Inhaltsverzeichnis
Verzeichnisse. 3
Abbildungen. 3
Tabellen. 3
Abk ürzungen. 3
1. Einleitung. 4
1.1 Einordnung der Themenstellung. 4
1.2 Forschungsstand und Literaturbericht. 5
1.3 Aufbau der Arbeit. 6
DAS VERHÄLTNIS VON POLITIK UND GESELLSCHAFT ZUR JUGEND. 8
2. Die Jugend in der modernen Gesellschaft. 8
2.1 Wissenschaftliche Differenzierung des Jugendbegriffs. 8
2.2 Jugend in der öffentlichen Wahrnehmung. 11
2.3 Jugend und Politik. 14
3. Die Jugendpolitik in Deutschland. 17
3.1 Jugendpolitik: Begriffsbestimmung. 17
3.2 Jugendpolitik und Politik. 18
3.3 Jugendpolitik als Jugendhilfepolitik. 20
3.4 Modell jugendpolitischen Handelns. 24
4. Die Ursachen der defizitären Entwicklungen. 26
4.1 Verlust demographischer Bedeutung. 26
4.2 Wertewandel und Verlust gesellschaftlicher Anerkennung. 29
4.3 Jugend als Problem des politischen Systems. 32
5. Mangel an sozialen Kompetenzen - zwei Beispiele. 34
5.1 Rückläufiges öffentliches Engagement. 34
5.2 Gewaltbereitschaft. 38
5.3 Gemeinsamkeiten. 40
DAS PROJEKT „AGGRESSIONSVERMINDERUNG“ UND DIE ERKENNTNISSE
DARAUS. 42
6. Die bisherigen Thematisierungen zur Verminderung von Jugendgewalt. 42
6.1 Ansätze. 42
6.2 Praxisfeld Schule. 44
1
6.3 Praxisfeld Justizvollzugsanstalt. 46
6.4 Bisherige Konzepte zur Verminderung von Aggression und Gewalt. 50
7. Die Fragestellungen und Ziele der durchgeführten Studie. 54
7.1 Zur Notwendigkeit einer solchen Studie. 54
7.2 Theoretische Grundlagen der Studie. 55
7.3 Definition und Arten aggressiven Verhaltens. 57
8. Das Informationsverarbeitungs-Modell der Studie. 60
8.1 Modell von Crick und Dodge. 60
8.2 Situationsinterpretation und Kausalzuweisung. 62
8.3 Handlungsausführung und Einfluss von Emotionen. 64
9. Das Untersuchungsdesign der vorliegenden Studie. 68
9.1 Variablen und Untersuchungsplan. 68
9.2 Vorgehen, Arbeitsschritte und Zeitplan. 69
9.3 Übersicht über die verwendeten Methoden. 71
10. Ergebnisse der Studie. 74
10.1 Übersicht über die Ergebnisse. 74
10.2 Abschließende Anmerkungen zur Studie. 76
11. Resümee. 77
11.1 Zusammenfassung. 77
11.2 Fazit. 79
Literaturverzeichnis. 81
2
Verzeichnisse
Abbildungen
1) Informationsverarbeitungsmodell nach Crick & Dodge (1994) S. 61 2) Ergebnisse der Intervention S. 74
3) Ergebnisse der Intervention: Schule S. 75
4) Ergebnisse der Intervention: Gefängnis S. 75
Tabellen
1) Entwicklung der Altersstruktur der Bevölkerung Deutschlands S. 27 2) Demografische Gewichtsverteilung Jugend-Senioren S. 28
3) Übersicht über die verwendeten Testmethoden S. 71 4) Vergleich Prä- und Posttest S. 72
Abkürzungen
AAT: Anti-Aggressions-Training AgAG: Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt BMFSFJ: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend CDU: Christlich-Demokratische Union Deutschlands CSU: Christlich-Soziale Union DJI: Deutsches Jugendinstitut FDP: Freie Demokratische Partei IG: Interventionsgruppe KG: Kontrollgruppe LSI-R: Level of Significance Revised PDS: Partei des Demokratischen Sozialismus PKS: Polizeiliche Kriminalstatistik SGB: Sozialgesetzbuch SPD: Sozialdemokratische Partei Deutschlands YSR: Youth Self Report
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1. Einleitung
1.1 Einordnung der Themenstellung
Das Thema „Jugend“ hat - unter den jeweils spezifischen Bedingungen - seit jeher seinen Platz in Diskursen der Altgewordenen, wie die enttäuschte Klage von Sokrates zeigt. 1 Enttäuschungen in Bezug auf den Nachwuchs gehören seit Menschheitsgedenken zu den Erfahrungen von Eltern und der Älteren im Allgemeinen. Dennoch wäre es heute nicht hilfreich, die Arme zu verschränken und sich resigniert zurückzulehnen. Denn der Topos ist zu brisant und zu wichtig, als dass man ihn einfach abtun sollte. Jene schwerwiegenden Veränderungsprozesse und Reformen vor denen die Bundesrepublik Deutschland derzeit steht, erlauben es nicht, jene ignorieren zu wollen, die das Schicksal dieses Landes schon in wenigen Jahren mit zu tragen und mit zu bestimmen haben. So überrascht es auch nicht, dass sich wie nie zuvor Menschen in der Jugendarbeit, in Verbänden und in der Politik mit der jungen Generation auseinander setzen.
