Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
Kapitel I
Marcus Cocceius Nerva 5
Kapitel II
Das aristokratische Netzwerk. 8
Caius Plinius Caecilius Secundus 11
Sextus Iulius Frontinus. 13
Lucius Verginius Rufus. 16
Cnaeus Arrius Antoninus 17
Publius Cornelius Tacitus. 18
Quintus Glitius Atilius Agricola 20
Lucius Domitius Apollinaris 21
Kapitel III
Fazit. 25
Anhang 32
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Einleitung
Der 18. September 96 n. Chr. bedeutete das Ende des flavischen Hauses. An diesem Tag wurde der „Tyrann“ Domitian durch eine Verschwörung, zu der die Prätorianerpräfekten, sein Kämmerer sowie weiteres Hofpersonal gehörten, zu Tode gebracht. Sein Nachfolger im Prinzipat wurde noch am selben Tag zum Kaiser proklamiert. Der zu diesem Zeitpunkt bereits über 65 Jahre alte M. Cocceius Nerva soll dabei nicht einmal die erste Wahl der Verschwörer gewesen sein. 1 Seine Regierungszeit blieb letztlich ein Intermezzo und glaubt man den Ausführungen des jüngeren Plinius, dann war die einzige Leistung dieses zwölften Kaisers die Adoption Trajans. 2
Zum Charakter und der Herrschaftsauffassung bzw. -ausübung Nervas findet sich ein überwiegend einstimmiges Bild in der Literatur. Er war „ein schwacher Mann und ein Lückenbüßer, der sich deshalb auch sogleich mit allen wesentlichen politischen Gruppen zu arrangieren suchte“, lesen wir etwa bei Karl Christ. In den Darstellungen des Plinius ist Nerva bereits „ein gütiger Greis“ bzw. „ein trefflicher und ehrwürdiger Greis“, dem die Macht genommen wurde. Genauer ist Cassius Dio, wenn er schreibt: „Nun war aber der Kaiser infolge seines hohen Alters und anfälligen Gesundheitszustandes - so mußte er immer die Speisen erbrechen - ziemlich geschwächt.“ 3
Dieses Bild vom schwachen Kaiser, der lediglich ein Lückenbüßer war, der faktisch keine Macht besaß und zudem, um überhaupt Kaiser bleiben zu können, jemanden adoptieren mußte, soll hier eingehend überprüft werden. Dabei wird jene Aktion, die stets als Symbol der Machtlosigkeit Nervas gewertet wird, der konkrete Gegenstand der folgenden Betrachtungen sein.
1 Christ, Karl: Geschichte der römischen Kaiserzeit. Von Augustus bis zu Konstantin, München ³1995, S. 285. -
Syme, Ronald:Tacitus, Volume I, Oxford 1958, S. 1. - Stein, A.: RE IV, 1 (1900), Sp. 133-154, s.v. Cocceius,
hier: Sp. 136.
2 Plinius der Jüngere, Panegyrikus. Lobrede auf den Kaiser Trajan, herausgegeben, übersetzt und kommentiert von
Werner Kühn, Darmstadt 1985, Kapitel 10,4 - 10,6.
3 Christ, Kaiserzeit, S. 285. - Plin. Pan. 6,1 und 10,4. - Cassius Dio 68, 1,3.
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Hierzu ist es nötig, dass der Weg, der zur Adoption Trajans führte, erörtert wird. Es wird sich noch erweisen, dass der Akt auf dem Kapitol, der mit der Adoption endete, keineswegs so spontan war, wie es etwa Cassius Dio glauben machen will.
