Mängel der Hypothesen und
die so genannte Faktorenkomplexion
von
Natalia Schlichter
2005
Inhaltsverzeichnis
1. Die drei „großen“ Hypothesen des Zweitspracherwerbs 2
2. Einflussfaktoren auf den Lernprozess 4
2.1. Zwei Beispiele zu den Einflussfaktoren 6
nach Huneke, Steinig (1997)
nach Klein (1984)
2.2. Externe Einflussfaktoren 7
Sozialer Kontext
Zugang zu der Sprache
Struktur des Verlaufs
Tempo
Endzustand
2.3. Interne Einflussfaktoren 11
Alter
Muttersprachliche Sozialisation
Kognitive Entwicklung
Sprachbegabung bzw. Sprachlernfähigkeit und Intelligenz
Interne affektive Faktoren: Emotionen, Motivation, Ambiquitätstoleranz u. a.
Lerntypen, Lernstile, Lernstrategien
3. Lernersprachen und ihre Merkmale 17
3.1. Lernaktivitäten – vier Aufgaben des Lerners 17
Analyse
Synthese
Einbettung
Vergleich
3.2. Merkmale von Lernersprachen 18
Fehlerarten
Wörter
Formeln
4. Faktorenkomplexion als Interdependenz verschiedener Einflussgrößen 20
Literaturverzeichnis 22
Anhang 23
1. Die drei „großen“ Hypothesen des Zweitspracherwerbs
Die Vorstellung, einen komplexen Gegenstand durch ein regelgeleitetes, klar strukturiertes und funktionierendes Gesetzessystem erklären zu können, ist verführerisch und daher oft vorzufinden. Ein aus der aktuellen Diskussion bekanntes Beispiel dafür ist der Vergleich des Gehirns mit dem Computer und seinen Verarbeitungsprozessen, die die eines Menschen nachahmen sollen. Wie die verschiedenen Funktionen des Gehirns in dem einen einzelnen Organ miteinander verbunden sind, wurde in einer längst überholten Theorie wie folgt erklärt: Die verschiedenen Wissensbereiche wurden den unterschiedlichen Gehirnteilen zugeordnet. Solche Thesen zeichnen sich durch Oberflächlichkeit aus und sind daher von vornherein mit Fehlern behaftet.
Dies bedeutet allerdings nicht, dass die Versuche, die Arbeitsweise des Gehirns zu analysieren, aufgegeben werden sollen. Das Interesse daran, das Phänomen „Mensch“ zu erklären, treibt im weitesten Sinne die Wissenschaft voran. Es ist auch der Grund, weshalb immer neue Theorien entstehen, die aber, und dieser Gedanke ist hier das Entscheidende, nur eine ansatzweise zutreffende Erklärung für das Funktionieren eines Menschen darstellen. Bei Themen, bei denen der Mensch im Zentrum der Aufmerksamkeit, praktisch das Untersuchungsobjekt ist, darf nicht aus dem Blickwinkel verloren gehen, dass keine 100%ig zutreffende Gesetze aufgestellt werden können, dass keine Regelmäßigkeiten zeitlos gültig sind und kein Bereich des „Untersuchungsobjektes“ Mensch endgültig beleuchtet wurde. Kurzum, nicht eine Regel sondern eine Vielfalt dieser ist die Antwort auf die Frage, warum funktioniert der Mensch so und nicht anders.
Die, man möchte sagen, oberflächliche Denkweise ist nicht nur an dem oben dargestellten aktuellen Thema „Vergleichbarkeit des Gehirns mit einem Computer“, sondern auch in den Theorien des Spracherwerbs anzutreffen. Von den Vertretern der Hypothesen zum Spracherwerb wäre gerne erwünscht, dass diese Hypothesen eine Erklärung des Spracherwerbs (hier zum Spracherwerb einer Zweitsprache) liefern. Die bekanntesten drei „großen“ Hypothesen sind die Kontrastivhypothese, die Identitätshypothese und die Interlanguage - Hypothese. Die ersten zwei stellen Gegensätze dar, die dritte versucht, einen Mittelweg einzuschlagen.
Die Identitätshypothese in ihrer radikalsten Form besagt, dass es für den Zweitspracherwerbsprozess keine Rolle spielt, ob bereits eine Sprache gelernt wurde oder nicht (vgl. Klein, 1984). Es existieren gleiche Gesetzmäßigkeiten, denen der Erst(Mutter-) spracherwerb wie auch der Zweitspracherwerb unterliege. Als Vertreter dieser Hypothese lassen sich solche Namen nennen, wie Dulay und Burt (1980), Jakobovits (1970) oder Wode (1974) (vgl. Klein 1984). Die Identitätshypothese wird außerdem vom Chomsky unterstützt, wobei er als Verifizierungsnachweis der Hypothese den Begriff der „Universalgrammatik“ einführt. Die Universalgrammatik wird als eine Art angeborenes Werkzeug zum Sprachenlernen jedem Kind von Geburt an durch die Natur mitgegeben. Beim Erwerb von Sprachen verursachen „angeborene mentale Prozesse“ eine gleiche Abfolge des Erwerbs von zweitsprachlichen Regeln und Elementen, wie bei der Erstsprache. Hierbei werden die Entwicklungssequenzen durch die Struktur der Zweitsprache und die Fehler ebenfalls durch diese und nicht durch die Erstsprache bestimmt, schlussfolgernd spielt „grundsprachlicher Transfer“ keine wesentliche Rolle (vgl. Bausch, 1979).
Im Gegensatz dazu besagt die Kontrastivhypothese, dass die Erstsprache das Erlernen einer weiteren Sprache auf folgende At und Weise beeinflusst: Die „in Grund- und Zweitsprache identische[n] Elemente und Regeln [sind] leicht und fehlerfrei zu erlernen […], unterschiedliche Elemente und Regeln [bereiten] dagegen Lernschwierigkeiten und [führen] zu Fehlern […].“ (Bausch, 1979) Diese Beziehung der beiden Sprachen basiert auf dem Transfer, wobei es beim positiven Transfer das sprachliche Resultat des Lernprozesses mit den zweitsprachigen Regeln und Normen übereinstimmt und beim negativen Transfer (Interferenz) zweitsprachlich fehlerhafte Äußerungen entstehen.
Die Interlanguage – Hypothese stellt eine differenziertere Sichtweise auf den Zweitsprachenerwerbsprozess dar als die der ersten zwei. Die Grundüberlegung hierfür ist, dass in jeder Form des Spracherwerbs der Lerner mit den Mitteln operieren muss, die er zu einem gegebenen Zeitpunkt zur Verfügung hat. Diese Mittel bilden sein jeweiliges Ausdruckssystem, seine Lernervarietät. Nach Selinger (1972) werden diese Sprachvarietäten „Interlanguage“ genannt (vgl. Klein, 1984).
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Natalia Schlichter, 2005, Mängel der drei Hypothesen des Zweitspracherwerbs und die so genannte Faktorenkomplexion, Munich, GRIN Publishing GmbH
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