Deutsche Exilanten und Flüchtlinge in England 1935-1945 3
Sven Feyer Sommersemester 2005
1. Inhalt
1. INHALT 3
2. EINLEITUNG. 4
3. DEUTSCHE UND ENGLAND ZWISCHEN 1900 UND 1945. 5
3.1. DEUTSCHE IN ENGLAND BIS 1933 5
3.2. DEUTSCHE EXILANTEN IN ENGLAND NACH DER MACHTÜBERNAHME HITLERS. 7
4. DIE DEUTSCHEN FLÜCHTLINGE IN DER ENGLISCHEN PRESSE 1935-1945. 10
4.1. DARSTELLUNG DER QUELLEN. 10
4.1.1. The Daily Mail. 10
4.1.2. The Manchester Guardian. 11
4.1.3. Deutsche Exilantenzeitungen: „Die Zeitung“ und „Freie Deutsche Kultur“ 13
4.2. SEPTEMBER 1935: DIE „NÜRNBERGER GESETZE“ 14
4.3. MÄRZ 1938: DER ANSCHLUß ÖSTERREICHS. 16
4.4. NOVEMBER 1938: DIE POGROME IN DEUTSCHLAND. 19
4.5. MAI 1940: INTERNIERUNG DEUTSCHER EXILANTEN IN ENGLAND. 23
4.6. JULI 1940: ÄNDERUNG IN DER BRITISCHEN INTERNIERUNGSPOLITIK. 27
4.7. MAI 1945: DAS KRIEGSENDE ALS NEUBEGINN? 30
5. BEWERTUNG. 33
6. LITERATURVERZEICHNIS 36
7. ANHANG. 38
TABELLE 1 : AUFLAGE DER WICHTIGST EN ENGLISCHEN BOULEVARDZEITUNGEN 1930-1947 (IN MILLIONEN) 38
TABELLE 2 : WAHLERGEBNISSE IN GROßBRITANNIEN 1931-1945 (IN PROZENT ) 38
QUELLENTEXT 1 : MAX ZIMMERING: APPELL. 39
QUELLENTEXT 2 : ANONYM: ARANDORA STAR. 39
QUELLENTEXT 3 : DER „FREIE DEUTSCHE KULTURBUND“ ZU DEN BESTIMMUNGEN DER INTERNIERUNGSLAGER. 40
QUELLENTEXT 4 : ERKLÄRUNG DER ASSOCIATION OF JEWISH REFUGEES IN GREAT BRITAIN. 40
ABBILDUNG 1 : REGIONALE QUOTEN VERSICHERTER ARBEITSLOSIGKEIT 1930-1938 (IN PROZENT ) 41
TABELLE 3 : EI-N UND AUSREISE DEUTSCHER UND ÖSTERREICHISCHER FLÜCHTLINGE NACH ENGLAND 1932-1938 42
Deutsche Exilanten und Flüchtlinge in England 1935-1945 Seite 4 Sven Feyer Sommersemester 2005
2. Einleitung
Die Literatur, die zum Thema des Exils während des Dritten Reichs erschienen ist, ist äußerst umfangreich. Sie umfaßt sowohl Analysen der Ereignisse, der offiziellen Poltik der betroffenen Staaten, Spezialuntersuchungen über einzelne Berufgruppen wie auch Biographien prominenter Exilanten. Besonders die oral history hat sich dabei in den letzten Jahrzehnten hervorgetan, die Schicksale Betroffener vor dem Vergessen zu bewahren.