„Als sich Nerva wegen seines hohen Alters so gering geachtet sah, stieg er zum Kapitol empor und sagte mit lauter Stimme: «Zum Heile des Senats und des Volkes der Römer sowie zu meinem eigenen Besten nehme ich hiermit den Marcus Ulpius Traianus an Sohnesstatt an».“ 4 Cassius Dio schildert dieses Ereignis in unmittelbarem Zusammenhang mit der Erhebung der Prätorianer, um den Tod des Domitian zu rächen und die Mörder des letzten Flaviers zu bestrafen. Auch Plinius stellt eine direkte Verbindung zwischen Prätorianererhebung und Adoption her. 5 Neben dem Akt der Adoption ist die Erhebung der Prätorianer unter der Führung des unter Nerva wiedereingesetzten Präfekten Casperius Aelianus ein weiterer Punkt, den es genauer zu untersuchen gilt. Dass es zwischen beiden Ereignissen einen inneren Zusammenhang gibt, wird im Laufe dieser Arbeit nicht bestritten werden. Es soll lediglich darauf hingewiesen werden, dass beide Aktionen - aus einem anderen Blickwinkel betrachtet - auch Rückschlüsse auf ein anderes Nervabild zulassen, das vom allgemeinen Konsens abweicht. 6 Die Hauptquelle für die folgenden Betrachtungen bilden die beiden Werke des jüngeren Plinius. Sein Panegyrikus auf Kaiser Traian sowie die Sammlung seiner Briefe sind von unschätzbarem Wert für die Behandlung dieses Themas. Zum einen weil aus jener Epoche der römischen Kaiserzeit nur wenig schriftliches Quellenmaterial auf uns gekommen ist, zum andern weil diese Quellen einen Einblick in die Lebenswelt des Plinius gewähren, der nicht minder wichtig ist, da Plinius eine nicht unbedeutende Rolle in den Ereignissen um die Adoption des optimus princeps spielte. 7
Am Ende der Arbeit wird sich dann zeigen, ob Nerva der schwache Greis war und deshalb Traian adoptierte oder ob Nerva nicht doch anders war als es sein Ruf glauben machen will. Vielleicht hatte er andere Gründe für eine Adoption, die nicht primär auf der Prätorianererhebung fußten, womöglich war die Adoption selbst keine ad-hoc Aktion, sondern von langer Hand geplant? Wir versehen alles mit einem grossen Fragezeichen und versuchen die Sache im Folgenden zu klären.
4 Cass. Dio, 68,4.
5 Plin. Pan. 6,2.
6 Vgl. dazu Kienast, Dietmar: Nerva und das Kaisertum Trajans, in: Historia 17 (1968), S. 51-71.
7 Anders sieht das etwa Karl Christ, wenn er schreibt: „Auch die intensiven Bemühungen der Erforscher der
römischen Führungsschicht haben nur äußerst selten zu grundlegenden Veränderungen jenes traditionellen
Geschichtsbildes geführt, in dem wohl mittelmäßige und in ihrer historischen Bedeutung häufig überschätzte
Personen wie Pontius Pilatus, Agricola oder der jüngere Plinius ihren Platz behaupten konnten[…]“ - Christ, Karl:
Sextus Iulius Frontinus, princeps vir, in: Xenia 22 (1989), S. 149-160, hier S. 149.
Marcus Cocceius Nerva
Nerva war der Kaiser, der die domitianische Zeit vergessen machen sollte. Ob er nun Kaiser werden wollte oder nicht, ist nicht von Bedeutung, da er sich letztlich dafür entschied. Die Verschwörer wählten ihn aus, um dem römischen Imperium vorzustehen. Dabei spielte sicherlich ein Gedanke eine herausragende Rolle: „He [Nerva] was well on in years, being now sixty, and seeming more - and he had no children.“ 8 Man muss unweigerlich zu dem Schluss kommen, dass die Aufrührer einen „schwachen“ Mann als Kaiser wollten, zweifellos um diesen besser kontrollieren zu können. Der Senat hatte seine eigenen Interessen, warum er der Ernennung des Nerva zustimmte: „It meant that the struggle for the succession to Cocceius Nerva could begin at once.“ 9
M. Cocceius Nerva gelangte wohl im Jahr 61 n. Chr. als quaestor Augusti in den Senat. Vier Jahre später tauchte er als designierter Prätor auf. Er soll ferner bei der Aufdeckung der Pisonischen Verschwörung eine große Hilfe gewesen sein, so dass Nero Statuen ihm zu Ehren aufstellen ließ und ihm die ornamenta triumphalia verlieh.