Leider jedoch geschieht dies allzu oft unter mindestens einer falschen Prämisse, nämlich der, „Jugend“ in einen Atemzug mit „Problem“ zu stellen. Ein nur oberflächlicher Blick über die Behördenlandschaften, Parteiprogramme, populären Jugendsurveys bis hin zu Darstellungen in den diversen Medien vermittelt leicht den Eindruck, das Jugendlichsein selbst wäre das eigentliche Problem. So absurd dies auch sein mag, Pauschalisierungen von Einzelfällen, die mit Dramatisierung und Kriminalisierung alles anormal empfundenen einhergehen, sind enttäuschenderweise an der Tagesordnung. Aussagen wie „Eine wachsende Zahl von Kindern und Jugendlichen schließlich spürt die Freiheit der Anomie - wer glaubt, er habe nichts zu verlieren, braucht sich an Regeln nicht mehr zu halten.“ 2 geben die Richtung vor. Und laut wird dann gefragt: Was ist eigentlich los mit unserer Jugend? Seltener
1 Vgl. dazu: Drösser, Christoph: Verlotterte Jugend, in: DIE ZEIT vom 07.04.2004. 2 Beispielhaft dazu der Artikel von Susanne Gaschke; Gaschke, Susanne: Wie diese Gesellschaft ihre Jugend verspielt. Generation in Gefahr, in: DIE ZEIT vom 07.05.1998.
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aber: Worüber reden wir überhaupt, wenn wir von Aggression oder Gewalt sprechen? Was sind die möglichen Ursachen für die Entstehung gewalttätigen Verhaltens? Wer ist schuld und wer ist in Verantwortung zu nehmen? Was ist zu tun und wo liegen die Möglichkeiten präventiver Arbeit? Vor diesem Hintergrund über „Jugendliches Konfliktverhalten als Aufgabe von Politik und Gesellschaft“ zu schreiben, erweist sich hierbei zum heutigen Zeitpunkt als notwendige und fordernde Aufgabe.
Denn gerade in einer Atmosphäre der zunehmenden Medialisierung politischer Inhalte müsste es im Sinne aller gesellschaftlichen Akteure sein, sich von allzu einfachen Erklärungsmustern zu lösen, um ein qualifizierteres Bild von der nachkommenden und nachrückenden Generation zu erhalten. Eben dies wird das Leitthema dieser Arbeit sein, deren Anliegen es auch ist, die diffizilen Strukturen freizulegen, unter denen Erwachsen- und Älterwerden in der Bundesrepublik Deutschland stattfindet und wie diese Lebensphase in der Öffentlichkeit rezipiert wird.
1.2 Forschungsstand und Literaturbericht
Im Rahmen der Politikwissenschaften dies zu tun ist hierbei eine besonders interessante Aufgabe, da dieser Sachverhalt derzeit darin im Wesentlichen unter drei Gesichtspunkten bearbeitet wird: der Jugendpolitik, die dabei zur Zeit vor Allem unter dem Aspekt der europäischen Integration betrachtet wird, der politischen Bildung mit dem derzeit zentralen Thema der Partizipation und schließlich der Jugendgewalt, die seit der Vereinigung Deutschlands im Zusammenhang mit Rechts- beziehungsweise Linksextremismus oder neuerdings auch religiösen Fundamentalismus erforscht wird. Konjunkturen ist hingegen das Thema „Gewalt und Schule“ unterworfen; zu Beginn des Jahres 2004 fand beispielsweise im Hinblick auf etliche Vorfälle eine rege Debatte darüber statt. Weiterhin erfolgt vereinzelt noch eine Thematisierung von Jugend im Kontext von Subkulturen, Integration von Zuwanderern und auch der postmodernen Wertewandeldebatte.
Eine umfassendere Sichtweise des Gegenstandes ist bisher jedoch im Bereich der Politikwissenschaft zu vermissen. So erfordert die Auseinandersetzung
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mit juveniler Gewalt - jenseits der oben angeführten Diskurse - die interdisziplinäre Auseinandersetzung mit anderen Fachgebieten, insbesondere der Soziologie, der Pädagogik, der Kriminologie und nicht zuletzt der Psychologie. Gerade die Psychologie - hier ist im Besonderen die Entwicklungs- und die Sozialpsychologie zu nennen - bietet hinsichtlich des Themas dieser Arbeit besonders fundierte Erklärungsansätze. Speziell wenn es um Phänomene wie Jugendgewalt und jugendlicher Aggression geht, bietet sie empirisch fundierte Analysemöglichkeiten, die nicht zu sehr durch normative Sichtweisen, wie etwa in den anderen genannten Wissenschaften, eingeschränkt sind.
All diese Gesichtspunkte prägen den hier erfassten und verwendeten For-schungsstand. So liegt dieser Untersuchung das umfangreiche Quellenmaterial der mit Jugend befassten politischen Institutionen zugrunde, das seine Ergänzung in der Berichterstattung der regionalen und überregionalen Presse findet. Der theoretischen Fundierung dient der Einbezug der entsprechenden Fachliteratur, hier im Besonderen all jene, die sich mit dem Phänomen „Jugend“ und den Zusammenhängen von Jugendgewalt und -aggression beschäftigt. Diese Literatur entstammt zu einem großen Teil der Jugendforschung, die in der Pädagogik und der Soziologie zu verorten ist. Aus der Psychologie wurden dort Arbeiten herangezogen, wo es um die Erklärung spezifischer Erscheinungen der Gesichtspunkte Jugend, Gewalt und Aggression geht. Es entspricht der Intention dieser Arbeit, dass sie im Bemühen ein möglichst aktuelles Bild zu zeichnen, sich - jedoch nur dort, wo das möglich und sinnvoll ist - auf die Literatur neueren Datums beruft.
