I. Bürgerliche Selbstbehauptung/ Krise des Ich / Die Familie als Machtinstrument 2
II. Motive der Verwandlung 4
II. 1. Der biographische Hintergrund 5
II. 2. Experiment der Verweigerung- die Verwandlung als stiller Protest 6
II. 3. Grenzbereich zwischen Isolation und Sozietät 8
III. Die Frage der Schuld 11
III. 1. Die Instanzen der Autorität : 17
IV. Versteckte Kritik 21
V. Sieg der Autorität 22
SCHLUSSBETRACHTUNG 23
Literaturverzeichnis 2
I. Bürgerliche Selbstbehauptung/ Krise des « Ich »/ Die Familie als Machtinstrument
Ich beginne zur Einführung mit einem Zitat aus dem Aufsatz von Otto Gross, der den Titel : « Blätter zur Bekämpfung des Machtwillens » trägt.
Dazu muss man anmerken, dass Otto Gross Freud-Schüler war. Er wurde von seinem Vater, einem Anhänger der sozialdarwinistischen Lehre, die das Recht des Stärkeren vertritt, in die Irrenanstalt eingewiesen. Dieses Zitat verdeutlicht, dass das Kernfamilienmodell seit dem 19. Jahrhundert eine spezielle Position erreicht hat, welche die Gesellschaft in ihren sozialen und ökonomischen Machtverhältnissen unterstützt. Am Beispiel der Familie, welche die kleinste « Parzelle » eines autoritären Staates darstellt, wird der Mechanismus und die Struktur eines autoritären Staates repräsentiert. Die Familie wird als Macht- und Disziplinierungsinstrumentarium verstanden, die gleichzeitig die Vater- Autorität errichtet aber auch genauso brüchig zeigt. Dieses Machtinstrumentarium ist dementsprechend ein Modell gegenseitiger Abhängigkeit und Verschuldung. Aber wie stellt sich die bürgerliche Selbstbehauptung dar ? Woran scheitert die junge Generation ? Werfen wir einen Blick auf den geisteswissenschaftlichphilosophischen Hintergrund und auf das Verständnis vom Subjekt zu diesem Zeitpunkt. Der Subjektbegriff, ausgehend von Aristoteles, wird über die Jahrhunderte hinweg diskutiert und abgewandelt. Das « Ich » wurde im Idealismus zum Substrat von Wissen und Erkenntnis erhoben. Von Descartes wurde mit dem Akt des Denkens die Basis für
diese Erkenntnis geschaffen und führte dazu, dass das Subjekt, das denkende « Ich », in seiner Absolutheit durch seine Erkenntnistätigkeit die Natur beherrscht. Hegel hat dann das « Ich » als das « Geistige » schlechthin bezeichnet, vergass jedoch den Körper. Diesen hat Schopenhauer daraufhin in seine Betrachtungen zum Subjektbegriff mit einbezogen, und er überträgt dieses « Selbstbewusstsein », welches wörtlich zu verstehen ist, auf den Leib und dessen Willen zur Selbsterhaltung (der Selbsterhaltungstrieb). Er sieht ihn als den Urgrund der Existenz an. Die Erkenntnis und Rationalität wird somit durch den Willen erreicht, der ins Bewusstsein, ins « Ich », erhoben wird. Nietzsche verwirft diesen Absolutheitsanspruch der Erkenntnisfähigkeit des « Ich ». In Anlehnung an Schopenhauer entdeckt er hinter allen menschlichen Bestrebungen einen sogenannten « Willen zur Macht », welcher nun jedoch nicht mehr die Verbindung von Erkenntnis und Rationalität im « Ich » herstellt, sondern Ausdruck für die Vielfalt des Subjektes ist. Nietzsche negiert nun den Absolutheitsanspruch des « Ich » völlig. Es bildet folglich keinen Orientierungspunkt mehr, um die Welt zu erklären. Ergänzend dazu wird die Entdeckung des Unbewussten in der Psychoanalyse dem erkenntnisreichen « Ich » und damit den Prinzipien der Aufklärung, der Mensch könne sich durch Bedienen des Verstandes aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit selbstbestimmt befreien, wie sie Kant geprägt hat, den « Boden » nehmen. Der Mensch ist also nicht mehr Herr über sein « Ich », weil sich das Unbewusste jeglicher autonomer Kontrolle, der Kontrolle durch den Verstand, entzieht. 