Inhaltsverzeichnis
1 Prolegomena 2
2 Sprachenpolitik und -situation 4
2.1 Von der Kolonialzeit bis zur Gegenwart 4
2.1.1 Der Kolonialmachthaber und seine geförderten Sprachen 4
2.1.2 Von der Wiedervereinigung bis in die 70er Jahre 6
2.1.3 Die Entwicklung bis heute 7
2.2 Der Sprachgebrauch in der Region Ombessa 8
2.2.1 Der Sprachgebrauch in einzelnen Lebensbereichen 8
2.2.2 Sprachkenntnisse und deren Einsatz im sozialen Umfeld 11
3 Funktionen von Sprachen 15
3.1 Fasolds Schema 15
3.2 Chaudensons analytisches Netz 18
4 Multilinguismus versus Oktroyierung einer Kolonialsprache 20
5 Quellenverzeichnis 22
1
1 Prolegomena
Was heißt Kultur? In Hirschbergs Sinn ist sie “die Summe der von einem Volk hervorgebrachten und tradierten geistigen, religiösen und künstlerischen Werte sowie seiner Kenntnisse und Handfertigkeiten, Verhaltensweisen, Sitten und Wertungen, Einrichtungen und Organisationen, die in ihrer strukturellen Verbundenheit als eine Art gewachsener Organismus den Lebensinhalt” 1 einer ethischen Gruppe charakterisiert wird; und welche selbst wiederum in und aus einem Netzwerk verschiedener Kulturen resultierte und von diesem noch immer Impulse erhält, verarbeitet und als Input an dieses zurückgibt. Nach dieser Definition stellt sich die Frage, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit sich eine Kultur langfristig gegenüber anderen behaupten kann.
Eine Tradition kann nur fortgeführt werden, wenn es ausreichend Individuen gibt, die sich ihrer kulturellen Identität bewußt s ind und diese kollektiv an die nachfolgenden Generationen weitergeben. Im anderen Fall geschieht dasjenige, was Schliemann zu seinem Ruhm führte. Damit es nicht zu einem “floating gap” kommt, wie es Vansina bezeichnet, ist es für den Menschen von primärer Natur sich verständigen zu können. Denn nur Sprache, ob mündlich oder schriftlich ermöglicht die Weitergabe von Informationen, welche in ihrer Verarbeitung Kultur erst ermöglicht. Dem zu Folge ist zu vermuten, dass jede kulturell noch existierende Gruppe, aufgrund ihrer Tradition, eine eigene Sprache besitzt. Grimes (1992) identifizierte 6528 noch existierende Sprachen, wovon 94% in Afrika, Asien Latein Amerika und im Pazifischen Raum beheimatet sind. Wenn weiterhin davon ausgegangen wird, dass etwa 90% der Weltbevölkerung 100 Sprachen sprechen 2 , ist der Umstand zu klären, warum es für den homo sapiens nützlich sein kann, die verbleibenden 6428 Sprachen zu erhalten. Einer Studie von Neukomm und Mattissen (2000) zu Folge gibt es nur 75 offizielle Sprachen auf der Welt, oder anders ausgedrückt 98,9% aller Sprachen sind Minderheitssprachen. In Ländern wie Papua Neuguinea mit 850 Sprachen, Indonesien mit 670 Sprachen oder Nigeria mit 470 Sprachen 3 ist es auf den ersten Blick aus wirtschaftspolitischen Gründen verständlich Hilfssprachen, wie das Pidgin, und offizielle Sprachen zu fördern. Unter kulturellen Gesichtspunkten ist es zumindest dichotom: Einerseits bedeutet die Unterdrückung von Sprache gleichzeitig ihre Bedrohung, weil sie nicht mehr von der betreffenden Nation unterstützt wird. Andererseits dürften im Sinne Spencers diese
1 Hirschberg, 1965:243
2 vgl. Ruhlen 1976
2
Regulierungsprozesse als Versuch des Systems verstanden sein, sich an die Umwelt in ein neues Fließgleichgewicht zu adaptieren. Und dies mit dem Ziel, so wie es seiner Zeit Darwin verstand nicht exkaviert, sondern selbst dominierend zu wirken und im temporalen Gefüge des profanen Progresses zumindest zu überleben. Da aber die lamarcksche Evolutionstheorie nur auf sehr kurze Zeithorizonte anwendbar scheint, ist unmittelbar evident, falls Sprache diachronisch gesehen nicht zum homo scribens findet, dass die mit der Zeit gewachsenen kulturellen Traditionen aus der kollektiven Erinnerung gestrichen werden und mit ihnen das theoretische und praktische Wissen der vorangegangenen Generationen. Wenn dann am Ende der menschlichen Evolutionskette der homo sapiens loquens feststellt, dass alle Menschen hinsichtlich ihrer Sprache und somit in ihrem kulturellen Verständnis uniform sind, gilt es für ihn die transzendentale Frage zu beantworten, welchen Vorteil eine im späten Pleistozän lebende Menschengruppe gegenüber ihm besitzt.
