1
Gliederung
1. Einleitung
2. Ideale des Anarchismus
3. Strömungen des Anarchismus
3.1. Individual-Anarchismus
3.2. Sozial-Anarchismus
3.3. Anarcho-Kommunismus
3.4. Anarcho-Pazifismus
3.5. Anarcho-Sozialismus
3.6. Anarcho-Syndikalismus
3.7. Anarcho-Liberalismus
4. Geschichte des Anarchismus
4.1. Die Anfänge
4.2. Die Internationale
4.3. Die Zeit der Propaganda durch die Tat
4.4. Anarchismus nach 1890
4.5. Der spanische Anarchismus
4.6. Der Anarchismus nach dem Zweiten Weltkrieg
5. Bedeutende Anarchisten
5.1. William Godwin
5.2. Max Stirner
5.3. Pierre Proudhon
5.4. Michael Bakunin
5.5. Peter Kropotkin
5.6. Johann Most
6. Schluß: Anarchismus - soziale Utopie oder Hoffnungsschimmer?
7. Literaturverzeichnis
2
1. Einleitung
Was ist eigentlich Anarchismus? Die Antwort auf diese Frage wird häufig so gefaßt, daß der Begriff des Anarchismus als Bezeichnung für gefährliche, abwegige, die Zivilisation bedrohende Ideologien schlechthin dienen kann. „In jeder Tasche eine Bombe, angefüllt mit Dynamit, den Mordstahl in der einen, die Brandfackel in der anderen Hand - so stellt sich ein Gegner des Anarchismus in der Regel einen Anarchisten vor. Er erblickt in ihm einen Menschen, der, halb Narr, halb Verbrecher, nichts weiter im Sinn hat als die Ermordung eines jeden, der nicht seiner Meinung ist, und dessen Ziel der allgemeine Wirrwarr, das Chaos ist.“ 2 Diese Worte des Anarchisten Johann Most scheinen immer noch die Vorstellung dessen, was ein Anarchist ist zu prägen. Deshalb soll im folgenden erörtert werden, was Anarchismus wirklich bedeutet. Da man sich zum Verständnis des Anarchismus nicht auf eine Strömung innerhalb der Theorie-Richtungen beschränken kann, werden hier die verschiedenen Strömungen kurz vorgestellt. Außerdem wird die Geschichte des Anarchismus beschrieben und es werden einige der bekanntesten Anarchisten kurz vorgestellt.
2. Ideale des Anarchismus
Beim Anarchismus handelt es sich um eine Philosophie der Freiheit. Anarchismus und Anarchie sind begrifflich dahingehend zu unterscheiden, daß sich „Anarchie“ meist auf einen gesellschaftlichen Zustand bezieht und „Anarchismus“ mehr auf die Ideen und die Bewegung 3 . Die Grundidee des Anarchismus ist die herrschaftsfreie Gesellschaft. Das Ziel der Abschaffung des Staates beinhaltet die Idee der absoluten Freiheit 4 . Im Anarchismus wird eine Gesellschaft als ideal angesehen, die durch ein Fehlen von Autorität und Macht gekennzeichnet ist. Durch freie Vereinbarungen von Gruppen und Organisationen soll die Nutzung der Produktion und Konsumption zur Befriedigung der verschiedenen Bedürfnisse der Menschen garantiert werden 5 .
2 Diefenbacher(1996): Anarchismus -die verlorene Utopie?, S. 9. , dort zit. nach: Most (1889): Der communistische Anarchismus. In: Diefenbacher (Hrsg.): Anarchismus
3 Lehning (1977): Anarchismus, S. 10. In: Lehning/ de Jong/ Bourdet: Marxismus und Anarchismus-Band 2
4 Bartsch (1975): Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus, S. 41
5 Lehning (1977): Anarchismus, S. 11. In: Lehning/ de Jong/ Bourdet: Marxismus und Anarchismus-
3
Der Anarchismus unterscheidet sich von anderen geistigen Strömungen dadurch, daß er das Autoritätsprinzip als solches in den Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit stellt und bekämpft. Es soll eine Welt aufgebaut werden, in der Autorität, Macht und Zwang als zusammenhaltende Kräfte ersetzt werden durch Solidarität als verbindende Kraft 6 . Anarchismus ist auch eine Strömung, für die Sozialismus und Freiheit ein Ganzes bilden. Der anarchistische Freiheitsbegriff ist also ein sozialer Begriff, den man als ein Verhältnis zwischen Menschen definieren kann, daß auf Gleichheit beruht 7 . Der Anarchismus übt auch Kritik am Parlamentarismus, da man nach anarchistischer Auffassung es nicht anderen (auch nicht gewählten Vertretern) überlassen darf, Beschlüsse im Namen des Volkes zu fassen. Es wird nicht gefordert, daß jeder mit den gefaßten Beschlüssen übereinstimmt, aber alle Menschen, die von den Folgen eines Beschlusses betroffen werden, sollen einen eigenen Beitrag zu seinem Zustandekommen leisten 8 .