1.3 Aufbau der Arbeit
Die vorliegende Arbeit gliedert sich in zwei Teile, einen eher theoretischen und einen, dessen Schwerpunkt in der Verarbeitung empirischer Erkenntnisse liegt. Hier soll nach der allgemeinen Situationsbeschreibung Jugend in ihrem ganz spezifischen Zusammenhang exemplarisch unter dem Gesichtspunkt des „Projektes Aggressionsverminderung“ der Universität Augsburg betrachtet werden.
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Entsprechend soll durch diese zweiseitige Herangehensweise eine am Ge-genstand der Untersuchung nahe Beschreibung der Situation der Jugend im Hinblick auf die Gewaltproblematik im beginnenden 21. Jahrhundert sichergestellt werden.
So ist die Arbeit im ersten Abschnitt in vier Bereiche gegliedert: Im ersten Teil werden das Bild und die Rolle der Jugend in der modernen Gesellschaft analysiert. Danach geht es um die Art und Weise, wie der Gegenstand Jugend in der Politik bearbeitet wird. Diese Bearbeitung wird als defizitär gesehen und deswegen dient der dritte Teil der Suche nach den Ursachen und dem Ausloten von Lösungsansätzen. Im vierten werden die in der Öffentlichkeit gängigen Mangelerscheinungen jugendlicher Entwicklung unter den Stichworten der „Politikverdrossenheit“ und der „Gewaltbereitschaft“ thematisiert und betrachtet. Gerade der Zusammenhang beider Faktoren ist von sozial-kognitiven Standpunkt aus auch Ansatzpunkt einer Intervention. Darin liegt der Schwerpunkt des zweiten Teils. Das Erkenntnisinteresse des Forschungsprojektes „Möglichkeiten der Aggressionsverminderung bei Jugendlichen unter besonderer Berücksichtigung kognitiver Moderatoren“, das an der Universität Augsburg vom Lehrstuhl für Psychologie im Jahr 2003 und 2004 durchgeführt wurde, ist dadurch motiviert. 3 Zielsetzung dieser Untersuchung war und ist es, den Verantwortlichen aus allen Bereichen der Jugendarbeit eine erstmals fundiert analysierte Möglichkeit aufzuzeigen, der Heraus-forderung durch jugendliche Aggression auf eine effiziente und praktikable Art Herr zu werden.
Dies wird in folgenden fünf Schritten geschehen: Zuerst werden die bisherigen Ansätze zur Verminderung von Jugendgewalt in den Bereichen Schule und Gefängnis dargetan. Das darauf folgende Kapitel erläutert das Konzept und die Fragestellungen der vorliegenden Studie und stellt im nächsten Schritt das Untersuchungsdesign dar. Im Anschluss daran werden die Ergeb- 3 Das Projekt wurde von Prof. Dr. Dieter Ulich, Lehrstuhl für Psychologie der Universität Augsburg, unter der Leitung von Frau Silvia Kratzer und Herrn J. Bach durchgeführt.
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nisse präsentiert und hinterfragt, inwieweit damit die Voraussetzungen gegeben sind, die sozialen Kompetenzen Jugendlicher mit dem zugrunde liegende Interventionsprogramm zu steigern. Ihren Abschluss findet die Arbeit mit einem Resümee.
DAS VERHÄLTNIS VON POLITIK UND GESELL-SCHAFT ZUR JUGEND
2. Die Jugend in der modernen Gesellschaft
2.1 Wissenschaftliche Differenzierung des Jugendbegriffs
Zunächst ist es notwendig sich den Gegenstand dieser Arbeit einmal zu vergegenwärtigen. Der häufig verwendete Jugendbegriff offenbart sich bei näherer Betrachtung als diffizil und wissenschaftlich schwer zu pointieren. 4 Zu allen Zeiten gab es jugendliche Menschen und mindestens seit der Antike Aufteilungen der unterschiedlichen Lebensabschnitte, wie beispielsweise die siebenteilige des Hippokrates; er unterteilte die Lebensphasen in Kind (paidíon), Knaben (pais), Jüngling (éphebos), Jungmann (neanískos), Mann (anér), den Alten (presbytes) und den Greis (géros). Allerdings herrschte damals - und das wäre als gemeinsamer Nenner anzuführen - keineswegs Einigkeit über eine solche Gliederung der Lebensalter. 5 Jedoch wurde erst zum Ende des 19. Jahrhunderts der „moderne, neuzeitliche Jugendbegriff entdeckt, erfunden bzw. konstruiert“ 6 und setzte sich als biologisch und entwicklungspsychologisch bedingte eigenständige Lebensphase durch. 7
4 Vgl. dazu Hornstein, Walter: Jugendforschung und Jugendpolitik. Entwicklungen und Strukturen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Weinheim/ München 1999, S. 184ff. 5 Vgl. Ferchhoff, Wilfried: Jugend an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert. Lebensformen und Lebensstile, Opladen² 1999, S. 67ff. Dazu auch: Horn, Klaus- Peter: Was ist denn eigentlich Jugend? Moderne Fragen und vormoderne Antworten, in: Horn, Klaus- Peter/ Christes, Johannes/ Parmentier, Michael (Hrsg.): Jugend in der Vormoderne. Annäherungen an ein bildungshistorisches Thema, Köln/ Weimar/ Berlin 1998, S. 1-20.
6 Ferchhoff 1999, S. 67. 7 Vgl. Ferchhoff 1999, S. 68. Zur Jugend als Lebensphase siehe Hurrelmann, Klaus: Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung, München 1994.