In Afrika werden derzeit etwa 1000 Sprachen gesprochen, wobei Swahili und Haussa mit jeweils über zehn Millionen Sprechern am weitverbreitesten sind 4 . Da einige dieser Sprachen von nur sehr wenigen Menschen gesprochen werden, ist es schwierig eindeutig eine Sprache von einem Dialekt zu unterscheiden. Das es sich um verschiedene Sprachen handelt ist erkennbar an “those speech forms which are not mutually intelligible when used spontaneously [...] by native speakers.” 5
Im Rahmen dieser Arbeit wird im folgenden auf die Sprachenpolitik Kameruns eingegangen. Kamerun zählt mit seinen 238 Sprachen zu den sprachreichsten Ländern der Erde. Deshalb wird im nächsten Kapitel einerseits auf die Sprachenpolitik der wechselnden Herrscher im Zeitverlauf eingegangen, andererseits aber auch die aktuelle Situation in der Region Ombessa beleuchtet, bevor im dritten Kapitel auf die Funktionen von Sprache im Sinne Fasolds und Chaudensons eingegangen wird.
3 Neukomm, Mattissen (2000): Bedrohte Sprachen, Universität Zürich 2001
4 vgl. Microsoft Encarta Enzyklopädie 2004, Afrikanische Sprachen
3
2 Sprachenpolitik und -situation
2.1 Von der Kolonialzeit bis zur Gegenwart
2.1.1 Der Kolonialmachthaber und seine geförderten Sprachen
Noch bevor die deutsche Regierung am 14. Juli 1884 Kamerun als Teil ihres Herrschaftsgebietes erklärte, begannen britische und protestantische Missionare ihre Arbeit in den Küstenregionen Kameruns. Während die britischen Missionare in den Küstenregionen das Pidgin förderte, gewann Douala im landesinneren dadurch an Bedeutung, weil sie für die erste Bibelübersetzung von 1872 genutzt wurde. In Folge dessen wurde sie im Einzugsgebiet der Katholiken zur Kirchensprache und somit auch Schulsprache, was sie bis 1960 blieb. Dagegen versuchten die ersten Protestanten erst die lokale Sprachenvielfalt beizubehalten, entschieden sich aber dann für Douala und Mungaka und förderten diese auch in Regionen, in denen sie nicht als Muttersprache vertreten waren. Ab 1910 betraten die katholischen Missionare auch den Süden Kameruns und ähnlich den Protestanten entschieden auch sie sich für zwei Sprachen (Ewondo und Basaa). Die deutsche Kolonialzeit war durch zwei Dinge geprägt: Einerseits förderten sie den Ausbau der Infrastruktur (z. B. durch den Bau zweier Eisenbahnlinien: Douala-N´kongsaba und Douala -Yaoundé), sowie der Intensivierung der Landwirtschaft. Andererseits ließen sich diese Projekte nur durch Landenteignungen und Zwangsarbeitern vollziehen, so dass sich trotz der Verbesserung der Lebensbedingungen insgesamt ein Widerstand gegen die Besatzer aufbaute, welcher allerdings nicht von allen Einwohnern unterstützt wurde. Dennoch entschlossen sich die Kolonialherren ein Dekret zu verfassen, welches die deutsche Sprache als a lleinige Unterrichtssprache ab der dritten Klasse vorsah. Damit wurde der Gebrauch von Douala, Mungaka und Bamun eingeschränkt und die politische Einflußnahme der betroffenen ethischen Gruppen unterbunden.