In dieser Arbeit soll ein zu diesem Thema bislang kaum beschrittener Weg eingeschlagen und durch die systematische Analyse englischer Zeitungen das Schicksal der Flüchtlinge, wie es sich in der Presse widerspiegelte, dargestellt werden. Hierdurch kann direkt auf die Meinungen, Stimmungslagen und eventuell Motive der Engländer wie auch der geflohenen Deutschen im zeitlichen Verlauf geschlossen werden. Dabei sollen zahlreiche Quellenzitate einen unmittelbaren Eindruck von den Geschehnissen vermitteln, die das Leben Hunderttausender Menschen prägten. Da es zwar wünschenswert wäre, die Presse über das Leben der Flüchtlinge während der gesamten zwölf Jahre nationals ozialistischer Diktatur zu untersuchen, dies jedoch den Rahmen dieser Arbeit bei weitem sprengen würde, soll vielmehr die Berichterstattung um sechs einschneidende Ereignisse als zeitliche Bezugspunkte beleuchtet werden. Diese sollen die Ursachen der Flucht und ihre Wahrnehmung in England vor dem Krieg, die Verhältnisse im Exil 1940 sowie die Lage bei Kriegsende umreißen. Als Quellen werden der liberale Manchester Guardian und die regierungsnahe Boulevardzeitung Daily Mail sowie die in England erschienenen Exilantenzeitungen „Die Zeitung“ und „Freie Deutsche Kultur“ verwendet. Deren Analyse sollte hinreichend erscheinen, um das Stimmungsgefüge in seiner Breite von einer informierten liberalen Öffentlichkeit hin zu einer konservativ eingestellten Leserschaft zumindest in ihrer Tendenz anschaulich zu machen. Durch eine vorausgehende Darstellung der Situation der Einwanderer aus Deutschland zu Beginn des 20.Jahrhunderts sowie einen allgemeinen Überblick der Situation deutscher Flüchtlinge in England während des Dritten Reichs soll deren Schicksal und das Verhalten der englischen Bevölkerung in einen größeren Kontext eingebettet werden.
Jedoch soll dabei nicht vergessen werden, dass hinter nüchterner Analyse und schnell niedergeschriebenen Zahlen, deren schiere Größe schwer zu fassen ist, sich die Schicksale von Individuen verbergen, die die Schrecken der Nazidiktatur und des Holocausts am eigenen Leib haben erfahren müssen. Ebenso ist zu berücksichtigen, dass diejenigen Flüchtlinge, die sich nach Großbritannien oder in andere freie Länder haben retten können trotz des oft bitteren Loses zumindest dem Tod und den Leiden der Zurückgebliebenen entgangen sind, deren Grauen sich unserer heutigen Generation jeglicher Vorstellungskraft entzieht.
Deutsche Exilanten und Flüchtlinge in England 1935-1945 Seite 5 Sven Feyer Sommersemester 2005
3. Deutsche und England zwischen 1900 und 1945
3.1. Deutsche in England bis 1933
Emigranten waren in Großbritannien besonders in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts nichts Neues. Bereits zu Beginn des 20.Jahrhunderts lebten allein in London etwa 60.000 deutsche Immigranten. 1 Außerhalb der Hauptstadt gab es zwar zahlreiche, doch wesentlich kleinere deutsche Gemeinden mit meist weniger als 3.000 Mitgliedern wie zum Beispiel in Liverpool, Manchester, Bradford, Hull oder Leeds. 2 In den Emigranten-gemeinden ent-stand auch ein sehr vielfältiges religiöses und kulturelles Leben. Allein in London wurden um die Jahrhundertwende in über 15 Kirchen regelmäßig deutsche Gottesdienste abgehalten, in Manchester gab es drei deutsche Kirchen. Gesellschaftliches Leben pflegten die deutschen Emigranten in Klubs und Vereinen, von denen es alleine in der Hauptstadt Hunderte gab, in denen sich auch die Klassenstruktur der Einwanderer wiederspiegelte. Ferner sind die zahlreichen deutsch geprägten politischen Vereine und Gewerkschaftsorgani-sationen zu erwähnen, deren Ursprünge bis in die Vierziger Jahre des 19.Jahrhunderts zurückreichen. 3 Neben einer armen Unterschicht unter ihnen, die ihren Lebensunterhalt durch Kleinvergehen und Prostitution bestritten, gab es bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs gerade in London bereits eine ansehnliche deutsche Mittelschicht, die es als Händler, Zuckerbäcker, Fleischer, Schneider oder Friseure zu bescheidenem Wohlstand gebracht hatte. 4