1 Dementsprechend gerät das «Ich » im 20. Jahrhundert in eine Krise. Die autonome Befreiung scheitert mithin in der Moderne. Der Mensch verlor sich im Gestrüpp bürokratischer Vorgänge, im technologischen Fortschritt und später in der Anonymität der entstandenen Grossstädte. Wichtig ist, dass sich der Absolutheitsanspruch des « Ich », der im 19. Jahrhundert Ausdruck in Fortschrittsgläubigkeit und Durchsetzungsfähigkeit in Wirtschaft und Wissenschaft findet und in der Philosophie als Positivismus bezeichnet wird, weiterhin behauptet. Die bürgerliche Selbstbehauptung vollzog sich also über Recht, Ökonomie und familiäre Ordnung mit einem festen Rollensystem. Da sich der Selbstbehauptungsanspruch des Bürgers nicht über den Einfluss auf die Politik vollziehen konnte, zog er sich in diese Bereiche zurück. Wir können auch vom Wandel des Bildungsbürgertums zum Besitzbürgertum sprechen. Was Nietzsche mit Willen zur Macht bezeichnet, trifft für die Figuren Kafkas nicht zu, obwohl sie sich um gesellschaftliche Anerkennung, Eigenständigkeit und Aufnahme in das gesellschaftliche Geflecht bemühen, scheitern sie an ihrer Machtlosigkeit gegenüber den Starken. Diese
Starken begegnen uns in den Figuren von Vätern, Advokaten und Richtern, etc. Den Figuren Kafkas ist es aber unmöglich, sich von familiären und gesellschaftlichen Zwängen zu befreien. Sie scheitern an den Starken, ergeben sich ihrem Schicksal, und sie arbeiten mit einer Art « träger Dynamik » an ihrer Selbstauslöschung. Ihnen bleibt nur noch das Verschwinden oder der Tod. Die Macht der Starken wird folglich auch infrage gestellt und erscheint brüchig. Zur Jahrhundertwende stehen sich nun zwei Subjektbegriffe und somit ein unterschiedliches Beziehungsgeflecht von junger und alter Generation gegenüber, die nicht miteinander zu vereinbaren sind. Wir sprechen auch vom Vater- Sohn Konflikt.
II. Motive der Verwandlung
So stellt die Tierverwandlung einerseits, und diese Verwandlung ist zahlreich ausgelegt worden, eine Flucht vor familiären und beruflichen Autoritäten dar, andererseits ist sie als eine Abhandlung von Machtfragen zu werten, die sich in dieser Erzählung vor allem am Vater-Sohn Konflikt aufzeigen lassen. Sicherlich stellt die persönliche Erfahrung und die, wie Reinhard Meurer sagt, ans ‘’[...] pathologisch grenzende intrafamiliäre Beziehung im Hause Kafka’’ 5 eine wichtige Voraussetzung für das Werk Kafkas dar, aber wir müssen auch von dem ausgehen, was ihn, nach unserem heutigen Verständnis von Literaturgeschichte, zu einem Vertreter des Expressionismus macht, und wie er uns mit seinem Werk ein Portrait seiner Zeit widerspiegelt. Nun lässt der Text sich also wirklich für eine biographische Interpretation « gefügig » machen. Beide Interpretationsansätze, der biographische und der gesellschaftskritische Interpretationsstrang bedingen sich einander. Denn die Familie stellt die kleinste Parzelle des patriarchalen Staates dar, an der sich die Machtkämpfe von Vätern und Söhnen abspielen. Von dieser unbekannten kollektiven Macht, in Vätern, Advokaten und anderen Vertretern des Staates durch seine Figuren dargestellt, gehen die Zwangs- und Kontrollmechanismen aus, die am « kleinen Staat » Familie aufgezeigt werden. Die Vaterfigur steht dann stellvertretend für alle autoritären Instanzen. Sie wird zur Karikatur des Patriarchats.
Betrachten wir nun den Text unter dem Blickwinkel unserer Fragestellung. Die Tierverwandlung ist also als Flucht vor familiären und beruflichen Autoritäten zu
verstehen. Sie ist aber auch eine Abhandlung der Machtfragen des Vater -Sohn Konfliktes.
