesellschaft und Gott dar, wie es Thomas von Aquin kanonisiert hatte. Die Gesellschaft erfahre durch den Freitod keinen Schaden und auch Gottes Planung sei durch den Suizid nicht beeinträchtigt. 6 Für Kant hingegen ist im Einklang mit dem christlichen Glauben die Selbsttötung moralisch nicht vertretbar. Der Mensch habe nämlich die Aufgabe, sich selbst am Leben
2 Ursula Baum. Vom Recht auf den eigenen Tod. Die Geschichte des Suizids vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Weimar. Verlag Herman Böhlaus 2001. S. 18.
3 Vgl. Gerd Mischler: a.a.O., S. 69.
4 Ursula Baum: a.a.O., S. 24.
5 Vgl. ebd., S. 23f.
6 Vgl. Gerd Mischler: a.a.O., S. 74.
5 zu erhalten um in der Welt die Sittlichkeit zu realisieren. Auch Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft und Gott ließen den Selbstmord nicht zu. 7
In Deutschland ist zur Zeit der Aufklärung vor allem der Philosoph Christian Wolff (1679-1754) bedeutsam, der den Freitod nur dann für entschuldbar hält, wenn entweder der eigene natürliche Tod sehr qualvoll oder das Leben nicht mehr erträglich sei. Insgesamt verläuft daher die Wandlung im Denken der deutschen Gesellschaft zur Thematik des Selbstmordes langsamer und gemäßigter und auch die Kritik an der Kirche ist leiser zu vernehmen als in England oder Frankreich. 8
3. Werthers Krankheit zum Tode 9 Es gibt zahlreiche Interpretationen zu Goethes Werk Die Leiden des jungen Werthers, die die Ursachen für das Scheitern des Protagonisten in seiner Kindheit, der Einstellung gegenüber der Gesellschaft und seiner unglücklichen Liebe zu Lotte suchen. Ich möchte an dieser Stelle nicht nach den Auslösern für seinen Freitod forschen, sondern chronologisch auf die Suizid-Vorausdeutungen im Text selbst eingehen und somit Werthers psychische Erkrankung im wiederholten Verlauf der Jahreszeiten vom Frühjahr bis zum Winter verfolgen, die am dunkelsten Tag des Jahres in der tödlichen Konsequenz endet.
Bereits im Vorwort werden die Leiden des „armen Werthers“ 10 betont, die den Leser ergreifen und ihn mitfühlen lassen sollen. Dies deutet auf ein trauriges Schicksal der Hauptfigur hin, jedoch nicht explizit auf seinen Tod. Dennoch steigert es die Erwartungshaltung des Publikums und veranlasst es, auch zwischen den Zeilen zu lesen. „Wie froh bin ich, daß ich weg bin!“ (S. 8, Z. 2). Mit dieser Aussage Werthers beginnt sein erster Brief am 4. Mai an seinen Freund Wilhelm. Vordergründig ist damit die Abreise von der Heimat gemeint, allerdings kann man mit dem Vorwissen auf das Ende des Buches diesem Satz auch eine bedeutendere Konnotation zuweisen, da im Mittelpunkt der Handlung die Entwicklung zum Selbstmord steht. Bereits vor der Begegnung mit Lotte ist Werthers melancholische Veranlagung zu erkennen, die sich in
7 Vgl. Ursula Baumann: a.a.O., S. 133.
8 Vgl. Gerd Mischler: a.a.O., S. 76f.
9 Goethe hat die Formulierung „Krankheit zum Tode“ dem Johannes Evangelium, Kapitel 11, Vers 4 entnommen.
10 Johann Wolfgang Goethe. Die Leiden des jungen Werthers. Studienausgabe. Paralleldruck der Fassungen von 1774 und 1787. Hrsg. v. Matthias Luserke. Stuttgart. Philipp Reclam Junior 1999. S. 6, Z. 2. Im Folgenden direkter Seitenverweis nach dem Zitat.
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Antje Minde, 2004, Werthers Krankheit zum Tode - Die Selbstmordthematik in Goethes "Die Leiden des jungen Werthers", Munich, GRIN Publishing GmbH
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