Doch verstärkte sich in dieser Zeit auch der ohnehin bereits vorhandene Antisemitismus und die Fremdenfeindlichkeit innerhalb der britischen Bevölkerung. 5 Zwar verbanden die Engländer des 19.Jahrhunderts mit Deutsch-land in der Regel positive Assoziationen, mit dessen zunehmendem Weltmachtsanspruch und sich verstärkenden Konflikten gegenüber dem British Empire wuchs jedoch auch die Deutschenfeindlichkeit, die sich insbesondere auch gegen als Spione betrachtete Immigranten richtete. 6 Dies läßt sich symbolisch daran festmachen, dass die Emigranten nicht nur als immigrants oder foreigners, sondern wie auch später die Flüchtlinge weit häufiger als aliens bezeichnet wurden, was stärker eine negativ besetzte Fremdheit akzentuiert. 7
Zahlreiche Organisationen, wie die British Empire Union, die Anti-German League, die Britain for the British Movement oder die zeitweise im Parlament vertetene National Party machten unter anderem die Germanophobie
1 Vgl. Ritchie, J. M.: Holocaust Refugees in Great Britain and the Research Centre for German and Austrian Exile Studies in London, in: Immigrants and minorities 21(2002)1/2, S. 63-80, hier S.64
2 Vgl. Panayi, Panikos: Immigration, Ethnicity and Racism in Britain 1815-1945. Manchester/New York 2002, S.56
3 Vgl. Panayi 2002, S.86ff.
4 Vgl. Panayi 2002, S.67f.
5 Vgl. Kushner, Tony; Knox, Katharine: Refugees in an Age of Genocide. Global, National and Local Perspectives during the Twentieth Century. London/Portland 1999, S.25ff.
6 Vgl. Panayi 2002, S.118f.
7 Für einen exemplarischen Überblick zur Fremdenfeindlichkeit nach dem Ersten Weltkrieg vgl. Hendley, Matthew: Anti-Alienism and the Primrose League: The Externalization of the Postwar Crisis in Great Britain 1918-32, in: Albion 33(2001)2, S.243-269
Deutsche Exilanten und Flüchtlinge in England 1935-1945 Seite 6 Sven Feyer Sommersemester 2005
zu einem Teil ihres Programms. 8 Der Erste Weltkrieg ließ diese Tendenzen gerade gegenüber Deutschen nicht nur unter den Bevölkerung eskalieren, 9 wie sich in den gewalttätigen antideutschen Ausschreitungen von 1915 zeigte, sondern bewegte auch die Regierung dazu, mit der Aliens Restriction Bill vom 5.August 1914, einen Tag nach der englischen Kriegserklärung, die Bewegungsfreiheit ausländischer Bewohner einzuschränken, die Einreise von Ausländern zu verweigern und Deportationen zu ermöglichen. Auf dieser Grundlage wurden vom November 1914 an etwa 32.000 Deutsche und Österreicher unter zum Teil miserablen Bedingungen in Lagern interniert. 10 Diese Maßnahme beruhte jedoch in keinster Weise auf sicherheitsrelevanten Erwägungen, sondern ist auf die Reaktion der liberalen Regierung zurückzuführen, die der xenophoben öffentlichen Meinung nachgab, die in den Ausländern Verschwörer und Kriminelle sah. 11 Der Krieg zerstörte die deutschen Gemeinden, die sich seit viktorianischer Zeit in England etabliert hatten 12 als ein „(…) result of a concerted effort by state and public to erase the German presence.“ 13 Die letztliche Folge war, dass die Zahl der Deutschen in Großbritannien auf etwa 22.250 im Jahre 1919 zurückging. 14
Die Fremdenfeindlichkeit und der Antisemitismus, die nach der Russischen Revolution noch durch die Furcht vor dem Bolschewismus verstärkt wurden, setzen sich nach dem Krieg insbesondere im politischen Establishment fort. Dies zeigt sich beispielsweise in der Verabschiedung des Aliens Restrictions Act von 1919, der die Flüchtlingspoltik der Kriegsjahre fortsetzte, so dass „(…) a policy of almost total restrictionism [gegenüber Einwanderung; Anm.d.Verf.] continued troughout th e 1920s.“ 15 Obwohl sich Internationalisten für eine offenere Einwanderungspolitik einsetzten, waren sie bis in die späten Zwanziger Jahre in der Öffentlichkeit „isolated voices“. 16 Doch zeigen Detailstudien, dass „(…) by focusing on the local level, British humanitarianism toward refugees can still be detected.“ 17
8 Vgl. Panayi 2002, S.121
9 Zum antideutschen und antisemitischen Verhalten der britischen Bevölkerung während des Krieges vgl. z.B. Panayi 2002, S.112ff.