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Die genauen Merkmale der Adoleszenz sind jedoch, wie oben erwähnt, seit jeher umstritten und variieren im Besonderen zwischen den unterschiedlichen Fachdisziplinen. Im Allgemeinen versteht man unter Jugend die Übergangsperiode zwischen Kindheit und Erwachsensein, also zwischen Pubertät und dem Eintritt in eine selbst bestimmte Lebensführung. Diese definitorische Unschärfe betrifft also gleichermaßen Beginn wie Ende der Jugendzeit. 8 Laut Ferchhoff sind es die „vielen Ungleichzeitigkeiten und asynchronen Entwicklungen“ im Hinblick auf die lebensgestaltenden Teilübergänge und das damit verbundene Erreichen unterschiedlicher Teilreifen in sexueller, politischer und sozialer Hinsicht, die die Jugendphase heute kennzeichnen. 9 Hinter dem Jugendbegriff als solchen verbergen sich also verschiedenste Bedeutungsdimensionen. „Jugend“ im Sinne eines Begriffes und Konzeptes ist Entwicklungsstadium, Generation oder einfach nur ein Ausdruck eines spezifischen Lebensgefühls. 10 In jedem Fall ist „Jugend“ nichts durch die Natur geschaffenes, vielmehr ist es eine gesellschaftliche Konstruktion, die in und durch Institutionen wie Schulen einer gewissen, aber auch Beschränkungen unterliegenden, Selbständigkeit gekennzeichnet ist. 11 Der Vielfältigkeit im Hinblick auf die Bedeutungsfacetten entsprechen den jeweiligen unterschiedlichen Etikettierungen von Jugend in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, die deren jeweiligen Logiken folgen. 12 Dementsprechend ist das Jugendbild der Rechtswissenschaften ein anderes als beispielsweise das der Pädagogik oder der Psychologie, wobei keines für sich alleine steht, sondern gekennzeichnet ist, durch wechselseitige interdisziplinäre
8
In diesem Zusammenhang ist oft die Rede von einer eigenständigen Phase der „Postadoleszenz“; da dies zu debattieren den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, wird jedoch darauf verzichtet. Vgl. speziell dazu Junge, Matthias: Forever young? Junge Erwachsenen in Ost- und Westdeutschland, Opladen 1995, S. 54ff.; allgemein und grundlegend Keniston, Kenneth: Young radicals. Votes on commited youth, New York 1968.
9
Ferchhoff 1999, S. 68.
10 Vgl. Oerter, Rolf & Dreher, Eva: Jugendalter, in: Oerter, Rolf/ Montada, Leo (Hrsg.): Entwicklungspsychologie, Weinheim 4 1998, S. 258-318, hier: S. 311. 11 Vgl. Sander, Uwe: 100 Jahre Jugend in Deutschland, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 19-20/ 2000, S. 3-11.
12 Vgl. Sander, Uwe/ Vollbrecht, Ralf: Jugend im 20. Jahrhundert, in: Sander, Uwe/ Vollbrecht, Ralf (Hrsg.): Jugend im 20. Jahrhundert. Sichtweisen - Orientierungen - Risiken, Neuwied/ Berlin 2000, S. 7-19.
9
Durchdringung; 13 ganz besonders gilt dies für die Jugendforschung, 14 deren Ergebnisse oft eine vermittelnde Zwischenposition innerhalb der Fachbereiche einnehmen. Von ihrer Seite wäre es hilfreich den Forschungsbereich genauer einzugrenzen, 15 da Studien in diesem Bereich oft den Eindruck vermitteln, sie würden über einen Gegenstand schreiben, während die Unterschiede oft beträchtlich sind. 16
In dieser Arbeit wird das Jugendbild der Sozialwissenschaften dominierend sein: Im Vordergrund steht eine Sichtweise, die Jugend als „Transmissionsphase gesellschaftlicher Reproduktion“ 17 begreift und Werteorientierungen und Handlungsmuster betrachtet. Der Vorteil dieser Betrachtungsweise ist ihre Fähigkeit, unterschiedliche Positionen sinnvoll zu integrieren: Jugend wird hierin als Teil der Gesellschaft, Sozialisierungsaufgabe und als Generation gesehen; 18 Hauptmerkmal der Jugendphase ist das Alter, aus pragmatischen Gründen wird es für diese Arbeit zwischen 14 und 27 liegen. 19 Darüber hinaus wird diese Sichtweise durch die Betrachtung der Jugend vom Standpunkt der Psychologie erweitert, worin vor allem Entwicklungsprozesse und sozialpsychologische Aspekte im Mittelpunkt stehen. 20 Als ganzes genommen
13 Vgl. Sander 2000, S. 5f. 14 Speziell zu Jugendforschung und in dieser Beziehung noch immer aktuell: Hornstein, Walter: Jugendprobleme, Jugendforschung und politisches Handeln, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 3/ 1982, insbes. S. 4-25. 15 Vgl. Hornstein 1999, S. 185. 16 An den Shell-Studien lässt sich das beispielhaft zeigen: Wurden 1991 13-29jährige untersucht, beschränkte man sich 2002 auf die Altersgruppe der 12-25jährigen; siehe Deutsche Shell (Hrsg.): Jugend ´92. Lebenslagen, Orientierungen und Entwicklungsperspektiven im vereinigten Deutschland. Bd. 1, Opladen 1992, S. 9-22 und Deutsche Shell (Hrsg.): Jugend 2002. Zwischen pragmatischen Idealismus und robustem Materialismus, Frankfurt a. M. 2002, S. 13-15. Noch stärker akzentuiert sich das Problem dort, wo noch engere Altersgrenzen angelegt werden, die nach Außen aber mit „Jugend“ etikettiert sind. 17 Vgl. Sander 2000, S. 7. 18 Vgl. Flammer, August/ Alsaker, Françoise: Entwicklungspsychologie der Adoleszenz. Die Erschließung innerer und äußerer Welten im Jugendalter, Bern 2002, S. 39-44.