In einigen Punkten gibt es innerhalb der verschiedenen Strömungen des Anarchismus unterschiedliche Auffassungen: So hat die Rolle des Individuums ein sehr unterschiedliches Gewicht: Dies reicht von der radikalen Sicht des Individuums als Einzelnem bei Stirner, über die Varianten des individualistischen Anarchismus, bei denen die Individuen den Staat durch freiwillige Zusammenschlüsse ad absurdum führen, bis hin zu Vorstellungen einer revolutionären Individualität, die im Grunde in Kollektiven aufgeht 9 . Unterschiedliche Auffassungen gibt es auch hinsichtlich des Bezuges des Menschen zur Natur: So wird versucht, den Anarchismus als vollkommenste Gesellschaftsordnung naturgesetzlich herzuleiten. Bei anderen Ansätzen ist die anarchistische Gesellschaft nicht ohne ein harmonisches Leben in der Natur (Landkommunen) denkbar. Bei wieder anderen Ansätzen spielt die „Naturfrage“ gar keine Rolle 10 . Sehr unterschiedlich ist auch die Einstellung zu Gewalt innerhalb der
Band 2
6 de Jong (1977): Stirbt Marx als Anarchist?, S. 78. In: Lehning/ de Jong/ Bourdet: Marxismus und Anarchismus-Band 2
7 de Jong (1977): Stirbt Marx als Anarchist?, S. 79/80. In: Lehning/ de Jong/ Bourdet: Marxismus und Anarchismus-Band 2
8 de Jong (1977): Stirbt Marx als Anarchist?, S. 82. In: Lehning/ de Jong/ Bourdet: Marxismus und Anarchismus-Band 2
9 Diefenbacher (1996): Anarchismus-die verlorene Utopie?, S. 11. In: Diefenbacher (Hrsg.): Anarchismus 10 Diefenbacher (1996): Anarchismus-die verlorene Utopie?, S. 11/12. In: Diefenbacher (Hrsg.): Anarchis- mus
4
verschiedenen Strömungen: Diese reicht vom Bekenntnis zur völligen Gewaltlosigkeit bis hin zur begeisterten Zustimmung zu terroristischen Gewaltakten als Vorbedingung zur Ermöglichung revolutionärer Umwälzungen! Stark unterschiedliche Auffassungen gibt es auch hinsichtlich des notwendigen Organisationsgrades und der Zusammenarbeit mit anderen politischen Gruppen, also mit Sozialisten und Kommunisten 11 .
3. Strömungen des Anarchismus
3.1. Individual-Anarchismus
Die bedeutendsten Vertreter diese Schule waren William Godwin(1756-1846) und Max Stirner (1806-1856).