10 Vgl. Kushner/Knox 1999, S.44ff.
11 Vgl. Kushner, Tony; Cesarani, David: Alien Internment in Britain During the Twentieth Century: An Introduction, in: Immigrants and Minorities 11(1992)3, S.1-22, hier S.12f.
12 Vgl. Kushner/Cesarani 1992, S.2f.
13 Vgl. Kushner/Knox 1999, S.47
14 Vgl. Panayi 2002, S.106
15 Kushner/Knox 1999, S.64. Allerdings richteten sich die Ressentiments nun mehr gegen osteuropäische Juden und zunehmend gegen Immigranten von den Westindies und aus Asien (vgl. Kushner/Knox 1999, S.75).
16 Kushner/Knox 1999, S.65
17 Kushner/Knox 1999, S.100
Deutsche Exilanten und Flüchtlinge in England 1935-1945 Seite 7 Sven Feyer Sommersemester 2005
3.2. Deutsche Exilanten in England nach der Machtübernahme Hitlers
Die Machtergreifung Hitlers führte zu einer ersten Welle von Emigration. Nach Verabschiedung des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ im April 1933 sah vor allem eine große Zahl Intellektueller und politisch engagierter Personen für sich im Deutschen Reich keine Zukunft mehr. So kehrten 1933, insbesondere in den Monaten Mai bis Juli, insgesamt etwa 60.000 Menschen Deutschland den Rücken. 18 Die Anzahl der Flüchtlinge und Exilanten aus dem Dritten Reich nach England war zunächst eher gering,. Bis Mai 1934 hatten 3.500 Menschen in Großbritannien Zuflucht gesucht, davon jedoch etwa 1.000 das Land bereits kurze Zeit darauf meist in Richtung Übersee wieder verlassen. 19 Nach dem Anschluß Österreichs, der Besetzung des Sudetenlandes und vor allem den Pogromen des Novembers 1938 änderte sich dies jedoch in der Folge erheblich, stieg doch die Zahl der Flüchtlinge in das Königreich bis November 1938 auf etwa 15.000 an. 20 Dennoch konnte die Jüdische Gemeinde in England ihre im April 1933 gegebene Garantie, dass für die jüdischen Flüchtlinge alle Kosten ihrer Unterbringung ohne Belastung der britischen Regierung 21 getragen werden würden, bis Ausbruch des Zweiten Weltkriegs einhalten. 22 Dies war deshalb notwendig, da die Erhebung der „Reichsfluchtsteuer“ und „Judenvermögensabgabe“ den Flüchtlingen zumeist keine nennenswerten Mittel für ihr Exil ließ. 23
Nach Angaben des Hochkommissars für das Flüchtlingswesen des Völkerbundes hatten von 1933 bis September 1938 etwa 400.000 Personen das Großdeutsche Reich verlassen. 24 Als der Zweite Weltkrieg begann, befanden sich etwa 70-80.000 Flüchtlinge aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei in Großbritannien, viele tausend weitere reisten transit in andere Länder. 25 Zwischen 1940 und 1943 hat Großbritannien weitere 60.000 Flüchtlinge aus von der Wehrmacht überrollten Ländern aufgenommen. 26 War Immigration nach Großbritannien bereits Anfang der Dreißiger Jahre schwierig, zum Teil wegen des britischen Widerwillens im Rahmen der ap- 18 Vgl.Malet, Marian: Departure and Arrival, in: Malet, Marian; Grenville, Anthony (eds.): Changing Countries. The Experience and Achievement of German-speaking Exiles from Hitler in Britain from 1933 to today. London 2002, S.45-89, hier S.45f.