19 Für diese Altersgrenze spricht ihre Bedeutung in der deutschen Kinder- und Jugendhilfe; vgl. Statistisches Bundesamt: 11 Jahre Kinder- und Jugendhilfegesetz in Deutschland. Ergebnisse der Kinder- und Jugendhilfestatistiken, Bonn 2003, S. 4. Eine vergleichbare Grenzziehung, zwischen 15 und 25, empfiehlt beispielsweise eine Untersuchung der Europäischen Kommission; Vgl. Schizzerotto, Antonio/ Gasperoni, Giancarlo: Die Lage der Jugend in Europa, in: Schizzerotto, Antonio/ Gasperoni, Giancarlo: Studie zur Lage der Jugend und zur Jugendpolitik in Europa. Bd. 1: Leitlinien und Ländervergleiche, Mailand Januar 2001, S. 25-57. Technisch spricht für eine solche Grenzziehung die Tatsache, dass damit auch alle Probanden des Forschungsprojektes (das besonders auch für Träger der Jugendhilfe von Interesse sein dürfte) erfasst sind. 20 Vgl. Dollase, Rainer: Die „Jugend“ der Psychologie, in: Sander, Uwe/ Vollbrecht, Ralf (Hrsg.): Jugend im 20. Jahrhundert. Sichtweisen - Orientierungen - Risiken, S. 101-115.
10
versteht sich darum dieser Beitrag als Teil eines sozialpsychologischen Diskurses innerhalb der Politikwissenschaft.
2.2 Jugend in der öffentlichen Wahrnehmung
Ausgangsüberlegung dieser Arbeit ist, dass die gesellschaftliche Konstruktion von Adoleszenz weniger etwas über die Jugend an sich aussagen kann, sondern vielmehr über die sich äußernde Gesellschaft. 21 Denn nahe liegend ist die Vermutung, dass die Bilder, die innerhalb einer Gesellschaft über Heranwachsende vorherrschen und im Besonderen von Politik, Medien und Wissenschaft verbreitet werden, nicht ohne Folgen wiederum für juvenile Einstellungen und Verhaltensmuster sind. 22 Ein solch konstruktivistisches Verständnis der Wirkungszusammenhänge liegt dieser Arbeit zugrunde. 23 Eine solcher Ansatz weitet die Perspektiven und ermöglicht eine kritische Betrachtung der Hintergründe der zahlreichen Erhebungen und öffentlichkeitswirksam inszenierten Surveys zu diesem Thema: Deren Motive, Gesellschaftsbilder und politische Zielsetzungen bestimmen oftmals im vornherein die Ergebnisse. 24
Viel gravierender ist aber, dass diese im gesellschaftlichen Diskurs zumeist dann aufgegriffen werden, sofern sie Argumente für kulturpessimistische Deutungen geben. Zwei Themen erfreuen sich daher einer sehr hohen Beliebtheit und dominieren die Berichterstattung der Medien: Politikverdrossenheit und Gewalt. 25 Besonders über den (auf jugendliche Täter zentrierten) Gewaltdiskurs wird seit etwa der Mitte der 90er Jugend feindlich stereotypi-
21 Vgl. Hafenegger, Benno: Jugendbilder. Zwischen Hoffnung, Kontrolle, Erziehung und Dialog, Opladen 1995, S. 114-118. 22 Vgl. Jülisch, Bernd-Rüdiger: Zwischen Engagement, Apathie und Resignation, in: Mansel, Jürgen/ Klocke, Andreas (Hrsg.): Die Jugend von heute. Selbstanspruch, Stigma und Wirklichkeit, Weinheim/ München 1996, S. 69-87, hier: S. 70f.
23 Zum Konstruktivismus an sich sei hier unter Anderem auf Von Glasersfeld, Ernst: Radikaler Konstruktivismus, Frankfurt am Main 1997 verwiesen; zu Konstruktivismus und Sozialwissenschaften vgl. Knorr Cetina, Karin: Konstruktivismus in der Soziologie, in: Müller Albert/ Müller, Karl H./ Stadler, Friedrich (Hrsg.): Konstruktivismus und Kognitionswissenschaft, Wien 1997, S. 127-149. 24 Vgl. Többe-Schukalla, Monika: Jugend als Thema sozialwissenschaftlich-empirischer Forschung und als Aufgabe für die Politik, Dissertation, Münster 1990, S. 1-10. 25 Vgl. Hoffmann-Lange, Ursula: Der fragwürdige Beitrag von Jugendstudien zur Analyse von Trends in der politischen Kultur, in Merkens, Hans/ Zinnecker, Jürgen (Hrsg.): Jahrbuch Ju-gendforschung 1/ 2001, Opladen 2001, S. 187-210, hier: S. 187f.