II. 1. Der biographische Hintergrund
Vom Motiv des Ungeziefers ausgehend, ergeben sich natürlich mehrere Interpretationsstränge. Folgen wir den Ausführungen Claude Thiebauts und Hartmut Binders, dann trifft die Argumentation hinsichtlich eines biographischen Interpretationsansatzes zu. Denn Claude Thiebaut sagt, dass die Lebensumstände Kafkas stark mit der Erzählung verwoben sind, und die Konstellationen im Text machen durchaus einen lebensgeschichtlichen Bezug deutlich, der das Motiv der Käferverwandlung entsprechend deutet. 3 Das Entfremdungserlebnis als Insekt und Kafkas Motive entspringen laut Claude Thiebaut folgendem biographischen Ereignis in Kafkas Leben. Kafkas Vater zwang seinen Sohn zur Teilhaberschaft an einer Asbestfirma. Diese Firma stellte sich als Fehlinvestition heraus. Ausserdem war das Jahr 1912 ein ausgesprochenes Krisenjahr für das gesamte Wirtschaftsleben. So kam es auch zum Zusammenbruch des väterlichen Kurzwarengeschäfts. Weil der Vater aufgrund einer Arterienverkalkung drohte aus dem Geschäftsleben auszuscheiden, wäre dem Sohn, der als einziger über ein Einkommen verfügen würde, die Aufgabe zuteil geworden, die Familie zu unterstützen. Das hätte für Kafka bedeutet, dass er die Familie und Prag nie hätte verlassen können. Er wäre für immer unselbständig in der Welt des Vaters verhaftet geblieben. Denn er konnte auch nicht zur Last fallen, weil er sich erfolglos als Schriftsteller oder Journalist versucht hatte und in finanzielle Probleme geriet. Die Konstellation d er Schuldfrage die Claude Thiebaut nun anführt, ist folgendermassen angelegt. Der Zwang, der vom Vater ausgeht, macht ihn gegenüber seinem Sohn schuldig, da er ihm, der wirtschaftlich unerfahren ist, die Last der Teilhabe an der Firma überträgt und ihn somit von seiner schriftstellerischen Tätigkeit und Anstellung im Büro abhält. Allerdings hat sich der Sohn für die Investition Geld vom Vater geliehen. Darin liegt die Schuld des Sohnes und der Zwang zur Übernahme der Rolle des Ernährers bei Ausscheidung des kranken Vaters aus dem wirtschaftlichen Leben begründet. 6 Diese Angst und Unfähigkeit der reellen Abnabelung führten bei Kafka zu Agressionen und innerlichen Verweigerungen, die sich auch in vielen Briefen Kafkas und im « Brief an den Vater » erkennen lassen. Ebenso entspringt die Bezeichnung des
Sohnes als Ungeziefer konkreten biographischen Hintergründen. Dies bildet in der Entstehungszeit des Werkes einen möglichen Hintergrund, spiegelt uns aber ebenso globale Vorgänge und Mechanismen eines autoritären Staates wider, die sich an einem Baustein dieser Gesellschaft -der Familie- aufzeigen lassen : -Angst vor Isolation -gegenseitige Abhängigkeit -Zwangs- und Kontrollmechanismen
II. 2. Experiment der Verweigerung- die Verwandlung als « stiller Protest »
Die « Verwandlung » ist eine fiktive Probe Kafkas, um zu sehen, was passieren würde, wenn er das Bild der Eltern, das sie dem Ungeziefer entsprechend von ihm hatten, bestätigen würde. Das Ergebnis wäre demnach negativ, denn wenn er wirklich als Geschäftsmann bei der Familie bliebe, bedeutete dies ständige Arbeitsverweigerung. Folgender Ansatz schliesst den Hartmut Binders und Claude Thiebauts im Wesentlichen mit ein. Das breite Spektrum auf das sich Gregors Verwandlung bezieht, macht Joachim Pfeiffer an dem Begriff der sozialen Rolle fest, welche die Identität des Menschen bestimmt. Diese Rollen der Sozialisation betreffen die Stellung in der Familie, in der Schichtzugehörigkeit, das Alter und das Geschlecht, soziale Berufsrolle, Partnerrolle, Gruppen-oder V ereinszugehörigkeit. Diese Rollen und die Erwartungen, die an diese Rollen gestellt sind, setzen das Individuum unter einen gewissen Druck, der seinen Entfaltungsspielraum einerseits verengt, ihm andererseits aber auch eine Orientierung bereithält, um sich in der Gesellschaft zurechtzufinden. Die Verwandlung konstruiert nun einen radikalen Rollenbruch, der alle Rollen tangiert. Joachim Pfeiffer meint, dass die Verwandlung ein ‘’[...] gewagtes Gedankenexperiment [ist] [...], die die Koordinaten des sozialen Systems grundlegend durcheinander wirbelt.’’ 4
Ein Beispiel dafür :
« Die Mutter nähte, weit unter das Licht vorgebeugt, feine Wäsche für ein Modegeschäft ; die Schwester, die eine Stellung als Verkäuferin genommen hatte, lernte am Abend Stenographie und Französisch, um vielleicht später einmal einen besseren Posten zu erreichen. » (FKSäEr, S.85)
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Steffi Thalwitzer, 2004, Kafka "Die Verwandlung" - Eine gesellschaftskritische Erzählung?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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