19 Vgl. Kushner/Knox 1999, S.128. Im gleichen Zeitraum suchten in Frankreich 21.000, in Polen 8.000 und in der Tschechoslowakei etwa 3.500 Deutsche Zuflucht (vgl. Snowman, Daniel: The Hitler Emigres. The Cultural Impact on Britain of Refugees from Nazism. London 2003, S.87).
20 Vgl. Brinson, Charmian: A Woman’s Place …? German-speaking Women in Exile in Britain, 1933-1945, in: German life and letters 51(1998)2, S.204-224, S.204f.; vgl. Kushner/Knox 1999, S.129
21 Zu den Wahlergebnissen in Großbritannien 1931 bis 1945 vgl. Tabelle 2 im Anhang
22 Vgl. Kushner/Knox 1999, S.128
23 Vgl. Malet 2002, S.65f.
24 Vgl. Sherman, A.J.: Island Refuge. Britain and Refugees from the Third Reich 1933-1939. 2 nd ed. Ilford/Portland 1994, S.269f. Hiervon waren etwa 226.000 jüdische Bürger aus Deutschland, weitere 134.000 bis 144.000 aus Österreich und der Tschechoslowakei.
25 Vgl. Ritchie 2002, S.63
26 Vgl. Holmes, Colin: British Government Policy towards Wartime Refugees, in: Conway, Martin; Gotovitch, José (eds.): Europe in Exile. European Exile Communities in Britain 1940-45. New York/Oxford 2001, S.11-34, hier S.14
Deutsche Exilanten und Flüchtlinge in England 1935-1945 Seite 8 Sven Feyer Sommersemester 2005
peasement policy in „interne deutsche Angelegenheiten“ einzugreifen, so sahen sich Flüchtlinge seit Mai 1940 selbst in ihrem Exil Internierung und Deportation ausgesetzt. 27 Zehntausende wurden interniert und allein in der ersten Hälfte 1940 8.000 Internierte nach Übersee transportiert. 28
Doch wußten die Exilanten um das Glück, das ihnen durch die Aufnahme in ihrem Gastland zuteil wurde. So hie lten sie sich mit grundsätzlicher Kritik an Großbritannien oder Forderungen zur Unterstützung zurück und entwickelten eine bestimmte Art von Anglophilie. „Gratitude and admiration, certainly, were fulsome among many Central European refugees.“ 29 Wie verschiedene Studien gezeigt haben, waren die Exilanten Großbritannien von erheblichem Nutzen, hatten doch gerade Künstler und Wissenschaftler unter ihnen erheblichen Einfluß auf ihre jeweilige Disziplin im Gastland. 30 Mehr als 250 führende Wissenschaftler nahmen in den Dreißiger Jahren Zuflucht im Königreich, nicht weniger als ein Dutzend von ihnen wurde später mit dem Nobelreis ausgezeichnet. 31 Ihre gute Ausbildung und das Renommée waren es oft auch, die es ihnen ermöglichten ausuwandern. „If you were from an educated, well-connected, upper-middle -class family, (…) the head of the household would doubtless think strategically, nurse the right contacts, know how to apply for the correct documents and be able to pay whatever was required to get out while it was still possible to do so.“ 32 Daneben wurden in Großbritannien wie auch in den USA gerade Wissenschaftler unterstützt, um ihre Studien fortsetzen zu können oder ihnen zumindest die Eingliederung zu erleichtern. So wurde das Academic Assistance Council organisiert, dass Wissenschaftlern finanzie ll beistand und ihnen neue Beschäftigung vermittelte. 