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siert. 26 Wie häufig die „Freiheit der Anomie“ 27 kommuniziert wird zeigt eine stichprobenartige Untersuchung in drei deutschen Tageszeitungen: So berichteten die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Süddeutsche Zeitung im Jahr 2002 rund 180 Male über gewalttätige Jugendliche, die Lokalzeitung Augsburger Allgemeine tat es über 400fach. 28 Jugendliche stehen also äußerst häufig im Zusammenhang mit Gewalt in der Zeitung. 29 Entsprechend wenig überraschen einen daher Schlagzeilen wie diese: „Junge Straftäter werden brutaler“ schreibt da die Augsburger Allgemeine im Januar 2004: „Wenn alle Betreuung und gutes Zureden nichts hilft, klicken die Handschellen (...) Besonders schlimm: Gewalt und Brutalität nehmen zu.“ 30 Zynisch und bedenklich muten dann darin getroffene Aussagen über die erfolgte „Betreuung und gutes Zureden“ 31 an, wenn man bedenkt, dass genau dies in der Praxis längst nicht der Fall ist.
Interessant jedoch an solchen Skandalisierungs-Artikeln ist das dreigliedrige Muster nach dem darin zumeist verfahren wird: Aus der Beschreibung eines drastischen Einzelfalles heraus wird ein allgemeines Bedrohungsszenario ausgemalt. Die unbestreitbare Gefährlichkeit der exemplarischen Einzeltat wird in einem zweiten Schritt mit dem Hinweis auf statistisches Material, im genannten Fall die Polizeistatistik, 32 untermauert und in einem dritten Schritt werden eindimensionale Erklärungsmuster offeriert. 33 Auf diese Weise wird aus dem Angriff auf Jugendlicher auf eine Frau eine beispielhafte Tat, die die
26
Vgl. Hafenegger 1995, S. 113f.
27
Gaschke 1998.
28
Der Befund erhebt keinerlei Anspruch auf Repräsentativität. Es handelt sich dabei lediglich um eine Stichprobe; anzumerken ist jedoch, dass m. E. dies durchaus einen Trend spiegelt, was jedoch Thema einer separaten Untersuchung wäre. (Recherchiert wurde in den elektronischen Datenbanken der Süddeutschen Zeitung und der Augsburger Allgemeinen (hier führte das ein Mitarbeiter der AZ für mich durch) von 2002 nach Artikeln mit „jugend* AND (gewalt* OR aggress*)“; Ergebnis: SZ 225 Treffer, AZ 440 Treffer und FAZ 634 Treffer).
29
Und wohl auch in anderen Medien - konkrete aktuelle Untersuchungen sind jedoch auch hier ein Desiderat.
30
Nur ein Artikel unter unzähligen (aber wegen seiner Beispielhaftigkeit hier gut geeignet): Sabinsky, Holger: Junge Straftäter werden brutaler, in: Augsburger Allgemeine, 10.01.2004. Auch: Karg, Josef: Zweimal die Woche vor laufender Kamera gequält, in: Augsburger Allgemeine, 05.02.2004; Reißerisch: Schwarz, D./ Welte, J./ Schiebel, P.: Andy (14) erschießt Erzieher!, in: Abendzeitung, 12.02.2004.
31
Sabinsky 2004.
32
Zur Bedeutung der PKS später; betont sei an dieser Stelle, dass das in der PKS vorgelegte Zahlenmaterial sehr differenziert gesehen werden muss.
33 Vgl. Hamburger, Franz: Gewaltdiskurs und Schule, in: Schubarth, Wilfried/ Melzer, Wolfgang (Hrsg.): Schule, Gewalt und Rechtsextremismus, Opladen² 1995, S. 152-154.
12
von der Polizei dokumentierte Steigerung der Jugendkriminalität um 39% unterfüttert, woran dann vor allem gewalttätige Medien und Alkohol schuld seien. 34 Von einem weniger emotional gefärbten Standpunkt aus halten solche Ansichten einer wissenschaftlichen Hinterfragung nicht stand, wie sich im Folgenden ebenfalls zeigen wird. 35
Neben einer solcherart negativen Deutung findet man bisweilen auch das genaue Gegenteil, nämlich die Idealisierung der Jugendlichen. Solche Argumentationen basieren oft auf den sehr populären Ergebnissen der Shell-Studien, 36 die regelmäßig einer interessierten Leserschaft sagt, wie Jugendliche sich heute befänden. Die letzte Studie (2002) bezeichnete die aktuellen Jugendlichen als „pragmatische Generation“, die sich aufteile in „selbstbewusste Macher“ und „pragmatische Idealisten“. 37 Solche oft wohlwollenden Deutungen - seit den 90ern jedoch regelmäßig gemildert durch Politikverdrossenheitsszenarien - sind als Korrektiv leider wenig hilfreich, da sie ebenfalls die Wahrnehmung polarisieren; auf die Ursachen dafür soll später noch eingegangen werden. Sehr treffend beschreibt diese Situation ein SPD-Jugendpapier von 2002:
„Die Debatte über die Jugend in Deutschland ist Konjunkturen unterworfen, die zu sehr unterschiedlichen, zum Teil gegensätzlichen, häufig vereinfachenden Mustern und Wertungen über „die Jugend“ führen. Alltagswahrnehmungen oder mediale Darstellungen „der Jugend“ führen dazu, dass nicht selten ein Zerrbild entsteht. [...] Die Pole der Gesellschaft bei Jugendlichen - die Erfolgreichen und die Prekären - stehen im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses.“ 38
Insgesamt genommen fixiert sich die Wahrnehmung der jugendlichen Generation vor Allem auf die Wiederholung des Perpetuums „Die Jugend wird immer lascher oder aggressiver“. Wenn man mit solchen Klischees argumentiert, kann man das Versagen der Erwachsenengeneration und ihrer Politik
34 So der hier beispielhaft analysierte Artikel von Sabinsky 2004. 35 Insbesondere die „Medien-Gewalt“-These muss sehr kritisch hinterfragt werden; in aller Kürze vgl. Kunczik, Michael/ Zipfel, Astrid: Gewalttätig durch Medien?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 44/ 2002, S. 29-37. Eine Anfrage an Herrn Sabinsky zu diesem Kontext vom 02.02.2004, die seine Berichterstattung hinterfragte, blieb leider ohne Antwort. 36 Vgl. zur Fragwürdigkeit der Shell-Studien besonders Hoffmann-Lange 2001, S. 187-210; speziell zu den Shell-Studien und ihrer Geschichte: Zinnecker, Jürgen: Fünf Jahrzehnte öffentliche Jugend-Befragung in Deutschland. Die Shell-Jugendstudien, in: Merkens, Hans/ Zinnecker, Jürgen (Hrsg.): Jahrbuch Jugendforschung 1/ 2001, Opladen 2001, S. 243-271. 37 Vgl. dazu Deutsche Shell Frankfurt am Main 2002.