Godwins Ziel war eine Einheit von sozialer Gerechtigkeit und individuellem Glück. Er nahm die Formbarkeit des Individuums durch Ideen an und lehnte jeden Zwang und jede Gleichmacherei ab. Die Freiheit sei so unlösbar an das Individuum gebunden, daß mit diesem auch die Gesellschaft in Fesseln liegt. Er lehnte die Staatsgewalt ab nicht ohne zu begreifen, daß sie sich nur in einer mündigen Gesellschaft erübrigen kann. Jede Zusammenarbeit über das Notwendige hinaus ist seiner Meinung nach freiheitsbeschränkend. Alle zwischenmenschlichen Beziehungen sollten auf ein Minimum beschränkt werden, um ihren Konfliktstoff maximal zu entschärfen. Selbst die Familie sollte aufgelöst werden. In seinem Hauptwerk „Untersuchung über politische Gerechtigkeit“ (1793) erwog er die Abschaffung des Privateigentums, aber nicht zur gemeinschaftlichen Nutzung, sondern nur um es den sozial Bedürftigen zugänglich zu machen: „Alles, was man gewöhnlich unter Kooperation versteht, ist in gewissem Maße von Übel... Wir können nicht in den Gleichklang von Uhren gezwungen werden.“ 12 . Max Stirner trieb den Individual-Anarchismus noch weiter. Nur der zum einzigen gesteigerte Einzelne könne sein eigener Schöpfer statt nur ein Geschöpf sein. Statt sich für eine fremde Sache aufzuopfern soll der Mensch lieber ein Egoist sein, der jenseits von Gut und Böse steht. Jede äußere Herrschaft sei von einer inneren Herrschaft und jeder Zwang von freiwilliger Knechtschaft begleitet und nur wenn die Knechtschaft überwunden wird, läßt sich auch die Herrschaft abwälzen. Er kritisiert, daß das
11 Diefenbacher (1996): Anarchismus-die verlorene Utopie?, S. 12. In: Diefenbacher (Hrsg.): Anarchismus 12 Bartsch (1975): Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus, S. 42, dort zit. nach Godwin (1793): Un- tersuchung über politische Gerechtigkeit
5
eigentlich Persönliche zur reinen Privatsache gemacht wird: „Das Bürgertum ist nichts anderes als der Gedanke, daß der Staat, alles in allem, der wahre Mensch sei, und des Einzelnen Menschenwert darin bestehe, ein Staatsbürger zu sein.“ 13 . Der Individual-Anarchismus war am weitesten in den Vereinigten Staaten, in Großbritannien, Frankreich und Deutschland verbreitet und 1919/20 bildete sich weitgehender Organisationsfeindlichkeit zum Trotz eine individualanarchistische Internationale, die zwei europäische Konferenzen durchführte 14 .
3.2. Sozial-Anarchismus
Der bedeutendste Vertreter dieser Strömung ist Pierre Proudhon (1809-1865). Er meinte, daß Eigentum Diebstahl sei, wollte aber nicht den Besitz an sich, sondern nur den privilegierenden Eigentumstitel vernichten. Er vertrat die Ansicht, daß die freie Organisation der Arbeit nötig sei und die Vorraussetzungen dafür der Sturz des Kapitals und der politischen Macht seien. Die Aufhebung des Staates sei auch wichtig zur Beseitigung des Militarismus. Das Prinzip der Revolution, die Freiheit, ist das einzige, woraus die Revolution ihr Recht zur Gewalt bezieht. Die revolutionäre Aktion ist aber nicht als Mittel zur sozialen Umgestaltung der Gesellschaft geeignet. Nicht das Chaos sollte das Ziel sein, sondern ein neuer Gesellschaftsaufbau geprägt durch Anarchie und Ordnung auf föderativer Basis: „Immer diesselbe Sucht, regiert zu werden, immer derselbe Kommunismus. Wer endlich wird zu sagen wagen: alles für das Volk und alles durch das Volk, selbst die Regierung?“ 15 .
3.3. Anarcho-Kommunismus
Vertreter dieser Richtung des Anarchismus sind Michael Bakunin (1814-1876) und Peter Kropotkin ( 1842-1921).
Bakunin sah im Gottesbegriff die Wurzel aller Autorität und auch die Wurzel des Staates. Gott und Freiheit waren für ihn völlig unvereinbar weswegen er eine „zweite Schöpfung“ anstrebte, einen völligen Neubeginn der Menschheit, der durch restlose 13 Bartsch (1975): Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus, S. 43, dort zit. nach: Stirner (1845): Der Einzige und sein Eigentum.
14 Bartsch (1975): Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus, S. 43
15 Bartsch (1975): Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus, S. 43, dort zit. nach: Proudhon (1849): Be- kenntnisse eines Revolutionärs.
6
Zerstörung der bestehenden Verhältnisse ermöglicht werden sollte. Er bekannte sich zur materialistischen Weltanschauung, lehnte aber die Leugnung der Willensfreiheit ab. Bakunin war gegen eine Herrschaft der Wissenschaft: „Eine Herrschaft der Wissenschaft und der Männer der Wissenschaft, selbst wenn sie sich Positivisten, Schüler August Comtes, nennen, oder selbst Schüler der doktrinären Schule des deutschen Kommunismus, kann nur lächerlich, unmenschlich, grausam, unterdrückend, ausbeutend und verheerend sein.“ 16 .