33 Aber auch andere Organisationen, wie das Jewish Refugee Committee, christliche Vereinigungen, Verbände wie der International PEN Club oder nicht zuletzt die von Flüchtlingen selbst organisierten Verbände, wie die Artists‘ International Association oder der „Freie Deutsche Kulturbund“ suchten die Exilanten in England zu unterstützen. 34 Doch zeigten sich im Alltag gerade bei weniger bemittelten Flüchtlingen häufig Probleme, die sich aufgrund der sprachlichen und kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Engländern ergaben. 35 Vor allem Frauen, die oftmals die Last des Alleinverdieners trugen, wenn ihr Ehemann ohne Arbeitserlaubnis oder politisch engagiert war, sahen sich den Schwierigkeiten und Mißverständnissen der neuen Lebensumstände ausgesetzt. Dies verschlimmerte sich bei Ausbruch des Krieges,
27 Vgl. Ritchie 2002, S.64
28 Vgl. Donnelly, Mark: Britain in the Second World War. London/New York 1999, S.48
29 Snowman 2002, S.343
30 Vgl. Scherer, F. M.: The Emigration of German-Speaking Economists after 1933, in: Journal of Economic Literature 38(2000)3, S. 614-626; vgl. Kushner/Knox 1999, S.160ff. Etwa 1.400 Dozenten verließen bis zu den Pogromen 1938 allein deutsche Universitäten. Zum Einfluß von nach England emigrierten Künstlern im weitesten Sinn vgl. ausführlich Snowman 2003.
31 Vgl. Ambrose, Tom: Hitler’s Loss. What Britain and America gained from Europe’s cultural exiles. London 2001, S181f.
32 Snowman 2002, S.318
33 Vgl. Scherer 2000, S.616
34 Vgl. Snowman 2002, S.319
35 Vgl. Snowman 2002, S.356ff.
Deutsche Exilanten und Flüchtlinge in England 1935-1945 Seite 9 Sven Feyer Sommersemester 2005
als aufgrund der Furcht Feinde zu beherbergen gleich in den ersten beiden Kriegswochen 8.000 deutsche Hausmädchen ihre Anstellung und damit häufig ihre Unterkunft verloren. 36
Eine feindliche Haltung gegenüber den Flüchtlingen, insbesondere jüdischen, bezogen stets die faschistischen Organisationen in England, insbesondere die British Union of Fascists (BUF) unter Sir Oswald Mosley. Doch blieb ihr Einfluß sehr gering und war vor allem auf das Londoner East End begrenzt. Zudem wurde sie im Mai 1940 verboten. 37 Doch gab es durchaus eine gewisse Antipathie der Bevölkerung insgesamt gegenüber den Flüchtlingen. Diese resultierte zum einen aus den wirtschaftlichen Unsicherheiten in den Dreißiger Jahren, die in den Einwanderern Konkurrenten um Arbeitsplätze sehen und die Angst vor Arbeitslosigkeit 38 wachsen ließ. Zum anderen spielte aber auch eine breite, wenn auch eher selten offen artikulierte fremdenfeindliche und antisemit ische Einstellung in der Bevölkerung eine Rolle. 39
Nach Ausbruch des Krieges verstärkte sich diese Einstellung in der britischen Bevölkerung. Mit den Erfolgen der Wehrmacht, den Mitte 1940 beginnenden Luftangriffen auf englische Städte und nicht zuletzt durch die Angst vor einer deutschen Invasion, verschlechterte sich die Moral der Bevölkerung dramatisch. Zudem kam es immer häufiger zu Plünderungen ausgebombter Häuser. 