Nach dem ersten Weltkrieg wurde Kamerun entsprechend des Versailler Vertrages zwischen Frankreich und England aufgeteilt. Mit der Übernahme des östlichen Teils Kameruns durch Frankreich wurde 1920 per Dekret französisch zur Unterrichtsprache. (Allerdings war es den christlichen Missionaren in ihren Schulen gestattet in den ersten beiden Jahren noch in der lokalen Sprache zu unterrichten.) Für Frankreich gab es hierfür primär drei Gründe. Zum einen schien es ihnen unmöglich ihr Territorium zu einigen und zum zweiten waren sie der Ansicht, dass sich in den lokalen Sprachen, welche zum Teil nicht als Schriftsprache existierten, sich
5 vgl. Robinson (1996): Language Use in Rural Development, p. 11, Mouton de Gruyter 1996
4
keine abstrakten Ideen formulieren lassen. Der Hauptgrund allerdings lag für die sie in der Tatsache, dass Ostkamerun nun zum frankophonen Verbund gehörte und somit es die französische Sprache zu fördern galt, weil sie hier als Machtinstrument und Handelssprache fungierte. 6
Anders als die Franzosen änderten die britischen Besatzer, dass von den Deutschen eingeführte administrative System nicht. Eine von 1920 - 1923 durchgeführte Erforschung afrikanischer Länder unter britischer Verwaltung durch eine Kommission empfahl für den Schulunterricht die lokalen Sprachen zuzulassen mit dem Ziel den Schulbesuch einem größeren Bevölkerungsanteil zu ermöglichen. Aufgrund des Drucks der britischen Regierung wurde dennoch die englische Sprache in den Mittelschulen dominierend. Im Jahr 1953 änderte England seine Ansicht wieder mit der Folge, dass in Regionen, in denen eine lokale Sprache dominierte und als Handelssprache fungierte auch als Unterrichtssprache zugelassen wurde. In Regionen, in denen eine solche Sprache nicht existierend war wurde sich entschlossen “simple English” als Bildungssprache einzusetzen. 7 Ab 1958 war es Westkamerun selbst überlassen die Schul - und Kirchensprache zu wählen. Die Schulbehörde entschloss sich Englisch als einheitliche Schulsprache wieder einzuführen, wobei es den Lehrern gestattet blieb die Regionalsprache unterstützend zu nutzen. In den Kirchen konnten sich die Gemeinden zwischen der Kolonialsprache und entweder Douala oder Mungaka entscheiden. Eine Wahl zwischen Englisch und der jeweiligen Muttersprache wurde nic ht zugelassen. Ursächlich hierfür war die fehlende geschriebene Sprache, die für die Bibel genutzt werden hätte können.
Stumpf kommentierte wie folgt die Einstellung zur Kolonialsprache aus Sicht der traditionsbewußten afrikanischen Gesellschaft: “The arri val of the white man with his technology created the belief that this ”technical superiority” was only the result of the powerful German, French or English word … Since the word underpinned the wielding of colonial power, it was essential to learn a European Language, first of all in order to enjoy a certain prestige and to obtain employment, then in order to manipulate power. … As a result, learning a European language reflected on the one hand a desire to regain the autonomy of a strong word, and on the other hand a search for modernity (prestige, self-affirmation and acquisition). (Stumpf 1979: 138-139)” 8
6 vgl. Djité 1990: 24; in Robinson (1996): Language Use in Rural Development, Mouton de Gruyter 1996
7 vgl. Stumpf 1976; in Robinson (1996 ): a. a. O.
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Arbeit zitieren:
Sven Paschke, 2004, Sprachensituation in Kamerun, München, GRIN Verlag GmbH
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