Im Gegensatz zu Bakunin, der sich mehrfach deutlich vom Kommunismus distanzierte, bejahte Kropotkin diesen grundsätzlich. Kropotkin verstand darunter aber etwas anderes als Marx, nämlich eine Tendenz in der bestehenden Gesellschaft, die zur sozialen Gleichheit aller dränge und der nur noch die Abschaffung des Privateigentums zur vollen Entfaltung fehlt. Kropotkin versuchte auch die Schaffung eines wissenschaftlichen Anarchismus auf der Basis der gegenseitigen Hilfe. Die kommunistische Tendenz der damaligen Zeit wird nach Kropotkin von einer anarchistischen begleitet, die sich in der Bildung von zahlreichen freien Gruppierungen zu sozialen Zwecken zeigt. Die Verzahnung von Anarchie und Kommunismus wird von Kropotkin als Vereinigung von individueller Freiheit und sozialer Gleichheit gesehen: „Die Anarchie führt zum Kommunismus, und der Kommunismus zur Anarchie...“ 17 . Kropotkins Richtung setzte sich ab 1876 bis nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Anarcho-Kommunismus in vielen Ländern wieder hinter andere Vorstellungen zurückgedrängt wurde, in weiten Teilen der anarchistischen Bewegung durch. Von 1954 bis 1956 gab es eine eigene anarcho-kommunistische Organisation, die „Internationale des freiheitlichen Kommunismus“ 18 .
3.4. Anarcho-Pazifismus
Vertreter dieser Richtung ist Leo Tolstoi (1828-1910). Seine anarchistische Haltung ging zum Teil aus der Wurzel des Antimilitarismus hervor. Die Hauptursache von Unterdrückung und Unrecht wurde nicht im Kapital oder Bürgertum, sondern in der Existenz von zum Krieg bereitstehenden Heeren gesehen. Tolstoi war christlichen
16 Bartsch (1975): Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus, S. 44, dort zit. nach: Bakunin (1871): Gott und der Staat.
17 Bartsch (1975): Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus, S. 45, dort zit. nach: Kropotkin (1921): Die Eroberung des Brotes.
18 Bartsch (1975): Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus, S. 45
Arbeit zitieren:
Jasmin Becker, 2004, Anarchismus als Idee der herrschaftsfreien Gesellschaft, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Vergleich der Strukturkategorien Klasse und Geschlecht als Indikatoren...
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
Erziehungsmittel und Erziehungsziele in der schwarzen Pädagogik
Pädagogik - Geschichte der Päd.
Hausarbeit (Hauptseminar), 14 Seiten
Die bürgerliche Frauenbewegung von ihren Anfängen bis zur Weimarer Rep...
BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Hausarbeit, 16 Seiten
Antipädagogik - Positionen und Kritik
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
Vordiplomarbeit, 37 Seiten
Pierre Bourdieu - Habitus und sozialer Raum
Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft
Hausarbeit, 19 Seiten
Migration unter den Bedingungen der sich verändernden internationalen ...
Politik - Internationale Politik - Thema: Globalisierung, pol. Ökonomie
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Unternehmerische Sozialkampagnen
Bedeutung und Implikationen de...
Medien / Kommunikation - Public Relations, Werbung, Marketing
Hausarbeit, 28 Seiten
Die Wendung zum Subjekt in Michel Foucaults Werk
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit (Hauptseminar), 51 Seiten
Die soziale Verantwortung der Unternehmen
BWL - Unternehmensethik, Wirtschaftsethik
Hausarbeit, 27 Seiten
Der Blick und das Schamgefühl in Jean-Paul Sartres Werk "Das Sein...
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Referat (Ausarbeitung), 17 Seiten
Das Verhältnis von 'Freiheit' und 'Eigenheit' in Stirn...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit, 29 Seiten
Jasmin Becker's Text Anarchismus als Idee der herrschaftsfreien Gesellschaft ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Jasmin Becker hat den Text Anarchismus als Idee der herrschaftsfreien Gesellschaft veröffentlicht
Jasmin Becker hat einen neuen Text hochgeladen
Handbuch der Politischen Philosophie und Sozialphilosophie. 2 Bände
Band 1: A - M. Band 2: N - Z
Stefan Gosepath, Wilfried Hinsch, Beate Rössler
0 Kommentare