Trotz seiner Nähe zu Nero und dessen Hof, gelang es Nerva das Vierkaiserjahr unbeschadet zu überstehen, und wurde bereits 71 n. Chr. zusammen mit Vespasian cos. ord. In der Folge verschwand er im Dunkel der Geschichte, um im Jahre 90 n. Chr. wieder aufzutauchen. Erneut trat er als cos. ord. II in das Licht der Öffentlichkeit, diesmal mit einem anderen Kaiser: Domitian. Werner Eck vermutet, dass Nerva zu denen gehörte, die die politische Situation nach dem Aufstand des Antoninus Saturninus stabilisierten. 10 Ähnliches wird im übrigen vom späteren Kaiser Traian vermutet, der extra aus Spanien mit seiner Legion nach Obergermanien beordert wurde. 11
Eine erste Frage, die sich hier andeutet, müsste sich auf die Jahre zwischen den beiden ordentlichen Konsulaten des Nerva beziehen. Da es keine Quellen über irgendwelche Aktivitäten im Rahmen von Statthalterschaften oder Legionskommandaturen gibt 12 , müssen wir davon ausgehen, dass sich Nerva mehr oder weniger auf die „hintersten Bänke im Senat zurückzog“ bzw. eine Erfüllung in der Ausübung seiner sakralen Ämter fand.
8 Syme, Tacitus I, S. 2.
9 Ebd. S. 2.
10 Zu Laufbahn und Aufstand siehe Eck, Werner: DNP 8 (2000), Sp. 856-858, s.v. Nerva.
11 Siehe Franke, Thomas: Die Legionslegaten der römischen Armee in der Zeit von Augustus bis Traian
[Bochumer Hist. Studien Alte Geschichte 9], Bochum 1991, S. 163f. - Eck, Werner: DNP 12/1 (2002), Sp. 746-
750, s.v. Traianus.
12 Ronald Syme spricht davon, dass er niemals eine Provinz oder Armee gesehen hätte. - Syme, Tacitus I, S. 1.
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Die Funktion dieser Priesterämter war nebensächlich. Die Senatoren nahmen sie in erster Linie wahr, um ihr soziales Prestige zu erhöhen und um neue Kontakte zu anderen hohen Würdenträgern des Imperiums zu knüpfen bzw. alte Kontakte zu pflegen. Auf diese Weise konnten Beziehungen zwischen Senatoren entstehen, die zu einer Art aristokratischem Netzwerk ausgebaut werden konnten. Begünstigt wurden diese elitären Gruppierungen durch die Vorgabe, dass manche Priesterämter nur von Angehörigen der Gruppe der Patrizier wahrgenommen werden durften. Eines dieser Ämter war das des salius Palatinus. Dass Nerva diesem Priesterkolleg beitreten durfte, zeigte seine Zugehörigkeit zum Stand der Patrizier an. D.h. seine Familie erhob sich noch einmal aus der ersten Klasse des römischen Reiches. Nerva war ferner sodalis Augustalis und augur. Als Mitglied dieses Priesterkollegiums könnte er die Bekanntschaft von Sex. Iulius Frontinus gemacht haben, der seit Vespasian Angehöriger der Auguren war. 13
Überhaupt zählten zu den Freunden und Bekannten des Nerva zum Teil herausragende Persönlichkeiten des 1. Jahrhunderts n. Chr. So war er ein Gönner Martials, er war mit Plinius dem Jüngeren befreundet, hatte eine ähnlich enge Beziehung zu Cn. Arrius Antoninus und pflegte zumindest einen regelmäßigen Umgang mit L. Verginius Rufus. 14 Diesem Mann, der zum Zeitpunkt seiner Inthronisierung bereits über 30 Jahre im Senat gesessen hatte, der als Günstling Neros das Vierkaiserjahr überstand und zudem noch im Jahr 71 n. Chr. ein ordentliches Konsulat mit dem amtierenden Kaiser bekleiden durfte, wirft man vor, dass er ein schwacher Mann und Kaiser gewesen sein soll? Es ist keine Frage, dass Nerva niemals ein Militär gewesen war, weswegen Ronald Syme auch treffend feststellen kann: „It requiered no astrologer to predict that the emperor following Nerva would be a military man. The only question was: after a civil war, or averting a civil war?“ 15 Obgleich er wohl kein Kaiser des Militärs war, so war er dagegen um so mehr ein „ziviler“ Kaiser. Erkennen konnte man dies an seinen Regierungsmaßnahmen, in denen sich eine gute Kenntnis der stadtrömischen Probleme sowie des italischen Raumes abzeichneten. So führte er das Alimentarwesen ein, hat die sogenannte Poststeuer (vehiculatio) für den italischen Raum abgeschafft und die Judensteuer reformiert. Dagegen hatte er im militärischen Bereich keine größeren Neuerungen bzw. Umgestaltungen vorgenommen. 16
13 Schumacher, Leonhard: Die vier hohen römischen Priesterkollegien unter den Flaviern, den Antoninen und den
Severen (69-235 n.Chr.), in: ANRW II 16,1 (1978), S. 655-819, S. 677f Liste der Augures.