38 SPD Parteivorstand: Jugendinitiative. Jugendphase im Umbruch, Berlin 06/ 2000.
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verschleiern und Verantwortung auf die nunmehr zunehmend als Täter stigmatisierten Jugendlichen abwälzen. 39 Dies trifft, wie so oft bei Polarisierungen, ebenso zu, wenn man aus ihnen „selbstbewusste Macher“ per Definition macht. Denn beide im SPD-Papier genannten Gruppen, die „Erfolgreichen und die Prekären“, 40 verstellen den gesellschaftlichen und politischen Blick auf die große unauffällige Mehrheit derer, die vielmehr „die Jugend“ ausmachen.
Dennoch sind die darin sich artikulierenden Interessen der hier handelnden Erwachsenengeneration auch an ganz anderer Stelle festzumachen, wie hier jedoch nur angedeutet werden kann: dort, wo es um die gerne propagierte Solidarität der Generationen geht. Denn die derzeit ganz offen betriebene Ungleichbehandlung von Jugendinteressen im Vergleich zu denen der Senioren, sorgt dafür, dass es im Verhältnis von Jung und Alt nicht zum Besten bestellt ist. 41 Das diagnostiziert das Bundesjugendkuratorium im Jahr 2000: Was fehle, sei der Aufbruch der Gesellschaft im Spiegelbild ihrer nachwachsenden Generation und eine Abkehr von deren „irrationalen Umgang“ mit ihr. 42
2.3 Jugend und Politik
Die negativen Konsequenzen eines solchen Konstruktes von „Jugend“ werden dann jedoch überdeutlich, wenn man untersucht, wie dieser Topos denn politisch behandelt wird. Gewöhnlich wird in Wissenschaft und Medienöffentlichkeit gerne gefragt, wie es um das Verhältnis der Adoleszenten zur Politik oder dem politischen System stünde. Die Antworten, die sich daraus ergeben, lassen sich ihrer Charakteristik nach auf die einseitigen Beschreibungen
39 Vgl. auch Drobinski, Matthias: Die pragmatische Generation, in: Süddeutsche Zeitung vom 20.08.2002. Dazu ebenfalls: Rückert, Sabine: Wie man in Deutschland kriminell wird, in: DIE ZEIT vom 22.01.2004. 40 SPD Parteivorstand 06/ 2000.
41 „Die gesellschaftliche Macht, die finanziellen Ressourcen und die öffentliche Aufmerksamkeit sind von der jungen zur älteren Generation gewandert“, so beschreibt Warnfried Dettling 1997 die Ursachen hierfür; siehe dazu: Dettling, Warnfried: Die moralische Generation, in: DIE ZEIT vom 14.02.1997. 42 Vgl. Bundesjugendkuratorium: Gegen den irrationalen Umgang der Gesellschaft mit der nachwachsenden Generation, in: Frankfurter Rundschau vom 28.08.2000.
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der bekannten Formeln der „Politikverdrossenheit“ oder „Parteienverdrossenheit“ bringen.