40 Daneben blühte der Schwarzmarkt auf, Lebensmittelkarten wurden gefälscht und Korruption nahm zu. 41 Neben London hatte die Luftwaffe auch zahlreiche andere Städte bombardiert, unter anderem mehrfach Glasgow, Liverpool, Manchester, Sheffield, York und Hull, nach dem Abbruch der großen Luftangriffe im Mai 1941 sogar einzelne Dörfer und Gehöfte. Erschüttert wurde die Bevölkerung besonders durch die Verwüstung Coventrys am 14.November 1940, bei der 520 Menschen den Tod fanden. Der Häu-serbestand dort wurde zu 80% zerstört. 42 Der Luftschutz war völlig unzureichend, Ende 1940 stand in London nur für etwa 40% der Bevölkerung Schutzraum zur Verfügung. Während des Krieges verloren etwa 80.000 Menschen in Großbritannien ihr Leben durch deutsche Bombenangriffe, etwa doppelt so viele wurden verwundet. 43 Dies wirkte sich insgesamt auf die Haltung gegenüber Flüchtlingen aus. „Home Intelligence also found that raids intensified the resentment which was directed at ethnic minorities.“ 44
36 Brinson 1998, S.210
37 Vgl. Kushner/Knox 1999, S.149
38 Zur Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Großbritannien zwischen 1930 und 1938 vgl. Abbildung 1 im Anhang
39 Vgl. Kushner/Knox 1999, S.172
40 Vgl. Whiting, Charles: Britain under Fire. The Bombing of Britain’s Cities 1940-1945. Barnsley 1999, S.25 sowie S.64f.; allein in London zwischen September und Dezember 1940 wurden über 5.500 Fälle von Plünderung vor Gericht gebracht (vgl. Smith, Harold: Britain in the Second World War. A Social History. Manchester/New York 1996, S.88f.).
41 Vgl. Donnelly 1999, S.38
42 Vgl. Whiting 1999, S.30ff. Die Angriffe erfolgten bis März 1945, zuletzt besonders durch V1- und V2-Raketen.
43 Vgl. Whiting 1999, S.19ff.
44 Donnelly 1999, S.37. Insbesondere nahm die antisemitische Einstellung, die bereits vor dem Krieg vorhanden war, zu. In gleicher Weise äußert sich Whiting 1999, S.73. „Looting was rife and anti-semitism was strong, the Jews were accused, as they were in London, of using their money to find safe havens away from the city.“
Arbeit zitieren:
Sven Feyer, 2005, Deutsche Exilanten und Flüchtlinge in England im Spiegel der Presse 1935-1945, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Soziale Perspektivität am Beispiel der Französischen Revolution
Seminararbeit, 27 Seiten
Die Erziehung der spartanischen Knaben
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Seminararbeit, 12 Seiten
Ostrakismos - Das Scherbengericht im klassischen Athen
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Seminararbeit, 18 Seiten
Erzähltechnik in 'Berlin Alexanderplatz' - Analyse einiger aus...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 15 Seiten
Sven Feyer's Text Deutsche Exilanten und Flüchtlinge in England im Spiegel der Presse 1935-1945 ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Sven Feyer hat den Text Deutsche Exilanten und Flüchtlinge in England im Spiegel der Presse 1935-1945 veröffentlicht
Sven Feyer hat einen neuen Text hochgeladen
Als ich Deutsche war 1934 - 1945
Eine Engländerin erzählt
Christabel Bielenberg, Christian Spiel
A Press in Isolation: University of Western Australia Press, 1935-2004
Criena Fitzgerald, University of Western Australia Press
Settlers: New Zealand Immigrants from England, Ireland & Scotland 1800...
Jock Phillips, Terry Hearn
0 Kommentare