14 Stein, RE IV, Sp. 152f.
15 Syme, Tacitus I, S. 9.
16 Eck, DNP 8, Sp. 857. - Stein, RE IV, Sp. 144. - Christ, Kaiserzeit, S. 286.
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Die Tatsache, dass Nerva kein „militärischer“ Kaiser war und deshalb die Heere als potentielle Machtfaktoren fürchten musste, zeigte sich schon bald nach seiner Ernennung. Noch im Herbst 96 n. Chr. ließ er Münzen ausprägen, die die Umschrift concordia exercituum trugen. Hier zeigte sich zum einen seine Erfahrung aus dem Vierkaiserjahr, in welchem die verschiedenen Heeresverbände jeweils eigene Prätendenten präsentierten. Zum andern wurde ihm bewußt, dass er kein Kandidat der Heere war und eine Erhebung derselben fürchten musste. D.h. mit anderen Worten musste ihm bereits kurz nach seiner Thronbesteigung klar gewesen sein, dass er im militärischen Bereich auf Hilfe angewiesen sein würde. 17
„In Rome of the Caesars it was perilous to have a dynastic connexion, a name known in history, or any conspicuous talent.“ 18 M. Cocceius Nerva hatte weder eine bemerkenswerte dynastische Verbindung noch einen überaus „hochgeachteten Namen“ nachzuweisen. Allerdings hatte er ein bemerkenswertes Talent. Er verstand es offenbar, sich mit den Leuten zu umgeben, die beides hatten: Einen geachteten Namen und dynastische Verbindungen. Einige dieser Personen sind bereits genannt worden: Zu ihnen zählten Männer wie Verginius Rufus, Arrius Antoninus, Iulius Frontinus und Plinius der Jüngere. Auf den folgenden Seiten wird versucht werden, eine engere Beziehung zwischen diesen Personen herzustellen. Das vermutete Ziel dieses Zusammenschlusses von hochrangigen Führungspersönlichkeiten, zu denen noch andere hinzutreten, wie etwa Q. Glitius Atilius Agricola, L. Domitius Apollinaris, P. Cornelius Tacitus, war die Adoption des Traian durch Nerva.
Dieses aristokratische Netzwerk hat als Mittelpunkt nicht Nerva, sondern einen anderen Senator, der ein enger Freund Nervas war: Plinius der Jüngere. Es scheint so, als hätten die meisten der oben genannten Senatoren eine irgendwie geartete Beziehung zu Traian, seinem Vater, seiner Familie usw. Aber aufgrund der Handlungen und der Quellenlage scheint es so, dass Plinius das verbindende Element in dieser Gruppe von außergewöhnlichen Personen bildete. 19
Nervas Talent bestand darin, sich dieses Netzwerk zunutze zu machen, um seine eigene Stellung zu konsolidieren und ferner das Imperium Romanum vor einem zweiten Domitian zu bewahren.
17 Zu der Umschrift siehe Robertson, Anne S.: Roman Imperial Coins in the Hunter Coin Cabinet, Vol. I, Augustus
to Nerva, London / Glasgow / New York 1962, S. 167. - Mattingly, Harold; Sydenham, Edward: The Roman
Imperial Coinage, Vol. II, Vespasian to Hadrian, London 1926, S. 223.
18 Syme, Tacitus I, S. 1.
19 Ein Schaubild dieses Netzwerkes befindet sich im Anhang S. i.
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Boris Queckbörner, 2004, Nerva, Traian und das Netzwerk des Plinius, München, GRIN Verlag GmbH
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