Dementsprechend wird selten die Frage gestellt, wie denn die Politik zur Jugend steht und aus welchen Blickwinkel heraus jugendpolitische Entscheidungen in Deutschland getroffen werden. 43 In diesem Abschnitt soll zunächst - eine Auseinandersetzung mit der Jugendpolitik als solcher folgt späteruntersucht werden, wie Jugendliche aus der Sicht der Parteien wahrgenommen werden. Zur Veranschaulichung des Topos schrieb der Verfasser am 2. Februar 2004 eine Email an die Bundesgeschäftsstellen (im Falle der CSU Landesgeschäftsstelle) der Parteien mit Mandat, worin nach die Bedeutung der Jugend gefragt wurde. 44
Die Antworten - in der Regel vom jugendpolitischen Referat kommend - der Parteien betonten besonders die Rollen der Nachwachsenden als Arbeitnehmer (meist im Sinne von Gefährdung durch Arbeitslosigkeit), die Notwendigkeit einer „Aktivierung des Jugend-Engagements“ 45 sowie das Erreichen einer „Erziehungspartnerschaft von Eltern, Angeboten der Tagesbetreuung für Kinder, Schule und Einrichtungen der Jugendhilfe“. 46 Die Antworten der Parteien unterstreichen eines ganz klar: Die politischen Akteure bemühen sich ernsthaft um die Jugendlichen, versuchen sie einzuladen, Politik zu machen, wie die „Ich-mache-Politik“-Kampagne des Bundesministeriums für Familie, Se-nioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) im Herbst 2001. 47 Jedoch muss dieses „Liebeswerben“ 48 vor dem Hintergrund von realistischen Befunden 49 einseitig
43 Vgl. Hornstein, Walter: Was macht die Politik mit der Jugend? Über die nicht einlösbaren Versprechungen, mit denen die Politik die Jugend zu gewinnen sucht, in: Zeitschrift für Pädagogik, 6/ 2003, S. 870-884. 44 Dieses Verfahren erschien mir als sehr zweckmäßig; die Ergebnisse sind im Rahmen dieser Arbeit auch durchaus brauchbar. Jedoch antworteten von allen im Bundestag vertretenen Parteien (+CSU) lediglich CDU, FDP, PDS sowie PDS. 45 So im Schreiben der FDP-Bundesgeschäftsstelle vom 3. Februar 2004; vergleichbar äußerte sich die PDS in ihrem Brief vom selben Datum; ebenso die CDU, die statt einer ausformulierten Antwort auf ihre jugendpolitischen Leitsätzen verwies. 46 Bundesfachausschuss Familien- und Jugendpolitik der CDU: Jugendpolitische Leitsätze, in: http://www.cdu.de/jugendforum/leitsaetze.pdf (04.02.2004/ 12.00); in vergleichbarer Weise auch die übrigen Parteien. 47 Vgl. Pressemitteilung des BMFSFJ vom 31.10.2001 und dazu Hornstein 2003, S. 871f. 48 Hornstein 2003, S. 870. 49 Einen solchen Befund bietet - in weit höherem Maße als die gängigen Jugendsurveys - die qualitative Studie von Ingrid Burdewick; vgl. Burdewick, Ingrid: Jugend - Politik - Anerkennung. Eine qualitative empirische Studie zur politischen Partizipation 11- bis 18-Jähriger, Bonn 2003.
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bleiben, da es im Kern die Zielgruppe verfehlt. 50 Eine Politik, die Jugend als Gegenstand der Verwaltung und Subventionierung und den Dialog mit ihr lediglich aus kompensatorischen Motiven betreibt, wie es zur Zeit der Fall ist, definiert und bearbeitet deren Anliegen allenfalls dort, wo sie das System in Frage stellt oder zu stellen droht. 51
Entsprechend harsch reagieren die politischen Akteure: Jene Jugendliche, die sich nicht nahtlos in die Gesellschaft einfügen wollen oder können, sollen durch möglichst rigide Maßnahmen dazu gebracht werden. In wenigen Bereichen liegen die Positionen populistischer Meinungsmacher und offizielle Politik derart nahe beieinander 52 wie wenn es darum geht, Maßregeln für abweichende und delinquente jugendliche Verhaltensformen zu finden. 53 Die Gründe sich politisch für möglichst weit reichende gesetzliche Regelungen in diesem Bereich zu engagieren sind offensichtlich: Es ist die politisch leicht nutzbare Angst der Älteren vor den Nachkömmlingen, die bald versuchen werden, die Maßstäbe der Gesellschaft zu bestimmen. 54 Der Extremfall der Normabweichung, das kriminelle Verhalten Jugendlicher, eignet sich für meist unhinterfragtes populistisches Handeln. Der Volkszorn und die Empörung darüber lässt sich hierzulande schadlos ausnutzen, da die offene Sichtbarkeit als aggressiv empfundener Jugendlicher in engem Zusammenhang mit den Bedrohungsgefühlen der älteren Wähler steht. Das offene Propagieren von harten Strafmaßnahmen von Seiten der Parteien kommt allseits gut an; Rache statt Resozialisierung ist die Forderung dieser
50 Vgl. dazu als aktuelles Beispiel: Scharfenberg, Nadeschda: Minderjährige Expertenkommission, in: Süddeutsche Zeitung vom 25.05.2004. 51 Vgl. Hornstein 2003, S. 873-879. 52 Verwiesen sei hierbei auf die z. T. ähnlich weitgehenden Vorstellungen rechter und Parteien und denen der politischen Mitte; vgl. Bundesprogramm der REPUBLIKANER, Kap. III, Unterpunkt „Innere Sicherheit, Justiz“, Fassung von 2002, mit den Leitlinien zur inneren Sicherheit der CDU, Kap. IV „Bekämpfung der Kinder- und Jugendkriminalität“, Fassung vom 25.06.2001. Beide Papiere fordern im Hinblick darauf den „Einsatz repressiver Maßnahmen“ (CDU) und „null Toleranz“ (DIE REPUBLIKANER) auch bei geringfügigen Verstößen. Zur Relativierung muss hinzugefügt werden, dass die CDU an anderer Stelle sich dazu auch anders äußert: vgl. Jugendpolitische Leitsätze der CDU: Jugendpolitik heißt Zukunftspolitik, Kap. 11 „Jugendgewalt und Jugendkriminalität“, Fassung vom November 2001, worin Prävention und Resozialisierung im Vordergrund stehen. 53 Zur Definition von delinquenten und abweichenden Verhaltensweisen siehe: Lamnek, Siegfried: Theorien abweichenden Verhaltens, München 7 1999, S. 43-54. 54 Drobinski 2003.
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Arbeit zitieren:
Felix Hessmann, 2004, Jugendliches Konfliktverhalten als Aufgabe von Politik und Gesellschaft: Theoretische Grundlagen und praktische Erkenntnisse eines Forschungsprojektes, München, GRIN Verlag GmbH
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